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Veröffentlicht am 08.07.2020

Mit den Ohren durch die Straßen Wiens

Die rote Frau
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“Die rote Frau” von Alex Beer ist Band 2 der Reihe um Rayonsinspektor August Emmerich. Im Jahr 1920 ist in Wien nach dem Krieg wieder Ruhe eingekehrt. Ruhe? Nicht ganz. Während es sich alle Reichen wieder ...

“Die rote Frau” von Alex Beer ist Band 2 der Reihe um Rayonsinspektor August Emmerich. Im Jahr 1920 ist in Wien nach dem Krieg wieder Ruhe eingekehrt. Ruhe? Nicht ganz. Während es sich alle Reichen wieder langsam gemütlich machen und Pläne für die Stadt und ihre eigenen Habseligkeiten schmieden, hungern und siechen Tausende dahin.

Die Spuren des Krieges sind unter ihnen besonders sichtbar und auch Emmerich laboriert immer noch an seiner Kriegsverletzung. Doch so sehr ihn sein Bein quält, weiß er es mittlerweile auch einzusetzen und seine Vorteile daraus zu ziehen.

Dank Emmerichs ungewöhnlicher und kompromissloser Art ist es eine Freude, ihn in einem Team mit seinem Assistenten Ferdinand Winter zu wissen, der oftmals eine etwas anderes Sicht der Dinge hat, ihn aber nicht überstimmen kann. Diese durchaus komischen Momente tun dem Krimi gut, der ansonsten viel Ernsthaftigkeit mitbringt. Ernste Probleme, Mord, Machenschaften und Armut prägen das Stadtbild und die Atmosphäre des feinfühlig recherchierten Krimis.

August Emmerich, selbst nicht aus angesehenen Verhältnissen stammend, hat sein Herz am rechten Fleck und riskiert für die, denen es noch schlechter geht als ihm (er hat zumindest Arbeit), schon mal Kopf und Kragen. Seine Sturheit ist amüsant und beeindruckend, reitet ihn aber zwischendurch auch in scheinbar ausweglose Situationen und von Zeit und Zeit kann auch er irren.

Aber Emmerich wäre nicht Emmerich wenn sich seine Sturheit nicht irgendwann auszahlen würde. Er wartet mit genialen Einfällen auf, ohne am Ende als “Supermann” dazustehen. Die Geschichte bleibt in sich glaubwürdig, ebenso wie alle ihre Charaktere. Ebenfalls stimmig ist Sprecher Cornelius Obonya. Wie schon in “Der zweite Reiter” spricht er die Protagonisten und die Nebenrollen jede mit ihrer eigenen wiedererkennbaren Stimme. Alleine schon deshalb ist der Krimi ein echtes Hörerlebnis, dazu unterstreicht seine Stimmlage auf fesselnde Weise den Schreibstil der Autorin.

Veröffentlicht am 01.07.2020

Mörderische friesische Gemütlichkeit

Halligmord (Ein Minke-van-Hoorn-Krimi 1)
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Kalt, stürmisch und unberechenbar kann die Nordsee sein und wo wüsste man das besser als in dem fiktiven Städtchen Jüstering an der friesischen Küste. In einer solchen unbequemen Nacht vor gut 30 Jahren ...

Kalt, stürmisch und unberechenbar kann die Nordsee sein und wo wüsste man das besser als in dem fiktiven Städtchen Jüstering an der friesischen Küste. In einer solchen unbequemen Nacht vor gut 30 Jahren verschwand ein Halligbewohner.

Kommissarin Minke van Hoorn, gebürtige Jüsteringerin und mit einer interessanten Biografie ausgestattet, bekommt es an ihrem ersten Arbeitstag mit einem cold case zu tun. Eine der Halligwiesen gibt nach einem Unwetter ein Skelett frei und allem Anschein nach hat es sich dort nicht selbst eingegraben.

Minke geht also Klinkenputzen und setzt langsam Puzzleteil um Puzzleteil alles zusammen. Dabei hat sie Glück: das Opfer ist schnell identifiziert, sie muss “nur” zusammentragen was passierte und warum. Dabei sind es die kleinen Details die sie auf die richtige Spur bringen.

