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Veröffentlicht am 01.03.2025

Nicht so meins

Flusslinien
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Die 102-jährige Margrit lebt in einer Seniorenresidenz nahe der Elbe. Im Römischen Garten, in den sie sich jeden Tag von ihrem Fahrer Arthur bringen lässt, erinnert sie sich mit Blick auf den Fluss zurück ...

Die 102-jährige Margrit lebt in einer Seniorenresidenz nahe der Elbe. Im Römischen Garten, in den sie sich jeden Tag von ihrem Fahrer Arthur bringen lässt, erinnert sie sich mit Blick auf den Fluss zurück an ihre Jugend und Kindheit, die Kriegsjahre und die Beziehung ihrer Mutter Johanne zu einer anderen Frau. Manchmal denkt sie auch nach über Arthur, der mehr oder weniger heimlich mit einer Metallsonde das Flussufer abläuft, während er auf Margrit wartet, oder über ihre Enkelin Luzie, die gerade die Schule kurz vor dem Abitur abgebrochen hat und Tätowiererin werden möchte. Beide scheinen, genau wie Margrit, ihre eigenen Geheimnisse zu haben und ihre eigenen Traumata zu verarbeiten.

Die Perspektive wechselt regelmäßig zwischen Margrit, Arthur und Luzie, besonders in Margrits Kapiteln kommen sehr viele Rückblenden in die Vergangenheit hinzu. Das war mir beim Lesen etwas zu viel Unbeständigkeit, lieber hätte ich entweder nur Margrits Perspektive inklusive Rückblenden oder die Perspektive aller drei Figuren in der Gegenwart, aber ohne Rückblenden gelesen. Zwar sind alle Stränge gut geschrieben und für sich genommen interessant, insgesamt waren mir das aber einfach zu viele Baustellen gleichzeitig - ich wäre lieber noch tiefer in die Innenwelt der einzelnen Figuren eingetaucht. Wobei das aber sicherlich auch Geschmackssache ist.
Sehr gut gefallen hat mir dafür die Kulisse - ich konnte mir Margrit sehr gut vorstellen, wie sie an einem etwas nebligen Morgen auf den bemoosten Steinstufen am Flussufer sitzt und die Spaziergänger beobachtet.

Schlecht fand ich den Roman nicht, wirklich überzeugen konnte er mich aber auch nicht. Ich bin mir sicher, dass er seine begeisterten Leser*innen finden wird, ich gehöre nur einfach nicht dazu - und das darf ja auch so sein. (Das Cover liebe ich trotzdem sehr.)

Veröffentlicht am 14.02.2025

Spannendes Gedankenexperiment mit Abzügen

Für immer
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Es scheint ein ganz gewöhnlicher Frühsommertag wie jeder andere zu sein, und doch hat sich rückblickend etwas Entscheidendes ereignet an jenem 6. Juni: Die Zeit ist stehengeblieben. Oder besser: Die Zeit ...

Es scheint ein ganz gewöhnlicher Frühsommertag wie jeder andere zu sein, und doch hat sich rückblickend etwas Entscheidendes ereignet an jenem 6. Juni: Die Zeit ist stehengeblieben. Oder besser: Die Zeit schreitet weiter voran, jedoch nicht für die Menschen. Während Pflanzen und Tiere nach wie vor geboren werden, wachsen und sterben, scheint der Mensch kein Teil der Natur mehr zu sein: Embryos, Neugeborene und überhaupt alle Menschen verbleiben in exakt jenem Entwicklungszustand, in dem sie sich in der Sekunde dieses mysteriösen Ereignisses befanden. Niemand wird mehr geboren und niemand stirbt. Schwangere bleiben schwanger, Krebspatientinnen und eigentlich tödlich Verwundete sterben doch nicht, Rentnerinnen blühen angesichts der geschenkten Lebenszeit neu auf, während Entbindungsstationen und Bestattungsinstitute ihre Türen schließen und Beatmungsgeräte ebenso überflüssig werden wie die Nahrungsaufnahme.

