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Veröffentlicht am 16.05.2020

Guten Abend, Mister Holmes

Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep
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Rob Sutherland, ein neuseeländischer, recht junger Anwalt, hat es nicht immer leicht. Ist er doch der Bruder des genialen Wunderkinds Charley Sutherland, der an der hiesigen Universität Literatur des 19. ...

Rob Sutherland, ein neuseeländischer, recht junger Anwalt, hat es nicht immer leicht. Ist er doch der Bruder des genialen Wunderkinds Charley Sutherland, der an der hiesigen Universität Literatur des 19. Jahrhunderts lehrt. Schon mit 13 ging Charley aufs College in England und machte dort auch seinen Abschluss. Jetzt ist er wieder zurück und er braucht immer wieder einmal die Hilfe seines Bruders. Denn das ist ihr Familiengeheimnis: Charley kann Figuren aus Büchern lesen, sie lebendig werden lassen und ausgerechnet in dieser schicksalhaften Nacht, als die Geschichte beginnt, ist ihm dabei Uriah Heep, der Antagonist von David Copperfield entwischt. Wie üblich genervt, eilt Rob seinem Bruder zu Hilfe, doch diese Nacht ist alles anders. Nicht nur, dass sie von Heep bedroht werden, sie erfahren auch, dass noch Schlimmeres passieren wird, etwas, das nicht nur die Welten aller Bücher, sondern auch die reale Welt in größte Gefahr bringen wird.

Ich weiß gar nicht, wo ich hier anfangen soll. Mit der genialen Idee, die trotz vieler Buchgestalten so gar nichts von der Tintenwelt (zum Glück!) an sich hat. Um das Buch richtig genießen zu können, muss man zwei Dinge tun oder haben: Zeit, um sich darauf einzulassen, denn auch das Buch nimmt sich Zeit für Entwicklungen, ohne auch nur eine Minute langweilig daherzukommen. Und optimal wäre es, wenigstens rudimentär einen Überblick über die Klassiker von Conan Doyle und Dickens zu haben und sich ein bisschen mit Kinderliteratur der dreißiger/vierziger Jahre auszukennen. Wirklich nötig ist es jedoch nicht. Die Autorin entwickelt hier eine Geschichte, die fesselnd, manchmal erschreckend und im Ganzen absolut originell ist. Ihre Protagonisten, auch oder gerade die Buchgestalten, die sie auftreten lässt, zeichnen sich durch Authenzität und Menschlichkeit aus. Menschlichkeit ist das Stichwort, das hier groß geschrieben werden sollte, denn diese blitzt wirklich auf jeder einzelnen Seite hervor. Mich hat dieses Buch jedenfalls sehr, sehr gut unterhalten, auch wenn ich im Gegensatz zu dem Inhalt des Buches vom Übersetzer desselben nicht ganz so begeistert bin.

Veröffentlicht am 10.05.2020

Fünfzehn Beinaheküsse

Can you help me find you?
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An der Newton Academy für Mathematik und Naturwissenschaften studieren unter anderem Caleb und Evie. Beide sind hochintelligent, wobei Evies Intelligenzquotient eher nicht mehr messbar ist. Dafür hat sie ...

An der Newton Academy für Mathematik und Naturwissenschaften studieren unter anderem Caleb und Evie. Beide sind hochintelligent, wobei Evies Intelligenzquotient eher nicht mehr messbar ist. Dafür hat sie Probleme im sozialen Bereich und schleppt jede Menge Ängste mit sich herum. Seit ihrer Kindheit sind die beiden besten Freunde. Caleb weiß, dass er Evie liebt, diese versteht Liebe nicht, weil es nicht berechenbar ist. Doch dann kommt der Neue an die Schule, Leo, und zum ersten Mal spürt Evie ein Flattern im Bauch, das sie nicht einordnen kann. Wie jedoch soll Caleb ihr klarmachen, dass er der Einzige ist, der für sie in Frage kommt? Er nimmt sich ein Beispiel an Cyrano de Bergerac (minus DIE Nase) und Evie stellt plötzlich fest, dass sie in zwei Jungs verliebt ist, von denen keiner ihr Boyfriend ist.

