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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.04.2021

Von der Sklaverei und ihren Auswirkungen

Heimkehren
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Esi und Effia sind Schwestern, und doch kennen sie sich nicht und wachsen getrennt voneinander auf. Die Leben der beiden verlaufen sehr unterschiedlich: Während Effias Stamm mit den Briten Sklavenhandel ...

Esi und Effia sind Schwestern, und doch kennen sie sich nicht und wachsen getrennt voneinander auf. Die Leben der beiden verlaufen sehr unterschiedlich: Während Effias Stamm mit den Briten Sklavenhandel betreibt, wird Esi als Sklavin nach Amerika verschifft. Der Roman gliedert sich auf zwischen den Nachkommen der beiden Frauen und lässt ihre Kinder, Enkel und Urenkel zu Wort kommen.

Nacheinander werden insgesamt vierzehn Leben beschrieben, die von Effia und Esi und jeweils sechs ihrer Nachkommen. So unterschiedlich sie auch sind, verbindet sie stets eines: die Sklaverei und die Ausgrenzung aufgrund ihrer Hautfarbe. Anders als ich anfangs befürchtet hatte gelingt es der Autorin sehr gut, jeden Charakter individuell zu zeichnen und ihm im Buch den Platz einzuräumen, den er benötigt - ich hatte nicht das Gefühl, dass irgendjemand zu kurz kommt oder in den einzelnen Episoden zu wenig in die Tiefe gegangen wird. Auch die Verbindungen zwischen den einzelnen Leben war mir nicht zu lose, sondern stets gut nachvollziehbar und mit Rekurs auf die Vorfahren der jeweiligen Figur.

Während hier von den Schwestern Effia und Esi schrittweise von Generation zu Generation nach vorne gegangen und jeweils einem Nachkommen der beiden Gehör geschenkt wird, wird vor allem eines deutlich: Die Auswirkungen der Sklaverei sind bis heute spürbar. Noch viele Generationen, nachdem sich der Strang der Familie aufgegliedert hat und auch noch nachdem die Sklaverei offiziell abgeschafft wurde, sind Diskriminierungen aufgrund Hautfarbe und Herkunft ein großes Thema. Wie es dazu kam, wird in diesem Buch sehr schön dargestellt. Ein lesenswertes Buch, dass ich gerne weiterempfehle!

Veröffentlicht am 08.04.2021

Typisch japanisch

Der Klang der Wälder
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Durch Zufall trifft Tomura in der Turnhalle seiner Schule eines Tages auf einen Klavierstimmer, der dort das schuleigene Instrument in Ordnung bringt. Für Tomura eröffnet sich eine neue Welt, er ist sogleich ...

Durch Zufall trifft Tomura in der Turnhalle seiner Schule eines Tages auf einen Klavierstimmer, der dort das schuleigene Instrument in Ordnung bringt. Für Tomura eröffnet sich eine neue Welt, er ist sogleich fasziniert von der Klangvielfalt des Klaviers und der präzisen Arbeit des Mannes. So sehr, dass er eine Ausbildung zum Klavierstimmer beginnt und hinterher im selben Laden wie der Mann zu arbeiten beginnt. Vor Tomura liegen Jahre harter Arbeit und Selbstzweifel, denn die Kunst des Klavierstimmens ist eine ganz besondere, die viel Übung erfordert.

Das Buch besitzt diesen ganz bestimmten, japanischen Büchern eigenen Zauber. Die Erzählung ist schlicht, die Handlung wenig spektakulär und sehr ruhig. Und dennoch wird man als Leser sogleich von der poetischen Sprache und der Macht des Gesagten und des Ungesagten in den Bann gezogen, die dem Buch eine märchenhafte Atmosphäre verleihen. Schlägt man das Buch auf, fühlt es sich an, als tauche man tief hinab in den Ozean. Die Außenwelt wird abgedämpft, während alles andere gleichzeitig viel klarer wird, und man die Melodie des Buches vernimmt, die sich für Tomura im Klang der Wälder manifestiert.

Neben dem wunderbaren Märchencharakter erfährt man beim Lesen tatsächlich auch Einiges über Klaviere und die ihnen eigene Klangwelt. Das ist jedoch keinesfalls so trocken wie man im ersten Moment vielleicht glauben mag, sondern im Gegenteil sehr faszinierend. Dass viele Klaviere sich verschieden anhören, war mir vorher klar, aber welche riesigen Unterschiede zwischen ihnen bestehen und wie bedeutsam beispielsweise schon eine geringfügige Änderung der Höhe des Hockers und die minimale Justierung der Pedale bewirkt, nicht. Man kann als Nicht-Klavierspieler also auch eine Menge lernen mit diesem Buch.

