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Veröffentlicht am 15.05.2026

✎ Andrea Schwendemann - Von Geld, Gold und Guppys

Von Geld, Gold und Guppys
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Das Buch „Von Geld, Gold und Guppys: Wie aus deinem Taschengeld ein ganzer Schatz wird“ von Andrea Schwendemann hat bei mir eine zentrale Frage ausgelöst: Wie früh sollten Kinder wirklich verstehen, wie ...

Das Buch „Von Geld, Gold und Guppys: Wie aus deinem Taschengeld ein ganzer Schatz wird“ von Andrea Schwendemann hat bei mir eine zentrale Frage ausgelöst: Wie früh sollten Kinder wirklich verstehen, wie Geld funktioniert? Meine Tochter ist 8 Jahre alt und befindet sich noch am Anfang dieses Lernprozesses. Sie wächst in privilegierten Verhältnissen auf, in denen kein existenzieller Mangel spürbar ist. Gleichzeitig erlebt sie bereits, dass Wünsche begrenzt sind und Geld nicht einfach verfügbar ist, sondern durch Arbeit entsteht.

Der Opa hat begonnen, ihr in bestimmten Situationen Geld zu geben, das sie in einer Spardose bei ihm aufbewahrt. Der Gedanke dahinter ist klar: ein Ziel schaffen, etwas Größeres im Blick behalten, auch wenn das Ziel selbst noch nicht konkret definiert ist. Im Alltag wirkt das fast spielerisch, zeitgleich steckt darin ein erster realer Zugang zu Sparen, Verzögerung von Belohnung und den Wert des Geldes.

Das Buch setzt genau an solchen Grundlagen an und vermittelt viele Aspekte rund um Geld, Sparen und wirtschaftliche Zusammenhänge. Es erklärt zentrale Begriffe verständlich und schafft einen strukturierten Einstieg in finanzielle Themen für Kinder. Besonders die Breite der behandelten Inhalte fällt auf.

Diese Breite hat jedoch eine Grenze. Zukunftsrelevante Themen wie Altersvorsorge werden nicht behandelt, obwohl sie für das Verständnis langfristiger finanzieller Planung entscheidend sind. Im Index wird eine Passage zur Rente angekündigt, im angegebenen Bereich findet sich dazu jedoch keine Erklärung. Diese Diskrepanz wirkt wie eine inhaltliche Lücke innerhalb der Struktur.

Auch die Zielgruppe erscheint mir nicht ganz stimmig getroffen. Für ein Kind im Alter von 8 Jahren liegt die Informationsdichte teilweise über dem Niveau. Einige Inhalte entfalten ihren Nutzen vermutlich erst ein bis zwei Jahre später, wenn abstrakteres Denken stärker ausgeprägt ist.

Die äußere Gestaltung verstärkt diesen Eindruck indirekt. Das großformatige, wenig flexible Layout ist für mobile Lesesituationen ungeeignet und erschwert die praktische Nutzung im Alltag.

Problematisch wird es dort, wo inhaltliche Aussagen nicht sauber belegt sind. Auf Seite 20 steht:
„[…] Deshalb gibt es eine spezielle Bank in Frankfurt am Main, die Europäische Zentralbank (EZB). Nur sie darf in Deutschland Euro-Scheine drucken.“

Diese Aussage ist so nicht korrekt. Die EZB genehmigt die Gesamtmenge der auszugebenden Banknoten, legt technische Standards fest und koordiniert die Produktion im Euroraum.
„Die Banknoten werden in elf Hochsicherheits-Druckereien in Europa hergestellt. Anschließend werden sie an die verschiedenen nationalen Zentralbanken ausgeliefert.“ (Quelle: https://www.ecb.europa.eu/euro/banknotes/production/html/index.de.html?utm_source=chatgpt.com)

Auf Seite 108 wird außerdem erwähnt, dass es in Göteborg an einer Grundschule ein Fach namens „Geld-Wissen“ gebe. Ich selbst habe dazu im Internet leider nichts finden können.

