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Veröffentlicht am 07.03.2025

Memoir einer mutigen jungen Frau

I'm Glad My Mom Died
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Jennette ist 6, als ihre Mutter sie zum ersten Schauspiel-Casting bringt. Ihre Tochter soll es einmal besser haben als sie selbst.
Von nun an tut sie alles, um aus ihrer Tochter einen Star zu machen.
Dabei ...

Jennette ist 6, als ihre Mutter sie zum ersten Schauspiel-Casting bringt. Ihre Tochter soll es einmal besser haben als sie selbst.
Von nun an tut sie alles, um aus ihrer Tochter einen Star zu machen.
Dabei nimmt sie keine Rücksicht auf Jennettes Gefühle, Träume und Gesundheit.

Viele kennen Jennette McCurdy als Sam aus der Nickelodeon-Serie “iCarly”. Auch ich habe sie damals gern gesehen und war Fan der eigensinnigen Sam. Umso erschrockener war ich, als ich Jahre später erfahren musste, dass “Sam” nie freiwillig vor der Kamera stand und welchen Leidensweg die junge Jennette damals schon hinter sich hatte.
In ihrem Memoir “I'm Glad My Mom Died” erzählt sie von ihrer toxischen Beziehung zu ihrer Mutter, die ohne Rücksicht auf Verluste einen Star aus ihrer Tochter machen wollte - was ihr eigener Traum war, nicht der Jennettes.
Die Erzählung ist unglaublich erschütternd. Obwohl der Ton sehr humorvoll und locker klingt, ist der Inhalt wirklich keine leichte Kost. Ich musste mir öfter bewusst machen, dass dies keine Fiktion, sondern eine Biografie ist.
Aus kindlicher Perspektive berichtet Jennette wie toll sich ihre Mum um sie kümmert, was sie alles für ihre Karriere opfert - als erwachsener Leserin hat man leider mehr Wissen und einen anderen Blick auf die Handlung. Genau diesen Unterschied zwischen damaliger und jetziger Wahrnehmung bringt sie gut auf den Punkt. Interessant ist auch zu verfolgen, wie Jennette nach und nach bewusst wird, dass ihr eigenes Glück nie Priorität hatte, sondern immer nur das ihrer Mum. Und wie schwierig es für sie war/ ist, sich selbst vorne anzustellen.
Es macht auch deutlich, welchen Einfluss emotionaler und körperlicher Missbrauch auf Kinder hat, welche psychischen Krankheiten sie noch jahrelang verfolgen und wie schwierig es ist, alte Muster zu durchbrechen, selbst wenn der/ die Peinigerin keinen direkten Einfluss mehr hat.

Oft habe ich als Kritik gelesen, dass dies ja ein sehr einseitiger Bericht sei, die kindliche Wahrnehmung selektiv und die Mutter nicht mehr befragt werden kann, um das Geschriebene zu verifizieren. Aber wie wäre es denn, wenn wir einfach mal Opfern Glauben schenkten? Und ja, es ist ein einseitiger Bericht, aber das hat eine Biografie oft so an sich. Schließlich möchte Jennette ihre Mutter nicht vor Gericht verurteilen, sondern einfach ihre Geschichte und ihren Weg der Heilung erzählen. Und das ist ihr gelungen. Ich bewundere ihren Mut, ihre Ehrlichkeit und ihren Umgang damit und hoffe, sie ist heute da, wo sie sein möchte. ⭐️5/5⭐️

Übersetzt von Henriette Zeltner-Shane und Sylvia Bieker

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Veröffentlicht am 28.02.2025

Solider Justizkrimi

Der zweite Verdächtige
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Jan Staiger soll einen Bekannten mit einer Überdosis Liquid Ecstasy umgebracht haben.
Er beteuert seine Unschuld und sein Strafverteidiger Rocco Eberhardt glaubt ihm.
Bis es ein zweites Opfer gibt und ...

Jan Staiger soll einen Bekannten mit einer Überdosis Liquid Ecstasy umgebracht haben.
Er beteuert seine Unschuld und sein Strafverteidiger Rocco Eberhardt glaubt ihm.
Bis es ein zweites Opfer gibt und erneut alle Spuren zu Staiger führen.

“Der zweite Verdächtige” ist der fünfte und letzte Justizkrimi vom Autorenduo Schwiecker und Tsokos. Wieder einmal überzeugen sie durch ihre nüchterne, unaufgeregte Erzählart und bauen mit kurzen Kapiteln und schnellen Szenenwechseln Spannung auf. Obwohl man als Leser*in weiß, dass Staiger unsch
uldig ist, fängt man mit Eberhardt an zu zweifeln und hofft ständig auf ein kleines Indiz, das auf die Lösung schließen lässt - doch tappt bis zum Schluss im Dunkeln.