Tag um Tag, Woche um Woche folgen so aufeinander, ohne, dass auch nur ein einziger Mensch um eine Millisekunde altert. Während die einen einfach das beste aus dieser unerwartet gewonnenen Lebenszeit machen, beginnen andere sich zu fragen: Ist das eine Verschwörung? Verheimlicht die Regierung etwas? Kann diesem Zustand ein Ende gesetzt werden - individuell, indem man das eigene Leben beendet, oder kollektiv, indem in den Relikten alter indigener Kulturen nach Antworten gesucht wird?

Lundes Gedankenexperiment liest sich in den ersten beiden Dritteln des Romans unglaublich spannend. Durch die verschiedenen Figuren ergeben sich viele verschiedene Blickwinkel auf die Situation, Vor- und Nachteile des plötzlichen Nicht-mehr-Alterns werden gegenübergestellt. Gefühlt hätte der Roman gerne noch 100 oder auch 200 Seiten länger sein können, um die einzelnen Protagonist*innen länger begleiten zu können und vor allem auch, um das Ende etwas runder zu machen. Denn wie beim Lesen befürchtet endet der Roman recht abrupt, die gelieferte Lösung ist eigentlich kaum als solche zu bezeichnen und wird den zuvor aufgeworfenen Fragen in ihrer Komplexität mMn nicht gerecht. Mit dem, was über 300 Seiten mühevoll aufgebaut wurde, geschieht am Ende - nichts. All die offenen Fragen und potentiell tiefgründigen Gedanken verpuffen einfach so, und mit ihnen leider auch ein Großteil des Effekts, den der Roman hätte haben können. Das war dann doch sehr schade und schränkt die (eigentlich große) Lesefreude im letzten Moment ziemlich ein.

Veröffentlicht am 14.02.2025

Highlight

Für Polina
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Hannes und Polina, Polina und Hannes. Von kleinauf sind sie unzertrenntlich, durchstreifen gemeinsam das Moor, nehmen sich vor morschen Birken in Acht, lungern im Sommer auf der Vortreppe der alten Moorvilla ...

Hannes und Polina, Polina und Hannes. Von kleinauf sind sie unzertrenntlich, durchstreifen gemeinsam das Moor, nehmen sich vor morschen Birken in Acht, lungern im Sommer auf der Vortreppe der alten Moorvilla mit Blick auf den Rhabarber herum und lauschen den Klängen des Klaviers, die durch die endlosen Gänge hallen. Auf Außenstehende mag es irritierend wirken, wie sie aufwachsen; sie, die Kinder alleinerziehender Mütter, die in ihren Putzjobs kaum genug verdienen, um über die Runden zu kommen; sie, die eine Kindheit fernab des nächsten Dorfes in den heruntergekommenen Gemäuern und der Obhut des etwas exzentrischen Heinrich Hildebrands führen und barfuß die Gegend durchstreifen. Und doch: Ihnen gehört die Welt. Ihr Leben ist Freiheit.

Doch dann geschieht eines Tages das Unfassbare: ein tragischer Unfall, die Morridylle nimmt ein plötzliches Ende. Hannes muss fort, der einst so innige Kontakt zu Polina fasert aus und bricht irgendwann ab. Die Tage ihrer Kindheit bleiben für Hannes stets wärmende Erinnerung, bis ihm irgendwann bewusst wird: Er braucht Polina. Er muss sie finden. Auch, wenn er dazu seine Schatten überwinden und wieder komponieren muss, wie er es als Kind auf dem alten verstimmten Klavier in der Moorvilla getan hat.

Was für ein Roman! Eine kurze Zusammenfassung wie diese kann dem nicht ansatzweise gerecht werden. Die Einfühlsamkeit, mit der Würger jede einzelne seiner Figuren zeichnet und selbst Nebenfiguren, die nur wenige Male auftreten, einen ganz eigenen, vielschichtigen Charakter verleiht, ist zutiefst beeindruckend und lässt Hannes' Welt lebendig und authentisch werden. Das typische CoA-Feeling vermischt sich mit einem stets etwas melancholischen Unterton und den leisen Klängen der Klaviere, die auch nach dem Auszug aus der Villa in Hannes' Leben präsent bleiben.

