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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.03.2026

✎ Annette Herzog - Das nächste Mal, wenn du verreist

Das nächste Mal, wenn du verreist
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Unser Stapel ungelesener Bilderbücher schrumpft spürbar. Dieses Mal haben wir „Das nächste Mal, wenn du verreist“ von Annette Herzog aus dem Regal gezogen.

Auslöser war der Klappentext. Diese Übertreibung ...

Unser Stapel ungelesener Bilderbücher schrumpft spürbar. Dieses Mal haben wir „Das nächste Mal, wenn du verreist“ von Annette Herzog aus dem Regal gezogen.

Auslöser war der Klappentext. Diese Übertreibung aus Kindersicht trifft einen Nerv: Zehn Tage fühlen sich nicht nach einer überschaubaren Zeitspanne an, sondern nach einer gefühlten Ewigkeit. „Hunderttausend Millionen Mal“ - das beschreibt ziemlich genau, wie intensiv Kinder Abwesenheit wahrnehmen. Diese Perspektive zieht sich durch das ganze Buch und macht es emotional zugänglich.

Gleich zu Beginn stolperte ich allerdings über Details, die irritierten. Eine Krokodiltasche wirft Fragen auf, die man als Erwachsener nicht einfach ausblendet. Auch die scheinbar beiläufig eingestreute Botschaft rund um Klimaneutralität auf dem Bus wirkt erstmal eher aufgesetzt als organisch in die Geschichte eingebettet.

Inhaltlich funktioniert die Geschichte vor allem dort, wo sie das Durchhalten thematisiert. Der kleine Elefant scheitert, probiert weiter, verliert zwischenzeitlich den Fokus - und genau dann gelingt plötzlich der Durchbruch. Diese Dynamik wirkt glaubwürdig und nah an der Lebensrealität von Kindern.

Doch vor allem visuell überzeugt das Buch. Die Illustrationen sind ausdrucksstark, transportieren Emotionen unmittelbar und laden zum genaueren Hinsehen ein. Dabei entfalten sie eine leise Melancholie, die sich erst nach und nach erschließt und zunächst unauffällige Elemente in ein anderes Licht rückt. Gefallen hat uns speziell, wie viele zusätzliche Aspekte sich in den Bildern verbergen, ohne im Text aufgegriffen zu werden. Gerade das macht ihren Reiz aus: Man bleibt länger hängen, entdeckt immer wieder Neues und kommt darüber ins Gespräch. Die anfangs befremdlichen Details verlieren somit deutlich an Härte, ohne sie belanglos wirken zu lassen. Besonders gelungen ist die Entwicklung des kleinen Elefanten, dessen äußeres „Wachstum“ seine innere Entwicklung widerspiegelt. Mimik und Körpersprache sind dabei so klar gestaltet, dass sich seine Gefühle unmittelbar erschließen.

Die zentrale Botschaft bleibt klar: Übung führt zu Fortschritt und Rückschläge gehören dazu. Gerade bei Trennungssituationen, etwa wenn ein Elternteil verreist, kann die Geschichte Orientierung geben. Sie zeigt, dass Unsicherheit Raum für Entwicklung schafft, dass man wachsen kann, auch wenn jemand fehlt. Und dass Stolz nicht nur von außen kommen sollte, sondern im besten Fall von innen entsteht.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 27.03.2026

✎ Thorsten Nesch - Die Kreuzfahrt mit der Asche meines verdammten Vaters

Die Kreuzfahrt mit der Asche meines verdammten Vaters
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Der Titel „Die Kreuzfahrt mit der Asche meines verdammten Vaters“ von Thorsten Nesch hat mich zunächst eher abgeschreckt. Zu sperrig und wenig greifbar, nichts, was mich spontan angesprochen hätte. Erst ...

Der Titel „Die Kreuzfahrt mit der Asche meines verdammten Vaters“ von Thorsten Nesch hat mich zunächst eher abgeschreckt. Zu sperrig und wenig greifbar, nichts, was mich spontan angesprochen hätte. Erst der Klappentext hat mein Interesse geweckt, vor allem wegen des Settings rund um Italien und eine Kreuzfahrt - beides Themen, zu denen ich sofort einen Zugang hatte.

