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Veröffentlicht am 27.08.2021

Ein Frauenleben, eine Landschaft und fast ein Jahrhundert

Die Hebamme
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"Sie lebten so, wie es Menschen zu allen Zeiten in Norwegen und dem Norden getan haben: Sie lebten mit den Jahreszeiten, die gerade hier so wechselhaft waren." (S. 320)

Edvard Hoem, geboren 1949 im westnorwegischen ...

"Sie lebten so, wie es Menschen zu allen Zeiten in Norwegen und dem Norden getan haben: Sie lebten mit den Jahreszeiten, die gerade hier so wechselhaft waren." (S. 320)

Edvard Hoem, geboren 1949 im westnorwegischen Molde, ist als Romanautor, Dramatiker und Lyriker in seiner Heimat sehr bekannt und vielfach ausgezeichnet. Besonders erfolgreich sind seine Romane über sich und seine Vorfahren aus Romsdal, von denen auf Deutsch 2007 "Die Geschichte von Mutter und Vater" und 2009 "Heimatland. Kindheit" erschienen. "Die Hebamme" führt nun weiter zurück und schildert das Leben seiner Ururgroßmutter Marta Kristine Anderdatter Nesje, die von 1793 bis 1877 am Romsdalsfjord lebte und über 50 Jahre lang dort die erste staatlich bestellte Hebamme war:

"Das war ein Leben. Marta Kristine Andersdatter Nesje hatte mehrere Zeitalter durchlebt, sieben Könige überlebt und unter vieren gedient. […] Sie hatte immer genug zu tun gehabt und […] mehr als tausend Kinder in Empfang genommen." (S. 335)

Ein aufgewecktes Mädchen
Der erste Teil des Romans beginnt, als Marta Kristines Familie 1800 die Fjordseite wechselt und in eine Häuslerkate in Nesje zieht. Der Vater, Anders Knudsen, Schuhmacher und eine der beeindruckendsten Figuren des Romans, ist klug und vorausschauend und schickt seine Tochter in die Dorfschule. Dort lernt sie ihren späteren Mann Hans Nesje kennen, den freundlichen blonden jüngsten Sohn des Großbauern. Es ist ein langer Weg bis zur Hochzeit im Juli 1817, als sie bereits eine uneheliche Tochter von einem anderen hat und durch traumatisierende Kriegserlebnisse bei Hans der Grundstock für seine lebenslange Schwermut gelegt ist.

Marta Kristines Tür zur Welt
Beharrlich verfolgt Marta Kristine, angeregt durch den von ihr verehrten Pastor, den Plan, sich zur Hebamme ausbilden zu lassen, eine Möglichkeit, die nur „sittlichen Frauen“ offenstand. Im Herbst 1817 kann sie trotzdem als eine der Ersten einen sechswöchigen Kurs in Molde belegen.

Im zweiten Teil ist Marta Kristine ordentlich zur Hebamme bestellt, wird jedoch aufgrund von Armut, Misstrauen und Aberglaube trotz der von der Kanzel verkündeten Hebammenverordnung kaum gerufen. Nachdem sie drei weitere Kinder geboren hat, wandert Marta Kristine deshalb im Herbst 1821 600 Kilometer zu Fuß nach Christiania, dem heutigen Oslo, um ihre Qualifikation am dortigen Geburtshilfestift zu vervollständigen. Als sie nach neun Monaten zurückkehrt, hat sich Hans‘ Zustand endgültig verschlechtert.

Zehn eheliche Kinder bringt Marta Kristine zur Welt, die sie mit Hans und der Hilfe ihrer Eltern und der unehelichen Tochter in ständiger Armut in einer Häuslerkate großzieht. Obwohl sie auch Einkünfte aus der Pockenimpfung bezieht und Hans sich im Fischen versucht, verliert sie nach seinem frühen Tod fast alles an Gläubiger und muss noch einmal neu beginnen.

Der dritte Teil ist dem Leben Marta Kristines als Witwe gewidmet.

