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Veröffentlicht am 28.02.2020

Eine Enttäuschung

Das Gewicht der Worte
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Auf Pascal Merciers neuen Roman "Das Gewicht der Worte" hatte ich mich ganz besonders gefreut. "Nachtzug nach Lissabon" war 2004 mein Lieblingsbuch und auch "Lea" hat mir 2007 gut gefallen. Lange mussten ...

Auf Pascal Merciers neuen Roman "Das Gewicht der Worte" hatte ich mich ganz besonders gefreut. "Nachtzug nach Lissabon" war 2004 mein Lieblingsbuch und auch "Lea" hat mir 2007 gut gefallen. Lange mussten wir auf ein neues Buch warten, entsprechend hoch waren meine Erwartungen. Dass der Protagonist ein Sprachenenthusiast und Übersetzer sein würde, hat meine Vorfreude zusätzlich befeuert. Doch dann die Enttäuschung: Pascal Mercier konnte mich mit der Geschichte um Simon Leyland überhaupt nicht begeistern, ich entwickelte beim Hören der mehr als 22 Stunden umfassenden vollständigen Lesung Überdruss ob der beständigen Wiederholungen und Widerwillen gegen den eitlen Leyland und die Blase, in der er sich ausschließlich bewegt. Kein Satz über das Weltgeschehen oder Politik auf über 600 Seiten – Leyland kreist ausschließlich um seine eigene Befindlichkeit, seine gleichgesinnten Freunde und seine ihm ähnlichen erwachsenen Kinder.

Die Handlung ist schnell zusammengefasst. Simon Leyland, Anfang 60, Übersetzer, Verlagsleiter, seiner verstorbenen Frau Livia und deren Verlag zuliebe von London nach Triest umgezogen, wird das Opfer einer ärztlichen Verwechslung. 77 Tage lang hat er den schnellen Tod vor Augen, eine Zeit, in der er seinen Verlag verkauft und den Suizid plant. Dann klärt sich der Irrtum auf, Leyland bezieht ein soeben in London geerbtes Haus in London und ordnet, „jetzt, da er wieder eine Zukunft hat“, sein Leben neu.

Leider hat mir vieles die Freude an diesem Roman vergällt. Da war gleich zu Beginn das völlig unrealistische Gespräch mit dem Triester Chefarzt, der dem MRT-Bild nicht nur die Diagnose Hirntumor, sondern gleich auch noch die Histologie entnimmt. Verständlich, dass Leyland mit der Verwechslung hadert und wütend ist, doch trifft ihn, der sofort jede Mitarbeit verweigert, eine Mitverantwortung. Weniger Selbstmitleid und mehr Empathie für den Hauptleidtragenden, den tatsächlich betroffenen Patienten, dem die Therapie vorenthalten wird, wäre angebracht gewesen. Dass ihn auch nach der Aufklärung des Irrtums seltene Anfälle wegen zeitweiliger Durchblutungsstörungen im Gehirn mit vorübergehendem Verlust der Sprache treffen, beklagt er wortreich, ohne daraus Konsequenz zu ziehen. Er und alle anderen Figuren rauchen so fortgesetzt, wie ich das in dieser Intensität und Ausführlichkeit noch nie gelesen habe.

Ebenso konstruiert wie Leyland wirken auf mich seine Freunde, alle tiefsinnig, mit höchst dramatischen, außergewöhnlichen Lebensläufen, stets aus edelsten Motiven handelnd, selbst wenn dies eine Gefängnisstrafe nach sich zieht. Nur ein einziger Kritiker zieht Leylands Übersetzungen in Zweifel, doch ihn bügelt er als „kleinen, unbedeutenden Mann“ ab und unterstellt ihm einen „kleinen, miesen Rachefeldzug“. Alle anderen denken wie er und bestätigen in Gesprächen seine Gedankengänge, die Leyland in Briefen an seine tote Frau noch einmal wiederholt. Selbst interessante Themen wie das Wesen der Zeit, Krankheit, Tod, das Erlernen von Sprachen, das Handwerk des Übersetzens, Jurisprudenz und Gesundheitswesen werden so zerredet.