Der Einstieg ins Buch fiel mir leicht. Der Stil ist klar und gut lesbar und deutlich auf ein jüngeres Publikum zugeschnitten. Gerade Lesende ab etwa zwölf Jahren dürften sich schnell abgeholt fühlen. Durch die Ich-Perspektive von Jörn entsteht eine unmittelbare Nähe, die es einfach macht, seine Gedanken nachzuvollziehen und sich in seine Lage hineinzuversetzen.

Nicht durchgehend überzeugend waren für mich jedoch einige Zuspitzungen in der Handlung. Einige Szenen wirken überzogen, fast schon konstruiert, sodass ich innerlich ausgestiegen bin. Stellenweise kippt die Handlung ins Absurde und verliert dadurch an Glaubwürdigkeit.

In diesem Zusammenhang bin ich auch über eine konkrete Szene gestolpert, die mich irritiert hat und bei der ich mich gefragt habe, wie genau der Autor recherchiert hat . oder ob er selbst vor Ort war. An einer Stelle stellen die Jugendlichen ihre Flaschen bewusst neben einen Mülleimer, damit „jemand, der es nötig hat, das Pfand einstreichen“ kann. Das mag in Deutschland funktionieren, passt aber nicht zu Italien. Ein Pfandsystem, wie Deutschland es kennt, existiert in Italien schon sehr lange nicht mehr, insbesondere nicht für Plastikflaschen. Solche Details reißen mich beim Lesen aus der Geschichte, weil sie nicht zum dargestellten Umfeld passen.

Die Figuren sind differenzierter angelegt, als es zunächst scheint. Was anfangs wie bekannte Muster wirkt, gewinnt im Verlauf an Tiefe. Diese Entwicklung sorgt dafür, dass die Charaktere nicht in einfachen Rollenbildern verharren.

Besonders gelungen ist die Beziehung zwischen Jörn und Elizabeth. Ihre unterschiedlichen Hintergründe erzeugen eine Dynamik, die sich authentisch anfühlt. Ihre Interaktionen wirken nicht konstruiert, sondern lebendig und nachvollziehbar.

Ein Punkt, der mich beim Lesen beschäftigt hat, war Jörns Alter in Verbindung mit der Alleinreise auf einem Kreuzfahrtschiff. Das wirkte zunächst wenig plausibel. Mit dem Hintergrund, dass solche Reisen für 16- und 17-Jährige früher teilweise möglich waren, lässt sich dieser Aspekt einordnen, bleibt aber aus heutiger Sicht leicht irritierend.

Am wenigsten überzeugt hat mich der Schluss. Die Geschichte endet sehr plötzlich, ohne zentrale Entwicklungen wirklich auszuführen. Viele Themen werden angerissen, entwickeln sich aber nicht zu Ende. Für mich nimmt das dem Buch rückblickend einiges an Wirkung, weil ich das Gefühl hatte, dass Potenzial verschenkt wurde.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 27.03.2026

✎ Liz Kessler - Geheimname Eisvogel

Geheimname Eisvogel
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Liz Kessler ist für mich längst mehr als nur ein Name auf einem Buchcover. Spätestens seit „Als die Welt uns gehörte“ wusste ich, dass ihre Geschichten etwas auslösen, das nachwirkt. Mit „Geheimname Eisvogel“ ...

Liz Kessler ist für mich längst mehr als nur ein Name auf einem Buchcover. Spätestens seit „Als die Welt uns gehörte“ wusste ich, dass ihre Geschichten etwas auslösen, das nachwirkt. Mit „Geheimname Eisvogel“ bestätigt sie das erneut – diesmal ruhiger, weniger überwältigend, aber nicht weniger eindringlich.

Im Zentrum steht erneut der Zweite Weltkrieg, diesmal mit Fokus auf die Niederlande und zwei Schwestern, die gezwungen sind, ihre Identität zu verbergen, um zu überleben. Die eine passt sich an, die andere widersetzt sich. Aus dieser Gegenüberstellung entsteht eine Dynamik, die deutlich macht, wie viel selbst unter extremen Bedingungen noch entschieden werden kann, dass selbst in ausweglosen Situationen Handlungsspielraum existiert. Dieses Motiv zieht sich konsequent durch den Roman: Jede Entscheidung zählt, auch wenn sie klein wirkt.

