Zwischen Wahrheit und Abgrund
Im Morgengrauen (Art Mayer-Serie 4)Worum geht’s?
Das Video einer jungen Frau geht viral. Angeblich wurde sie vom Kanzler sexuell genötigt. Als erst der Kanzler spurlos verschwindet und dann die junge Frau tot aufgefunden wird, droht alles, ...
Worum geht’s?
Das Video einer jungen Frau geht viral. Angeblich wurde sie vom Kanzler sexuell genötigt. Als erst der Kanzler spurlos verschwindet und dann die junge Frau tot aufgefunden wird, droht alles, aus der Bahn zu geraten. Was hat Art mit der Sache zu tun? Wie ist Juli, die Frau des Bundeskanzlers darin verwickelt?
Meine Meinung:
Auf den vierten Fall der Art-Mayer-Reihe „Im Morgengrauen“ war ich wirklich gespannt. Denn bislang drehte sich alles um Dana, die verschwundene Mutter von Milla. Marc Raabe hat diesen Handlungsstrang im letzten Band abgeschlossen und genau deshalb war ich neugierig, ob die Reihe dieses hohe Niveau überhaupt halten kann. Tja. Konnte sie. Mühelos. Als hätte jemand beschlossen, Schlaf sei ohnehin überbewertet und Herzfrequenzen unter 120 reine Zeitverschwendung.
Dieses Buch packt einen nicht langsam. Es greift zu und zieht einen hinein. In politische Machtspiele, schmutzige Geheimnisse, zerstörte Leben und eine Wahrheit, die mit jedem Kapitel gefährlicher wird. Marc Raabe schafft es erneut, Spannung nicht einfach nur aufzubauen, sondern sie permanent unter Strom zu setzen. Ständig hatte ich dieses Gefühl, dass gleich alles explodiert. Und meistens tat es das dann auch.
Art und Nele funktionieren dabei wieder grandios zusammen. Beide tragen ihren eigenen Ballast mit sich herum, beide kämpfen an unterschiedlichen Fronten und trotzdem merkt man in jeder Szene, wie tief dieses Vertrauen inzwischen geworden ist. Keine perfekte Hochglanzpartnerschaft, sondern ein Team mit Kratzern, Narben und Ecken. Genau deshalb fühlt es sich echt an. Und genau deshalb fiebert man mit ihnen mit.
Besonders gefallen haben mir auch wieder die zwischenmenschlichen Entwicklungen. Milla ist weiterhin herrlich vorlaut und gleichzeitig erschreckend klug für ihr Alter. Leo bringt noch einmal eine ganz andere emotionale Ebene hinein und öffnet eine weitere Tür in Arts Vergangenheit. Stück für Stück werden Dinge enthüllt, die lange im Schatten lagen. Manche Antworten tun weh. Andere reißen neue Fragen auf. Und dann ist da Kessy. Ihre Videotagebücher haben für mich alles noch intensiver gemacht. Diese Ausschnitte wirken nah, roh und bedrückend echt. Während Art und Nele ermitteln, bewegt man sich mit Kessy langsam auf den unausweichlichen Tag 0 zu. Man weiß, dass etwas Schreckliches passieren wird, aber nicht wann genau der Boden endgültig nachgibt. Gerade dieser Wechsel zwischen Ermittlungen und Videotagebuch erzeugt eine wahnsinnige Spannung. Marc Raabe spielt hier perfekt mit Informationen, Andeutungen und Timing. Man ist den Ermittlern manchmal einen Schritt voraus und gleichzeitig komplett im Dunkeln.
Dazu kommen unglaublich starke Schauplätze. Die Szenen im alten Stellwerk hatten eine fast klaustrophobische Intensität. Überhaupt hatte das Buch dieses typisch düstere, leicht kalte Raabe-Gefühl. Orte wirken nie einfach nur wie Kulisse. Sie atmen. Sie bedrohen. Sie haben Geschichte. Und irgendwo zwischen verlassenen Gebäuden, politischen Fassaden und kaputten Menschen entfaltet sich dann dieses riesige Gesamtbild, bei dem plötzlich alles ineinandergreift. Das Buch hatte für mich wirklich alles: Spannung, emotionale Wucht, heftige Wendungen, zerstörte Hoffnungen, dunkle Wahrheiten und gleichzeitig so viele Momente, in denen endlich Dinge ans Licht kommen. Aber genau da liegt auch mein Problem: Es fühlt sich nicht abgeschlossen an. Nicht vollständig. Nicht fertig. Viel zu viele Fragen stehen noch im Raum. Wie geht es mit Art und Juli weiter? Was passiert mit Leo? Wie entwickelt sich alles rund um Nele, Roman und Lasse? Und vor allem: Kann das wirklich das Ende gewesen sein? Falls ja, wäre das fast schon grausam.
Fazit:
„Im Morgengrauen“ von Marc Raabe ist für mich ein absolutes Thriller-Highlight. Düster, hochspannend, emotional und voller Szenen, die den Puls hochtreiben. Die Mischung aus politischen Abgründen, persönlichem Drama und gnadenloser Spannung funktioniert perfekt und macht das Buch zu einem echten Pageturner. Besonders die Dynamik zwischen Art und Nele, die Videotagebücher von Kessy und die vielen offenen Wahrheiten haben mich komplett gefesselt. Ich habe jede Seite verschlungen und wollte gleichzeitig unbedingt wissen, wie alles endet und niemals, dass es vorbei ist. Falls das tatsächlich der letzte Band gewesen sein sollte, würde mir dieses Team wirklich fehlen.
5 Sterne von mir!