Profilbild von yesterday

yesterday

Lesejury Star
offline

yesterday ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit yesterday über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.07.2020

Fesselnd und unterhaltsam

Abgrund
0

Islands witzigstes “Kein-Pärchen”-Pärchen arbeitet wieder an einem gemeinsamen Fall. Kommissar Huldar ist das nur recht, kann er doch so ganz unauffällig Zeit mit Kinderpsychologin Freya verbringen. Nach ...

Islands witzigstes “Kein-Pärchen”-Pärchen arbeitet wieder an einem gemeinsamen Fall. Kommissar Huldar ist das nur recht, kann er doch so ganz unauffällig Zeit mit Kinderpsychologin Freya verbringen. Nach einer etwas länger zurückliegenden gemeinsamen Nacht hofft er immer noch auf mehr während sie zu viele Dinge an ihm stören.

Diesmal werden sie zusammengeführt als ei kleiner Junge ohne seine Eltern in einer fremden Wohnung gefunden wird. Brisant dabei: die Wohnung gehörte einem Mann, den Huldar erst kurz vorher beruflich zum ersten Mal getroffen hat.

Der Junge könnte dazu beitragen, seine Eltern zu finden oder genauer zu schildern wie er in die Wohnung kam, aber vieles bleibt vage und verzögert die Ermittlungen. Welches schmutzige Geheimnis verbirgt sich hinter der makellosen Fassade eines Mordopfers?

Welche Abgründe lauern hinter verschlossenen Türen ganz normal wirkender Familienhäuser? Was verheimlichen die Freunde des Toten und warum wirft jedes Verhör mehr Fragen auf als es beantwortet?

Neben den klassischen Ermittlungen und der Geschichte zwischen Freya und Huldar kommen weitere bekannte und auch neue Charaktere zu Ehren. “Abgrund” ist nach “DNA”, “Sog” und “R.I.P.” der vierte Band mit den beiden und Huldars Verhältnis zu seiner Chefin ist nach wie vor nicht das Entspannteste. Zudem sie neuerdings besonders reizbar ist, denn die Abteilung bekam eine Studentin zugewiesen, die in vielerlei Hinsicht Erlas Gegenstück darstellt. Der Thriller fesselt und unterhält gleichermaßen.

Veröffentlicht am 18.07.2020

Zwischen grandios und kurios

Broken - Sechs Geschichten
0

Don Winslow, Meister des amerikanischen Thrill, hat sich hier an ein etwas anderes Buch gewagt. 6 Kurzgeschichten, allesamt spannend und speziell, finden sich hier. Interessant ist, dass einige davon in ...

Don Winslow, Meister des amerikanischen Thrill, hat sich hier an ein etwas anderes Buch gewagt. 6 Kurzgeschichten, allesamt spannend und speziell, finden sich hier. Interessant ist, dass einige davon in der selben Stadt spielen und es dadurch auch einen Polizisten gibt, der mehrfach auftritt, wenn auch nicht immer in der Hauptrolle.

Die Geschichten drehen sich allesamt um ein paar sehr witzige und auch verrückte Ideen, die wohl für einen 500-Seiten-Thriller nicht ausreichen würden, aber so als Häppchen für rund 80-100 Seiten genau richtig sind. Von Drogenhandel über Straßenkriminalität bis zu Schmuckraub und einem Affen mit Revolver ist alles dabei.

Auch das Lebensgefühl der West Coast kommt nicht zu kurz. Sonne, Strand, Surfer und Reichtum wechseln sich mit den dunklen Ecken, hochrangigen Kriminellen und zwielichtigen Gestalten ab.

Trotz seiner mehr als 512 Seiten kommt man durch dieses stolze Hardcover recht flott durch - denn die 6 Geschichten selbst hab keine klaren Kapitel oder Abschnitte, lediglich größere Absätze oder Sternchen. Wer nicht unterbrechen muss, kann somit die in sich geschlossenen Handlungen jeweils am Stück genießen.

Veröffentlicht am 18.07.2020

Langer Anlauf, packendes Finale

Der siebte Schrei
0

Ein Serientäter geht um. Im Nordwesten der USA, rund um Idaho und Oregon, werden in regelmäßigen Abständen Kinder entführt und man findet später nur mehr ihre gefolterten toten Körper.

Agent Deacon Hamilton ...

Ein Serientäter geht um. Im Nordwesten der USA, rund um Idaho und Oregon, werden in regelmäßigen Abständen Kinder entführt und man findet später nur mehr ihre gefolterten toten Körper.

Agent Deacon Hamilton wird vom FBI, als diese Akte um einen weiteren Fall reicher ist, darauf angesetzt, das einzige Opfer das bisher entkommen konnte, zu befragen. Doch dabei gibt es einige Probleme, die Deacon erst noch entdecken wird.

Eines davon ist mit Sicherheit er selbst - Deacons bewegte jüngere Vergangenheit (es sei nicht zu viel verraten, aber nach einem Zwischenfall im Dienst wäre er fast seinen Job los gewesen) lässt ihn häufig zwischen Genie und Wahnsinn pendeln. Er ist aktuell nervlich angeschlagen, körperlich nicht bei 100 Prozent und wird von Albträumen und Selbstzweifel geplagt.

Nicht nur ein verkappter Ermittler sondern ein richtige tragischer Held also. Seine Agentenausbildung und seine Instinkte helfen ihm in kritischen Situationen und seine Menschenkenntnis kehrt langsam zurück.