Besonders eindrücklich ist die Verbindung zur Gegenwart. Neben der historischen Handlung entfaltet sich eine zweite Ebene, die zeigt, wie lange Schuld, Schweigen und unverarbeitete Erlebnisse nachhallen können. Der Wechsel zwischen Vergangenheit und Heute wirkt dabei nicht konstruiert, sondern notwendig, weil sich erst im Zusammenspiel beider Ebenen ein vollständiges Bild ergibt.

Die vielen Perspektiven und Zeitebenen erzeugen Tiefe, fordern aber auch. Man muss ständig zwischen Figuren und Zeiten wechseln. Dadurch setzt sich jedoch ein Gesamtbild zusammen, das sich erst nach und nach erschließt.

Ein Thema, welches mich unerwartet stark erwischt hat, ist Mobbing. Es wirkt nicht konstruiert, sondern erschreckend real - und genau das macht es so unangenehm nahbar. Die Autorin zeigt dabei nicht nur die Verletzung, sondern auch, was echte Verbindung und Loyalität tatsächlich bedeuten können, ohne es kitschig werden zu lassen.

Kesslers Stärke liegt in ihrer Bildsprache. Szenen laufen beim Lesen geradezu filmisch ab, entwickeln sich ruhig und gewinnen dann abrupt an Intensität. Es gibt eine Stelle, die mich komplett unvorbereitet traf. Kein langsames Heranführen, kein Schutz. Einfach ein Moment, der stehen bleibt. Er ist schwer auszuhalten, weil er nichts abmildert. Diese Direktheit macht den Augenblick so eindringlich und verankert ihn nachhaltig.

Auch die jahrzehntelangen Schuldgefühle, die sich durch die Handlung ziehen, geben dem Ganzen ein zusätzliches Gewicht. Man merkt schnell, dass es hier nicht nur um das Geschehen selbst geht, sondern um das, was danach bleibt. Dieses Nachwirken ist es, das die Geschichte zusammenhält und ihr Tiefe verleiht.

Die Vielzahl an Themen ist spürbar, wirkt jedoch nicht überladen. Manchmal wusste ich gar nicht, wo ich zuerst hinschauen sollte, doch am Ende greifen die einzelnen Stränge ineinander und fügen sich zu einem stimmigen Gesamtbild, sodass ich nicht das Gefühl hatte, irgendwo in der Luft zu hängen.

Das Nachwort zur Situation jüdischer Menschen in den Niederlanden zwischen 1940 und 1945 ergänzt die Erzählung sinnvoll. Es ordnet ein, ohne belehrend zu wirken und verbindet die fiktionale Ebene mit der historischen Realität.

Im direkten Vergleich bleibt „Als die Welt uns gehörte“ für mich emotional noch einen Schritt intensiver. Trotzdem ist „Geheimname Eisvogel“ ein Buch, das hängen bleibt. Vielleicht nicht mit derselben Wucht, aber mit einer anderen Art von Nachklang. Liz Kessler bleibt für mich damit eine Autorin, deren Geschichten nicht einfach enden, sondern weiterarbeiten.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 26.03.2026

✎ Franziska Thaufelder - Warum Karl immer keine Zeit hat

Warum Karl immer keine Zeit hat
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Wir hatten große Erwartungen an „Warum Karl immer keine Zeit hat“ von Franziska Thaufelder. Die Hoffnung war ziemlich konkret: Vielleicht finden wir darin eine verständliche Erklärung für dieses ständige ...

Wir hatten große Erwartungen an „Warum Karl immer keine Zeit hat“ von Franziska Thaufelder. Die Hoffnung war ziemlich konkret: Vielleicht finden wir darin eine verständliche Erklärung für dieses ständige Aufschieben, das wir von unserer 8-Jährigen nur zu gut kennen. Ein Buch, das Zusammenhänge nicht nur erzählt, sondern auch greifbar macht, was dahintersteckt.

Schon der erste Eindruck führte jedoch in eine andere Richtung. Das Querformat ließ ein klassisches Bilderbuch erwarten - farbenfroh, zugänglich, auch für jüngere Kinder geeignet. Stattdessen zeigt sich schnell ein anderes Bild: Der Großteil der rund 40 Seiten besteht aus dichtem Text, aufgeteilt in sieben Kapitel. Die Illustrationen sind zwar großformatig, tauchen aber nur am Ende der Abschnitte auf. Dazwischen liegen mehrere Seiten reiner Fließtext. Für Kinder kann das schnell zäh, fast schon abschreckend wirken. Das Format selbst bleibt dadurch irgendwie unbegründet und fühlt sich nicht konsequent durchdacht an.

