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Veröffentlicht am 15.09.2016

Abgründe einer kindlichen Psyche

Die Zelle
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Jonas Winner lehrt hier einen ungewöhnlichen Hauptdarsteller das Fürchten: Sammy ist elf Jahre alt und was er in seinen Sommerferien im neuen Haus der Familie, die gerade nach der Berlin umzieht, erlebt, ...

Jonas Winner lehrt hier einen ungewöhnlichen Hauptdarsteller das Fürchten: Sammy ist elf Jahre alt und was er in seinen Sommerferien im neuen Haus der Familie, die gerade nach der Berlin umzieht, erlebt, wünscht man nicht einmal einem Erwachsenen.
Sammy (Sam) erzählt die Geschichte selbst, als eine Art Rückblick. Man lernt ihn als über-30-Jährigen kennen, der schon beängstigende Andeutungen macht über die Ereignisse in seiner Kindheit. Er schreibt sie nieder, um sie besser verarbeiten zu können.
In das neue Haus ziehen Sammys Eltern, sein älterer Bruder Linus und das Kindermädchen Hannah. Schon bald stellt sich heraus, dass etwas an der familiären Idylle nicht stimmen kann. Unter dem Garten gibt es ein Bunkersystem, das auch teilweise die Gärten der angrenzenden Grundstücke unterzieht. In Berlin nichts Ungewöhnliches. Allerdings sind in den anderen solchen Anlagen keine Mädchen eingesperrt…
Mit dieser Entdeckung wird Sammys Leben auf den Kopf gestellt und er beginnt, alles zu hinterfragen, was er bisher über seine Familie zu wissen glaubt. Seine Mutter arbeitet ganztags, als Komponist arbeitet sein Vater von zuhause aus. Er wäre kräftig genug.
Gekonnt treibt der Autor den armen Jungen immer tiefer in Zweifel und Albträume. Er will sichergehen, niemanden umsonst anzuklagen, doch bald quält ihn sein schlechtes Gewissen zu sehr. Seiner Anklage folgen Besuche der Polizei, des Jugendamtes. Nichts wird gefunden und der Junge für psychisch labil erklärt. Sammy ist sich nicht mehr sicher. All die Dinge, die geschehen, die er sieht – passieren sie wirklich? Warum kann er mit niemandem reden. Immer weiter zieht er sich zurück und natürlich bleibt es nicht bei einem Verbrechen…
Am Ende kehrt die Erzählung wieder zum erwachsenen Sammy zurück, womit sich vieles klärt, aber auch neue Fragen auftauchen. Jonas Winner spinnt eine tief verstrickte Geschichte um einen verzweifelten Jungen, der innerlich zu zerspringen droht. Er schafft eine spezielle, eigene Spannung, die auch das Gehirn des Lesers rastlos zurücklässt. Man meint, Sammys Unruhe beinahe selbst spüren zu können.
Kritisieren kann man hier am ehesten das, was diesen Thriller gleichzeitig von anderen abhebt: Aufgrund der Verschmelzung von Fiktion und Wirklichkeit, von Realität und Einbildung, bleiben am Ende Teile der Handlung offen und der Leser kann für sich selbst entscheiden, ob dies oder jenes passiert ist und wer es denn getan hat. Wem das nichts ausmacht und wer gerne seine Fantasie spielen lässt, dem kann man diesen Thriller getrost ans Herz legen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Widerstand ist zwecklos

Immerstill
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Ein beschauliches kleines (fiktives) Dorf im Osten Österreichs und seine Bewohner stehen im Mittelpunkt dieses packenden Thrillers. Beschaulich? Nein. Natürlich nicht.
Der Autor stürzt die Protagonistin ...