Gehadert habe ich auch mit der Stimme von Markus Hoffmann, die zwar deutlich ist und warm klingt, aber leider das Pathos des Textes überbetont.

Vielleicht hätte mir das Buch etwas besser gefallen als die Hörfassung und natürlich ist Pascal Merciers sprachliches Vermögen wieder beeindruckend. Leider hat das aber nicht ausgereicht, um mich über die kritisierten Aspekte hinwegzutrösten.

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Veröffentlicht am 28.02.2020

Eine Entdeckungsreise für die Kleinen

Edition Piepmatz: Such mich! Wo bin ich?
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Sechs großformatige Doppelseiten aus Pappe mit dem Park, der Wiese, dem Garten, dem Bauernhof, dem Bach, den Bergen und schließlich dem Wald umfasst das wunderschöne Wimmelbilderbuch "Such mich! Wo bin ...

Sechs großformatige Doppelseiten aus Pappe mit dem Park, der Wiese, dem Garten, dem Bauernhof, dem Bach, den Bergen und schließlich dem Wald umfasst das wunderschöne Wimmelbilderbuch "Such mich! Wo bin ich?" mit Illustrationen von Kathrin Wessel und gereimten Sechszeilern von Bernd Penners. Doch wer ist „ich“? Es ist das Eichhörnchen mit dem schwarzen Ohr, das sich auf jede Seite geschmuggelt hat und nicht immer leicht zu finden ist. Mal sitzt es frech auf dem Wippetier, mal auf der Schaukel, mal springt es durchs Gras oder klettert auf den Baum. Nirgends fühlt es sich richtig zu Hause, meist ist es ihm zu laut und zu umtriebig oder die Tiere sind ihm zu groß, bis es schließlich überglücklich im Wald ankommt.

Eine Einladung zum Erzählen
Die Szenerie an den verschiedenen Orten ist bevölkert von zahlreichen Tieren, manche alleine, oft aber in Familienverbänden oder in Gruppen und meist in Aktion. Da bellt der Hund die Katze wütend an, die Amsel füttert ihre Jungen, die Spinne hängt erwartungsfroh an ihrem Netz, die Feldmaus beäugt ihre Beute, der Hase erfreut sich am Salatbeet, die Schweine suhlen sich im Dreck, das Otterbaby schläft auf dem Bauch seiner rücklings im Wasser schwimmenden Mutter, die Bärenkinder raufen und die Frischlinge spielen Fangen. Es gibt also auf den Bildern nicht nur viel zu entdecken, sie animieren auch geradezu zum Erzählen kleiner Geschichten. Jeweils fünf der auf jeder Doppelseite vorkommenden Tierarten sind in der Fußleiste noch einmal abgebildet und ihr Name wird zusammen mit einer hervorstechenden Eigenschaft genannt: „die fauchende Katze“, „der neugierige Fasan“, „die schleimige Schnecke“, „die segelnde Schwalbe“, „der knabbernde Biber“, „der brütende Adler“ oder „der pickende Specht“, um nur einige zu nennen.

Einprägsame Verse
Die gereimten Sechszeiler sind leicht nachzusprechen, für Kinder einprägsam und handeln jeweils vom Treiben des Eichhörnchens, das von Ort zu Ort weiterflitzt, bis es zuletzt im Wald heißt:

"Gleich ruft es überglücklich aus:
„Im Wald, da fühl ich mich zu Haus!“
Und das ergibt auch einen Sinn,
denn hier gehört ein Eichhorn hin!"

Ein gelungenes Entdeckerbuch für die Kleinen ab eineinhalb Jahren und ein farbenfrohes Bilderbuch zum spielerischen Wortschatztraining für Kindergartenkinder.

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Veröffentlicht am 26.02.2020

Eine Stimme gegen das Verdrängen und Vergessen

Rote Kreuze
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Wurden in Russland unter Jelzin viele Archive geöffnet, so liegen diese Dokumente über die Stalinzeit in der Putin-Ära erneut unter Verschluss und sind unzugänglich, soweit nicht in anderen Ländern Kopien ...