Das Kernstück der Handlung ist die Gerichtsverhandlung, inklusive Eberhardts Verteidigungsstrategie und privaten Ermittlungen. Durch Florian Schwieckers Expertise sind diese Szenen besonders gelungen und für mich persönlich die größte Stärke der gesamten Reihe.
Die Rolle des Rechtsmediziners Justus Jamer ist erneut sehr klein - wer sich dafür interessiert, wird hier vielleicht enttäuscht sein.
Die Thematik ist diesmal nicht so außergewöhnlich wie bei den Vorgängern, dennoch nicht weniger brisant: Es geht um Homophobie und Machtmissbrauch im Polizeiwesen.
Die Auflösung ist zwar nicht unbedingt erwartbar, hat mich aber auch nicht überzeugt. Das Motiv des Täters ist nicht wirklich nachvollziehbar und etwas zu schwach für einen Doppelmord. Auch der letzte Twist ganz zum Schluss war für meinen Geschmack etwas drüber.

Dennoch kann ich “Der zweite Verdächtige”, genauso wie seine Vorgänger, all denjenigen empfehlen, die sich für spannende Gerichtsprozesse interessieren und nahbare Protagonisten mögen. ⭐️3,5/5⭐️

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Veröffentlicht am 28.02.2025

Oberfläch und vorhersehbar

Was uns zusammenhält
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“Was uns zusammenhält” ist ein Roman, der den Fokus auf eine Frazenfreundschaft legt. Wechselnde Perspektiven und Sprünge zwischen Gegenwart und Vergangenheit zeigen den Leser*innen die Dynamik dieser ...

“Was uns zusammenhält” ist ein Roman, der den Fokus auf eine Frazenfreundschaft legt. Wechselnde Perspektiven und Sprünge zwischen Gegenwart und Vergangenheit zeigen den Leser*innen die Dynamik dieser toxischen Beziehung auf, von Beginn an bis zur Tatnacht Jahrzehnte später.
Trotz der 500 Seiten umfassenden Geschichte kratzt Carola Lovering dabei nur an der Oberfläche. Ich fand es weder “psychologisch geschickt”, noch “mit viel Empathie”, wie es der Klappentext verspricht. Eher ist die ganze Umsetzung sehr plump.
Der Schreibstil ist anspruchslos und einfach gehalten, was aber dazu führt, dass man die Seiten gut weglesen kann. Viele Wendungen und Geheimnisse werden nicht nur unterschwellig angedeutet, sondern aufdringlich platziert und zwar mehrere Male, sodass es so gut wie keine Aha-Momente gibt, wenn sie aufgedeckt werden.
Die Protagonistinnen laden nicht zum Mitfühlen ein, sondern sind nervig einsilbig - erst nach der Entführung bekommt Cassie endlich ein paar Facetten mehr und man empfindet das erste Mal Empathie. Sehr gestört haben mich auch die unrealistischen Darstellungen von Mutterschaft. Ja, ein Baby tut - kaum zu glauben - mehr als alleine im Bettchen schlafen oder zufrieden in der Wippe zu spielen.
Insgesamt finde ich die Grundidee sehr spannend, auch dass keine Liebesbeziehung, sondern eine Freundschaft im Vordergrund steht. Die Kehrseiten von Social Media werden gut dargestellt. Doch leider ist die ganze Geschichte sehr vorhersehbar und vor allem oberflächlich geworden und ein paar kürzere, dafür authentischere Szenen hätten ihr sicher gutgetan. ⭐️2,5/5⭐️

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Veröffentlicht am 20.02.2025

Moralische Dilemmata

Dunkle Momente
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Eva Herbergen ist Strafverteidigerin.
Sie weiß, dass es kein Gut und Böse gibt, dass oft eine falsche Entscheidung reicht, um Täterin zu werden.
Und dann gibt es da diesen einen Fall, der ihre Arbeit in ...

Eva Herbergen ist Strafverteidigerin.
Sie weiß, dass es kein Gut und Böse gibt, dass oft eine falsche Entscheidung reicht, um Täterin zu werden.
Und dann gibt es da diesen einen Fall, der ihre Arbeit in den folgenden Jahren beeinflussen wird, diesen einen Fall, den sie einfach nicht vergessen kann.

In “Dunkle Momente” lässt Elisa Hoven ihre Protagonistin Eva Herbergen, Strafverteidigerin, Revue passieren. Sie erzählt von neun außergewöhnlichen Fällen, die ihr nicht aus dem Kopf gehen, insbesondere der neunte, der ihr ganzes weiteres Berufsleben beeinflusst hat.
Interessant ist dabei, dass die Autorin selbst Richterin und Professorin für Strafrecht ist und die Geschichten angelehnt an reale Fälle sind. Dabei vermittelt sie ihr Fachwissen so vereinfacht, dass jeder Laie die juristischen Sachverhalte gut verstehen kann.
Die Beschreibungen der Taten sind oft grausam und explizit, die Darstellungen der Täter
innen dafür umso einfühlsamer. Hoven stellt anhand ihrer Beispiele heraus, dass es kein Gut und Böse gibt, kein Schwarz und Weiß und dass Recht nicht immer Gerechtigkeit bedeuten muss. Eine Entscheidung kann oft genügen, um aus einem “guten” Menschen einen “bösen” zu machen, ein kurzer Moment, um Opfer oder Täter*in zu werden.
Dabei werden wir oft von unerwarteten Wendungen überrascht, vom unkonventionellen Vorgehen der Protagonistin oder moralischen Dilemmata trotz rechtskräftiger Verurteilung.
Inhaltlich erinnert der Roman also an von Schirachs Stories, mit dem Unterschied, dass das Privatleben der Strafverteidigerin eine etwas größere Rolle einnimmt, man mehr darüber erfährt, was besagte Fälle in ihr auslösen.

