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Annikii

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.04.2026

Heilende Nähe, leise Stärke und der Mut, sich selbst zu wählen

Ein Blick von dir
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"Ein Blick von dir" ist eine intensive, warme und gleichzeitig sehr ehrliche Geschichte über Selbstwert, Heilung und die leisen Wege, wie Nähe entstehen kann. Schon früh wird klar, dass dieser Roman weit ...

"Ein Blick von dir" ist eine intensive, warme und gleichzeitig sehr ehrliche Geschichte über Selbstwert, Heilung und die leisen Wege, wie Nähe entstehen kann. Schon früh wird klar, dass dieser Roman weit mehr ist als eine klassische Liebesgeschichte – es geht um alte Prägungen, innere Zweifel und den Mut, sich selbst ernst zu nehmen.

Gesa ist eine Protagonistin, die mir unglaublich naheging. Ihre Unsicherheiten, ihr ständiges Entschuldigen und das Bedürfnis, niemandem zur Last zu fallen, wirken schmerzhaft real. Die Darstellung von People Pleasing und emotionaler Abwertung – sowohl in ihrer Beziehung zu Levi als auch in ihrem familiären Umfeld – ist sensibel und glaubwürdig umgesetzt. Man spürt förmlich, wie sehr Gesa lernen muss, ihren eigenen Wert nicht länger vom Außen abhängig zu machen.

Joel bildet dazu einen ruhigen, achtsamen Gegenpol. Auch er trägt Verletzungen mit sich, die sein Verhalten erklären, ohne es zu verklären. Besonders gelungen fand ich, dass er nicht als „perfekter Retter“ gezeichnet wird, sondern als Mensch mit Ängsten, Rückzugstendenzen und Lernprozessen. Ihre Annäherung ist leise, respektvoll und geprägt von echtem Sehen – nicht von großen Gesten, sondern von kleinen Momenten.

Ein starkes Bild des Romans ist das Bergsteigen: als Sinnbild für Entwicklung, Überwindung und persönliches Wachstum. Dass Gesa am Ende nicht nur emotional, sondern auch symbolisch ihren Gipfel erreicht, empfand ich als sehr kraftvoll.

Auch der Umgang mit Levi bleibt differenziert. Sein Verhalten – insbesondere die Wette um den Antrag – setzt klare Grenzen und zeigt, wie toxisch vermeintliche Kontrolle und Leistungsdruck werden können. Umso stimmiger wirkt Gesas finale Entscheidung.

Der Epilog rundet die Geschichte ruhig und realistisch ab. Kein überzogenes Märchen, sondern ein vorsichtiges, hoffnungsvolles Weitergehen. Besonders berührend fand ich auch das Nachwort der Autorin – offen, reflektiert und nah.

Insgesamt ist "Ein Blick von dir" ein Roman, der nachhallt: warm, tiefgehend und mit viel Respekt für seine Figuren und deren Entwicklung.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Ein Ort zwischen Verlust, Hoffnung und Neubeginn

Ein Ort, der bleibt
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Das Cover von "Ein Ort, der bleibt" hat mich sofort angesprochen. Es wirkt ruhig und zugleich bedeutungsvoll und passt sehr gut zur Stimmung des Romans. Auch die Gestaltung insgesamt unterstreicht den ...

Das Cover von "Ein Ort, der bleibt" hat mich sofort angesprochen. Es wirkt ruhig und zugleich bedeutungsvoll und passt sehr gut zur Stimmung des Romans. Auch die Gestaltung insgesamt unterstreicht den literarischen Charakter des Buches und stimmt gut auf die Geschichte ein.

Der Roman erzählt von Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen und an einem neuen Ort versuchen, Wurzeln zu schlagen. Dabei werden mehrere Zeitebenen und Lebensgeschichten verbunden, die durch einen besonderen Ort miteinander verknüpft sind. Ohne zu viel vorwegzunehmen, geht es um Verlust, Anpassung und die Frage, was bleibt, wenn sich das Leben grundlegend verändert. Die historische Einbettung empfand ich als spannend und gut recherchiert, da sie der Geschichte Tiefe verleiht, ohne belehrend zu wirken.