Wurden in Russland unter Jelzin viele Archive geöffnet, so liegen diese Dokumente über die Stalinzeit in der Putin-Ära erneut unter Verschluss und sind unzugänglich, soweit nicht in anderen Ländern Kopien vorliegen. Sasha Filipenko, 1984 in Minsk geborener, in St. Petersburg lebender Journalist, Drehbuchautor und Schriftsteller, hat für seinen Roman "Rote Kreuze" vor allem im Archiv des Roten Kreuzes in Genf recherchiert und macht die Korrespondenz zwischen dem Internationalen Roten Kreuz und der Sowjetregierung während des Zweiten Weltkriegs teils als Originaltexte, teils im Rahmen der Romanhandlung zugänglich. Nach Isabelle Autissiers "Klara vergessen" ist dieser Roman bereits der zweite über die Greuel der Stalinära im Literaturfrühling 2020 für mich.

Raffinert konstruiert
Die 91-jährige Tatjana Alexejewna lebt in Minsk. Ihre fortschreitende Alzheimererkrankung erklärt sie so:

"Aber jetzt, wo in meinem Leben alles vorbei ist… jetzt denkt sich Gott, dieser von mir erdachte Gott, für mich Alzheimer aus, weil er Angst hat! Er hat Angst, mir in die Augen zu schauen! Er will, dass ich alles vergesse. Alzheimer ist die Zerstörung des Weges zu ihm, und mein Alzheimer ist die stärkste Bestätigung, dass er mich fürchtet."

Bevor die Erkrankung ihr nicht nur das Kurzzeitgedächtnis, sondern auch die Erinnerung an ihre „Biographie der Angst“ raubt, möchte sie Bericht ablegen und wählt dafür den Ich-Erzähler des Romans, Alexander, der soeben mit seiner kleinen Tochter in die Nachbarwohnung einzieht. Er ist eigentlich mit seinen eigenen Dämonen beschäftigt, doch kann er sich bald dem Gehörten nicht mehr entziehen. So sehr fesselt ihn schließlich Tatjanas Schicksal, dass er sogar über ihren Tod hinaus den letzten Puzzlestein sucht.

Eine unglaubliche Lebensgeschichte
Tatjanas Bericht ist die unglaubliche Geschichte einer Frau, die, 1910 als Tochter russischer Eltern in London geboren, 1920 mit ihrem Vater nach Russland kam und ab 1930 als Fremdsprachensekretärin für das NKID, das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten, in Moskau arbeitete. Dass ihr Mann während des Zweiten Weltkriegs in Gefangenschaft geriet, machte ihn und seine Familie gemäß Stalins Befehl Nr. 270 vom August 1941 zu Volksfeinden:

"Kommandeure und Politkader, die sich im Gefecht die Dienstabzeichen abreißen und ins Hinterland absetzen oder sich dem Feind als Kriegsgefangene ergeben, sind als verwerfliche Desserteure zu betrachten, und ihre Familien sind als Angehörige von eidbrüchigen und landesverräterischen Fahnenflüchtigen zu verhaften…"

Damit ist das Schicksal von Tatjana, ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter besiegelt.

Eine neue Stimme
Mit Alexander und Tatjana lässt Sasha Filipenko zwei völlig unterschiedliche literarische Figuren durch ihre Trauer und Einsamkeit zueinanderfinden. Während Tatjana stellvertretend für viele russische Opfer des 20. Jahrhunderts und dafür zurecht im Mittelpunkt steht, hätte mir für Alexander weniger Dramatik genügt. Auch hätte ich gerne noch mehr die literarische Stimme Filipenkos zulasten der journalistischen vernommen. Dass der Roman jedoch trotz aller bedrückenden Details aus der Zeit der Stalin-Diktatur und danach so gut lesbar ist, zeugt von seiner Qualität, genauso wie das in verschiedenem Zusammenhang wiederkehrende Motiv der titelgebenden roten Kreuze. Ich wünsche mir deshalb, dass bald auch die anderen drei Romane Filipenkos auf Deutsch erscheinen.

Veröffentlicht am 20.02.2020

Lebenskreise mit Schnittmengen

Echo des Schweigens
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Angelehnt an den Fall des 2005 in einer Gefängniszelle in Dessau verbrannten Sierra-Leoners Oury Jalloh ist der Roman "Echo des Schweigens" von Markus Thiele. Dass der Autor selbst Rechtsanwalt ist, macht ...