Auch viele der Nebenfiguren sind interessant und glaubwürdig gezeichnet. Man spürt auch, dass besonders da viel Recherchezeit hingeflossen ist, wenn Autorin Linda Budinger von Aphasie, Synästhesie oder den Nez Percé schreibt.

Nach einem interessanten Start mit Rückblick und dem Kennenlernen der Hauptfigur muss man allerdings etwas warten bis es dann wieder so richtig losgeht. Dann bekommt die Handlung letztlich einen intensiven Thriller-Touch und auch ihr großes Finale.

Veröffentlicht am 14.07.2020

Glaubenthals Miss Marple schlägt wieder zu

Helga räumt auf
0

Mit feinem Humor und zuweilen dem Pointen-Hammer zieht Thomas Raab über sein Heimatland und Eigenheiten dessen Bewohner her. Er nimmt die dörfliche Idylle aufs Korn und überzeichnet Traditionen ebenso ...

Mit feinem Humor und zuweilen dem Pointen-Hammer zieht Thomas Raab über sein Heimatland und Eigenheiten dessen Bewohner her. Er nimmt die dörfliche Idylle aufs Korn und überzeichnet Traditionen ebenso wie familiäre Eigenheiten und lässt auch die Schattenseiten wie schwierige Ehen und Kindheitserlebnisse nicht außer Acht.

Die Protagonisten im fiktiven Glaubenthal haben alle ihre “typisch österreichischen” Eigenheiten und gewissen Verhaltensweisen (abseits der Morde natürlich) kennt wohl jeder “Einheimische” von sich oder anderen.

Und obwohl es eine Polizeistation gibt, ermittelt das Meiste der Geschehnisse doch Hannelore Huber, glückliche Witwe und leidenschaftliche Gärtnerin, da sie teils durch Zufall und teils durch Kombinationsgabe öfter am richtige Ort auftaucht als ihr lieb ist.

Als ein tragischer Unfall einem älteren Bauern das Leben kostet, bleibt in Glaubenthal kein Stein auf dem anderen und es werden ihm weitere Bewohner über den Jordan folgen. Seltsamerweise scheinen diese Fälle nur zwei Familien zu betreffen, die sich großteils noch nie leiden konnten.

Es entwickelt sich eine skurrile Krimi-Geschichte um alte Geheimnisse, missglückte Ehen und folgenschwere Affären, fast wie im “richtigen Leben” also.

Achtung: Aufgrund der vielen Namen die auch noch in diversen Verbindungen zueinander stehen, kann es leicht zu Verwirrung kommen. Da es keine Übersicht zu Beginn gibt (erst später im Buch gibt es einen kleinen Stammbaum), sind Papier und Stift ergänzend zur Lektüre vielleicht hilfreich.

Sehr amüsant auch die großen Abschnitts-Überschriften die allesamt Buchtitel sind, die im Grunde nichts mit der Handlung zu tun haben, aber dennoch immer in die Handlung eingebunden sind.

“Helga räumt auf” ist Band 2 der Reihe mit Hannelore Huber, nach “Walter muss weg”.

Veröffentlicht am 12.07.2020

Düster und technikgesteuert

Paradise City
0

Zoë Beck bleibt bei “Paradise City” dem treu, was sie mit “Die Lieferantin” begonnen hat: Moderne Thriller, die in den Megacities der Zukunft spielen (dort London, hier Frankfurt/Main) und sich bisher ...

Zoë Beck bleibt bei “Paradise City” dem treu, was sie mit “Die Lieferantin” begonnen hat: Moderne Thriller, die in den Megacities der Zukunft spielen (dort London, hier Frankfurt/Main) und sich bisher noch nicht erfundener (oder genutzter) Technik bedienen.

Sie skizziert ein Deutschland, das an die aktuelle politische wie gesellschaftliche Situation Chinas angelehnt scheint. Kameras im öffentlichen Raum, eine Gesundheits-App, ein Staat der über Wohnungsvergaben entscheidet, ein zweifelhaftes Belohnungssystem für “erwünschtes Verhalten” und ein gewisses “Aussortieren” von anders lebenden, anders denkenden sowie weniger fitten und gesunden Individuen.

Hinzu kommt eine staatlich gesteuerte Medienlandschaft, “Fakten” die nicht mehr das sind was wir und aktuell noch darunter vorstellen und eine gedankliche wie genetische “Gleichmachung” der Einwohner.

Gruselig, aber technisch gar nicht so weit von unseren heutigen Machbarkeiten und Forschungen entfernt, wie man teilweise erahnen kann.

Protagonistin Liina steht dem System skeptisch gegenüber, besonders den gesteuerten Medien und der staatlichen Überwachung. Sie arbeitet als eine der wenigen verblieben investigativen Journalisten. Als von ihnen angegriffen werden, gehen ein paar der Kollegen der Sache auf den Grund und fördern Geheimnisse zutage…

Der Thriller ist durchwegs spannend und hat gelungene verstörende Elemente, zeigt keine sehr rosige Zukunft. Durch gelegentliche Rückblicke in Liinas Vergangenheit wird der Lesefluss aber etwa unterbrochen. Wie bei “Die Lieferantin” bleiben auch hier am Ende ein paar Details offen. Wer ist stärker? Können die Journalisten mit ihren Entdeckungen etwas bewirken? Oder haben sie zu viel Angst vor den Mächtigen und müssen sich selbst retten?