Fazit: Ich habe es sehr gerne gelesen; es ist sehr ruhig, dabei jedoch auch sehr poetisch und atmosphärisch.

Veröffentlicht am 04.04.2021

Ein interessanter Einblick für Alice-Fans

Die Erfindung von Alice im Wunderland
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"Alice im Wunderland" dürfte wohl jedem ein Begriff sein. In diesem Sachbuch widmet sich Peter Hunt den Hintergründen und der Entstehungsgeschichte des beliebten Kinderbuchklassikers.

Dabei steht vor ...

"Alice im Wunderland" dürfte wohl jedem ein Begriff sein. In diesem Sachbuch widmet sich Peter Hunt den Hintergründen und der Entstehungsgeschichte des beliebten Kinderbuchklassikers.

Dabei steht vor allem die Freundschaft zwischen Charles Dodgson, der den meisten als "Lewis Carroll" bekannt ist, und der kleinen Alice Liddell im Vordergrund. Diese ist Vorbild der Alice-Figur und zugleich Adressatin der von Dogdson erfundenen Geschichten, welche überwiegend im Rahmen mehrerer gemeinsamer Bootsausflüge entstanden.

Das Buch bietet Einblicke in die Zeit, die Dogdson mit Alice und deren Schwestern verbracht hat, und weist auf die versteckte Genialität des Werkes mit seinen zahlreichen Anspielungen auf Personen und Gegebenheiten aus der Umgebung der Liddell-Schwestern hin. Es werden so einige interessante Fakten angesprochen und Vermutungen aufgestellt, und wer "Alice im Wunderland" gelesen hat, kann mit diesem Buch sicher eine Menge Spaß haben. Immer wieder werden kürzere Szenen zitiert, Vergleiche zu Liedern und Reimen herangezogen und großformatig abgedruckte Zeichnugen und Skizzen Tenniels, des Original-Illustrators der Alice-Bände, sowie von Dogdson angefertigte Fotographien eingestreut.

Veröffentlicht am 04.04.2021

Eine Reise voller Überraschungen

Reise mit zwei Unbekannten
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Maxine und Alex könnten unterschiedlicher nicht sein: Sie ist eine junggebliebene 95-Jährige, die das Leben bereits in vollen Zügen genossen hat und ihm nun ein Ende zu setzen, bevor es mit ihrer Gesundheit ...

Maxine und Alex könnten unterschiedlicher nicht sein: Sie ist eine junggebliebene 95-Jährige, die das Leben bereits in vollen Zügen genossen hat und ihm nun ein Ende zu setzen, bevor es mit ihrer Gesundheit bergab geht. Er ist Mitte 20, leidet an Depressionen und erhofft sich nicht mehr viel von seinem Leben. Ein Zufall will es, dass die beiden sich über eine Mitfahrer-Agentur finden und gemeinsam in Alex' Twingo den Weg nach Brüssel antreten, und nach anfänglichen Vorurteilen und Missverständnissen beginnt sich eine wahre Freundschaft zwischen ihnen zu entwickeln. Unpraktisch nur, dass Maxine zuvor niemanden offiziell von ihren Absichten in Kenntnis gesetzt hat und es nun für alle anderen so aussieht, als sei sie von Alex aus dem Altenheim entführt worden...

Der Einstieg ins Buch ist sehr humorvoll - denn weil sie jeweils mit jemand vollkommen anderem rechnen, verpassen sich die beiden Protagonisten ersteinmal fast. Nach anfänglichem Zögern - aufgrund seines übermüdet und etwas heruntergekommen wirkenden Erscheinungsbildes hält sie Alex nun icht mehr für eine junge Frau, sondern einen Drogensüchtigen - beschließt Maxine dennoch, in den Twingo einzusteigen und die Fahrtzeit darauf zu verwenden, Alex wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Es dauert eine Weile, bis sie einsieht, dass sie mit ihrer Vermutung nicht ganz richtig, aber auch nicht vollkommen falsch liegt - Alex braucht durchaus ein wenig Hilfe, um sein Leben wieder in die richtige Spur zu lenken.