Angelehnt an den Fall des 2005 in einer Gefängniszelle in Dessau verbrannten Sierra-Leoners Oury Jalloh ist der Roman "Echo des Schweigens" von Markus Thiele. Dass der Autor selbst Rechtsanwalt ist, macht das Buch für mich besonders wertvoll, denn im Mittelpunkt steht der Interessenskonflikt des Anwalts Dr. Hannes Jansen, der sich zwischen Recht und Gewissen entscheiden muss. Das Dilemma tut sich bereits auf den ersten Seiten auf: Während seines Abschlussplädoyers im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Magdeburg erhält Jansen den Beweis für die Schuld seines Mandanten zugespielt, doch ist ihm als Strafverteidiger der „Parteiverrat“ gesetzlich untersagt.

Ein neues Gutachten sorgt für ein Wiederaufnahmeverfahren
Nur einer Ausnahmeregelung ist es zu verdanken, dass das Verfahren gegen den Vorzeigekommissar mit tadellosem Führungszeugnis und liebevollen Familienvater Maik Winkler nach dem ursprüngichen Freispruch überhaupt wiederaufgenommen werden kann, denn eigentlich gilt „Ne bis in idem“, der Grundsatz aus Artikel 103 des Grundgesetzes, nach dem dieselbe Tat nicht zweimal angeklagt werden darf. Ein neues Gutachten aus der Rechtsmedizin der Charité beweist jedoch zweifelsfrei, dass das Opfer, der in seiner Zelle verbrannte, offenbar zuvor misshandelte und an Armen und Beinen gefesselte Senegalese Abba Okeke, sich nicht wie zuvor angenommen selbst angezündet haben kann. Als einziger Tatverdächtiger gilt trotz des angeblichen Alibis Kriminaloberkommissar Winkler.

Für Hannes Jansen, den ehrgeizigen Anwalt mit Geldsorgen und Aufstiegsambitionen ist der Prozess die große Chance, auf die er lange gewartet hat. Bei einem Sieg in diesem von den Medien und der Politik gleichermaßen beachteten Verfahren winkt die lukrative und prestigeträchtige Teilhaberschaft in der Kanzlei. Erst spät erfährt er, dass die Gutachterin ausgerechnet Dr. Sophie Tauber ist, die Frau, in die er sich soeben erst verliebt hat. Sie wird nun zu seiner schäfsten Gegnerin im Prozess.

Mehrere Handlungsstränge
Nach einem kurzen Blick in den Gerichtssaal am letzten Prozesstag, der gerade so viel verrät, wie die Spannung erfordert, wird das Geschehen um das Verfahren, die Liebesgeschichte von Sophie und Hannes und Sophies Recherchen bezüglich ihrer eigenen Familiengeschichte, ausgelöst durch den Tod ihrer Mutter, vom September 2017 bis September 2018 chronologisch erzählt.

Unterbrochen wird die chronologische Abfolge der mit einer Zeitangabe überschriebenen Kapitel von Abschnitten aus den Jahren 1938 bis 1942 sowie 1948 und 1979. Eine jüdische Großmutter, die in Auschwitz ums Leben kam, ein Verrat unter Brüdern, der erzwungene „Parteiverrat“ eines Anwalts vor einem NS-Gericht und eine späte Rache haben mehr mit Sophie Tauber und Hannes Jansen zu tun, als die beiden sich in ihren kühnsten Träumen vorstellen konnten…

Ein Roman mit Thrillerqualitäten
Die Frage nach der Postition des Verteidigers im Strafprozess war für mich als juristischem Laien mit einer Vorliebe für Gerichtskrimis von besonderem Interesse, doch habe ich die Rückblicke in das Leben von Sophies Großmutter und Mutter fast genauso gerne gelesen. Einzig die allzu großen Zufälle haben mich an der ein oder anderen Stelle gestört. Davon abgesehen kann ich den flüssig geschriebenen Roman mit dem angenehm großzügigen Layout als ausgesprochen spannende und informative Lektüre empfehlen.