Fakten und Fiktion
"Es ist ein Roman, geschrieben auf der Grundlage dokumentierter Fakten. Die Darstellung der Personen fußt auf vereinzelten, spärlichen Informationen. Niemand weiß mehr, wer sie waren." (Vorwort)

Streng chronologisch und mit vielen Fakten aus Archiven gespickt, zeichnet Edvard Hoem auf beeindruckend glaubwürdige Weise die Welt des 19. Jahrhunderts in Norwegen. Die außergewöhnlich starke Frauenfigur, die bewegende Liebesgeschichte, die Anfänge der professionellen Geburtshilfe, das Porträt der notleidenden bäuerlichen Gesellschaft und die alles beherrschende Natur – darüber erzählt Edvard Hoem vor dem Hintergrund der Geschichte Norwegens so mitreißend gut, dass ich mich beim Lesen ganz und gar verloren habe.

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Veröffentlicht am 24.08.2021

Wenn Bärenkinder müde werden

Dreh hin – Dreh her 1: Gute Nacht, kleiner Bär!
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Auch kleine Bären werden irgendwann müde. Dann gähnt der kleine Bär und das Spielen macht keinen Spaß mehr. „Höchste Zeit zum Schlafengehen!", findet Mama Bär. Aber vorher wird noch der Schlafanzug übergezogen, ...

Auch kleine Bären werden irgendwann müde. Dann gähnt der kleine Bär und das Spielen macht keinen Spaß mehr. „Höchste Zeit zum Schlafengehen!", findet Mama Bär. Aber vorher wird noch der Schlafanzug übergezogen, die Zähne werden geputzt, das Lieblingskuscheltier gesucht, ein Glas Wasser getrunken und eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt.

Auf fünf Doppelseiten des Pappbilderbuchs "Gute Nacht, kleiner Bär!" können die kleinen Zuhörerinnen und Zuhörer genau dabei behilflich sein, indem sie an Stoffschlaufen ziehen und das Bild dadurch verändern. Das klappt auch bei meinem knapp zweijährigen Versuchskind schon gut, das den Mechanismus sofort durchschaute und viel Spaß beim Ziehen hat, dabei allerdings leider vom Zuhören abgelenkt wird.

Was mir besonders gut an diesem Bilderbuch mit den Illustrationen von Carola Sieverding gefällt, sind die ruhige Atmosphäre im Bärenheim, die zur abendlichen Stimmung passenden, kindgerecht bunten und doch warmen Farben, die freundlichen Gesichter sämtlicher Mitglieder der Bärenfamilie und der Kuscheltiere und die Fülle an potentiellen Geschichten, die sich über die drei bis sechs Zeilen umfassenden Texte von Sylvia Tress hinaus hinter den Bildern verbergen. Die Gegenstände im Bärenkinderzimmer, im Bad und in der urgemütlichen Küche sind übersichtlich in ihrer Anzahl und so klug gewählt, dass Kinder sie benennen können. Das Weitererzählen drängt sich dabei geradezu auf. Wer genau hinsieht, kann sogar auf jeder Doppelseite ein kleines, vorwitziges Mäuschen entdecken. Schade nur, dass der nette, Zeitung lesende Bärenpapa nicht aktiver in das Abendritual eingreift.

Ich empfehle dieses hübsche Pappbilderbuch für nicht zu stürmische Kleinkinder ab zwei Jahren oder kurz davor, wegen der Mechanik vorzugsweise zum gemeinsamen Betrachten.

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Veröffentlicht am 20.08.2021

Lebenslange Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Liebe

Die Überlebenden
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Alex Schulman, geboren 1976 in Schweden, ist in seiner Heimat als Journalist, Autor mehrerer autobiografischer Bücher über seine Familie, Blogger, Podcaster und aus Fernsehen und Radio sehr populär. Sein ...

Alex Schulman, geboren 1976 in Schweden, ist in seiner Heimat als Journalist, Autor mehrerer autobiografischer Bücher über seine Familie, Blogger, Podcaster und aus Fernsehen und Radio sehr populär. Sein Romandebüt "Die Überlebenden" war in seinem Heimatland ein großer Erfolg, wobei schwedische Leser Teile seiner Familiengeschichte in dieser fiktionalen Erzählung wiederfinden.

Drei Brüder
Zu Beginn eine filmreife Szene: Drei Männer in schwarzen Anzügen und Krawatten sitzen in einer Juninacht auf der Steintreppe vor einem abgelegenen, verwitterten roten Sommerhaus am See und halten sich weinend im Arm. Neben ihnen steht die Urne mit der Asche ihrer Mutter, die sie nach deren letztem Willen im See verstreuen sollen. Benjamin, der mittlere der Brüder, hat die Polizei und einen Krankenwagen gerufen, denn kurz zuvor hätten sich Nils, der ältere, und Pierre, der jüngste, fast totgeschlagen. Was ist geschehen?

