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Veröffentlicht am 31.07.2018

Phantom der Oper

Oscar Wilde & Mycroft Holmes - Folge 16
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Ein Agentenaustausch zwischen dem britischen Empire und dem Deutschen Kaiserreich soll auf neutralem Boden - in Prag - vonstatten gehen. Dazu sollen sich Diplomaten in einer abgeschiedenen Loge der Prager ...

Ein Agentenaustausch zwischen dem britischen Empire und dem Deutschen Kaiserreich soll auf neutralem Boden - in Prag - vonstatten gehen. Dazu sollen sich Diplomaten in einer abgeschiedenen Loge der Prager Oper treffen und den Austausch vornehmen. Mycroft Holmes soll von einem seiner Agenten etwas darüber erfahren, doch als er und Wilde sich mit dem Agenten treffen wollen, ist dieser tot, ermordet. Alles, was sie wissen, ist, dass etwas in der Oper nicht stimmt, und um herauszufinden, worum es geht, soll sich Wilde dort einschmuggeln. Doch er ist nicht allein, eine Bekannte von Holmes Bruder Sherlock, soll ihn dabei unterstützen. Dumm nur, dass sich Irene Adler und Oscar Wilde nicht ausstehen können ...

Mann, Mann, Mann. Echt jetzt? Fällt euch gar nichts mehr ein? Wie wäre es, wenn ihr die Reihe dann einfach mal beendet? Und zwar im Guten, so wie sie angefangen hat, damit man wenigstens noch versöhnt zurückschauen kann? Die ganze Ausgangslage ist schon so hohl wie ein Schokoladenweihnachtsmann, und dann kommen noch die kindischen Streitereien zwischen Wilde und Adler hinzu, die in lebensbedrohlichen Situationen nichts Besseres zu tun haben, als dumme Spielchen zu veranstalten. Die ganze Geschichte ist ein einziges Plotloch - ja, man sehnt sich geradezu wieder zu den Zeiten, als der Oberschurke Grell noch ab und zu einschritt, damit wenigstens etwas Spannung hereinkommt. So ist das nix. Schade. Wenigstens hat sich der Wildesprecher wieder gefangen und dieses megaaffektierte Gehabe gelassen.

Veröffentlicht am 31.07.2018

Auf der Suche nach Herkunft

Familie und andere Trostpreise
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Sonny ist gerade einundzwanzig geworden und ein seltsamer Kerl mit mehr Neurosen als ein Tausendfüßler Füße hat. (Bevor ein Klugscheißer ankommt: Ich weiß, dass Tausendfüßler keine tausend Füße haben.) ...

Sonny ist gerade einundzwanzig geworden und ein seltsamer Kerl mit mehr Neurosen als ein Tausendfüßler Füße hat. (Bevor ein Klugscheißer ankommt: Ich weiß, dass Tausendfüßler keine tausend Füße haben.) Eines seiner Geschenke zum Geburtstag ist das Testament seines verstorbenen Vaters, und plötzlich ist Sonny ein bisschen reicher. So um ein paar Millionen. Doch was soll er damit anfangen? Er hat die letzten zehn plus Jahre bei Thomas Hardiker verbracht, der ihm Mutter und Vater zugleich ist. Und jetzt? Jetzt macht er sich auf den Weg nach England, um herauszufinden, wer seine Eltern sind und vielleicht auch, wer er selbst ist ...

Es ist schon ein seltsames Buch mit einem seltsamen Protagonisten, über den ich so manches Mal die Augen gerollt habe. Einerseits glaube ich schon, dass es mit Neurosen kaum anders geht, andererseits wurde mir Sonny zu wenig über was anderes definiert als seine Neurosen, und das ist auf Dauer ein wenig schwach. Die Story plätscherte meistenteils so dahin, weil sich Sonny von verschiedenen Wegbegleitern seiner Eltern über eben jene berichten lässt. Das ist nicht uninteressant, vermag aber auch nicht durchgehend zu fesseln. Im Endeffekt weiß ich immer noch nicht, was mir das Buch sagen möchte. Dass Familie nicht unbedingt aus den Menschen besteht, die dieselben Gene tragen? Das weiß man sowieso. Immerhin ist Sonny ein Fan von Shaun of the Dead und Hot Fuzz, was ihm von meiner Seite aus ein paar Pluspunkte einbringt.