So emotional "Für Polina" auch ist, ist der Roman doch kein ausschließlich trauriges Buch in dem Sinne - immer wieder schimmern auch humorvolle Momente durch, bringen die schrulligen Nebenfiguren zum Lächeln. Hannes durch seine Zeit als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener zu begleiten fühlt sich an wie eine Berg-und-Tal-Fahrt: Es gibt Höhen und Tiefen, man freut sich, hofft und leidet mit ihm und durchläuft während des Lesens so ziemlich alle Emotionen, die man sich erdenken kann. Das und Würgers Schreibstil, der stets atmosphärisch, mal poetisch und dann wieder wunderbar leicht ist und und dabei die Leser*innen führt, indem er genau in den richtigen Momenten und im richtigen Maß die Schwere der jeweiligen Situation begreifbar werden lässt, danach jedoch stets auch wieder auffängt, machen "Für Polina" zu einem großartigen Roman. Tiefempfundene Freundschaft, erste Liebe, Musik, Verlust, Trauer und Hoffnung, all das und noch viel mehr ist hier zwischen den Seiten zu finden. "Für Polina" ist einer der Romane, in denen man komplett abtauchen kann und am liebsten nie mehr auftauchen würde, der mitnimmt und auch nach der Lektüre im Gedächtnis bleibt. Ein absolutes Highlight.

  • Einzelne Kategorien
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Veröffentlicht am 08.12.2024

Gutes Buch zu wichtigem Thema

Strong Female Character
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Autismus wird gerade bei Frauen immer noch viel zu häufig nicht erkannt. Das liegt nicht nur daran, dass generell wenige Psychologinnen auf das Thema spezialisiert sind, sondern vor allem auch daran, dass ...

Autismus wird gerade bei Frauen immer noch viel zu häufig nicht erkannt. Das liegt nicht nur daran, dass generell wenige Psychologinnen auf das Thema spezialisiert sind, sondern vor allem auch daran, dass die Diagnosekriterien noch immer stark auf männlichen Autismus zugeschnitten sind. Inselbegabung, Beziehungsunfähigkeit, keinen Blickkontakt halten und keinen Smalltalk führen können, sich für Informatik, Technik und Züge begeistern - zack, fertig ist der stereotypische Autist. Dass es so einfach nicht sein kann, dürfte uns allen spätestens nach einer Sekunde des Nachdenkens klar werden.

Fern Brady erzählt in ihrem Erfahrungsbericht davon, wie es ihr vor und während der recht späten Diagnose ergangen ist. Wie wenig ernst ihre Vermutung genommen wurde ('Du hattest doch schon Beziehungen, wie kannst du da autistisch sein?'), wie befreiend die Diagnose war, und wie steinig der Weg ist, der noch vor ihr liegt. Sie berichtet dabei sehr offen und schonungslos auch von privatesten Erlebnissen, Beziehungskonflikten und psychischen Zusammenbrüchen. Von dysfunktionalen Familienverhältnissen und Gewalterfahrungen und vor allem auch von dem Gefühl, irgendwie anders zu sein, irgendwie nicht klarzukommen in dieser Welt, die so wenig auf Menschen im Autismusspektrum achtgibt. Wie schwierig es ist, als weiblich sozialisierte Person diagnostiziert zu werden und mit welchen Stereotypen und Vorurteilen man anschließend Tag für Tag konfrontiert wird.

