Skurril, fesselnd
She’s a Star!In einigen Rezensionen habe ich gelesen, der Roman würde in der zweiten Hälfte in fiebertraumartige Wahnvorstellungen wanken, weshalb ich es mir metaphysischer vorgestellt habe als es war. Ich fand es ...
In einigen Rezensionen habe ich gelesen, der Roman würde in der zweiten Hälfte in fiebertraumartige Wahnvorstellungen wanken, weshalb ich es mir metaphysischer vorgestellt habe als es war. Ich fand es tatsächlich überhaupt nicht wirr, im Gegenteil, mMn zeichnet der Roman von Anfang bis Ende eine klare Linie.
Jess träumt davon, als Star auf der Musical Bühne zu stehen und internationalen Erfolg zu erreichen. Dafür gibt sie alles: ihr Geld, jede freie Minute, ihre mentale Gesundheit, ihren Körper.
Wie die Autorin sagt, wirft das Buch ein schlechtes Licht auf die Branche, was wohl nicht kollektiv gemeint ist. Jess wird bis zuletzt ausgenutzt - physisch, psychisch, monetär. Sie fühlt sich wie ein Esel, dem man eine Karotte an einer Schnur hinhält, genau so habe ich es auch empfunden. Sie kämpft für ihren Traum, wobei es niemand wagt, ihr die Wahrheit zu sagen, dass sie nicht singen kann, nicht einmal die Gesangslehrerin, die den letzten Cent aus ihr herausquetscht. Die Hinhaltetaktiken der Vorgesetzten waren schlicht grausam. Jessamyns Verhalten wurde immer fanatischer, wobei man nachvollziehen konnte, weshalb ihre Nerven irgendwann reißen. Natürlich nicht in diesem Ausmaß, weshalb mich ein Epilog brennend interessiert hätte, es bleibt halbwegs offen.
Ihre Beziehung zu Männern wurde mMn wahnsinnig spannend dargestellt. Vidhal, der sie kaufen will, aber nicht wirklich unterstützen, denn sie soll nicht unabhängig von ihm sein können oder gar besser. Anton, der fanatische Fan, der sie anbetet, aber nur, wenn sie ist wie er es gern hätte. Während Vidhal physische G3walt auf sie wirkt, benutzt Anton physische. Zwei Seiten einer Münze, die grausamer nicht sein könnten.
Zwar sagt sie sich nicht los, doch verschwindet zumindest aus unangenehmen Situationen. Leider scheinen die Männer ihre einzigen Ansprechpersonen zu sein.
Auf den ersten Blick wirkt Jess egozentrisch, narzisstisch und schwierig. Auf den zweiten Blick hingegen wie eine verletzte Frau, die nichts anderes kennt, als sich gegenüber Männern, die sie nur ausnutzen und kleinmachen, zu behaupten. Unschön fand ich ihr Verhalten gegenüber Samantha, verstand aber auch, dass sie es unfair fand, dass Sam überhaupt nicht geübt hat, ihren Text nicht konnte und nur auf ihr Handy gestarrt hat, während Jess sich derart ins Zeug gelegt hat.
Ihr heftiges Verhalten zum Ende hin habe ich nicht erwartet und gleichzeitig hat es nicht überrascht, die Fanatik rund gemacht.
Sprachlich hat es mir unglaublich gut gefallen. Es war emotional, direkt, übertrieben, skurril, eitel, narzisstisch, verletzlich, besonders und vor allem heftig in vielerlei Hinsicht.
Meine Erwartungen wurden definitiv erfüllt. Ein Roman über eine Frau, die alles gibt, um über sich und die Grenzen der Gesellschaft hinauszuwachsen - einschließlich sich selbst.