Der lockere, humorvolle Schreibstil wird das ganze Buch hindurch aufrechterhalten und immer wieder von ernsteren, leider aber meist etwas zu pathetisch und dadurch irgendwie zitiert wirkenden Weisheiten und Ratschlägen Maxines untermalt. Diesen teilweise konstruiert wirkenden Passagen mit durchaus tiefgründigem Kern stehen einige sehr überspitzt dargstellte Momente und Szenen gegenüber, die durch ihre Komik schon wieder unglaubwürdig erscheinen; allein das undurchdachte Vorgehen der Polizei, die über einen Tag lang vollkommen erfolglos versucht, die Spur der vermeintlich als Geisel genommenen älteren Dame aufzunehmen, und die all ihre Fortschritte sofort in Rundfunk und Fernsehen kundtut, kann nur als dilettantisch bezeichnet werden. Die Ermittlungsarbeiten als solche stehen zwar nicht im Fokus des Romans, tragen aber doch wesentlich dazu bei, dass das ganze in ihm geschilderte Ereignis Einiges an Überzeugungskraft verliert und dem Roman einen überspannt und wenig glaubhaft wirkenden Charakter verleiht. Stattdessen wird mehr auf Situatinskomik gesetzt, was ja auch vollkommen in Ordnung ist, mich in diesem Fall aber nicht ganz zufriedengestellt hat. Ich hätte mir neben der Komik noch einen tiefergehenden Blick auf die "dunkle" Seite und Alex' Depressionen gewünscht.

Insgesamt ein kurzweiliger Roman, der zweifellos unterhalten kann, dem es aber für meinen Geschmack eine Spur zu sehr an Ernstahftigkeit mangelt.

Veröffentlicht am 25.03.2021

Anfangs großartig, irgendwann (fast) nur noch anstrengend

Wie alles begann und wer dabei umkam
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Der namenlose Protagonist dieses Romans strebt bereits als Kind eine Karriere als Jurist an. Denn bereits in jungen Jahren verurteilt er in einer aufwändig inszenierten Gerichtsverhandlung kurzerhand die ...

Der namenlose Protagonist dieses Romans strebt bereits als Kind eine Karriere als Jurist an. Denn bereits in jungen Jahren verurteilt er in einer aufwändig inszenierten Gerichtsverhandlung kurzerhand die eigene Großmutter zum Tode, da sie tagein, tagaus die Familie, insbesondere jedoch die Mutter des Protagonisten terrorisiert. Später beginnt er tatsächlich ein Jura-Studium in Freiburg, muss jedoch schon bald feststellen, wie unzureichend er das in Deutschland geltende Strafrecht findet. Und so erarbeitet er eignständig ein alterntives System, das "Inoffizielle Strafrecht der Bundesrepublik Deutschland", kurz IStdGB, welches viel härtere Stafen ermöglicht als sein Vorgänger. Schon zu Beginn des Buches erfährt man, dass der Protagonist am Ende im Gefängnis sitzt - wie es dazu kam schildert er ausführlich und beginnt dabei ganz von vorne.

Anfangs fand ich das Buch klasse. Der Humor des Autors und die anspruchsvoll, aber gut formulierten Sätze machen Spaß, die Idee hinter dem Buch ist ungewöhnlich. Durch die amüsant verfassten Schilderungen der Kindheit des Protagonisten und die Mischung aus Ernsthaftigkeit und Groteskem wird man gleich auf die Seite des Protagonisten gezogen, obwohl das, was er vorhat, eigentlich nicht vertretbar ist. Während der ersten 100 Seiten hat mich das Buch also völlig in seinen Bann gezogen und ich wollte unbedingt erfahren wie es weitergeht - bis hierher stimmte also alles.

Was ist dann passiert? Vor allem wurde mir der Stil irgendwann zu anstrengend. Beinahe jeder zweite Satz ist gespickt mit bitterbösem Humor, und auf Dauer war das leider einfach zu viel. Wäre der Roman nur halb so lang, hätte mir das vermutlich nicht so viel ausgemacht, aber so konnte ich nur etwa das erste Drittel wirklich genießen, bevor ich anfangen musste, mich durchzukämpfen. Hinzu kommen einige Längen, insbesondere im zweiten Teil des Buches, der etwa in der Mitte beginnt und den der Protagonist nicht mehr in Freiburg, sondern in Asien verbringt, um auch außerhalb der Grenzen Deutschlands geltendes Recht in sein Projekt miteinzubeziehen. Irgendwann habe ich mich immer häufiger dabei erwischt, kurze Passagen zu überspringen, weil ich eigentlich nur noch wissen wollte, was genau ihn denn nun ins Gefängnis gebracht hat - alles andere hat sich viel zu sehr gezogen.

So gut mir das Buch zu Beginn gefallen hat, so froh war ich am Ende auch, als die letzten Seiten hinter mir lagen. Ich vergebe 2,5 Sterne für die originelle Idee, den eloquenten Schreibstil und auch den Humor, der mich in all seiner Exzentrik und Bosheit auf den ersten Seiten sehr angesprochen hat. Dass es am Ende keine bessere Bewertung gibt, ist wohl dem geschuldet, dass mir all das letztendlich viel zu anstrengend wurde und dass es doch eine Menge Längen gab, die dem Leser Einiges abverlangen.