Und auch hier wieder: Bradys Buch ist ein persönlicher Einblick, nichts von dem, was sie berichtet, muss automatisch auch auf andere Autist
innen zutreffen. Nichts mit 'Kennst du eine*n, kennst du alle'. In einigen Punkten habe ich mich, die ich selbst Autistin bin, wiederentdeckt, in vielen so überhaupt nicht. Trotzdem tut es unglaublich gut, Bücher wie dieses zu lesen. Zu sehen, da sind andere Menschen, die auch ihre Probleme haben. Die auch schauen müssen, wie sie klarkommen, und zwar jeden einzelnen Tag. Bücher wie dieses hier sind wichtig, nicht nur für Betroffene, sondern auch als Beitrag zur Aufklärung über ein Thema, das nach seiner Ansprache meistens nach 2 Sätzen in peinlichem Schweigen endet.

Es gibt viele Bücher, die sich differenzierter mit dem Thema auseinandersetzen, die einen umfassenderen Überblick bieten und als Einführung sicherlich geeigneter sind als dieses. Aber es ist immer auch wichtig, Betroffene selbst zu Wort kommen zu lassen und sich nicht nur einen Katalog an Merkmalen zusammenzusuchen, so vielfältig der auch sein mag. In diesem Sinne gibt "Strong Female Character" einen schönen, wirklich ehrlichen Einblick und ergänzt meine private "Autismusbibliothek" auf jeden Fall gut. Danke dafür.

Veröffentlicht am 25.11.2024

Einsamkeit im Norden

Als wir im Schnee Blumen pflückten
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Biera und Mariddja leben allein in einer Hütte hoch oben im Norden Schwedens. Beide sind sie alt, und Mariddja hat gerade erst erfahren, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Vor Biera will sie das jedoch ...

Biera und Mariddja leben allein in einer Hütte hoch oben im Norden Schwedens. Beide sind sie alt, und Mariddja hat gerade erst erfahren, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Vor Biera will sie das jedoch geheimhalten, da er längst dement ist und sie ihm nicht auch noch ihre eigene Krankheit zumuten kann. Hilfe wollen die beiden auf keinen Fall - sie werden bleiben, wo sie immer waren. Und sie kommen ja auch gut zurecht, findet Mariddja. Trotzdem freut sie sich sehr, als sie eines Tages in der Telofonistin in Bieras Smartphone eine etwas freche, aber sehr nette Gesprächspartnerin entdeckt. Mariddja beginnt, fast täglich mit Siré (in der derdie Leserin unschwer "Siri" erkennen wird) zu telefonieren, und es kommt zu einigen sehr skurrilen Situationen. Für Mariddja wird Siré schnell zur Komplizin, denn bevor sie stirbt, hat Mariddja noch einen letzten, großen Wunsch: Sie will ihren Neffen wiederfinden, der als kleiner Junge lange bei ihr und Biera aufgewachsen ist und dann abrupt aus ihrem Leben verschwand. Parallel gibt es einen zweiten Erzählstrang, in dem ein junges Paar ins Dorf zieht, das fortan in der Gesundheitszentrale arbeiten wird, und das bald auch auf die schwierige Lage von Mariddja und Biera aufmerksam wird.

Die Lektüre lässt etwas zwiegespalten zurück. Mariddjas und Bieras Geschichte ist herzerwärmend erzählt und macht auf sehr feinfühlige Art und Weise aufmerksam auf die Situation vieler älterer Meschen, die zunehmend vereinsamen und sich weigern, Hilfe anzunehmen, weil sie "doch bis jetzt auch immer klargekommen" sind. Dabei ist die Grundstimmung zwar durchaus eine nachdenkliche und auch ein wenig traurig, immer wieder aber auch von humorvollen Szenen durchsetzt. Die Balance dazwischen gelingt dem Roman wunderbar.
Schade ist hingegen, dass die Verflechtung beider Handlungsstränge recht lang auf sich warten lässt, obwohl sie für halbwegs aufmerksame Leser*innen schnell zu erahnen ist. Zwar ist die erste Buchhälfte unterhaltsam zu lesen, tritt von der Handlung her jedoch eher auf der Stelle; ein wenig Durchhaltevermögen ist also schon gefragt.
Alles in allem mit ein paar Abzügen ein ganz schöner Roman.