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Veröffentlicht am 08.04.2026

Selbstbestimmung ist ein Kampf, den selbst Expertinnen oft verlieren

Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
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„Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen“ von Christien Brinkgreve ist ein ehrliches Protokoll darüber, wie wenig theoretisches Wissen vor den Fallstricken gelebter Beziehungen schützt und wie hartnäckig patriarchale ...

„Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen“ von Christien Brinkgreve ist ein ehrliches Protokoll darüber, wie wenig theoretisches Wissen vor den Fallstricken gelebter Beziehungen schützt und wie hartnäckig patriarchale Muster selbst dort wirken, wo man sie eigentlich längst durchschaut hat.

Ausgangspunkt ist der Tod ihres Ehemannes. Doch Brinkgreve schreibt hier keinen klassischen Trauertext. Sie seziert, was von ihr als Ehefrau übrig bleibt und vor allem: WER sie eigentlich war, innerhalb dieser Ehe. Das zentrale Thema Verlust und Trauer wird hier sehr schnell zu einer Frage der Identität. Und die ist unangenehm! Wie viel von dem, was wir für „uns selbst“ halten, ist in Wahrheit Anpassung?

Gerade bei Brinkgreve wirkt das fast paradox, denn sie selbst ist Professorin für Frauenforschung. Eine Intellektuelle, die sich ihr Leben lang mit Emanzipation und Feminismus beschäftigt hat. Trotzdem landet sie in genau den Rollen, die sie analysiert: die sich aufopfernde Partnerin, die emotionale Versorgerin, die Frau, die sich am Wohlergehen des Mannes ausrichtet. Das ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem. Dieses Buch zeigt sehr klar: Patriarchale Dynamiken sind keine Frage von Bildung oder Bewusstsein. Sie sind eingeübt, internalisiert und leider auch verdammt wirksam.

Was das Buch für mich so stark macht, ist die Präzision, mit der Brinkgreve diesen Widerspruch aufdröselt. Sie romantisiert nichts, aber sie verteufelt auch nicht. Die Ehe war nicht einfach „falsch“. Sie war komplex, ambivalent, teilweise liebevoll, teilweise einengend. Gerade diese Gleichzeitigkeit war für mich so überzeugend. Beziehungen scheitern selten an einem Punkt, sondern an schleichenden Verschiebungen, die man oft erst im Rückblick erkennt.

Emotional hat mich das Buch weniger überwältigt als vielmehr irritiert und zwar im besten Sinne. Es zwingt zur Selbstprüfung. Nicht, weil es belehrend ist, sondern weil es unangenehme Parallelen aufzeigt. Dieser leise, analytische Ton wirkt nachhaltiger als jede pathetische Zuspitzung.

Das Entscheidende ist jedoch etwas anderes: Brinkgreve liefert keine Auflösung. Kein „So hätte ich es besser gemacht“, kein sauberer Schlussstrich. Der Prozess bleibt offen, unfertig. Und genau das ist konsequent.

Fazit: Dieses Buch entlarvt die Illusion, man könne sich allein durch Erkenntnis aus gesellschaftlichen Rollen befreien. Es zeigt, wie tief diese Strukturen greifen und wie widersprüchlich wir selbst darin agieren. Meine Haupterkenntnis: Selbst wer es besser weiß, lebt nicht automatisch freier.

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Veröffentlicht am 26.03.2026

Warum „Normalität“ eine Lüge ist

Pina fällt aus
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„Pina fällt aus“ ist nicht nur ein herzerwärmender Roman sondern gleichzeitig auch eine leise aber deswegen nicht weniger präzise Demontage dessen, was wir gesellschaftlich als „normal“ bezeichnen. Und ...

„Pina fällt aus“ ist nicht nur ein herzerwärmender Roman sondern gleichzeitig auch eine leise aber deswegen nicht weniger präzise Demontage dessen, was wir gesellschaftlich als „normal“ bezeichnen. Und genau das hat mich zutiefst berührt.

