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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.03.2026

Haus voller Herz

Pina fällt aus
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Nach meiner großen Begeisterung für „Ava liebt noch“ bin ich mit ein klein wenig skeptisch an „Pina fällt aus“ herangegangen. Meine Sorge bestand vor allem darin, ob dieses Buch mithalten kannst und die ...

Nach meiner großen Begeisterung für „Ava liebt noch“ bin ich mit ein klein wenig skeptisch an „Pina fällt aus“ herangegangen. Meine Sorge bestand vor allem darin, ob dieses Buch mithalten kannst und die Antwort ist ein klares: Ja!
Vera Zischke entführt uns in eine Hausgemeinschaft in der Hansastraße, die auf den ersten Blick vor allem eines ist: skurril. Die Bewohner wirken eigen, ein bisschen verschroben. Doch genau darin liegt die Stärke dieses Romans, denn je tiefer man eintaucht, desto mehr bröckelt dieser erste Eindruck. Hinter jeder Besonderheit steckt eine Geschichte, hinter jeder Eigenart ein Gefühl, das plötzlich ganz nah und verständlich wirkt.
Im Zentrum steht Leo, ein autistischer Jugendlicher, der mit seiner Mutter Pina in einer Wohnung innerhalb der Hausgemeinschaft lebt. Als Pina unerwartet ausfällt und ins Krankenhaus muss, wird die Hausgemeinschaft vor eine Herausforderung gestellt - Wer kümmert sich nun um Leo? Was zunächst Überforderung auslöst, entwickelt sich nach und nach zu etwas sehr Berührendem. Die Bewohner wachsen über sich hinaus, begegnen Leo - und letztlich auch sich selbst - mit immer mehr Offenheit, Geduld und Wärme.
Dabei erzählt der Roman nicht nur von Leo, sondern vor allem von den Menschen um ihn herum. Von Unsicherheiten im Umgang mit Autismus, von Vorurteilen, aber auch von der Fähigkeit, diese zu überwinden. Es geht um Inklusion im besten Sinne, nämlich als gelebte Menschlichkeit im Alltag. Um das Bemühen, Barrieren abzubauen und einander wirklich zu sehen.
Der Schreibstil ist dabei sanft, emotional und zugleich wunderbar zugänglich. Die Autorin schafft es, eine Atmosphäre zu erzeugen, in der man sich sofort aufgehoben fühlt. Auch wenn manche Szenen vielleicht etwas zugespitzt wirken, bleibt die Geschichte in ihrer Wirkung authentisch, insbesondere weil sie so viel Herz hat.
Besonders schön ist, dass die Figuren ausnahmslos an Herz wachsen. Selbst Charaktere, die zunächst schwierig erscheinen (z. B. der Busfahrer Harry) gewinnen an Tiefe und Sympathie.

„Pina fällt aus“ ist ein warmherziger Roman über Gemeinschaft, Verständnis und das leise Glück, wenn Menschen aufeinander zugehen. Ein Buch, das berührt, nachklingt und den Wunsch weckt, selbst Teil dieser Hausgemeinschaft zu sein.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Sommer, Sehnsucht, Schweigen

Träume aus Salz
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"Träume aus Salz" von Annika Landsteiner war mein erster Berührungspunkt mit der Autorin und ein sehr gelungener Einstieg. Schon nach wenigen Seiten war ich in der Geschichte angekommen. Der Schreibstil ...