Sprachlich hat mich “Dunkle Momente” dafür leider nicht überzeugt. Es ist zwar flüssig erzählt, manchmal aber einsilbig und lieblos formuliert. Einige Sätze sind holprig, wenig aussagekräftig und nicht pointiert. Die Andeutungen auf den zuletzt erzählten, alles verändernden Fall, sind so plump, dass sie mich regelrecht genervt haben.

Nichtsdestotrotz hat jede der neun Geschichten absolute Sogwirkung, jede berührt einen beim Lesen mehr oder weniger und jede regt zum Nachdenken an. Das Buch zeigt, dass man niemanden vorschnell verurteilen sollte und gibt interessante sowie authentische Einblicke in Gerichtsprozesse. ⭐️4/5⭐️


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Veröffentlicht am 20.02.2025

Literarischer Whodunit-Krimi

Der Gott des Waldes
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August 1975: Ein Mädchen verschwindet aus dem Feriencamp.
Und nicht irgendeines: Es ist Barbara Van Laar, deren Bruder Bear vor vierzehn Jahren im selben Wald verschollen ist und bis heute nicht gefunden ...

August 1975: Ein Mädchen verschwindet aus dem Feriencamp.
Und nicht irgendeines: Es ist Barbara Van Laar, deren Bruder Bear vor vierzehn Jahren im selben Wald verschollen ist und bis heute nicht gefunden wurde.
Ein schrecklicher Zufall? Hat es jemand auf die Van Laars abgesehen? Oder haben sie am Ende selbst etwas damit zu tun?

Mit “Der Gott des Waldes” beweist Liz Moore die Vereinbarkeit von einem klassischen Kriminalfall mit Gesellschaftskritik, demonstriert, dass Spannung nicht an reißerische Floskeln und brutales Blutvergießen gebunden sein muss, sondern auch literarisch hochwertig erzeugt werden kann und dass viele Einzelschicksale eine gemeinsame Geschichte erzählen können.

Aufgrund der hohen Personenzahl fällt der Einstieg zunächst etwas schwer, später zeigt sich jedoch, dass genau diese eine der großen Stärken des Romans ausmacht: Liz Moore beleuchtet die Biografien so vieler Figuren, haucht ihnen Leben ein, gibt ihnen Stimmen und erzeugt auf diese Weise mehrere Nebenstränge, die fast genauso spannend sind wie die Aufklärung der Vermisstenfälle. Nach und nach setzen sich die einzelnen Bilder wie Puzzleteile zusammen und ergeben ein großes Ganzes.

Moore versetzt uns nicht nur mitten in die Wildnis, sondern auch in eine atmosphärische Ferienlagerjugend, mit allem was dazugehört: Schauergeschichten am Lagerfeuer, Freundschaften, erste Liebeleien, Wahrheit-oder-Pflicht-Abende.
Wir werden aber auch Gäste von High-Society-Feiern, beobachten dabei, welche Intrigen und Vertuschungen sich zwischen Glanz, Glamour und Drinks abspielen und was der Preis für Erfolg und Ansehen ist.
Außerdem verfolgen wir den Werdegang einer jungen Ermittlerin in den 70ern, die sich nicht von Sexismus und Misogynie unterkriegen lässt und willensstark ihren Weg bestreitet.

Die Aufklärung der beiden Vermisstenfälle ist das Kernstück des Buches. Um das volle Ausmaß zu verstehen, wird der Zeitraum zwischen 1950 und 1975 aus wechselnden Perspektiven beleuchtet.
Die Autorin setzt dabei geschickt platzierte Fallen, lässt bis zum Schluss jeden verdächtig wirken, bis sie dann mit einer unerwarteten Auflösung überrascht, bei der man seinen inneren Detektiv anzweifelt und sich fragt, wie man alle Hinweise darauf übersehen konnte.

“Der Gott des Waldes” ist also ein klassischer “Whodunit”-Krimi, bedient sich aber auch an Elementen des Gesellschaftsromans und kann qualitativ mit Werken von Donna Tartt und Stephen King mithalten. ⭐️5/5⭐️

*Übersetzt von Cornelius Hartz


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