Das ist der erste YA-Roman, den ich wirklich gern gelesen habe. Vermutlich liegt das daran, dass diese Kids hier nicht als einziges Problem in der Welt irgendwelche Augenfarben oder Bauchmuskeln des jeweils anderen im Kopf hatten, sondern tatsächlich - zumindest im akademischen Bereich - schlau waren. Richtig schlau. Vielleicht waren ihre Gespräche deshalb erwachsener und intellektuell cooler, als man es sonst aus diesem Genre gewöhnt ist. Caleb war ein bisschen zu perfekt, um ehrlich zu sein. Gut aussehend, einer, der schon alle Mädchen der Schule gedatet hat außer seiner besten Freundin, einem religiösen Mädchen und dem lesbischen Paar, dazu ein Top-Sportler und Mega-Programmierer. Allerdings halte ich ihm zugute, dass er alle Mädchen (und Jungs) anständig behandelt und jemand ist, den ich mir im real life als guten Freund vorstellen könnte. Evie zeigt Aspergertendenzen mit Angststörungen, was die Interaktionen von und mit ihr spannend machen und Leo macht eigentlich alles richtig, außer der Richtige zu sein. Zum Ende raus wurde es ein bisschen zu langatmig, da hätte man wohl gut im gesamten Buch zwischen 30 und 50 Seiten kürzen können, um das Spritzige des Anfangs zu halten, aber alles in allem wurde ich doch angenehm überrascht. Seit Janes Austen Stolz und Vorurteil habe ich keinen Young Adult mehr gelesen, den ich so mochte.

Veröffentlicht am 05.05.2020

Warteschlange

Das Tor
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In einem arabischen, totalitären Staat brauchen die Menschen für alles, was sie sind und tun wollen, eine Erlaubnis. Diese bekommen sie vom Tor beziehungsweise dem, was sich vielleicht oder auch nicht ...

In einem arabischen, totalitären Staat brauchen die Menschen für alles, was sie sind und tun wollen, eine Erlaubnis. Diese bekommen sie vom Tor beziehungsweise dem, was sich vielleicht oder auch nicht dahinter befindet. Alle Gesetzte, alle Ge- und Verbote werden dort erlassen. Also stellen sich die Menschen dort an, Tag für Tag und Nacht für Nacht, um darauf zu warten, dass sich dieses Tor öffnet. Doch es passiert einfach nichts und für viele dort in der Warteschlange läuft nicht nur bildlich gesehen die Zeit langsam ab ...

Was hätte man aus diesem Buch machen können. Ja, vielleicht hätte eine wuchtige, bildgewaltige Erzählweise nicht zu der Resignation, der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit der Leute gepasst, auch nicht zu den teils absurden Befehlen und Gesetzen, die vom Tor erlassen wurden. Wir befinden uns in völliger Depression, denn niemals erhalten die Menschen das, was sie wirklich brauchen. Aber wäre Aziz eine Meisterin leiser Töne, so hätte sie ihre Leser trotzdem mit voller Breitseite erwischt, verwundet wie ihren Protagonisten Yahya und möglicherweise umgehauen. Stattdessen schreibt sie in einer distanzierten, nahezu gelangweilten Weise, die das Lesen anstrengend macht und keine Nähe zu ihren Protagonisten zulässt. Es gibt durch die beinahe durchweg indirekte Rede keine Dynamik, keine eigene Stimme für all ihre Geschöpfe, sie wechselt innerhalb der Szenen einfach mal die Perspektive und zeichnet sich meiner Meinung nach nicht durch solides Handwerk aus. Schon allein durch das Thema hätte dieses Buch ein großer Wurf werden können, ja müssen, doch alles, was man nach dem Beenden des Buches in den Händen zu halten glaubt, ist höchstens ein Entwurf, ein erstes Manuskript, kein ausgearbeitetes Werk. So viel Potenzial verschenkt. Schade.

Veröffentlicht am 30.04.2020

Zug um Zug

Beute
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Bennie Griessel und sein Partner Vaughn Cupido sind nicht erfreut, als sie einen Fall auf den Tisch bekommen, der nicht nur schon Wochen alt ist, sondern auch schlampig bearbeitet wurde. Ein ehemaliger ...

Bennie Griessel und sein Partner Vaughn Cupido sind nicht erfreut, als sie einen Fall auf den Tisch bekommen, der nicht nur schon Wochen alt ist, sondern auch schlampig bearbeitet wurde. Ein ehemaliger Polizist, der jetzt als Leibwächter arbeitete, wurde in einem Luxuszug ermordet. Je mehr die beiden ermitteln, desto offensichtlicher wird es, dass in ihrer Heimat Südafrika viele Dinge politisch im Argen liegen und versucht wird, die Hintergründe des Mordes zu vertuschen.

Zur selben Zeit wird in Bordeaux in Frankreich ein gealterter Hitman aus der Rente geholt: Jemand möchte, dass er einen letzten Auftrag erledigt. So macht sich ein alter Kämpfer des ANC auf den Weg, um Unrecht zu korrigieren. Doch hängen diese beiden Sachen miteinander zusammen?

