Hat mich zutiefst berührt
Lächelnd ist Jennette McCurdy auf dem Cover abgebildet. Der Blick ist in die Ferne gerichtet, in den Händen hält sie eine pinke Urne mit Konfetti, passend zum Titel "I'm Glad My Mom Died".
Der Titel erweckt ...
Lächelnd ist Jennette McCurdy auf dem Cover abgebildet. Der Blick ist in die Ferne gerichtet, in den Händen hält sie eine pinke Urne mit Konfetti, passend zum Titel "I'm Glad My Mom Died".
Der Titel erweckt Aufmerksamkeit und die Frage, warum die ehemalige Schauspielerin froh über den Tod ihrer Mutter ist. Zum Ende der Lektüre begreift man als Leserin: Durch den Tod der Mutter konnte sich Jennette endlich irgendwann von jahrelangen destruktiven Verhaltensmustern lösen. Doch bis dahin ist es ein langer Weg.
Das Buch beginnt an Jennettes sechstem Geburtstag. Sie wünscht sich beim Auspusten der Kerzen, dass ihre Mama nach überstandener Krebsbehandlung noch ein weiteres Jahr zu leben hat. Dieser Geburtstagswunsch bleibt viele Jahre lang derselbe, bis zum Krebstod der Mutter.
Im Alter von sechs hat Jennette auch ihre ersten Castings. Ihre Mutter durfte nicht Schauspielerin werden, Jennette hat kein Interesse daran. Doch sie fügt sich, möchte ihre Mama glücklich machen, richtet ihre Bedürfnisse nach denen ihre Mutter aus. So wird sie es bis ins junge Erwachsenenalter halten.
Die Schauspielerei macht sie unglücklich. Mit elf entwickelt sie essgestörtes Verhalten, das ihre Mutter ihr beigebracht hat. Zwänge kommen hinzu, die Esstörungen wechseln zwischen Anorexie, Binge-Eating und Bulimie.
Inzwischen ist Jennette bekannt aus "iCarly" und "Sam&Cat". Der Tod der Mutter in dieser Zeit wirft sie aus der Bahn und befeuert ihre Essstörung. Eine Alkoholsucht kommt hinzu.
Nach dem Tod der Mutter verklärt sie diese, verharrt im ständig von ihrer Mutter wiederholtem Narrativ, sie habe immer nur das Beste für Jennette gewollt. So führt sie ein Leben weiter, das nach wie vor wie fremdgesteuert erscheint.
Trotzdem hat sie nach Jahren die Kraft, den Mut und die Reflexionsfähigkeit an ihrem Leben zu arbeiten und zu der Erkenntnis zu gelangen: Ihre Mutter war eine Narzisstin, mit der sie in einer toxischen, missbräuchlichen Beziehung stand.
Durchflochten ist der Erzählstil mit bitterem Humor, Dagmar Bittner als Hörbuchsprecherin hat die Geschichte hervorragend wiedergegeben.
Die Handlung hat eine Suchtwirkung, derer man sich nicht entziehen kann. Jennette McCurdy lässt die Leserin hautnah an ihre Erinnerungen.
An die der kleinen Jennette, die schon so viel Verantwortung tragen muss, indem sie als Schauspielerin die Familie miternährt. Und an die der erwachsenen Jennette, die ihre Emotionen nur mit Hilfe der Bulimie zu bewältigen vermag, aber nach und nach ihren eigenen Weg zu einem selbstbestimmteren, gesünderen Leben findet.
Zusätzlich gibt es Einblicke hinter die Kulissen von "iCarly" und "Sam & Cat" - gut, dass Jennette das "Schweigegeld" des Senders damals nicht angenommen hat.
Ich bin auf das Buch aufmerksam geworden, als es auf Englisch erschienen ist, teilweise war es in den Buchhandlungen wohl nicht mehr zu bekommen. Die Rezensionen waren so gut wie ausnahmslos positiv und begeistert.
Dadurch hatte ich so hohe Erwartungen, dass ich befürchtet habe, ich könnte enttäuscht sein. Das war aber nicht der Fall, ich kann den positiven Rezensionen nur zustimmen.
Ich hatte das Glück, auf Netgalley das Hörbuch als Rezensionsexemplar zu erhalten. Vielen Dank an Netgalley und den S. Fischer Verlag dafür.
Das Buch habe ich mir selbst gekauft, weil ich es mir auch in physischer Form ins Regal stellen wollte. Ein wenig schade finde ich den "Bekannt aus der Fernsehserie iCarly"-Sticker. Dieses Buch spricht so absolut für sich und Jennette selbst erwähnt, dass es ihr nicht gefällt, nur auf die Rolle in einer Kinderserie reduziert zu werden.
Für diese wunderbare, traurige, tragisch-komische und einfühlsame Biografie einer resilienten, tollen Autorin spreche ich natürlich eine große Leseempfehlung aus.