"Träume aus Salz" von Annika Landsteiner war mein erster Berührungspunkt mit der Autorin und ein sehr gelungener Einstieg. Schon nach wenigen Seiten war ich in der Geschichte angekommen. Der Schreibstil ist leicht, fließend und zieht einen in das Geschehen hinein. Eingebettet in die sommerliche Atmosphäre einer griechischen Insel entfaltet sich eine Geschichte, die sich ruhig, aber durchzogen von einer leisen, beständigen Spannung liest.
Der Prolog gibt bereits einen Hinweis darauf, dass zwischen den Hauptfiguren Matty und Flo etwas Entscheidendes vorgefallen ist. Genau dieses Versprechen begleitet einen durch das gesamte Buch. Ständig stellt man Vermutungen an, verwirft sie wieder und liest weiter, stets mit der Frage im Kopf „Was ist hier passiert?“. Diese subtile Spannung ist eine der größten Stärken des Romans.
Besonders ans Herz gewachsen ist mir Matty. Seine Fürsorge, seine Loyalität und die bedingungslose Liebe, die er Flo entgegenbringt, machen ihn zu einer der berührendsten Figuren der Geschichte. Flo selbst bleibt lange rätselhaft, während mit Sophia eine weitere spannende Figur hinzukommt. Sofia ist eine Einheimische mit spirituellen Fähigkeiten, die Tarotkarten legt und ebenfalls ihre eigene Vergangenheit mit sich trägt. Die Verbindung von Esoterik, Lebensfragen und zwischenmenschlichen Dynamiken verleiht dem Roman eine zusätzliche Tiefe und greift Themen auf, die in vielen Lebensrealitäten - auch beeinflusst durch soziale Medien - eine Rolle spielen.
Trotz all dieser Stärken blieb für mich ein zentraler Punkt hinter den Erwartungen zurück und das betrifft leider die Auflösung des großen Geheimnisses. Über weite Strecken baut sich eine Erwartung auf, die letztlich nicht vollständig eingelöst wird. Ich hatte auf eine überraschendere, vielleicht auch erschütterndere Wendung gehofft. Stattdessen wirkte die Enthüllung zu leise für das, was zuvor angedeutet wurde.
Dennoch gelingt es dem Buch, im weiteren Verlauf noch einmal emotional zu greifen. Vor allem Mattys Entscheidung gegen Ende bringt eine neue, unerwartete Tiefe hinein und hinterlässt einen nachdenklichen Eindruck. Diese Wendung konnte für mich einen Teil der zuvor empfundenen Ernüchterung auffangen.

Insgesamt ist "Träume aus Salz" ein atmosphärischer und feinfühliger Roman über Freundschaft, Vergangenheit und Veränderung. Besonders gelungen sind die Figurenzeichnung und die leise, stetige Spannung. Auch wenn ich mir beim zentralen Geheimnis mehr Wucht gewünscht hätte, hatte ich eine sehr gute Lesezeit und vergebe solide 4 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 29.01.2026

Emotion mit Abstand

Die Liebe, später
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Der Einstieg in "Die Liebe, später" von Gisa Klönne fiel mir leider sehr schwer. Das lag zum einen am Schreibstil, den ich als eher sperrig empfunden habe und zum anderen daran, dass mich das Buch über ...

Der Einstieg in "Die Liebe, später" von Gisa Klönne fiel mir leider sehr schwer. Das lag zum einen am Schreibstil, den ich als eher sperrig empfunden habe und zum anderen daran, dass mich das Buch über weite Strecken weder fesseln noch emotional erreichen konnte. Dabei klang die Grundidee der Geschichte für mich zunächst sehr ansprechend, eine Frau, die ihr Leben, ihre Ehe und ihre eigenen Wünsche hinterfragt, die sich nach Veränderung sehnt und versucht, aus festgefahrenen Mustern auszubrechen.
Trotzdem blieb bei mir eine spürbare Distanz zu den Figuren, vor allem zu Kora und ihrem Ehemann Anselm. Ich konnte mich mit beiden kaum identifizieren und hatte oft das Gefühl, ihnen eher von außen zuzusehen, als wirklich mit ihnen mitzugehen.
Besonders schade fand ich, dass der Roman für mich nicht die emotionale Tiefe entwickelt hat, die ich mir erhofft hatte. Die Themen, die angesprochen werden - Ehekrisen, Selbstsuche, Krankheit, Vergangenheit und verpasste Chancen - bieten eigentlich enormes Potential. Gerade Koras Gesundheitszustand und ihre persönliche Geschichte gehören für mich zu den stärksten Aspekten des Buches. Sie prägen ihr Leben, ihr Denken und ihre Entscheidungen und hätten meiner Meinung nach noch stärker in den Mittelpunkt rücken können. Diese Teile wirkten auf mich authentisch und berührend, während vieles andere eher schwer greifbar blieb.
Gleichzeitig haben mich die zahlreichen Rückblicke beim Lesen eher gestört als bereichert. Oft empfand ich sie als unterbrechend und nicht immer klar in den Gesamtzusammenhang eingebettet. Auch die Nebenfiguren und die anderen Paare, insbesondere Felix und Leonie, bringen zwar wichtige und interessante Themen mit, wirkten für mich aber insgesamt zu überspitzt und nicht wirklich glaubwürdig. Ihre Geschichten konnten den Roman für mich nicht tragen oder ihm zusätzliche emotionale Kraft verleihen.
Kora selbst ist eine Figur, die viele Menschen in ihrem Umfeld verletzt, oft unsicher wirkt und scheinbar lange wenig Dankbarkeit oder innere Ruhe zeigen kann. Wenn sie dann plötzlich alles anders machen und „frei“ sein möchte, bleibt für mich offen, was Freiheit hier eigentlich bedeutet und ob sie automatisch mit Glück gleichzusetzen ist. Genau dieser Widerspruch hätte für mich stärker thematisiert werden müssen. Denn Veränderung bedeutet nicht zwangsläufig Erfüllung und diese Ambivalenz blieb mir zu unausgesprochen.