Zugegeben, das ist mein erster Bennie-Griessel-Krimi, auch wenn ich schon einiges darüber gehört hatte. Anfangs vermochte mich das Buch auch sehr zu fesseln, es gibt schön ausgearbeitete Charaktere und einen interessanten Fall, in dem man lange nicht durchblickt, wie genau alles abgelaufen ist. Doch sobald der Frankreich-Erzählstrang begann, wurde es ein wenig langatmig, obwohl ich nicht mal behaupten kann, dass ich mich gelangweilt habe. Es war schon spannend erzählt, konnte mich jedoch nicht so fesseln wie die Ereignisse in Südafrika. Vielleicht haben die den Exotikbonus und halten daher besser bei der Stange. Tatsache ist, dass ich für meine Verhältnisse recht lange für das Buch brauchte, weil mich die Ereignisse und Tobela immer wieder rausbrachten. Genau betrachtet haben wir mit diesem Buch eher eine politische Milieustudie vorliegen als einen wirklichen Krimi, nicht uninteressant, aber manchmal ein bisschen zu langgezogen. 3,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 25.04.2020

Superteenie

Secret Protector, Band 1: Tödliches Spiel
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Lucas Crowe lebt allein in einem Wohnwagen auf einem Parkplatz in New Orleans. Er ist minderjährig, hat niemanden, der ihm beisteht, dafür eine Vergangenheit, über die er nicht gern spricht, außer wenn ...

Lucas Crowe lebt allein in einem Wohnwagen auf einem Parkplatz in New Orleans. Er ist minderjährig, hat niemanden, der ihm beisteht, dafür eine Vergangenheit, über die er nicht gern spricht, außer wenn ihn vielleicht ein Mädchen fragt. So ein Mädchen ist zum Beispiel Una, die er bei einem Empfang im Zoo kennenlernt, wo er jobbt. Sie ist eine berühmte Gamerin, aber mal ganz froh, mit jemandem reden zu können, der normal wirkt. Doch dann wird ihr Bruder von gewissenslosen Kidnappern geschnappt, die wild in der Gegend herumballern, und Lucasman muss schnell in die nächste Telefonzelle, um sich umzuziehen.

Das mit der Telefonzelle war gelogen, dafür hatte er keine Zeit. Er musste ein herumstehendes Motorrad kurzschließen, die Gangster einmal quer durch den New Orleanser Zoo verfolgen, nebenbei mit dem Nashorn kuscheln, das ihm sein Gehege als Startrampe zur Verfügung stellte und später dann, als so ein herrenloses Motorrad zu langweilig wurde, tat es auch mal ein Porsche bei einer wilden Verfolgungsjagd. Ohne Atempause oder gar seine Verletzungen auszukurieren (Schmerzmittel sind nämlich für Anfänger, er lässt seinen Körper lieber von sich aus heilen) geht's weiter nach Berlin, wo dieselben, die später dann behaupten, sie wollen kein Blutbad anrichten, eben jenes riskieren. In Berlin ist es nach einiger Zeit nicht exotisch genug, also eben mal rüber nach Dubai gedüst, um da mit einem völlig neuartigen Flugrucksack ohne Anweisung in den zehnten Stock eines 12-Sterne-Hotels zu fliegen, um dann wiederum ...

Übrigens ist Lucasman nicht von einer radioaktiven Spinne gebissen worden, zumindest wurde das nicht erwähnt. Vergeblich suchte ich auch nach Informationen, warum er bei Wetten das auftreten könnte mit seinem perfekten Gehör, das allein am Klang von Schüssen auf die genaue Waffenbezeichnung (ebenfalls eine völlig neuartige Waffe, die so auch nirgends außer bei megageheimen Geheimorganisationen eingesetzt wird) schließen kann. Er ist noch minderjährig, sagte ich das schon? Und lebt allein, zieht immer von Ort zu Ort, hat eigentlich keine Bildung, von der er wüsste, weiß aber alles, was gerade gebraucht wird. Nicht zu vergessen die glücklichen Zufälle. So viele glücklichen Zufälle habe ich noch nicht mal bei Karl May, dem Godfather aller glücklichen Zufälle gesehen.

Vermutlich kann der Autor auch weder Gamer noch Escape-Rooms noch Tätowierungen leiden, denn bei all diesen Aktivitäten darf Lucasman die Nase rümpfen und einen abfälligen Kommentar anbringen. Na ja. So schnell es sich hat lesen lassen, so schnell ist es vergessen. 2,5/5 Punkten.