Die Atmosphäre und Lebensweise an der Küste und auf den Halligen (im Buch fiktiv, aber es gibt nach wie vor solche bewohnten Inseln) wird gut eingefangen. Von vielen Charakteren erfährt man noch etwas wenig, um sie als gelungen einschätzen zu können, aber es ist ja auch Minkes erster Fall, somit könnte in möglichen weiteren Bänden hier mehr Nähe geschaffen werden.

Veröffentlicht am 01.07.2020

Schöne Kulisse, interessante Charaktere

Das kleine Hotel auf Island
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Da passenderweise auch der vorangegangene Krimi den ich las auf Island spielte, fand ich dieses hier dazu passend. Auch wenn die Themen nicht unterschiedlicher sein könnten. Aber so 1, 2 Mal im Jahr darf ...

Da passenderweise auch der vorangegangene Krimi den ich las auf Island spielte, fand ich dieses hier dazu passend. Auch wenn die Themen nicht unterschiedlicher sein könnten. Aber so 1, 2 Mal im Jahr darf es auch etwas seichter und romantischer sein.

Protagonistin Lucy Smart ist auf der Suche nach einem Job - sie arbeitete in der Hotelbranche. Ein zu Beginn noch ominöses Geheimnis scheint es ihr nicht leicht zu machen und so zieht sie von einer Insel (Großbritannien) auf eine andere (Island).

Dort macht sie sich mit Elan und Hartnäckigkeit daran, ein kleines unbedeutendes Hotel auf Vordermann zu bringen. Nicht ahnend, dass sie dabei kritisch unter Beobachtung steht. Und damit nicht alles zu vorhersehbar läuft, gibts noch ein paar unvorhergesehene Ereignisse.

Ein Pluspunkt ist das Flair, das Autorin Julie Caplin gut eingefangen hat, die isländische Landschaft, die Lebenseinstellung und auch die Sprache kommt in ganz kleinen Dosen vor. Wetter, Sehenswürdigkeiten, die Entfernungen zwischen den Orten, all das wird gut vermittelt. Sehr sympathisch sind auch die meisten Charaktere und die unsympathischen sind überzeugend gestaltet.

“Das kleine Hotel auf Island” ist Band 4 der “Romantic Escapes”-Reihe.

Veröffentlicht am 25.06.2020

Eine ungewöhnliche Idee mit speziellem Ausgang

DUNKEL
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Eine erfrischende Idee liegt diesem Island-Thriller (wobei es für mich über weite Strecken ein Krimi ist) zugrunde: Er ist der Beginn einer Trilogie, die rückwärts erzählt wird. Von Band zu Band geht es ...

Eine erfrischende Idee liegt diesem Island-Thriller (wobei es für mich über weite Strecken ein Krimi ist) zugrunde: Er ist der Beginn einer Trilogie, die rückwärts erzählt wird. Von Band zu Band geht es also weiter in die Vergangenheit unserer Ermittlerin Hulda.

In “Dunkel” steht sie kurz vor ihrer Pensionierung und kämpft darum, diese möglichst lange hinauszuzögern. Der Vorgesetzte hätte sie gerne sofort los und mit den Kollegen war sie als einzige Frau nie besonders eng verbunden. Also schnappt sie sich für ihren letzten Fall einen cold case und entdeckt so allerlei Ungereimtheiten.

Der Leser kann ihr bei den Ermittlungen über die Schulter blicken, aber erfährt auch vieles über ihr Innerstes und ihre Vergangenheit. Mal ist Hulda sehr hart (auch zu sich selbst) und dann zeigt sie plötzlich eine sehr menschliche, weiche Seite.

Sie bringt sich auch selbst in Probleme und in Gefahr - was der Leser erkennt, sie selbst aber nicht. Hulda polarisiert als Charakter sicher. Die einen werden sie als nervige, langweilige “alte Schachtel” mit Komplexen sehen, die anderen werden auf eine positive Art mit ihr mitleiden. Und dafür muss man nicht über 60 sein.