Veröffentlicht am 29.07.2018

Geheimdienste und Geheimnisse

Fake
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Als in Syrien ein hochrangiges Mitglied des IS' bei einem Drohnenangriff getötet wird, gibt es ein weiteres Opfer - ausgerechnet die amerikanische Geisel Catherine Finch. Normalerweise läuft so was unter ...

Als in Syrien ein hochrangiges Mitglied des IS' bei einem Drohnenangriff getötet wird, gibt es ein weiteres Opfer - ausgerechnet die amerikanische Geisel Catherine Finch. Normalerweise läuft so was unter "Pech gehabt, friendly fire", doch dieses Mal ist es ein wenig anders: Der scheidende amerikanische Präsident will sich einen Namen machen und hat begonnen, Friedensverhandlungen im Nahen Osten aufzunehmen; da sieht es natürlich mit so einem Verlust echt blöd aus. Also reaktiviert man Pete Town aus dem Ruhestand. Der ehemalige Geheimdienstler war schon immer ein Meister im Vertuschen oder Erfinden von Geschichten, eben im Umlaufbringen von Fakes. Sie brauchen nur drei Tage lang die Welt in dem Glauben lassen, dass Catherine überlebt hat, doch es gibt viele Mitspieler in diesem Spiel, und nicht alle haben dieselben Ziele.

Eigentlich bin ich kein Fan von Spionagethrillern, doch irgendetwas an der Leseprobe hier hat mich gereizt, sodass ich zu diesem Buch gegriffen habe. Hier taucht man kopfüber in die Welt der Geheimdienste ein, in Spionage und Gegenspionage, das Spiel der Spiele, das einige wenige spielen, um einer eingebildeten Aufgabe nachzugehen und vielen zu schaden. Was mir so richtig gefallen hat, war, dass sich die Geschichte entblätterte wie eine Zwiebel, die langsam geschält wird, nicht immer chronologisch, manchmal auch in Rückblicken, und dass es hier vor überraschenden Wendungen und noch mehr Wendungen nur so wimmelt. Immer wenn man das Gefühl hatte, alles durchschaut zu haben, hatte einer der Beteiligten noch ein Ass im Ärmel, das gestochen hat, und gab der Geschichte damit eine neue Richtung vor. Ob es bei dem Ganzen tatsächlich in dieser Form so laufen würde wie beschrieben, sei dahingestellt. Ich fühlte mich jedenfalls gut unterhalten.

Veröffentlicht am 29.07.2018

Krieg in den Köpfen

Vergessene Seelen
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Sommer 1948: Es ist heiß in Dresden, so heiß, wie die vorherigen Winter hundekalt waren. Max Heller wird in kurzer Zeit zu zwei unterschiedlichen Fällen gerufen: zuerst ein toter Junge, der auf einer Baustelle ...

Sommer 1948: Es ist heiß in Dresden, so heiß, wie die vorherigen Winter hundekalt waren. Max Heller wird in kurzer Zeit zu zwei unterschiedlichen Fällen gerufen: zuerst ein toter Junge, der auf einer Baustelle gefunden wurde, dann ein Mann, der kopfüber in einem Kanalloch hängt. Gehören die Todesfälle zusammen? Warum reagiert die Familie des Jungen so seltsam? Zwischen prügelnden Vätern, bandenbildenden Jugendlichen, resignierten Frauen, dem Krieg in den Köpfen der Menschen und unterschiedlichen Weltanschauungen gerät Heller bald in ein moralisches Dilemma, das auch in seiner eigenen Familie nicht Halt macht und ihn weit in die Vergangenheit zurückkatapultiert.