"Was sich hier auf der Steintreppe abspielt, das Weinen der drei Brüder, die geschwollenen Gesichter und all das Blut, ist nur der letzte Ring auf dem Wasser, der äußerste, der am weitesten vom Einschlagpunkt entfernt ist." (S. 13)

Eine außergewöhnliche Struktur
Alex Schulman erzählt den Roman konsequent aus Benjamins Sicht. In zwei Teilen, untergliedert in insgesamt 24 Kapitel, wechseln sich zwei Zeitebenen ab. In der Gegenwartsebene wird der Tag der Urnenbeisetzung im Zweistundenrhythmus rückwärts erzählt. Dazwischen gibt es Episoden aus der Kindheit, später aus dem jugendlichen und dem Erwachsenenleben der Brüder, durch Schlüsselwörter verzahnt. Beide Ebenen nähern sich kontinuierlich an, bis sie zuletzt verschmelzen.

Bei den Erlebnissen im ersten Teil aus dem letzten Sommer am See sind die Brüder dreizehn, neun und sieben Jahre alt. Die idyllische Umgebung steht in diametralem Kontrast zum überwiegend düsteren Alltag einer dysfunktionalen Familie, in der die Kinder nur selten die ersehnte Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern erhalten. Vom Alkohol vernebelt demonstrieren die Eltern meist Desinteresse, sind launisch und unberechenbar, verhängen sadistische Strafen und riskieren leichtfertig das Leben ihrer Kinder. Krassestes Beispiel dafür ist ein vom Vater ausgerufener Schwimmwettbewerb, bei dem die Brüder fast ertrinken, die Eltern sich jedoch inzwischen ins Haus zurückgezogen und die drei vergessen haben.

Unterschiedliche Strategien
Benjamin ist der sensibelste unter den Brüdern, der Familienseismograf, der die Stimmungen präzise auslotet und sogar vorhersieht. Nils, begabt und Hoffnungsträger der Eltern, zieht sich so weit als möglich in seine eigene Welt zurück. Pierre wird mit den Jahren brutal und aggressiv nach außen, behält aber wie die anderen einen weichen, verletzlichen Kern.

Das fehlende Puzzleteil
Alex Schulman geht in "Die Überlebenden" den Fragen nach, wie es zur Entfremdung der Brüder kommen konnte und was das Leben in einer dysfunktionalen, von Schweigen bestimmten Familie auslöst. Selten hat mich ein Roman auf den letzten Seiten derart überrascht wie dieser, obwohl ich beim Lesen von Beginn an eine unerklärliche Unruhe verspürte. Erst ganz zum Schluss wurde mir klar, dass ein fehlendes Puzzleteil dafür verantwortlich war.

Diese genial angelegte Wendung, die gekonnte Verzahnung der Zeitebenen, die erschütternden Kindheitserlebnisse und die stark verdichtete, mit beklemmenden Bildern unterlegte Erzählweise werden mir dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Ich freue mich auf weitere Romane von Alex Schulman!

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Veröffentlicht am 27.07.2021

Am Scheitelpunkt

Auszeit
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Henriette, die Ich-Erzählerin in "Auszeit", steckt mit Mitte 30 in einer handfesten Lebenskrise. Vordergründig ist eine nur wenige Monate zurückliegende Abtreibung dafür verantwortlich, doch die Probleme ...

Henriette, die Ich-Erzählerin in "Auszeit", steckt mit Mitte 30 in einer handfesten Lebenskrise. Vordergründig ist eine nur wenige Monate zurückliegende Abtreibung dafür verantwortlich, doch die Probleme reichen bis ins verbummelte Kulturwissenschafts-Studium zurück und manifestieren sich aktuell in der festgefahrenen Dissertation zum Thema „Der Werwolf und seine Kulturgeschichte“:

"Mir fehlt auf elementare Weise der innere Antrieb. […] Ich wünschte, ich könnte sagen, ich wäre erst seit dem Frühjahr so. […] Aber es war schon immer so. Es fühlt sich nur schlimmer an." (S. 85)