So speziell die Grundidee der Trilogie ist, sie eröffnet Auto Ragnar Jónasson natürlich weit mehr Möglichkeiten als das in einem “üblichen” Thriller/Krimi der Fall wäre oder gar in einem Teil 1 von 3, wenn sie aufeinander chronologisch aufbauen. Und daher gibt es noch eine Überraschung ganz zum Schluss…

Veröffentlicht am 20.06.2020

Oldie but Goldie

Belladonna
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Neu erschienen bei Lübbe Audio ist im April 2020 dieser “Oldie”. Band 1 der Grant-County-Reihe von Karin Slaughter, erstmals als Buch erschienen 2003. Egal ob man die Erlebnisse von Protagonistin Sara ...

Neu erschienen bei Lübbe Audio ist im April 2020 dieser “Oldie”. Band 1 der Grant-County-Reihe von Karin Slaughter, erstmals als Buch erschienen 2003. Egal ob man die Erlebnisse von Protagonistin Sara Linton bereits kennt oder nicht, lassen sie sich mit der Stimme von Nina Petri (die auch andere Reihen von Slaughter liest) wunderbar (neu) entdecken.

Zu Beginn war ich fast überrascht, eine Frau zu hören und ich musste mich auch generell erst in die Geschichte hineinfinden. Irgendwie schien es Frau Petri ähnlich zu gehen, ich hatte das Gefühl, dass sie immer sicherer wurde und das half wiederum mir, noch stärker im Hörbuch zu versinken.

Diese Ausgabe ist ungekürzt, zuerst dachte ich mir nicht viel dabei, freute mich. Ich finde das ist ein gutes Zeichen, war aber dann doch auch überrascht über die mehr als 12 Stunden Hörvergnügen. Ich hatte mir die Zeit bewusst nicht vorher herausgesucht, man weiß auch anhand der Track-Nummern in etwa wo man sich befindet, wie viel noch kommen wird.

Die Handlung selbst ist ein echter Thriller - grausam, stellenweise blutig und eklig (auch moralisch), gespickt mit persönlichen Geschichten der Beteiligten. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, das kommt gerade bei einem “Band 1” immer besonders heraus.

Ein grausiger Mord geschieht, Religion scheint eine Rolle zu spielen und Kinderärztin und Rechtsmedizinerin Sara stolpert mitten in die Sache hinein - sie findet das Opfer. Der zuständige Polizeichef ist ihr Ex-Mann und auch die Situation, dass in der beschaulichen amerikanischen (fiktiven) Kleinstadt jeder jeden kennt, macht macht die Aufklärung der Tat nicht einfacher.

Die Stärke des Buchs ist auch ein wenig eine Schwäche. Es werden, um nicht nur mühsame, langsame Ermittlungen zu beschreiben, die Hauptpersonen durchleuchtet und einige Nebenhandlungen begonnen. Am Ende überschlagen sich dann die Ereignisse und so bleibt manches andere dann einfach offen. Kleinigkeiten und für die Lösung nicht direkt relevant, aber dennoch. Man darf zumindest davon ausgehen, dass manches im nächsten Band weitererzählt wird.

Zu den sehr explizit beschrieben Szenen: Zu viel Vorstellungskraft sollte man da nicht anwenden, wer so etwas nicht oft liest, sollte dieses Hörbuch besser nicht hören oder diese Teile überspringen. In Amerika löste das Buch damals eine Diskussion über Gewalt in der Literatur aus.

Ich habe das Gefühl, dass es in den seither vergangenen 17 Jahren viel “normaler” wurde, dass manche Bücher, manche Autoren vor allem, eben dafür bekannt wurden und ihre Fans sogar schon diese Geschichten und Szenen erwarten. Wenn die Leser nicht völlig unvorbereitet damit konfrontiert werden, sehe ich keinen Grund, warum es diese Sparte nicht geben sollte. Und in den meisten Fällen ist das “echte Leben” leider auch mindestens so grausam wie alles was in der Literatur so vorkommt.