Ein beschauliches kleines (fiktives) Dorf im Osten Österreichs und seine Bewohner stehen im Mittelpunkt dieses packenden Thrillers. Beschaulich? Nein. Natürlich nicht.
Der Autor stürzt die Protagonistin Lisa, die auf einen Anruf ihres Vaters hin ihr Heimatdorf wieder betritt, in ein Gefühlschaos, das man nicht einmal seinem ärgsten Feind wünscht. Auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester Maria stößt sie Lisa nicht nur auf ein heruntergekommenes Dorf ohne Leben und viele eigenartige Bewohner sowie ihre alte Liebe Patrick, sondern vor allem auf eine Mauer des Schweigens, die sie zuerst gar nicht wahrnimmt und schlussendlich dann einreißt, als sie gar nicht mehr wissen will, was sich dahinter verbirgt.
Tief unter die Haut gehen die Beschreibungen der Umgebung, der Wohnhäuser und öffentlichen Einrichtungen in Grundendorf und man ahnt, dass dies nicht die schlimmsten Eindrücke des seelenlosen Dorfes sind, die noch so auf einen zukommen. Die wahren Abgründe sind die unsichtbaren, die beinahe jeder Grundendorfer in sich zu tragen scheint und in denen sich letztendlich auch Lisa wiederfindet, obwohl sie so lange dagegen zu kämpfen scheint. Wie Don Quijote sträubt sie sich gegen all die Eindrücke und Vermutungen, die sie sammelt und weiß sich teilweise nur mehr mit Wutausbrüchen zu helfen. Ja, sie ist emotional sehr gefordert, doch ab und an war es an diesen Stellen auch für den Leser ein wenig zu viel.
Gefallen hat mir, dass auch durch typisch österreichische Ausdrücke zusätzlicher Lokalkolorit in die Geschichte einfloss, ein wenig konsequenter hätte man damit noch sein können, schließlich haben deutsche Pendants auch so ihre Eigenheiten.
Das Cover unterstreicht die düstere Atmosphäre des Thrillers und dass der Titel mehrdeutig ist und warum er überhaupt gewählt wurde, weiß man erst nach der Lektüre. Sehr gelungen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Eine Kommissarin, die sich nicht beirren lässt

Verletzung
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Dieser Münchner Krimi liest sich leicht und flüssig, was stark im Kontrast zu seinen Inhalten steht. Die Hauptthemen sind häusliche Gewalt und eine schwere, als Kind erlittene, psychische Störung.
Obwohl ...

Dieser Münchner Krimi liest sich leicht und flüssig, was stark im Kontrast zu seinen Inhalten steht. Die Hauptthemen sind häusliche Gewalt und eine schwere, als Kind erlittene, psychische Störung.
Obwohl die Geschichte – die Fälle von ermordeten und wie Puppen drapierten Frauen – immer wieder von den persönlichen Problemen der Ermittlerin, Kommissarin Toni Stieglitz, unterbrochen werden, sind diese viel zu ernst, um wirklich zu nerven. Sie flieht vor ihrem gewalttätigen Partner Mike (ebenfalls Polizist) und lebt von da an immer in Angst, ihm über den Weg zu laufen. Verfolgungswahn – zurecht – inklusive. Für jemanden, der so etwas nicht erlebt hat, mögen die wiederkehrenden Schilderungen ihrer Angst ein wenig übertrieben sein, doch da die Autorin selbst Polizistin ist, denke ich, dass sie ganz gut weiß, über welchen Frauentyp sie hier schreibt, wenn sie ihre Kommissarin leiden lässt.
Aber zur Krimihandlung: Als Leser weiß man ja schon durch den Klappentext, dass es nicht bei einer Toten bleiben wird und kann mitermitteln und ist der Polizei immer wieder mal einen Schritt voraus. Man lernt die späteren Opfer (bis auf das erste) vorher kennen und wartet darauf, wie sie denn erwischt werden. Trotzdem bleibt es spannend, zu lesen, wie die Arbeit der Ermittler beginnt, welche Spuren sie finden und wie sie danach vorgehen. Der Polizeialltag ist natürlich glaubhaft beschrieben und wirkt sehr lebendig, auch wie die Kollegen so miteinander umgehen, und die Dialoge und Besprechungen sind vermutlich teilweise aus dem „echten“ Alltag entnommen.
Mir gefällt, wie Toni den Fall mit einer Mischung aus Hartnäckigkeit, weiblicher Intuition und Leichtsinnigkeit angeht und auch löst und dadurch wohl auch erkennt, dass sie stärker ist als sie denkt und nach langer Zeit nun auch Hilfe bezüglich Mike sucht.
Doch nicht nur an dieser Front tut sich Positives: aus irgendeinem Grund hat es ihr der neue Rechtsmediziner Mulder angetan und auch er ist wohl nicht ganz abgeneigt. Mal sehen, wie es in möglicheren weiteren Bänden mit Toni da weitergeht.

Nur eines hat mich ein wenig verstört: In einer Szene zuckt die von Kopfschmerzen geplagte und überlastete Kommissarin richtig aus und währenddessen hoffte ich immer, es sei bloß einer ihrer Träume. Doch diesmal war es keiner. Später erkennt man erst, dass diese Szene für die weitere Entwicklung des Falles natürlich nötig war, aber kurz danach ist man als Leser erst mal ein bisschen vor den Kopf gestoßen – genau wie Toni selbst.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Ein klassischer Krimi mit viel Flair

Die Tote am Lago Maggiore
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Dieses Buch ist ein richtig schöner, atmosphärisch gelungener Krimi, der ohne Blut und viel Action auskommt, aber mit einer aktuell angehauchten und gut durchdachten Geschichte aufwarten kann. Mit Charme ...

