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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.08.2020

sehr lesenswert

Zugvögel
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Ich finde Schwalben gehören zu den faszinierendsten Tieren, die es in unseren Breitengraden gibt. Die Vorstellung, dass diese Tiere 80 % oder noch mehr ihres Lebens in der Luft verbringen – sie schlafen ...

Ich finde Schwalben gehören zu den faszinierendsten Tieren, die es in unseren Breitengraden gibt. Die Vorstellung, dass diese Tiere 80 % oder noch mehr ihres Lebens in der Luft verbringen – sie schlafen sogar im Flug – beschäftigt mich in meiner Vorstellung immer wieder. Und die Küstenseeschwalbe – ein wunderschöner Vogel – ist in dieser Geschichte ganz akut vom Aussterben bedroht, verschwindet still und leise von dieser Welt. In „Zugvögel“ spielen diese Tiere sowohl metaphorisch als auch ganz real eine große Rolle. Wir befinden uns in einer Zukunft, in der die Vögel ihre wohl letzte Reise in die Antarktis antreten und Franny versucht sie dabei zu begleiten.

Erst nach und nach erfahren wir, was Franny widerfahren ist, warum sie so ein unsteter und sperriger Geist geworden ist. Die Beschreibungen von Natur und Umwelt, von Emotionen und Gedanken, sind sehr eindringlich und plastisch. Man legt das Buch gerne mal zur Seite, um manche Aussagen und Szenen nachwirken zu lassen. Es ist ein Buch über Natur- und Tierschutz aber auch darüber, wie ein innerlich verletzter Mensch versucht, zu sich selber zu finden und durch eine Reise zu innerer Ruhe und bei sich selber anzukommen.

Man muss sich etwas auf die Geschichte einlassen. Für den etwas zähen Einstieg ziehe ich einen halben Punkt ab. Erst nach einer Weile hatte die Geschichte mich gefangen. Das Cover ist einfach nur wundervoll.

Ein sehr lesenswerter Roman

Veröffentlicht am 06.08.2020

solide

Die verstummte Frau
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Karin Slaughter gehört zu den Grand Dames im Thriller-Genre. Will Trent und Sara Linton sind dem geneigten Leser bereits aus mehreren vorhergehenden Büchern ein Begriff und man wartet seit einer ganzen ...

Karin Slaughter gehört zu den Grand Dames im Thriller-Genre. Will Trent und Sara Linton sind dem geneigten Leser bereits aus mehreren vorhergehenden Büchern ein Begriff und man wartet seit einer ganzen Weile darauf, dass die beiden wirklich ein Paar werden. Nebenbei haben sie so einige harte Fälle gelöst. Aber es gibt auch Fälle, die noch auf eine Lösung warten und in „Die verstummte Frau“ wird in Rückblenden davon berichtet während in der Gegenwart die Ermittler nach der Wahrheit suchen.

Slaughter schreibt routiniert, Will und Sara sind ein gut eingespieltes Team. Über die Jahre haben sich bei allen Beteiligten teils dramatische Verletzungen psychischer und physischer Art ereignet und die Folgen schwelen immer noch im Hintergrund. Ähnlich wie auch bei Cody McFadyen ist das Ermittlerteam schwer gebeutelt – das ist mir fast ein bisschen zu viel geworden in den letzten Jahren. Und auch diesmal versuchen alle, die Vergangenheit aufzuarbeiten und sich nicht unterkriegen zu lassen und ach ja, noch den ein oder anderen Cold Case zu knacken.

Gut zu lesen. Manchmal etwas langsam erzählt, dafür an anderer Stelle blutig und harter Tobak. Die Mischung machts. Solide 4 Sterne.

Veröffentlicht am 26.07.2020

Backbuch oder Lesebuch

Kinder backen mit Christina
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Ich habe das Buch geschenkt bekommen und bin nicht ganz zufrieden damit. Im Laden hätte ich es erst durchgeblättert und schnell gesehen, dass es kein Backbuch ist, wie ich es mir vorstelle.

Es sind mir ...

Ich habe das Buch geschenkt bekommen und bin nicht ganz zufrieden damit. Im Laden hätte ich es erst durchgeblättert und schnell gesehen, dass es kein Backbuch ist, wie ich es mir vorstelle.

Es sind mir zuwenige Rezepte im Buch und zu viele Bilder die nichts mit den Rezepten zu tun haben.

Es ist fast ein Lesebuch geworden, da so viel erklärt und Grundsätzliches zu Lebensmitteln gesagt wird. Es wäre damit fast ein Kinderbuch geworden, aber auch nur fast, denn der Ton ist für Erwachsene gedacht. Ich habe also gegrübelt, für wen das Buch etwas wäre. Und bin auch Kindergärten und Schulen gestoßen. Ich könnte es mir hier gut als Lehr- und Anschauungsstoff vorstellen. Für Lehrer und Erzieher, die Kindern und Jugendlichen das Backen nahebringen wollen.