Vielleicht bin ich auch nicht die passende Zielgruppe für diesen Roman, denn vieles erschien mir in seiner Zuspitzung und in Koras innerer Gedankenwelt schwer nachvollziehbar. Andere Romane, die sich ebenfalls an eine reifere Leserschaft richten, konnten mich emotional deutlich stärker abholen. Hier hatte ich eher das Gefühl, nie wirklich in der Geschichte angekommen zu sein. Insgesamt waren es für mich zu viele Aspekte, die mich nicht angesprochen haben oder die ich als unglaubwürdig empfand. Trotz einzelner starker Momente, vor allem rund um Krankheit und Vergangenheit, bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück.

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Veröffentlicht am 30.11.2025

Die Kraft eines Fuchses

Elf ist eine gerade Zahl
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Martin Beyers Roman "11 ist eine gerade Zahl" gehört zu den Büchern, die für mich persönlich schwer zu bewerten sind, weil sie auf sehr persönlichen Erfahrungen beruhen und eine Thematik berühren, die ...


Martin Beyers Roman "11 ist eine gerade Zahl" gehört zu den Büchern, die für mich persönlich schwer zu bewerten sind, weil sie auf sehr persönlichen Erfahrungen beruhen und eine Thematik berühren, die kaum schwerer sein könnte. Es geht um Krankheit, Hoffnung, Verlust und darum, wie man inmitten eines solchen Schicksals überhaupt weiterlebt.
Im Zentrum stehen die Jugendliche Paula, die an Krebs erkrankt ist und ihre Mutter Katja. Paula kämpft sich durch Krankenhausaufenthalte und eine erneute Chemotherapie. Begleitet wird sie von ihrem Kuschelfuchs, der eine Art emotionaler Anker für sie ist. Um ihrem Kind Halt zu geben, beginnt Katja eine fantastische Parallelgeschichte zu erzählen. Diese Fantasiewelt läuft neben der realen Handlung her und spiegelt sie als düstere Metapher. Paula wird damit ein Zugang geboten, mit der eigenen Angst und Ohnmacht umzugehen.
Was besonders beeindruckt, ist der authentische, sorgfältig recherchierte Blick auf den Krankenhausalltag und auf das Erleben einer schwerkranken Jugendlichen. Im Nachwort wird deutlich, wie intensiv Beyer mit Fachpersonal gesprochen hat. Entsprechend echt, respektvoll und berührend liest sich die reale Ebene. Diese wird getragen von einem warmen, präzisen und poetischen Schreibstil. Für mich lag die Stärke des Romans auch klar in dieser realen Geschichte. Gerade die Beziehung zwischen Paula und Katja ist so einfühlsam und echt beschrieben, dass sie noch lange nachhallt. Die Parallelwelt hingegen rückte im Verlauf des Buches immer stärker in den Vordergrund und verlor für mich etwas von ihrer anfänglichen Kraft. Stellenweise empfand ich sie als langatmig. Sie nahm Raum ein, den ich lieber weiter bei Paula und ihrer Mutter verbracht hätte. Vor allem, weil auch deutlich wird, wie sehr Katja mit ihrem Alltag zu kämpfen hat.
Dennoch erfüllt diese Fantasieebene eine wichtige Funktion. Sie zeigt, wie Geschichten Trost spenden können, wie sie Eskapismus ermöglichen dürfen und wie sehr sie Eltern wie Kindern Kraft geben können, um Unbegreifliches auszuhalten. Der Fuchs wird schließlich zum Symbol für Hoffnung, Wille und Verbundenheit - ein stiller Begleiter in beiden Welten.
Der Titel des Romans ist schön gewählt und wird immer wieder aufgegriffen; für meinen Geschmack etwas zu häufig. Weniger hätte hier mehr sein können.