Im Zentrum steht Pina, alleinerziehende Mutter ihres neurodivergenten Sohnes, Leo. Ihr Alltag ist durchgetaktet, fragil und permanent am Limit und das gar nicht mal, weil Leo „zu viel“ ist, sondern weil eine Gesellschaft, die sich selbst für funktional hält, keinerlei Strukturen für Menschen wie ihn (und sie) bereithält. Als Pina krankheitsbedingt ausfällt, wird das Systemexperiment unfreiwillig eröffnet: Die Nachbarschaft muss einspringen. Menschen, die vorher vor allem eines waren: urteilsbereit. Was folgt, ist eine schmerzhafte Verschiebung von Perspektiven.

Zischke erzählt hier einen Roman, der Care-Arbeit als das zeigt, was sie ist: strukturell entwertet, unsichtbar gemacht und in ihrer Überforderung individualisiert. Pinas Erschöpfung ist kein persönliches Scheitern, sondern das Ergebnis patriarchaler Strukturen, die Fürsorge als private Aufgabe von Frauen organisieren und gleichzeitig jede Unterstützung verweigern. Dass sie sich nicht einmal traut, um Hilfe zu bitten, ist kein individueller Charakterzug sondern ein Symptom.

Und dann ist da Leo. Eine Figur, die die gängigen Defizitnarrative über Neurodivergenz radikal unterläuft. Er wird im Laufe der Geschichte nicht „verständlich gemacht“, sondern bleibt in seiner Eigenlogik konsequent. Und genau das ist die Stärke dieses Romans: Er zwingt dazu, sich selbst und die eigene Meinung zu bewegen anstatt ihn als Figur. Denn während die „neurotypische“ Umwelt durch Effizienz, soziale Codes und Selbstoptimierung getrieben ist, wirkt Leos Zugang zur Welt fast wie eine Gegenutopie: unmittelbarer, konzentrierter, eigenwilliger und, ja, oft lebensnäher. So, dass man selbst beginnt sich zu fragen, wer hier die eigentlich eingeschränkte Person ist.

Am Ende bleibt keine warme Umarmung, sondern eine unbequeme Erkenntnis: „Normalität“ ist kein neutraler Zustand, sondern ein Machtinstrument. Und wer nicht hineinpasst, wird aussortiert. Es sei denn, man widersetzt sich.
Zusammengefasst ein großartiger Roman, den ich nur jeder*m ans Herz legen kann!

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Veröffentlicht am 17.03.2026

Wenn SIE es ist, die zuschlägt…

Gelbe Monster
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Clara Leinemanns „Gelbe Monster“ ist ein Roman über eine toxische Beziehung nur dass die Gewalt hier nicht vom Mann ausgeht, sondern von der Frau. Und genau darin liegt meiner Meinung nach seine gesellschaftliche ...

Clara Leinemanns „Gelbe Monster“ ist ein Roman über eine toxische Beziehung nur dass die Gewalt hier nicht vom Mann ausgeht, sondern von der Frau. Und genau darin liegt meiner Meinung nach seine gesellschaftliche Sprengkraft.

Charlie, Mathematikstudentin und angehende Doktorandin, wirkt auf dem Papier klug und ehrgeizig. In Wirklichkeit ist sie ein Vakuum. Ihr Selbstwert speist sich ausschließlich aus der Bestätigung anderer. Sie existiert nur im Spiegel fremder Blicke. Als sie Valentin trifft (scheinbar ihr „Perfect Match“, leider vergeben) kippt ihr ohnehin brüchiges Ich in eine Obsession. Sie schlägt einen Traumjob aus, ordnet ihr gesamtes Leben diesem Mann unter, träumt sich in kitschige Filmszenen hinein, in denen sie die Hauptrolle einer romantischen Erlösungsgeschichte spielt. Die Realität interessiert sie nur, solange sie ihr Drehbuch nicht stört.

Das Glück ist aber nur von kurzer Dauer denn sobald Valentin nicht mehr perfekt performt, reagiert Charlie mit Gewalt. Nicht einmalig. Nicht „im Affekt“. Sondern wiederholt. Immer dann, wenn er nicht so funktioniert, wie sie es braucht. Hier zerbricht die bequeme Erzählung, weibliche Aggression sei grundsätzlich Reaktion auf männliche Provokation. In der Gruppentherapie mit anderen gewalttätig gewordenen Frauen wird klar: Opfererzählungen können auch Schutzschilde sein. Dieser Roman zwingt dazu, Machtmissbrauch unabhängig vom Geschlecht zu betrachten.
Und das ist unbequem.

