Starkes Thema mit tollen Introspektiven, aber verblassendem Fokus
Starkes Thema, intensive Innenansichten, inkonsequente Handlungsverfolgung
Familie Blum zieht aus New York ins beschauliche Main und hier in die Kleinstadt Riverburg. Vater Gus bekommt eine lukrative ...
Starkes Thema, intensive Innenansichten, inkonsequente Handlungsverfolgung
Familie Blum zieht aus New York ins beschauliche Main und hier in die Kleinstadt Riverburg. Vater Gus bekommt eine lukrative Anstellung als Professor am College, Mutter Clair will sich in einer eigenen Modelinie verwirklichen, der liebenswert-besondere Sohn Wolf mit versucht in der neuen Junior High zurecht zu kommen und Tochter Hazel soll hier Abschlussjahr an der Highschool verbringen. Doch schon am ersten Schultag wird sie zum Schulleiter White ins Büro gerufen. Und der eröffnet ihr unglaubliches: Jedes Jahr hat er Sex mit einer Schülerin und dieses Mal soll es Hazel sein! Doch die sagt Nein.
Jessica Berger Gross schildert in ihrem Roman die Innensicht der Familie nach diesem Ereignis. Jedes Familienmitglied kämpft mit eigenen Problemen und mit dem sexuellen Machtmissbrauch des Schulleiters an Hazel. Wie ihr Nein das gesamte Familienleben, aber auch das Leben in der Kleinstadt beeinflusst, in der White ein sehr angesehener Mann ist, möchte das Buch dem Leser erzählen.
Das Buch behandelt ein so wichtiges Thema und darüber muss geschrieben, nachgedacht und diskutiert werden.
Gerade weil es hier nicht zu der sexuellen Handlung kommt, da Hazel sich widersetzt, ist das Thema Machtmissbrauch und sexueller Missbrauch hier so gelungen erzählt. Es muss nicht zum Akt kommen, um dennoch ein Trauma auszulösen und um dennoch Missbrauch zu sein!
Meiner Meinung nach beschreibt Berger Gross mit einer starken Empathie für die verschiedenen Familienmitglieder genau dieses Trauma. Die Selbstzweifel, die unglaublichen Reaktionen in der kleinstädtischen Gemeinschaft, die Ängste und Sorgen werden gut herausgearbeitet. Dabei ist der Erzählstil durchgehend leicht zu lesen und nehmen aufgrund des feinen Witzes der Sprache dem Lesenden die Last, zu sehr von der Düsternis des Themas erdrückt zu werden.
Achtung: Spoiler!
Aber: viele der dann erzählten Handlungsstränge werden danach nicht auserzählt. Der Direktor und seine Handlungen bleiben bis auf kurze, geradezu plötzliche Momente komplett außen vor. Die schweren Angriffe auf die Familie werden nicht weiter behandelt und bleiben sogar diffus. Die Familie des Direktors bekommt kurz Raum, wird aber wieder aus der Erzählung genommen.
Hazel wird nun sehr gehypt und erlangt aufgrund ihrer Geschichte viel positive Aufmerksamkeit, soll ein Buch schreiben, wird interviewt, erscheint in Podcasts und Zeitungsartikeln. Und das in so rasender Geschwindigkeit, dass man beim Lesen die vielen Möglichkeiten und Namen kaum mehr verfolgen kann.
Schlussendlich wird sich Hazel auch dessen bewusst und setzt dem erneut ein klares Nein entgegen. Sie sagt dafür Ja zu einer unbeschwerten, weniger populistischen Zukunft. Ein starkes Stück Selbstfindung!
Leider findet auch der Rest der Familie völlig zufällig oder einfach zu schnell ein persönliches Happyend – das ist fast überfordernd romantisiert.
Ein Roman zu einem wichtigen Thema, der einfühlsam und doch humorgespickt die Geschichte erzählt, wie ein Missbrauch und ein starkes Nein dazu ein Leben aus der Bahn wirft. Berger Gross gelingt es, die starke Hauptfigur nachempfinden zu lassen und zu einer noch stärkeren gereiften jungen Erwachsenen werden zu lassen.
Für mich fehlt dem Buch in der zweiten Hälfte jedoch eindeutig der rote Faden oder er wird eben vielfach einfach gekappt.
Das hat mich traurig hinterlassen, denn ich mochte den ersten Buchteil so sehr! Manchmal wären ein paar angerissene Ideen oder gleich ein paar Seiten zu demselben Thema weniger einfach mehr. So verliert die Geschichte das eigentliche Thema aus dem Blick.
Es mag die amerikanische Art sein, aber viele Details sind einfach sehr unrealistisch und die vielen Happyendings fliegen der Familie nur so zu. Mich hat das enttäuscht, gerade nach der so gelungenen und starken ersten Buchhälfte. Gleichsam hallt das Buch noch lange in mir nach – aber leider nicht in erster Linie wegen des starken Themas.
Hier wurde der verlorene rote Faden leider kurzerhand zu einem rosa-roten verwaschen.