Ganz anders ist ihre langjährige Freundin Paula: dem Leben zugewandt trotz schwerer Schicksalsschläge, spirituell, zupackend, empathisch:

"Paula ist im Leben, ich bin es nicht. Ich bin in meinem Kopf." (S. 14)

Ortswechsel als Therapie
Kurzerhand verordnet Paula Henriette eine gemeinsame herbstliche Auszeit in einer abgelegenen bayerischen Hütte. Dort soll sie die Seele baumeln lassen, mittels Yoga, Reiki und Waldspaziergängen zur Ruhe kommen und die Schreibblockade lösen.

Tatsächlich erscheinen die Probleme mit dem Abstand zu Berlin zunächst lösbarer, doch dreht sich die Gedankenspirale in Henriettes Kopf weiter. Sie reflektiert ihre Beziehung zu Tobias und den „Sex, der eigentlich keiner war“ (S. 139), ihre Bewunderung für die Lebenserfahrung dieses einige Jahre älteren Familienvaters, der ihr zuhörte, sie aber auch manipulierte. Die ungeplante Schwangerschaft erschien ihr zunächst „als wäre in meinem Inneren ein Licht angeschaltet worden“ (S. 99), trotzdem hat sie „eine Entscheidung gegen die Natur getroffen, gegen meine Natur“ (S. 134) und leidet darunter, deshalb nicht trauern zu dürfen:

"Das Recht, um das Kind zu trauern, habe ich verwirkt." (S. 55)

Mit dem Eintreffen von Tom, Paulas On-Off-Beziehung, wird aus dem Duo ein Trio. Ein neuer Takt muss gefunden werden – mit überraschenden Folgen.

In Teilen autobiografisch
Auch wenn die 1987 geborene Hannah Lühmann mit ihrer Protagonistin Henriette die Erfahrung eines Schwangerschaftsabbruchs teilt und seit ihrer Kindheit eine Grusel-Faszination für Werwölfe hegt, kann sie doch ansonsten nicht viel mit der zögerlichen Romanfigur verbinden. Wer wie sie mit Mitte 30 nach einem Philosophie- und Kulturjournalismus-Studium bereits für die FAZ, die Süddeutsche Zeitung, die Zeit und andere renommierte Presseorgane gearbeitet hat, nun als stellvertretende Ressortleiterin im Feuilleton der Welt tätig ist und den ersten Roman im Verlagshaus Hanser veröffentlicht, verzweifelt nicht an den Möglichkeiten dieser Generation, sondern hat sie ergriffen.

Eine neue Autorin mit viel Potential
Ich bin selbst überrascht, dass ich dieses düstere Buch, durch das allerdings - wie durch die stilisierten Äste auf dem hervorragenden Cover - stellenweise Licht dringt, gerne gelesen haben. Dabei kenne ich eher zielstrebige 30-Jährige und hege eine Abneigung gegen sich permanent selbst bespiegelnde, nur fordernde, nie gebende Menschen wie Henriette. Es erging mir hier ähnlich wie beim Roman "Die Glücklichen" von Kristine Bilkau, wo ein Paar in Henriettes Alter, allerdings anderer Lebenssituation, ähnlich erstarrt und leer ist. Die „groteske Unbegrenztheit von allem“, die „Überzahl an Entscheidungen“ und die „Übermacht möglicher Abläufe“ (S. 83) erweist sich als potentieller Hemmschuh dieser Generation.

Hannah Lühmann ist definitiv eine literarische Entdeckung für mich, auf deren weitere Romane ich sehr gespannt bin. Auch wenn ich mich beim Thema ihres schmalen Debütromans lediglich als staunende Zuschauerin fühlte, mochte ich den Schreibstil sehr, die große Dichte, Präzision, Knappheit und Sensibilität.

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Veröffentlicht am 02.07.2021

Wie gut kennen wir unsere Nächsten?

Tiefer Fjord
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Thriller lese ich eher selten, aber hier haben mich Autorin und Übersetzer neugierig gemacht. Ruth Lillegraven lernte ich 2019 beim Gastlandauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse bei einem „Kaffeslabberas“ ...