Diese Beispiele zeigen ein Muster: Einzelne Aussagen sind nicht durchgängig ausreichend abgesichert. In einem Sachbuch für Kinder ist das relevant, weil solche Informationen schnell als gesichertes Wissen übernommen werden.

Positiv bleibt, dass das Buch interaktive Elemente und Aufgaben enthält, die das Thema praktisch erfahrbar machen. Sie fördern Anwendung statt reiner Theorie. Ergänzend hätten digitale Materialien, etwa über QR-Codes, den didaktischen Nutzen erweitern können.

Insgesamt liefert das Buch einen soliden Einstieg in finanzielle Grundthemen für Kinder, zeigt jedoch Lücken in der inhaltlichen Tiefe und in der Genauigkeit einzelner Aussagen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 15.05.2026

✎ Nikolaus Heidelbach - Wenn ich groß bin, werde ich Seehund

Wenn ich groß bin, werde ich Seehund
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Das Buch kommt ohne klassischen Klappentext aus. Dadurch entsteht bereits vor dem Lesen ein Orientierungsverlust, der den Einstieg erschwert und gleichzeitig Spannung erzeugt. Man wird ohne Vorwarnung ...

Das Buch kommt ohne klassischen Klappentext aus. Dadurch entsteht bereits vor dem Lesen ein Orientierungsverlust, der den Einstieg erschwert und gleichzeitig Spannung erzeugt. Man wird ohne Vorwarnung in eine erzählerische Welt geworfen, die sich erst nach und nach zusammensetzt.

Die Verlagsbeschreibung liefert im Nachhinein eine Rahmung: Eine Mutter, die selbst nie ins Wasser geht, beschreibt eine Unterwasserwelt voller eigenwilliger Figuren wie Neunaugen, Hofdugongs, Tintenprinzen, Meertrolle und Heringskönige. In dieser Logik existieren Seehunde, die ihr Fell ablegen, um menschliche Gestalt anzunehmen, und es wieder anziehen, sobald sie genug vom Menschsein haben. Ein Junge findet ein solches Fell unter dem Sofa und beginnt, die eigene Familienrealität neu zu interpretieren, bis die Mutter verschwindet.

Die Handlung beginnt zunächst märchenhaft, verschiebt sich jedoch zunehmend in eine schwerere, verstörendere Ebene. Besonders auffällig ist der Kontrast zwischen kindlich wirkender Fantasie und Momenten, die emotional deutlich verdichten und irritieren. Die Altersangabe ab vier Jahren steht dabei in einem Spannungsverhältnis zu Szenen, deren Bedeutung ohne Erklärung kaum zugänglich ist.

Genau dieser Kontrast prägt meine Lektüre. Die Verbindung aus kindlicher Perspektive und düsterer Symbolik wirkt stellenweise überfordernd, gleichzeitig entfaltet sie eine besondere Wirkung, weil keine eindeutige Einordnung angeboten wird. Das Buch verweigert klare Deutungen und zwingt stattdessen zur eigenen Positionierung.

Im Zentrum stehen mögliche Lesarten von Verlust, Abwesenheit und familiärem Bruch. Die verschwundene Mutter lässt sich sowohl als Trennung als auch als Chiffre für Tod verstehen. Der Text hält diese Interpretationen nebeneinander, ohne eine davon zu bestätigen oder zu verwerfen.

Die visuelle und sprachliche Gestaltung bleibt dabei außergewöhnlich stark. Nikolaus Heidelbach arbeitet mit einer Bildsprache, die zwischen Märchenhaftem und Verstörendem pendelt und dadurch eine permanente Irritation erzeugt. Diese Spannung trägt das gesamte Werk.

Am Ende bleibt eine ambivalente Wirkung. Die anfänglich erzeugte Leichtigkeit wird konsequent gebrochen und durch eine schwer greifbare, emotional belastende Schlusswirkung ersetzt. Das Buch hinterlässt weniger eine abgeschlossene Geschichte als vielmehr einen offenen Interpretationsraum, der bewusst unaufgelöst bleibt.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 15.05.2026

✎ Lissa Lehmenkühler - Der Zauber der Tinte 1 Totales Klassenchaos

Der Zauber der Tinte – Totales Klassenchaos (Der Zauber der Tinte 1)
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„Der Zauber der Tinte 1 Totales Klassenchaos“ hat uns zunächst als Hörbuch begleitet. Schon nach den ersten Kapiteln wurde klar, dass in dieser Erzählung mehr steckt als ein turbulentes Schulabenteuer ...