Der Schreibstil ist ruhig, sachlich und stellenweise sehr detailreich. Mir hat gefallen, dass sich die Autorin Zeit nimmt, Orte, Pflanzen und Zusammenhänge genau zu beschreiben. Das sorgt für eine dichte Atmosphäre, verlangte mir aber auch Aufmerksamkeit ab. An manchen Stellen hätte ich mir etwas mehr emotionale Nähe zu den Figuren gewünscht, da sie für mich trotz ihrer interessanten Lebenswege einen kleinen Abstand bewahrten. Insgesamt wirken sie jedoch glaubwürdig und in ihrem Handeln nachvollziehbar.

Besonders interessant fand ich die Verbindung von Natur, Geschichte und persönlichen Schicksalen. Dass reale historische Hintergründe in die Handlung einfließen, macht das Buch für mich zusätzlich reizvoll und hebt es von vielen reinen Familienromanen ab. Die Autorin zeigt ein gutes Gespür dafür, komplexe Themen ruhig und unaufgeregt zu erzählen.

"Ein Ort, der bleibt" ist ein vielschichtiger Roman, der Zeit und Ruhe beim Lesen verlangt. Trotz kleiner Längen eine klare Leseempfehlung für alle, die gerne tiefgründige Romane lesen.

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Veröffentlicht am 09.04.2026

Dunkle Vergangenheit, bittere Wahrheiten – ein intensiver Grenzkrimi mit starkem Thema

Nordlicht - Das fremde Gesicht
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Mit „Nordlicht – Das fremde Gesicht“ legt Anette Hinrichs einen düsteren, psychologisch geprägten Kriminalroman vor, der sich intensiv mit Schuld, Schweigen und den langfristigen Folgen von Mobbing auseinandersetzt. ...

Mit „Nordlicht – Das fremde Gesicht“ legt Anette Hinrichs einen düsteren, psychologisch geprägten Kriminalroman vor, der sich intensiv mit Schuld, Schweigen und den langfristigen Folgen von Mobbing auseinandersetzt. Bereits früh wird klar, dass die Mordserie weit in die Vergangenheit reicht – und genau dieser Aspekt verleiht dem Fall seine beklemmende Tiefe.

Der Einstieg gelingt mühelos, auch ohne Vorkenntnisse der Reihe. Zwei zunächst getrennte Mordfälle auf deutscher und dänischer Seite fügen sich nach und nach zu einem komplexen Gesamtbild zusammen. Die Inszenierung der Tatorte und die wiederkehrenden Details sorgen für eine konstante Spannung, ohne effekthascherisch zu wirken.

Besonders gelungen fand ich die Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit. Die Rückblenden in das Sommercamp vor zehn Jahren machen nachvollziehbar, wie aus einem tragischen Ereignis ein Netz aus Schuld, Vertuschung und Verdrängung entstehen konnte. Dass dabei nicht nur Täter, sondern auch Mitläufer und schweigende Erwachsene beleuchtet werden, verleiht der Geschichte eine erschreckende Realitätsnähe.

Die Ermittler Vibeke Boisen und Rasmus Nyborg sind vielschichtige Figuren, gerade Rasmus bewegt sich jedoch zunehmend in einer moralischen Grauzone. Seine persönlichen Alleingänge sorgen zwar für zusätzliche Spannung, wirken stellenweise aber auch überzogen und haben mich nicht immer überzeugt. Gleichzeitig spiegelt seine Entwicklung gelungen das zentrale Motiv des Romans: Wie weit darf oder kann man gehen, wenn man Schuld sühnen oder Unrecht vergelten will?

Die Auflösung des Falls ist schlüssig und konsequent, auch wenn sie sich gegen Ende deutlich abzeichnete. Die Hintergründe sind tragisch und lassen einen nachdenklich zurück – einfache Antworten oder Sieger gibt es hier nicht. Der Epilog setzt schließlich einen starken, emotionalen Schlusspunkt und macht neugierig auf den nächsten Band der Reihe.

Insgesamt ist „Das fremde Gesicht“ ein atmosphärischer, thematisch anspruchsvoller Krimi, der weniger auf Überraschungseffekte als auf psychologische Nachvollziehbarkeit setzt. Kein reiner Pageturner, aber ein intensiver Roman, der lange nachwirkt.

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