Trotz kleiner Kritikpunkte bleibt "11 ist eine gerade Zahl" ein tief bewegender, feinfühliger Roman. Dieses Buch zeigt, wie Liebe trägt und wie Fantasie Räume schafft, in denen Schmerz ein wenig weniger schneidet. Ein Buch, das berührt, nachdenklich macht und noch lange nachwirkt.

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Veröffentlicht am 01.11.2025

Zeitzeugen aus Papier

Lebensbande
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„Lebensbande" von Mechthild Borrmann ist eines jener Werke, die an etwas erinnern, das niemals vergessen werden darf. Ich habe bereits viele Bücher gelesen, die während oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ...

„Lebensbande" von Mechthild Borrmann ist eines jener Werke, die an etwas erinnern, das niemals vergessen werden darf. Ich habe bereits viele Bücher gelesen, die während oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg spielen. Jedes davon berührte mich tief. Auch dieses Buch hat mich wieder spüren lassen, dass hinter jeder Erzählung ein Stück Wahrheit steckt. Quasi ein Echo echter Schicksale, die niemals nur Fiktion sind. Gerade deshalb fällt es mir immer schwer, ein solches Buch zu bewerten. Denn allein die Tatsache, dass AutorInnen wie Mechthild Borrmann diese Geschichten aufgreifen und bewahren, verdient höchste Anerkennung.
„Lebensbande" basiert auf realen Zeitzeugenberichten und das macht es umso bedeutsamer in einer Zeit, in der diese Stimmen nach und nach verstummen. Ich bin Anfang dreißig, und schon meine Großeltern können nur noch ein Teil dessen erzählen, was sie im Krieg oder ihre Eltern im Krieg erlebt haben, da sie noch Kinder waren. Umso wichtiger, dass solche Bücher existieren, damit die Erinnerung nicht versiegt.
Inhaltlich hat mich besonders die Geschichte von Lene und Leo bewegt - eine junge Frau, die um ihr Kind kämpft, dem in der damaligen Zeit „Schwachsinn“ diagnostiziert wurde. Als Sonderpädagogin hat mich dieses Thema besonders berührt, weil ich täglich mit Kindern arbeite, die Förderbedarf haben. Es ist erschütternd, sich vorzustellen, wie wenig Wert man damals auf das Leben solcher Menschen legte.
Daneben fand ich die zweite Ebene des Romans – die um Nora und Lotte – sehr spannend. Das Motiv, unter falschem Namen zu leben und sich eine neue Identität zu schaffen, um Schuld oder Vergangenheit zu verbergen, war für mich neu in dieser Form. Es zeigt, wie tief der Krieg in Biografien eingreift, selbst lange nach seinem Ende.
Trotz der inhaltlichen Stärke hat mich das Buch emotional nicht ganz so gepackt wie andere Romane ähnlicher Thematik. Das liegt weniger an der Geschichte selbst, sondern an der Erzählweise. Die Autorin erzählt vieles rückblickend, aus einer eher distanzierten Perspektive, mit wenig unmittelbarer Handlung. Ich hätte mir an manchen Stellen mehr Tiefe, mehr „Dabeisein“ gewünscht, stattdessen weniger Bericht, mehr Erleben. Dadurch blieb manches für mich etwas oberflächlich.

Dennoch ist „Lebensbande“ ein wichtiges Buch, welches man lesen sollte. Und dies nicht vorrangig, um eine berührende Geschichte zu erleben, sondern um sich zu erinnern. An Menschen, die gelitten, überlebt und weitergegeben haben, was wir heute wissen dürfen. Es ist ein stilles, respektvolles Mahnmal in Romanform.

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