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BrigittesitztinderMitte

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.02.2026

Es ist kompliziert

Unser Haus mit Rutsche
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Layla ist Anfang 40, Buchautorin (aber nur unter einem Pseudonym schreibend) und angehender Schauspiel-Star (aber erst in den Träumen). Sie führt ein sprunghaftes und unstetes Leben. In ihren Sitzungen ...

Layla ist Anfang 40, Buchautorin (aber nur unter einem Pseudonym schreibend) und angehender Schauspiel-Star (aber erst in den Träumen). Sie führt ein sprunghaftes und unstetes Leben. In ihren Sitzungen bei ständig wechselnden Therapeutinnen blickt sie zurück auf ihr Leben. Ihre Kindheit verbrachte sie in Saarbrücken. Dort lebte sie mit dem Irakischen Vater, einem windigen Geschäftsmann mit immer neuen, wilden Ideen und ihrer Mutter, einer eleganten, aber unnahbaren Französin. Und dann gibt es noch den kleinen Bruder, liebevoll "Seestern" genannt.

Der Roman zeigt, wie Kinder aus Migrationsfamilien überall ein Stückweit fremd bleiben. Sowohl in der neuen Heimat, als auch in der Herkunftsfamilie fehlt oft das tiefe Zugehörigkeitsgefühl. Die Lage der Familie spitzt sich Anfang der 90er-Jahre zu, als mit der Kuwaitkrise und dem Golfrieg das finanzielle Auskommen des Vaters gefährdet wird und nicht nur die Weltpolitik, sondern auch das Familiengefüge ernsthaft auf die Probe gestellt werden.

Diese Roman ist totz aller Ernsthaftigkeit und der traurigen geschichtlichen Hintergründe ein urkomisches Werk. Die mutmasslich stark autobiografischen Erlebnisse verpackt die Autorin mit scharfsinniger Beobachtungsgabe für alles Menschliche und köstlichen Dialogen in ein Buch, das mich an vielen Stellen innehalten und lachen liess. Es war ein Vergnügen, in den Kosmos dieser komplizierten Familie wischen Saarland, Bagdad und Paris einzutauchen und dort zu verweilen.

Veröffentlicht am 19.02.2026

Macht + Preis des Neinsagens

Hazel sagt Nein
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Die 18-jährige Hazel Blum ist mit ihrer Familie aus New York in eine verschlafene Kleinstadt in Maine gezogen. Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommt für die Schülerin der Abschlussklasse gleich ...

Die 18-jährige Hazel Blum ist mit ihrer Familie aus New York in eine verschlafene Kleinstadt in Maine gezogen. Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommt für die Schülerin der Abschlussklasse gleich am ersten Schultag der Hammer: Sie wird ins Büro des Rektors beordert, wo es zu sexueller Nötigung kommt. Der perverse Schulleiter hat offenbar bereits während der Semesterferien im Schwimmbad Ausschau gehalten nach seinem nächsten alljährlichen Opfer und dabei Hazel ausgewählt. Aber die überrumpelte Hazel macht etwas unglaublich Mutiges: Sie sagt NEIN. Und sie geht mit dem Erlebten an die Öffentlichkeit.

Die Folgen für Hazel und ihre Familie sind einschneidend. Es beginnt mit Schmierereien vor dem Haus und Schwierigkeiten der Familie, am neuen Wohnort Anschluss zu finden. Doch das ist erst der Beginn der Hexenjagd, die eine ganze Kleinstadt erfasst und spaltet.

Dieser Roman ist so unterhaltsam wie wichtig. Er zeigt akribisch, fast tagebuchartig auf, welche Dynamiken ein solcher Missbrauchs auslöst, dass Opfer sich schuldig fühlen, während Täter überzeugend Theater spielen. Aus wechselnder Perspektive gibt die Autorin jedem Familienmitglied der Blums genügend Raum und eine eigene, starke Stimme. Ich bin stolz auf die Protagonistin Hazel Blum.

Veröffentlicht am 11.02.2026

vielschichtiges Auswanderer-Drama

Moosland
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Hamburg 1949. Die junge Elsa hat im Krieg ihre gesamte Familie verloren und steht buchstäblich vor dem Nichts. Mit einem Rucksack mit ihren wenigen Habseligkeiten besteigt sie das Dampfschiff nach Island. ...

Hamburg 1949. Die junge Elsa hat im Krieg ihre gesamte Familie verloren und steht buchstäblich vor dem Nichts. Mit einem Rucksack mit ihren wenigen Habseligkeiten besteigt sie das Dampfschiff nach Island. Einem nationalen Aufruf folgend, soll sie in einer einfachen isländischen Bauernfamilie als Hilfe in Haushalt und Hof beschäftigt werden. Dass ihr jegliche Erfahrung in diesem Bereich fehlt, hat die bei der Anmeldung wohlweislich verschwiegen.