Dieses Buch ist ein richtig schöner, atmosphärisch gelungener Krimi, der ohne Blut und viel Action auskommt, aber mit einer aktuell angehauchten und gut durchdachten Geschichte aufwarten kann. Mit Charme und Charisma ermittelt Matteo Basso, von Hauptberuf Fleischer, auf eigene Faust und mit glücklicherweise den richtigen Kontakten, im Fall um die ertrunkene Giselle. Dabei hat er - ganz der unvollkommene Held - immer wieder mit seinen Gefühlen zu kämpfen, war er doch mit der Toten befreundet. Doch nicht nur das mit Basso glaubhaft und sympathisch, auch seine bisherige Lebensgeschichte, von der nicht alles erzählt wird, macht neugierig auf diesen Charakter und wirkt nicht konstruiert.
Ebenso vielfältig und glaubhaft beschrieben sind die anderen Personen – man merkt, dass der Autor, weiß, über welches Volk er schreibt – und auch die Landschaft, die Umgebung, das Wetter, rufen Sehnsucht nach einem Italienurlaub hervor. Das Zusammenspiel der Dorfbewohner, die Atmosphäre auf den Bergen und die richtige Prise Humor lesen sich sehr stimmig. Auch die italienische Küche kommt nicht zu kurz und macht das Flair dieses Buches perfekt.
Doch trotz der privaten Erzählungen wird die Aufmerksamkeit des Lesers nie weit von der Krimihandlung abgelenkt, in der der Autor gekonnt falsche Fährten mit interessanten Wendungen kombiniert. Ganz nebenbei findet sich auch Platz für aktuelle Gesellschaftskritik. Stichwort Lampedusa.
In meinen Augen ist dieser leichte Krimi ein guter Start für eine Serie mit Herrn Basso und ich bin gespannt, ob er noch weitere Fälle lösen darf.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Viele Probleme, viele Verdächtige

Spreewaldgrab (Ein-Fall-für-Klaudia-Wagner 1)
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Ich mache das sonst eigentlich nicht, aber an dieser Stelle muss ich zitieren, was auf dem Buchumschlag steht. Arno Strobel wird dort wiederum, dieses Buch betreffend, zitiert: „Die Sprache: Außergewöhnlich. ...

Ich mache das sonst eigentlich nicht, aber an dieser Stelle muss ich zitieren, was auf dem Buchumschlag steht. Arno Strobel wird dort wiederum, dieses Buch betreffend, zitiert: „Die Sprache: Außergewöhnlich. Die Handlung: Verstörend. Die Figuren: Undurchsichtig. Alles an diesem Buch macht Lust auf mehr.“ Es wäre eine sehr kurze Rezension, wenn ich nun nur mehr schreiben würde, wie sehr Strobel nicht recht habe und dass ich alles genauso sähe. Aber im Grunde ist es so.
Die Handlung wechselt hier zwischen Szenen in einem dunklen Verließ, in dem eine Frau darum kämpft, am Leben zu bleiben, und dem schwierigen Alltag von Klaudia Wagner. Klaudia ist Polizistin und aufgrund der Trennung von ihrem Langzeitfreund, ebenfalls Polizist, vom Westen in den Osten Deutschlands umgezogen. Während sie mit ihrer Gesundheit, dem Chef, den Kollegen und den Leichen zu kämpfen hat, bekommt der Leser immer wieder Eindrücke davon, was es heißt, wirklich zu kämpfen. Die Abschnitte über die unbekannte Frau führen einem doch vor Augen, wie banal Klaudias Probleme sind. Zusätzlich sind sie in einer eigenen Dynamik, in einem anderen Stil verfasst, sodass man immer wieder das Gefühl hat, hier wären zwei Autoren am Werk gewesen.
Die Autorin schafft es außerdem, nahezu jede auftretende Person mit einer speziellen Aura zu umgeben, so intensiv, dass man nach und nach merkt, dass jeder etwas zu verbergen hat und sich zahlreiche mögliche Motive ergeben. Alle kleinen und großen Wendungen fügen sich wunderbar in den Krimi ein und die Geschichte entwickelt so eine Dynamik, dass man zwischendurch immer wieder Personen vergisst, so dass man überrascht ist, wenn sie wieder auftauchen. Auch wo der Prolog denn dazugehört, erschließt sich dann später.
Da dies Wagners erster Fall ist, freue ich mich ebenso wie Arno Strobel auf weitere Werke mit ihr, der Beginn einer möglichen Serie ist jedenfalls sehr vielversprechend.