Veröffentlicht am 04.02.2020

Nur ein Sandkorn

Klara vergessen
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Isabelle Autissiers "Klara vergessen" ist neben Pascal Merciers "Das Gewicht der Worte" die Neuerscheinung, auf die ich mich in diesem Frühjahr besonders gefreut habe. Nach "Herz auf Eis", einem absoluten ...

Isabelle Autissiers "Klara vergessen" ist neben Pascal Merciers "Das Gewicht der Worte" die Neuerscheinung, auf die ich mich in diesem Frühjahr besonders gefreut habe. Nach "Herz auf Eis", einem absoluten Lieblingsbuch, waren meine Erwartungen hoch und wurden erfüllt. Zwar ist der Roman ganz anders ist als sein Vorgänger, doch geht es wieder um existentielle Bedrohungen und darum, wozu Menschen angesichts solcher fähig sind.

Eine Rückkehr wider Willen
Der Roman nimmt uns mit in den Norden Russlands von der Stalinzeit bis zu Gorbatschows Perestroika und spannt einen Bogen über drei Generationen der Familie Bondarew: die Großmutter Klara, ihren 1945 geborenen Sohn Rubin sowie den Enkel Juri, der zu Beginn 46 Jahre alt. Vor 23 Jahren ist er vor der Familie in die USA geflohen und hat sich ein Leben als renommierter Professor für Ornithologie in Ithaka, N.Y. aufgebaut. Auf den dringenden Wunsch seines verhassten Vaters kehrt er nun an dessen Sterbebett nach Murmansk zurück. Juri soll vollbringen, was Rubin aus Feigheit nie gewagt hat: die Wahrheit über das Verschwinden von Klara ans Licht bringen, die als Abteilungsleiterin des Labors für angewandte Geologie und Mineralogie in Murmansk vor den Augen von Mann und Sohn 1950 im Zuge der Massendeportationen von Stalins Schergen verhaftet wurde und wie so viele andere verschwand.

Nur kurz ist Juri versucht, den Wunsch des Vaters zurückzuweisen:

"Rubin hatte ihn ein letztes Mal in eine Falle gelockt. Obwohl er unausstehlich und gewalttätig war, war er nun das Opfer, dem man helfen musste. Juri wappnete sich innerlich, um den Vorschlag abzulehnen, den er kommen sah. Doch da war Klara, seine Großmutter, und diese Geschichte, die er nie wieder aus dem Kopf bekommen würde, ein winziges Steinchen im großen historischen Zusammenhang, aber der Grundstein seiner eigenen Familiengeschichte, ein Name in der Liste der Opfer, aber der Name, den er selbst trug."

Wege in die Freiheit
Es ist eine emotional aufgeladene Erzählung. Klaras Verhaftung war das „Sandkorn“, welches das Leben mehrerer Generationen außer Kontrolle geraten ließ und aus Rubin nicht nur den Sohn einer Volksverräterin, sondern auch einen brutalen Mann und Vater machte. Kompromisslos konsequent verfolgen alle drei Protagonisten unterschiedliche Wege in die Freiheit: Juri als Ornithologe, Rubin als Kapitän eines sowjetischen Fischtrawlers auf dem Meer und Klara mit der Wissenschaft, der sie allerdings auch die Gefangenschaft verdankt.

Das Besondere dieses Romans
Neben der überaus spannenden Handlung, den dichten Charakteren, dem Blick in die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts und auf die Umweltfrevel in Nordrussland ist es noch etwas anderes, was die Weltumseglerin und Vorsitzende des französischen WWF Isabelle Autissier für mich zu einer so herausragenden Autorin macht. Ihre Beschreibungen des Meeres, der Tundra oder der Lebensweise der Nenzen, indigener Rentiernomaden, sind einzigartig und wunderbar übersetzt von Kirsten Gleinig. Aber auch ihre Fähigkeit, einerseits von unvorstellbarer Brutalität auf dem Fischtrawler, bei den Verhören oder in Juris Familie, andererseits mit großer Zartheit vom Erwachen der Liebe Juris zu einem Ferienbetreuer zu erzählen, ist großartig.

Nicht nur für mich als begeisterte Leserin, auch für Juri hat sich der schmerzliche Ausflug in die Vergangenheit gelohnt:

"Am Ende der Suche nach seiner Großmutter stand die Rückkehr zu ihm selbst."

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