„Der Zauber der Tinte 1 Totales Klassenchaos“ hat uns zunächst als Hörbuch begleitet. Schon nach den ersten Kapiteln wurde klar, dass in dieser Erzählung mehr steckt als ein turbulentes Schulabenteuer mit einer Prise Magie. Weil ich gehört hatte, dass die Printausgabe Illustrationen enthält, durfte sie schließlich auch bei uns einziehen.

Die kleinen Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Phine Wolff verleihen der Handlung zusätzlichen Charme. Gerade für Kinder sind sie eine schöne visuelle Ergänzung, weil sie Wandas Welt noch greifbarer machen. Schade ist lediglich, dass sich die Motive zu Beginn der Kapitel wiederholen. Besonders spannend wirken dagegen die Illustrationen mitten im Buch, wenn sie konkrete Szenen aufgreifen und die Fantasie noch einmal befeuern.

Besonders gelungen ist, wie Lissa Lehmenkühler wichtige Themen in die Geschichte einwebt. Es geht um zerbrochene Freundschaften, neue Verbindungen, Mut zur Veränderung und den Glauben an die eigene Vorstellungskraft. Wanda muss lernen, dass nicht alles so bleiben kann, wie es ist, und dass gerade in Unsicherheit oft etwas Wertvolles und Wunderbares entsteht. Diese Botschaft trifft mitten ins Herz.

Die kurzen Abschnitte machen das Buch ideal für Kinder ab etwa acht Jahren. Wer noch nicht lange am Stück lesen möchte, bekommt überschaubare Einheiten, die dennoch genug Spannung aufbauen, um immer weiterzulesen. Das macht den Band zu einem guten Einstieg für junge Bücherfans, die Magie, Schule und Freundschaftsgeschichten mögen. Die leicht lesbare Struktur und die kindgerechte Gestaltung sind eine klare Stärke.

Trotz der positiven Eindrücke blieb bei mir als erwachsener Zuhörerin das Gefühl, dass einzelne Aspekte nur angerissen werden. Die Geschichte funktioniert für sich und hat ein rundes Ende, aber einige Figuren und Entwicklungen hätten für meinen Geschmack mehr Raum verdient.

Erst nach dem Hören habe ich entdeckt, dass es bereits einen zweiten Band gibt. Das hat mich ehrlich erleichtert. Ich möchte unbedingt erfahren, wie es mit Wanda und der magischen Tinte weitergeht. Wenn die Fortsetzung offene Fäden aufgreift und einige Figuren noch stärker ausarbeitet, könnte aus einer ohnehin schon bezaubernden Geschichte eine Reihe werden, die man nur schwer wieder aus der Hand legt.

„Der Zauber der Tinte 1 Totales Klassenchaos“ ist ein fantasievolles Kinderbuch über Freundschaft, Kreativität und Selbstvertrauen. Kurze Kapitel, liebevolle Illustrationen und eine warmherzige Botschaft machen es zu einer klaren Empfehlung für junge Lesende. Besonders bleibt das Gefühl, dass aus Chaos manchmal genau die Geschichten entstehen, die man nicht mehr vergessen möchte.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 15.05.2026

✎ N.R. Walker - Upside Down: Die Welt steht Kopf

Upside Down - Die Welt steht Kopf
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Vor fast genau zwei Jahren habe ich mit „Loveless“ mein erstes Buch gelesen, welches sich ganz bewusst mit Asexualität und Aromantik auseinandersetzt. Damals kannte ich zwar die meisten Buchstaben aus ...

Vor fast genau zwei Jahren habe ich mit „Loveless“ mein erstes Buch gelesen, welches sich ganz bewusst mit Asexualität und Aromantik auseinandersetzt. Damals kannte ich zwar die meisten Buchstaben aus LGBTQIAP+, aber das A war für mich noch weitgehend unentdecktes Terrain. Umso besonderer war es, einen Roman zu entdecken, der genau diesen Teil queerer Identität in den Mittelpunkt stellt.