Die Ankuft auf der Insel ist brutal. Es erwarten sie wilde Landschaft, unwirtliches Klima, erbarmungslose Natur und harte Knochenabeit. Auch die Bauernfamilie erlebt Elsa nicht gerade als freundlich und sympathisch. Dass sie zudem kein einziges Wort verstehen kann, wird zur grössten Barriere. Elsa verschliesst dich immer mehr und weigert sich strikt, Isländisch zu lernen. Ihre Anwesenheit in dem männerdominierten Haushalt bringt zudem auch auf anderer Ebene das Gefüge des Hofs in Aufruhr.

Der Roman lebt von der bildgewaltigen Beschreibung der wilden, urtümlichen Landschaft Islands und einer kriegstraumatisierten Protagonistin, die von Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit beinahe erschlagen wird. In ruhigem, unaufgeregtem, aber teilweise etwas schleppendem Narrativ formt die Autorin behutsam die tragische Figur der Elsa heraus. Das Kriegsgräuel, dass sie offenbar erlebt hat, wird nur leise angedeutet, beinahe ausgeklammert. Hier hätte ich mir einen eigenen Erzählstrang gewünscht. Trotzdem ein tolles Buch - ein kleines Juwel mit idealem Seitenumfang.

Veröffentlicht am 30.01.2026

Vielschichtige Familiensaga

Niemands Töchter
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Niemands Töchter ist ein spannender, generationenübergreifender Frauenroman mit liebevoll gezeichneten Protagonistinnen. Er beleuchtet die wohl komplexeste Beziehung, die wir Frauen führen - nämlich diejenige ...

Niemands Töchter ist ein spannender, generationenübergreifender Frauenroman mit liebevoll gezeichneten Protagonistinnen. Er beleuchtet die wohl komplexeste Beziehung, die wir Frauen führen - nämlich diejenige zur eigenen Mutter.

Beginnend im Westdeutschland anfangs der 19980-er Jahre lernen wir nach und nach zwei Mütter und zwei Töchter kennen. Eine wilde Zeit , gerade im urbanen Westberlin. Zuerst scheint jeweils nur ein Mutter-Kind Paar miteinander in Beziehung zu stehen. Durch das Fortführen des Narrativs über spannende Zeitabschnitte wie der Wende oder des Jahrtausendwechsels wird aber klar, dass alle vier Lebenswege eng miteinander verschlungen sind.

Das Buch liest sich im Nu. Die Figuren sind ausbalanciert und wecken sofort Sympathien. Ein essenzieller Roman, der wichtige Fragen aufwirft über Familie, Identität und Zugehörigkeit. Er führt uns vor Augen, dass es unsere Entscheidung ist, was wir uns selbst und der nächsten Generation weitergeben und welche Wunden wir auch retrograd heilen möchten. Ein Roman, der das Herz erwärmt und Mut macht für Vergebung und Neuanfänge.

Veröffentlicht am 29.01.2026

Sprache und was sie mit uns macht

Schleifen
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Wien in den 1930-er Jahren. Franziska wächst in einem Haushalt auf, in dem Intellektuelle aus Wissenschaft und Philosophie ein und aus gehen. Schon früh schnappt das Kind die hochstehenden Gespräche auf. ...

Wien in den 1930-er Jahren. Franziska wächst in einem Haushalt auf, in dem Intellektuelle aus Wissenschaft und Philosophie ein und aus gehen. Schon früh schnappt das Kind die hochstehenden Gespräche auf. Franziska leidet aber unter einer besonderen Störung: Mit ihrem hochempathischen Wesen genügt es, von einer Krankheit nur zu lesen oder zu hören, um direkt die entsprechenden Symptome zu entwickeln. Als überaus intelligentes, aber isoliertes Mädchen bringt sie sich selbst alte, tote Sprachen bei und kann mit deren Hilfe eine wundersame Desensibilisierung ihrer Störung herbeiführen. Endlich kann sie dem Leben teilnehmen.

Franziska lernt den begabten Mathematiker Otto kennen. Die Beziehung ist nicht nur von romantischen Gefühlen geprägt, sondern vor allem von gegenseitigem tiefen Verständnis und Respekt. In den beiden reift eine mutige Vision: Sie möchten die Welt mit einer neuen Sprache einen. Dieses Ziel verfolgen sie mit immer mehr Besessenheit, die sogar in der Gründung eines eigenen Kleinstaates und einem aberwitzigen Konklave gipfelt.

Erstmals in meiner zugegebenermassen noch jungen Laufbahn als Vorableserin, hat ein Autor es geschafft, mich an meine Grenzen zu bringen. Elias Hirschl nimmt den Leser mit, weit weg aus der Komfortzone, auf einen wilden und witzigen, kafkaesken, grotesken Ritt durch Raum und Zeit. Ja wirklich, er hebt sogar die Regeln der Zeitmessung aus den Angeln! Roter Faden bleibt die tiefe Faszination über Herkunft, Veränderung, Missbrauch und Zukunft der menschlichen Sprache.

Ich habe dieses Husarenstück geliebt. Das wird wohl auch das Schicksal dieses Buchs sein: Entweder man wird es total lieben oder kann far nichts damit anfangen.