Leinemann entwirft keinen feministischen Roman im Sinne einer Identifikationsfigur. Charlie ist von der ersten Seite an unsympathisch. Egozentrisch, manipulativ, emotional unreif. Man möchte sie schütteln oder ihr aus dem Weg gehen. Genau das macht das Buch für mich so stark: Es verweigert die moralische Entlastung. Es zeigt patriarchale Strukturen nicht als einfache Täter-Opfer-Matrix, sondern als System, das beschädigte Subjekte hervorbringt. Auch Frauen können Gewalt ausüben. Auch Männer können in Beziehungen strukturell unterlegen sein. Etwa wie Valentin, der mit seinem brüchigen Selbstwert und einer permanent kritisierenden Mutter aufgewachsen ist. Seine Sehnsucht nach Liebe macht ihn blind für die Dynamik, in die er gerät.

Mich hat das wütend gemacht. Nicht, weil das Buch Frauen „schlecht aussehen“ lässt. Sondern weil es so präzise seziert, wie Selbstwertdefizite, romantische Ideologie und Besitzdenken ineinandergreifen. Gleichzeitig bleibt ein Unbehagen: In einem gesellschaftlichen Klima, in dem misogynes Ressentiment ohnehin Konjunktur hat, wird dieses Buch sicher von manchen als Bestätigung für antifeministische Narrative missbraucht werden. Das soll aber kein Argument gegen seine Existenz sein. Aber ich sehe hier ein reales Risiko.

Fazit: Wer Gewalt nur dort sehen will, wo sie ins vertraute Bild passt, wird dieses Buch ablehnen. Alle anderen sollten sich der Irritation stellen.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Irreführung mit literarischem Anspruch

Trag das Feuer weiter
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Der Klappentext verspricht eine Geschichte über Gedächtnislücken, Long Covid und die mühsame Rekonstruktion einer Familienvergangenheit. Was „Trag das Feuer weiter“ tatsächlich liefert, ist etwas anderes: ...

Der Klappentext verspricht eine Geschichte über Gedächtnislücken, Long Covid und die mühsame Rekonstruktion einer Familienvergangenheit. Was „Trag das Feuer weiter“ tatsächlich liefert, ist etwas anderes: der dritte Band einer Familiensaga, der ohne Vorwarnung so tut, als wären wir längst Teil dieses genealogischen Kosmos. Wer, so wie ich, eine eigenständige Auseinandersetzung mit Krankheit, Erinnerung und Identität erwartet, wird erst irritiert und dann zunehmend ungeduldig.

Der Prolog stützt dabei erstmal genau diese Erwartung: Long Covid, Erinnerungslücken, eine Erzählerin, die sich tastend ihrer Vergangenheit nähert. Doch nach diesem Auftakt folgt ein abrupter Bruch. Statt einer subjektiven Rekonstruktion entfaltet sich eine breit angelegte Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg. Fragmentarisch erzählt, mit Perspektivwechseln, die nicht immer organisch ineinandergreifen. Ich habe lange darauf gewartet, dass „die eigentliche Story“ wieder aufgenommen wird, aber wurde hier enttäuscht.

Inhaltlich kreist der Roman dabei stark um Identität und Zugehörigkeit. Marokko erscheint als Schmelztiegel unterschiedlicher Herkünfte, Sprachen und sozialer Milieus. Klassismus durchzieht das Gefüge ebenso wie die Herabsetzung der arabischen Bevölkerung gegenüber der französischen. Diese kolonial geprägten Hierarchien strukturieren Biografien, Selbstbilder und Lebenswege. Slimani zeigt, wie tief patriarchale Strukturen und postkoloniale Machtverhältnisse in familiäre Dynamiken eingreifen.