Als ich dann „Upside Down - Die Welt steht Kopf“ entdeckt habe, war meine Freude entsprechend groß. Bücher über das asexuelle Spektrum sind noch immer selten. Dabei ist das Thema wichtiger, als viele denken. In einer Welt, in der Sexualität allgegenwärtig ist und oft als selbstverständlicher Bestandteil jeder Liebesbeziehung dargestellt wird, fühlen sich viele Ace-Menschen schnell unsichtbar. Genau deshalb sind Geschichten wie diese so wichtig.

Dass mich dieses Buch so berührt hat, liegt auch daran, wie eng es mit der Lebensrealität von N. R. Walker verknüpft ist. In einem Gastbeitrag auf Love Bytes Reviews schreibt sie: „This book is my story.“ Walker beschreibt sich selbst als gray-asexuell und erklärt, dass deutlich mehr von ihr in Jordan steckt, als ihr zunächst bewusst war. Dieses Wissen verleiht dem Roman eine besondere Ehrlichkeit. Man spürt in jeder Szene, dass hier jemand schreibt, der aus eigener Erfahrung schöpft. Own-Voice-Geschichten wie diese sind wertvoll und werden dringend gebraucht.

Jordan und Hennessy könnten unterschiedlicher kaum sein, und gerade das macht ihren gemeinsamen Weg so reizvoll. Jordan ist unsicher, grübelt viel und versucht noch herauszufinden, wo sein Platz ist. Hennessy ruht längst in sich selbst. Er begegnet Jordan mit Geduld, Wärme und einem tiefen Verständnis. Zusammen ergeben die beiden ein Paar, das sich nicht durch große Dramen, sondern durch leise Zwischentöne ins Herz schleicht.

Besonders gelungen fand ich, dass sich ihre Beziehung ganz ohne Hektik entwickelt. Nichts wirkt konstruiert oder überstürzt. Stattdessen begleitet man Jordan Schritt für Schritt bei seiner Selbstfindung. Diese ruhige Erzählweise macht den Roman unglaublich authentisch und gibt den emotionalen Momenten viel Raum.

Auch das Umfeld der beiden bleibt in Erinnerung. Die Freundeskreise von Jordan und Hennessy sowie die Suppentruppe fühlen sich lebendig und echt an. Obwohl die Nebenfiguren nicht ständig im Mittelpunkt stehen, besitzen sie Persönlichkeit und tragen viel zur besonderen Atmosphäre des Romans bei. Dazu kommt ein trockener Humor, der mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht und die ernsteren Themen wunderbar ausbalanciert hat.

Das Hörbuch gewinnt zusätzlich durch die Sprecher Felix Graf und Leonard Hohm. Beide verleihen den Figuren eine eigene Stimme und transportieren Unsicherheiten, Wärme und die feinen emotionalen Nuancen auf eine Weise, die das Zuhören zu einem echten Erlebnis macht.

Ein kleiner Kritikpunkt jedoch war für mich Jordans Vorliebe für ein bestimmtes Schimpfwort, das sehr häufig verwendet wird. Da ich mit solchen Ausdrücken wenig anfangen kann, hat mich das stellenweise aus dem Hörfluss gerissen. Manche Dialoge wirkten auf mich zudem etwas zu erklärend; hier hätte ich mir an einigen Stellen mehr Subtilität gewünscht. Wirklich ins Gewicht fällt das jedoch kaum, weil der Roman insgesamt so viel Herz besitzt.

„Upside Down: Die Welt steht Kopf“ ist ein berührender Gay-Romance-Roman über Selbstakzeptanz, Identität und die Erkenntnis, dass Liebe keinem gesellschaftlichen Standard entsprechen muss, um vollkommen zu sein. Dieses Buch schenkt Sichtbarkeit, macht Mut und erinnert daran, wie wichtig Repräsentation in der Literatur ist. Für mich war es ein leiser, ehrlicher Roman, der noch lange in mir nachhallt.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 12.05.2026

✎ Judith Reusch - Gretas Männer

Gretas Männer
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Als ich zu „Gretas Männer“ von Judith Reusch griff, hatte ich keine allzu hohen Erwartungen. Familienromane lese ich zwar immer wieder gern, doch nicht jede dieser Geschichten berührt mich wirklich. Dieser ...