Thriller lese ich eher selten, aber hier haben mich Autorin und Übersetzer neugierig gemacht. Ruth Lillegraven lernte ich 2019 beim Gastlandauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse bei einem „Kaffeslabberas“ kennen, damals als Autorin preisgekrönter Lyrik, des Romans "Sichel" in Form eines Langgedichts und von Kinderbüchern. Dass sie 2018 auch einen Psycho-Thriller geschrieben hat, der nun unter dem Titel "Tiefer Fjord" auf Deutsch erschien, hat mich bei dieser 1978 geborenen, sehr zurückhaltenden Frau überrascht, ebenso wie Hinrich Schmidt-Henkel als Übersetzer, der beispielsweise die sehr literarischen Roman von Tarjei Vesaas fantastisch ins Deutsche übertragen hat.

In der Tat ist "Tiefer Fjord" in vielerlei Hinsicht ein besonderer Thriller. Der norwegische Originaltitel Alt er mitt (Alles ist mein) ist einem Gedicht des schwedischen Literaturnobelpreisträgers Pär Lagerkvist (1891 - 1974) entnommen, den ein Protagonist ahnungsvoll zitiert:

Alles ist mein, alles wird mir genommen, schon bald wird mir alles genommen. (S. 171)

Risse in der Fassade
Clara Lofthus und Haavard Fougner sind ein junges Vorzeigepaar mit einer Villa im Osloer Westen und Zwillingen. Beide sind beruflich sehr engagiert und erfolgreich, Clara als Juristin im Justizministerium, Haavard als Kinderarzt in Norwegens größtem Krankenhaus Ullevål. Ihre Vergangenheit könnte jedoch unterschiedlicher nicht sein: Während Clara eine traumatisierende Kindheit auf einem Hof in West-Norwegen verbrachte, kam Haavard in Oslo mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt.

Hinter der Fassade ihrer Ehe klaffen tiefe Risse. Für Haavard ist die willensstarke und kompromisslose Clara längst nicht mehr das ungezähmte, erfrischend andere „Naturkind“, sondern die „Eiskönigin“, die seit einem Unfall vor 30 Jahren nicht mehr weinte. Haavard dagegen ist zwar nach außen warm und umgänglich, bei Nähe jedoch kühl. Die Affäre mit seiner Kollegin Sabiya ist nicht seine erste.

Eines verbindet Clara und Haavard jedoch: ihr Engagement gegen Kindesmisshandlung. Clara arbeitet an einem Gesetzesvorschlag zur verschärften Überwachung und Meldepflicht, Haavard wird mit Fällen dieser Art bei der Arbeit konfrontiert. Als wieder einmal ein gewalttätiger, pöbelnder pakistanischer Einwanderer mit seinem sterbenden Kind kommt, will er nicht mehr tatenlos zusehen. Kurze Zeit später ist der Vater tot…

Ein Psycho-Thriller mit ungeheuerem Sog
"Tiefer Fjord" hat genau, was für mich einen Thriller lesenswert macht: eine extrem spannende Handlung mit für mich völlig unvorhersehbaren Wendungen und interessante Themen wie Kindesmisshandlung und Rassismus. Dazu gibt es tiefe Einblicke in den norwegischen Verwaltungs- und Politikbetrieb, den Ruth Lillegraven aus langjähriger Arbeit im Verkehrsministerium bestens kennt, und traumhafte Beschreibungen ihrer Heimat West-Norwegen. Auch die Erzählweise hat mir sehr zugesagt: 75 kurze Kapitel aus der Sicht verschiedener Ich-Erzählerinnen und -Erzähler, meist Clara und Haavard, und verschiedene Zeitebenen bis zurück zu Claras Geburt. Eine völlig untergeordnete Rolle spielt dagegen die Polizei. Alles ist perfekt konstruiert, vielleicht zu perfekt, um wirklich so passiert zu sein, aber das hat mich nicht gestört.

Völlig unverständlich ist für mich allerdings die Wahl des Covers, das keinerlei Bezug zu Titel oder Inhalt hat. Warum nicht ein Fjord oder zumindest Wasser?

Es geht weiter
Da der Thriller als Mehrteiler angelegt ist – der zweite Band erschien soeben in Norwegen unter dem Titel "Av mitt blod" –, werden längst nicht alle Handlungsstränge aufgelöst. Hoffentlich geht es auch auf Deutsch bald weiter!

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