Besonders eindrücklich war für mich die Figur der Inés: als Kind von den Eltern geliebt, von der Schwester gehasst, bewegt sie sich durch diese Spannungsfelder mit einer fast stoischen Selbstbehauptung. Sie ist keine Heldin im klassischen Sinn, sondern eine Figur, die sich dem familiären Erwartungsdruck entzieht, ohne laut zu rebellieren. In ihr verdichtet sich das Thema weiblicher Selbstverortung zwischen Loyalität und Eigensinn.

Sprachlich blieb der Roman für mich kühl und fragmentarisch. Die Perspektivwechsel erzeugen Distanz statt Intimität. Das kann man als bewusste ästhetische Entscheidung lesen - als Spiegel einer zerrissenen Identität. Für mich hatte es eher den Effekt, dass vieles an mir vorbeirauschte. Es fehlte ein erzählerischer Sog, eine innere Dringlichkeit.

Gesellschaftskritik ist vorhanden: Klassismus, koloniale Nachwirkungen, patriarchale Familienstrukturen. Aber sie entfaltet sich nicht als scharfe Anklage, sondern als stilles, fast beiläufiges Mitlaufen im Hintergrund. Vielleicht ist das literarisch konsequent. Emotional hat es mich leider kaltgelassen.

Was bleibt, ist der Eindruck eines Romans, der mehr sein will, als er einlöst und eines Marketings, das falsche Versprechen macht. Nicht das Thema ist dabei für mich das Problem, sondern die Diskrepanz zwischen Ankündigung und Ausführung. Ein literarisch ambitionierter Text, der an seiner Rahmung scheitert und mich unbefriedigt zurücklässt.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Frauenkörper als Verhandlungsmasse

Es ist hell und draußen dreht sich die Welt
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Dieses Buch hat bei mir vor allem eines ausgelöst: Unbehagen. Kein lautes, sondern ein leises, konstantes Gefühl von Reibung, das mich durch die Lektüre begleitet hat.
Wir verbringen ein Wochenende mit ...

Dieses Buch hat bei mir vor allem eines ausgelöst: Unbehagen. Kein lautes, sondern ein leises, konstantes Gefühl von Reibung, das mich durch die Lektüre begleitet hat.
Wir verbringen ein Wochenende mit zwei Paaren in einem Haus am Meer. Linn will schwanger werden, mithilfe künstlicher Befruchtung. Während des Lesens hat mich besonders beschäftigt, wie sehr ihr Körper dabei zum verhandelbaren Raum wird. Was sie isst, welche Medikamente sie nimmt, welche Risiken sie eingeht. All das wird kommentiert und kontrolliert, vor allem durch ihren Partner Matze. Für mich fühlte sich das weniger wie Fürsorge an als nach einem schleichenden Machtverlust über den eigenen Körper.

Gleichzeitig habe ich viel Frust beim Lesen von Evas Perspektive gespürt. Sie ist Mutter von zwei Kindern, liebt sie, und wirkt trotzdem oft einsam und erschöpft. Mich hat getroffen, wie normal ihre Abwesenheit ist, egal ob emotional, im Gespräch, oder im sozialen Gefüge. Dieses stille Verschwinden von Müttern kam mir erschreckend vertraut vor und fand ich unfassbar gut dargestellt.

Gleichzeitig habe ich das Gefühl, zu keiner der Figuren eine echte Bindung aufgebaut zu haben. Vor allem Linn blieb für mich sperrig und teilweise unsympathisch, was ich im Nachhinein gar nicht als Schwäche empfinde. Im Gegenteil: es hat mich eher zum Nachdenken angeregt, warum ich automatisch erwarte, dass weibliche Romanfiguren sympatisch sein müssen.

Das Ende empfand ich als eine Art Selbstermächtigung beider Frauen, aber auch das blieb für mich seltsam offen und leicht schief. Nicht befreiend, eher tastend. Vielleicht realistisch, aber nicht unbedingt befriedigend.

Meine Beziehung zu diesem Buch ist ambivalent mit der Tendenz ins Positive. Es hat definitiv etwas in mir angestoßen. „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ hat mich weniger berührt als irritiert, und vielleicht war genau das seine Absicht!

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