Als ich zu „Gretas Männer“ von Judith Reusch griff, hatte ich keine allzu hohen Erwartungen. Familienromane lese ich zwar immer wieder gern, doch nicht jede dieser Geschichten berührt mich wirklich. Dieser Roman wirkte zunächst wie eine weitere Erzählung über generationsübergreifende Konflikte. Dass er mich am Ende so aufwühlen würde, hätte ich nicht gedacht.

Judith Reusch schreibt klar, unaufgeregt und mit einer Wärme, die sich leise, aber nachhaltig entfaltet. Als Hörbuch hat mich der Roman besonders überzeugt. Fanny Bechert und Irina Scholz verleihen den Figuren glaubwürdige Stimmen und transportieren genau die feinen Zwischentöne, von denen diese Geschichte lebt.

Im Mittelpunkt steht Greta, eine Frau, die in ihrem langen Leben unfassbar viel verloren hat und dennoch nie verbittert ist. Vieles von dem, was sie erlebt, hätte andere vermutlich zerbrechen lassen. Greta aber richtet den Blick immer wieder nach vorn. Sie bleibt offen für das Leben, für neue Wege und für die Menschen um sie herum. Diese innere Stärke macht sie zu einer Figur, die mir lange im Gedächtnis bleiben wird.

Besonders bewegt hat mich, wie großzügig Greta liebt. Sie denkt nicht nur an sich selbst, sondern trägt ein Herz in sich, das Platz für andere schafft. Umso schmerzlicher empfand ich den Kontaktabbruch ihrer Tochter Marie. Dieser Bruch zieht sich wie ein stiller Schatten durch den gesamten Roman und zeigt, wie tief Unausgesprochenes und alte Verletzungen in einer Familie wirken können.

Das Ende hat mich sehr traurig zurückgelassen, weil ein zentrales Thema des Buches auch mein eigenes Leben berührt. Manche Erfahrungen lassen sich nicht abschütteln. Sie bleiben, ob man will oder nicht, und man lernt nur, mit ihnen zu leben. Vielleicht hat mich das Buch gerade deshalb so tief getroffen. Es hat alte Wunden gestreift und zugleich die Hoffnung geweckt, dass sich bestimmte Muster nicht zwangsläufig über Generationen hinweg fortsetzen müssen.

Natürlich lebt die Geschichte von Geheimnissen, Missverständnissen und jahrzehntelangem Schweigen. Diese Motive kennt man aus vielen Familiengeschichten. Judith Reusch gelingt es jedoch, daraus eine berührende und vielschichtige Erzählung zu machen. Durch Greta, ihre Enkelin Lola und die wechselnden Perspektiven entsteht ein eindringliches Bild davon, wie eng Erinnerung, Schuld und Liebe miteinander verknüpft sind.

Besonders positiv ist mir aufgefallen, dass die männlichen Figuren mit großer Fairness gezeichnet werden. Obwohl Greta schwere Verluste erlebt, werden ihre Ehemänner nicht zu Karikaturen gemacht. Sie bleiben glaubwürdige, liebevolle Menschen mit Ecken und Kanten.

Zugleich zeigt Judith Reusch Mutterschaft in ganz unterschiedlichen Facetten. Sie erzählt von Fürsorge, Überforderung, Erwartungen und den Verletzungen, die sich tief zwischen Mütter und Töchter schieben können. Gerade diese Vielschichtigkeit verleiht dem Roman zusätzliche emotionale Tiefe.

Für mich ist „Gretas Männer“ ein berührender Familienroman über eine außergewöhnliche Frau, die trotz aller Verluste nie aufgehört hat zu lieben. Eine Geschichte, die traurig macht, lange nachhallt und daran erinnert, wie wichtig es ist, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen, bevor das Schweigen zu groß wird.

©2026 Mademoiselle Cake