Hazel findet ihre Stimme
Ich habe mich sehr auf dieses Buch gefreut und gleichzeitig mit einem gewissen Respekt darauf geblickt. Das Thema ist schwer, emotional fordernd und nichts, was man einfach nebenbei liest. Der Einstieg ...
Ich habe mich sehr auf dieses Buch gefreut und gleichzeitig mit einem gewissen Respekt darauf geblickt. Das Thema ist schwer, emotional fordernd und nichts, was man einfach nebenbei liest. Der Einstieg fiel mir deshalb zunächst etwas schwer, allerdings nicht wegen des Schreibstils oder der Geschichte selbst, sondern weil ich schneller vorankommen wollte, als das Buch es zugelassen hat. Die Perspektivwechsel haben mich anfangs ausgebremst, doch genau darin liegt letztlich eine große Stärke der Geschichte.
Denn nach und nach wird deutlich, wie wichtig diese verschiedenen Blickwinkel sind. Sie zeigen eindrücklich, dass ein einschneidendes Ereignis niemals isoliert bleibt, sondern sich auf das gesamte Umfeld auswirkt. Jede Figur geht auf ihre eigene Weise mit der Situation um, mit Selbstzweifeln, Schuldgefühlen, Überforderung oder dem Wunsch, einfach nur zu helfen. Besonders berührt hat mich der familiäre Zusammenhalt. Es wird geglaubt, unterstützt, getragen, auch dann, wenn Hilfe nicht immer angenommen werden kann. Diese bedingungslose Loyalität fühlt sich sehr echt an.
Das Buch schafft es, Wut, Hilflosigkeit und Ohnmacht spürbar zu machen, ohne dabei reißerisch zu werden. Gerade die Darstellung von gesellschaftlichen Reaktionen, Schweigen, Wegsehen und strukturellen Problemen wirkt beklemmend real. Gleichzeitig greift die Geschichte viele aktuelle Themen auf, etwa den Umgang mit Social Media, öffentlicher Meinung, psychischer Belastung und dem Druck, sichtbar zu sein. All das fügt sich organisch ein und wirkt nie belehrend, sondern wie ein Spiegel unserer Gegenwart.
Besonders stark fand ich, wie das Buch zeigt, was Öffentlichkeit mit einem Menschen machen kann. Aufmerksamkeit kann stärken, aber auch überfordern. Anerkennung und Solidarität stehen neben Hass, Verurteilung und Grenzüberschreitungen. Dieser Zwiespalt zieht sich durch die gesamte Geschichte und macht sie emotional sehr intensiv.
Was mir gut gefallen hat, ist, dass es hier nicht um einfache Antworten geht. Entscheidungen werden hinterfragt, Zweifel zugelassen und Grenzen neu gezogen. Gerade der innere Konflikt der Hauptfigur zwischen Selbstbestimmung, Verantwortung und dem Wunsch nach Normalität ist sehr greifbar dargestellt.
Trotz meiner insgesamt sehr positiven Leseerfahrung gab es einzelne Entwicklungen, die für mich weniger überzeugend wirkten. Manche Reaktionen und spätere Konsequenzen empfand ich als unrealistisch oder erzählerisch zu stark konstruiert, was meiner Immersion stellenweise geschadet hat. Auch einzelne Begegnungen hinterließen bei mir eher Irritation als Erkenntnis.
Dennoch bleibt für mich ein Buch, das im Kopf bleibt. Es ist unbequem, emotional und fordert dazu auf, hinzusehen und zuzuhören. Es erzählt keine einfache Geschichte, sondern eine, die viele Grautöne zulässt und genau dadurch so wirkungsvoll ist. Ein Buch, das zeigt, wie tief ein einzelnes Ereignis in das Leben vieler Menschen eingreifen kann und wie wichtig es ist, Stimmen ernst zu nehmen. Ein Buch, das von einer jungen Frau erzählt, die durch einen Vorfall mehr zu sich selber findet und lernt was es bedeutet gesehen zu werden - sowohl im Positiven, als auch im Negativen.