Zerbrechlich wie Papier
"Der Papierpalast" ist eines der Bücher, über das ich schon unzählige Male gestolpert bin, immer begleitet von begeisterten Stimmen. Besonders aufmerksam wurde ich, als es im Bücherpodcast „Eat, Read, ...
"Der Papierpalast" ist eines der Bücher, über das ich schon unzählige Male gestolpert bin, immer begleitet von begeisterten Stimmen. Besonders aufmerksam wurde ich, als es im Bücherpodcast „Eat, Read, Sleep“ von NDR Kultur vorgestellt wurde. Dort wurde es als Sommerlektüre deklariert mit dem Hinweis, dass es keine bloße Leichtigkeit verspricht. So lag dieses Buch bereits seit dem letzten Sommer bei mir bereit, um nun endlich gelesen zu werden. Was soll ich sagen?! Es war so viel mehr als das, was ich erwartet hatte.
Tatsächlich wirkt das Setting auf den ersten Blick wie gemacht für ein leichtes Urlaubsbuch - ein ruhiger See, Segelboote, Lagerfeuer, Hüttchen im Grünen, abendliches Weintrinken. Doch schnell merkt man, dass hier die Sonne fehlt und die Handlung vielmehr die Schatten beleuchtet.
Im Zentrum der Geschichte steht Elle, die gleich zu Beginn einen Moment schildert, der ihr ganzes Leben aus den Angeln hebt - ein Seitensprung mit ihrem ältesten Freund Jonas. Es ist kein banaler Seitensprung, sondern das Resultat einer tiefen Verbindung. In Rückblenden erfahren wir nicht nur, wie Elle und Jonas sich kennengelernt haben, sondern auch, welche erschütternden Erfahrungen Elle in ihrer Kindheit machen musste. Es sind Kapitel, die mich teilweise sprachlos gemacht haben. Sexuelle Übergriffe, familiäre Gewalt, eine ambivalente Mutterfigur, die selbst schwer traumatisiert ist und diese Muster ungewollt an ihre Töchter weitergibt.
Trotzdem findet die Autorin Worte, die metaphorisch und sehr einfühlsam sind. Der Stil ist literarisch, klar und emotional.
Was mich besonders bewegt hat, ist die Sprachlosigkeit, mit der Elle durch ihr Leben geht. Wie sie all das, was ihr widerfahren ist, nie laut aussprechen konnte, außer gegenüber Jonas. Es ist tragisch und wütend machend zugleich, wie sehr ihre Mutter – selbst eine von patriarchalen Strukturen und eigenen Traumata geprägte Frau – Schuld nicht bei den Tätern, sondern bei sich selbst sucht. Die psychologischen Verstrickungen, die daraus entstehen, sind eindringlich dargestellt.
Das Buch leistet darüber hinaus ein deutliches, kluges Statement zu weiblicher Selbstbestimmung, zu patriarchalen Denkmustern, zu Schweigen und Sichtbarkeit. Ich hätte mir noch mehr gewünscht, dass die Handlung mehr dazu auffordert, hinzusehen und laut zu werden. Zudem wäre es schön gewesen, wenn auch die Perspektive des Täters ein wenig aufgegriffen worden wäre. Ein klein wenig erfährt man als Leser:in durch die familiären Interaktionen, dennoch hätte es etwas mehr Einordnung bedurft. Hier bleibt die Figur eher schemenhaft, was das Verstörende betont.
Alles in allem ist "Der Papierpalast" ein intensives, schmerzhaft schönes Buch über menschliche Abgründe, über Überleben, Schuld, Familie und die Macht von Freundschaft und Liebe. Es ist nichts für schwache Nerven, keine seichte Strandlektüre – aber genau darin liegt auch seine Tiefe und sein bleibender Eindruck.