Eine kompaktere Aufbereitung mit mehr begleitenden Bildern hätte den Zugang deutlich erleichtert. So entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Inhalt und visueller Unterstützung, das gerade bei einem Kinderbuch ins Gewicht fällt.

Inhaltlich trägt die Geschichte dennoch. Sie entwickelt ihre Botschaft ruhig und verzichtet auf moralischen Druck. Besonders die Begegnungen mit den verschiedenen Tieren bleiben im Kopf, weil sie unterschiedliche Sichtweisen eröffnen, ohne etwas vorzugeben. Genau dort liegt für uns die Stärke des Buches: Es regt zum Nachdenken an, ohne Antworten aufzuzwingen.

Die Altersempfehlung ab etwa sechs Jahren erscheint grundsätzlich stimmig, allerdings eher im oberen Bereich dieser Spanne. Jüngere Kinder könnten durch die dichte Textstruktur schnell das Interesse verlieren, während ältere durchaus Zugang zur Geschichte finden können. Die Kapitelstruktur hilft dabei, den Lesefluss zu unterbrechen und kleine Etappen zu schaffen - sowohl beim Vorlesen als auch beim Selbsterlesen.

Am Ende bleibt ein gemischter Eindruck. Die inhaltliche Idee überzeugt, die gestalterische Umsetzung bleibt dahinter zurück. Seine Wirkung entfaltet das Buch weniger im Moment des Lesens als in den Gesprächen, die danach entstehen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 24.03.2026

✎ Phoebe Wahl - Ein Küken für Frieda

Ein Küken für Frieda
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„Ein Küken für Frieda“ von Phoebe Wahl hat mich direkt erwischt. Diese leise, fast zärtliche Art zu erzählen wirkt lange nach. Es ist keine Geschichte, die nur unterhält, sondern eine, die auf eine sanfte, ...

„Ein Küken für Frieda“ von Phoebe Wahl hat mich direkt erwischt. Diese leise, fast zärtliche Art zu erzählen wirkt lange nach. Es ist keine Geschichte, die nur unterhält, sondern eine, die auf eine sanfte, kindgerechte Weise konfrontiert. Leben und Sterben stehen hier nicht als Gegensätze nebeneinander, sondern greifen ineinander - ganz selbstverständlich, so wie es in der Natur eben passiert.

Beim Lesen wurde schnell klar, dass dieses Buch mehr auslöst als einen kurzen schönen Moment. Es öffnet Gespräche. Bei uns ging es bald nicht mehr nur um die Tatsache, dass Tiere andere Tiere fressen, um zu überleben, sondern um größere Zusammenhänge. Auch wir Menschen essen Tiere - nur geschieht das in unserer Welt versteckter, distanzierter. Im Gegensatz dazu zeigt die Geschichte diesen Vorgang unmittelbar. Dieser Unterschied hat unsere Gespräche spürbar vertieft. Es fühlte sich richtig an, diesen Gedanken Raum zu geben, statt sie auszuklammern.

Was besonders hängen bleibt, ist diese stille Achtung vor allem Lebendigen. Nichts wird beschönigt, aber auch nichts unnötig dramatisiert. Das Buch traut Kindern und Vorlesenden zu, Traurigkeit wahrzunehmen und auszuhalten. Diese Haltung wirkt konsequent und ehrlich.

Für mich liegt genau in dieser Ehrlichkeit die Stärke. Kinder spüren ohnehin, dass nicht alles glatt und einfach ist - dieses Buch gibt ihnen Worte und Bilder, um das einzuordnen.

Ein Detail, welches dem Ganzen zusätzliche Tiefe verleiht, steht gleich am Anfang: die Danksagung der Autorin an ihre Familie „für die Kindheit in Freilandhaltung“. Dieser Satz wirkt unscheinbar, verändert jedoch den Blick auf die Geschichte. Plötzlich liest man sie nicht mehr nur als Erzählung, sondern auch als Erinnerung, als etwas Erlebtes. Das macht die Atmosphäre greifbarer, echter.

Am Ende bleibt ein schwer greifbares Gefühl zwischen Wärme und Nachdenklichkeit. Genau daraus bezieht das Buch seine Wirkung. Es vermeidet Vereinfachung und lässt Raum für das, was sonst oft ausgespart wird.

©2026 Mademoiselle Cake