Natürlich sind die Fälle interessant, zweifellos. Doch die große Stärke des Buches ist die Fähigkeit des Autors, uns zurück in diese Zeit zu nehmen, die so grauenvoll war trotz Ende des Krieges. Nur weil es keine Kampfhandlungen mehr gab, bedeutete das ja nicht, dass plötzlich alle Leute im Kopf klar wurden. Es bedeutete auch nicht, dass es allen Menschen über Nacht gut ging, im Gegenteil. Die Leute hungerten, hatten keine vernünftigen Unterkünfte, alles gab es auf Marken, der Schwarzmarkt boomte. Ist es ein Wunder, dass sie auf Biegen und Brechen versuchten, irgendwie über die Runden zu kommen? Goldammer hat hier ein beeindruckendes Stück Zeitgeschichte abgeliefert, bei dem sich jeder selbst fragen kann, wie er sich wohl verhalten hätte.

Veröffentlicht am 28.07.2018

Eine Kerbe für die Auserwählten

Die Rabenringe - Odinskind (Bd. 1)
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Hirka ist der einzige Mensch ohne einen Schwanz in Ymsland. Ein Wolf hat ihn ihr abgerissen, als sie noch ein Baby war, hat ihr Vater ihr erzählt. Das macht das Leben für sie nicht unbedingt einfach, denn ...

Hirka ist der einzige Mensch ohne einen Schwanz in Ymsland. Ein Wolf hat ihn ihr abgerissen, als sie noch ein Baby war, hat ihr Vater ihr erzählt. Das macht das Leben für sie nicht unbedingt einfach, denn es gibt Legenden über Schwanzlose, die Menskr, die schreckliche Monster sind und nicht umarmen können, auch keine Gaben besitzen. Mit fünfzehn, kurz bevor die Zeit für die jungen Menschen in Ymsland kommt, ihre Gabe während einer großen Zeremonie vor dem Rat der Zwölf anzunehmen, erklärt ihr der Vater, dass er sie belogen hat. Sie ist wirklich ein Menskr, und deshalb müssen sie beide fliehen, bevor der Rat dahinter kommt und die Schwarzröcke ausschickt, die lautlosen Killer, um sie zu töten. Plötzlich ist Hirka eine Aussätzige, gejagt, gehasst und verwickelt in politische Machenschaften, und alles, um eine tausendjährige Lüge aufrechtzuerhalten und einem Mann unvorstellbare Macht zu verschaffen. Nun kann ihr nur noch ihr Jugendfreund Rime helfen, aber wird er dazu bereit sein? Immerhin stammt er aus einer der zwölf edelsten Familien, zu alledem hat er sich den Schwarzröcken angeschlossen.

Ich weiß nicht, ob es wirklich schon ein moderner Klassiker ist. Fakt ist jedoch, dass es sich hierbei um den Auftakt einer fantastischen Trilogie handelt, die gleichzeitig Jugendfantasy ist und doch mit so originellen neuen Ideen aufwartet, verbunden mit nordischer Mythologie, dass man nur applaudieren kann. Es enthält alles, was man sich für spannende Abende nur wünschen kann: Freundschaft, Abenteuer, Mystik, hervorragend ausgearbeitete Charaktere, die man entweder schnell ins Herz schließt oder ob ihrer genialen Bosheit und fiesen Durchsetzungskraft widerwillig bewundert. Es gibt eine zart angedeutete Liebesgeschichte, die - den Menskr oder Ymslingen sei Dank - nicht aufdringlich ist und sich dezent in das Geschehen einfügt. Ein fantastisches Abenteuer, das trotz der 600+ Seiten keine einzige Zeile langweilig war und hibbelnd auf die Fortsetzung warten lässt.