Vielleicht für eine Oma mit kleinen Enkeln, die noch nichts vom Backen wissen. Aber nichts für Erwachsene mit großen Kindern.

Veröffentlicht am 26.07.2020

Kostbare Tage

Kostbare Tage
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Wie immer hat Kent Haruf es geschafft, mich emotional abzuholen mit diesem Buch. Ich würde mal behaupten, dass es nicht unbedingt für junge Menschen gedacht ist, denn die melancholische Geschichte eines ...

Wie immer hat Kent Haruf es geschafft, mich emotional abzuholen mit diesem Buch. Ich würde mal behaupten, dass es nicht unbedingt für junge Menschen gedacht ist, denn die melancholische Geschichte eines alten Mannes, der seine letzten Kostbaren Tage damit verbringt, sein Leben zu ordnen und sich leise zu verabschieden, hat einen langsamen und sehr bedächtigen Rhythmus. Haruf ist ein Meister der wenigen Worte. Einer der sein Land und seine Menschen kennt und ihre spröde Naturverbundenheit und ihre raubeinige Gelassenheit auch vor dem nahen Tod liebt und versteht.

Holt ist eine fiktive Kleinstadt irgendwo in Colorado. Hier kennt jeder jeden und Neuankömmlinge haben es nicht immer einfach, sich einzufinden. Es ist eine Gegend, aus der die Jungen flüchten und die wenig Abwechslung zu bieten hat, außer der Natur. Aber wenn ich dort nicht hinziehen würde, so habe ich doch die Einwohner schätzen gelernt und ich mochte es sehr, wie Haruf dem Leser seine Darsteller und die Stadt näherbringt. Voller Liebe und Wärme und Klugheit.

Veröffentlicht am 26.07.2020

Psychodrama

After the Fire - Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2021
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"After the fire" hat mich sehr überrascht. Ich hatte mit einem Jugendroman gerechnet und einem Mädchen, welches ein dunkles Geheimnis verbirgt aber das wäre wirklich sehr oberflächlich, das Buch darauf ...

"After the fire" hat mich sehr überrascht. Ich hatte mit einem Jugendroman gerechnet und einem Mädchen, welches ein dunkles Geheimnis verbirgt aber das wäre wirklich sehr oberflächlich, das Buch darauf zu reduzieren, denn es hat einen vielschichtigen und sehr ernsten Kern und die Psychologie und Struktur, die in einer Glaubenssekte steckt, wird sehr intensiv geschildert.

Im Grunde geht es um den Zerfall einer Sekte irgendwo in Amerika. Man fühlt sich beim Lesen an Berichte von "Colonia Dignidad" und vor allem an das blutige Ende der Sekte 1993 in Waco erinnert. Ich denke auf letztere Geschehnisse geht dieses Buch auch im weitesten Sinne ein.

Moonbeam war seit ihrer Kindheit ein Mitglied der Sekte "Heilige Legion Gottes". Deren Camp ist zu Schutt und Asche verbrannt und bis auf wenige Kinder und Jugendliche wie Moonbeam hat niemand den Brand überlebt. Die Behörden wollen den Überlebenden nicht nur psychologisch helfen sondern sie wollen auch genau wissen, was im Lager all die Jahre geschehen und wie es zu dem Feuer gekommen ist. Also werden alle Kinder mit einem Psychater und FBI-Agenten täglich verhört und Stück für Stück setzt sich so ein Puzzle zusammen.

Moonbeam und ihre Sichtweise stehen im Zentrum. Sie erzählt in einem "Davor" und "Dachach" wie es war, dort zu leben, vom Sektenführer maipuliert, von dessen Helfern gemaßregelt, von den anderen Sektenmitgliedern misstrauisch beäugt zu werden. Nach und nach entwickelt sich darauf ein erschreckendes Bild, wie die jungen Menschen und ihr gesunder Geist geformt und oft auch gebrochen werden, bis sie willfährige Mitglieder einer verrückt-religiösen Sekte sind. Und obwohl sie jetzt ja in Sicherheit sind, sind sie weiterhin schwer traumatisiert und können nur schwer aus den Gedankenmustern der Sekte herausfinden. Einige schaffen es gar nicht.

Ein schwieriges Thema welches hier sehr autentisch und eindringlich erzählt wird. Die Frage, ob Moonbeam mit Schuld am Feuer war und damit mit Schuld am Tod vieler Menschen, steht immer als großes Fragezeichen im Hintergrund. Gleichzeitig bewundert man ihre Stärke und spürt, dass ohne sie alles noch viel schlimmer gekommen wäre. Wie die Frage am Ende beantwortet wird, muss jeder selber entdecken.

Ich kann "After the fire" sehr empfehlen. Ein ausgefeiltes Psychogramm.