Anspruchsvolle rechtsphilosophische Gedanken zum Thema Gerechtigkeit
Bernhard Schlink ist vielen vorrangig als Romanautor bekannt, sein bekanntestes Werk ist "Der Vorleser". Außerdem ist er vom Grundberuf her Jurist und, mittlerweile emeritierter, Hochschullehrer. In "Gerechtigkeit" ...
Bernhard Schlink ist vielen vorrangig als Romanautor bekannt, sein bekanntestes Werk ist "Der Vorleser". Außerdem ist er vom Grundberuf her Jurist und, mittlerweile emeritierter, Hochschullehrer. In "Gerechtigkeit" kehrt er zu diesen Wurzeln zurück, es ist kein literarisches Werk, sondern eine rechtsphilosophische Abhandlung zum Titelthema. Dabei ist dem Autor Verständlichkeit sehr wichtig und er betont gleich zu Beginn, dass er versucht hat, einen Mittelweg zwischen rechtsphilosophischer Korrektheit und allgemeiner Verständlichkeit zu finden.
Das ist ihm insgesamt gut gelungen. Es handelt sich um einen interessanten Essay, der auf verschiedene rechtsphilosophische Themen und Quellen Bezug nimmt und dabei sehr zum Denken anregt. Es geht darum, was Gerechtigkeit überhaupt sein könnte, beginnend mit der Grundannahme, dass die meisten Menschen erwarten, gleich behandelt zu werden, es sei denn, es gibt gute, sachliche Gründe für eine Ungleichbehandlung. Was diese sein könnten, ist je nach historischer Epoche und kultureller Verortung unterschiedlich, aber jedenfalls ein Aushandlungsprozess. Auch auf verschiedene Formen der Gerechtigkeit und dahinter liegende philosophische und politische Strömungen wird eingegangen: ist es etwa am gerechtesten, Güter nach Leistung zu verteilen (und was ist Leistung)? Oder nach Bedarf (und wie wird dieser ermittelt)? Oder jedem genau das gleiche?
Welches Rechtssystem könnten wir als Menschen uns wünschen, wenn wir nicht wüssten, welche Position in der Gesellschaft wir einnehmen werden, also unter dem Schleier des Nichtwissens? Hier bezieht sich der Autor auf das berühmte Gedankenexperiment von John Rawls.
Wie gestalten wir praktisch eine als möglichst fair empfundene und tragbare Gesellschaftsordnung, basierend auf rechtsphilosophischen Prinzipien? Und was ist der Preis der zunehmenden Gerechtigkeit, mit der aber auch eine immer stärker eingehende Normierung der Gesellschaft einhergeht?
Es sind viele kluge Fragen, die in diesem Buch diskutiert werden, und die zum weiteren Recherchieren und eigenen Nachdenken anregen. Insgesamt richtet sich das Buch mit seinem Anspruch klar an philosophisch vorgebildete oder zumindest sehr daran interessierte, bildungsaffine Menschen. Beispiele finden sich nur vereinzelt in dem Text, mehrheitlich ist es eine theoretische Abhandlung und anspruchsvolle Lektüre, die konzentriertes Mitdenken erfordert.
Kann und will man sich darauf einlassen, dann ist es aber eine sehr gewinnbringende Abhandlung, die den eigenen Horizont erweitert und gleichzeitig aufzeigt, was für ein enormes philosophisches Untergebäude unter einem als einigermaßen gerecht empfundenen Rechtssystem besteht, aber auch, wie eng Philosophie und Rechtswissenschaften miteinander verbunden sind.