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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.03.2026

Kampf gegen dunkle Dämonen

Narbenmädchen
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Lara ist 15 und wurde dazu verdonnert, vier Wochen in einem Kurhaus für verhaltensauffällige Kinder und Teenager zu verbringen. Schon bald offenbart sich, was das Mädchen hinter ihrem Trotz und der Unangepasstheit ...

Lara ist 15 und wurde dazu verdonnert, vier Wochen in einem Kurhaus für verhaltensauffällige Kinder und Teenager zu verbringen. Schon bald offenbart sich, was das Mädchen hinter ihrem Trotz und der Unangepasstheit verbirgt: Lara ist psychisch schwer krank und hat den Halt im Leben verloren. Sie ist depressiv, fügt sich selbst Verletzungen zu und neigt in schwierigen Situationen zur Dissoziation. Mit gekonnten Verdrängungsmechanismen verweigerte sie sich bisher einer Therapie. Von den Eltern fühlt sie sich im Stich gelassen.

Zögerlich freundet sie sich mit anderen Jugendlichen an und erkennt, wie unfassbar weit das Spektrum der psychischen Erkrankungen ist.
Nach einer weiteren Selbstverletzung spitzt sich die Lage zu: Die Chefärztin stellt klar: Ein nochmaliges Fehlverhalten von Lara hätte zur Folge, dass sie direkt in eine geschlossene psychiatrische Klinik eingewiesen wird.

Die einfühlsame Autorin gibt tiefen Einblick in das Leben mit psychischen Störungen. Sie beleuchtet behutsam das fragile Innennleben der jungen Protagonisten. Die Dynamiken, die sich beim Zusammentreffen der Figuren ergeben, sind herzerwärmend, schmerzhaft aber manchmal auch urkomisch. Die Protagonisten erhalten genügend Raum, damit ihnen gerecht wird. Bitte aber unbedingt die Triggerwarnung am Anfang berücksichtigen - danke der Autorin auch dafür.

Veröffentlicht am 28.02.2026

Es ist kompliziert

Unser Haus mit Rutsche
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Layla ist Anfang 40, Buchautorin (aber nur unter einem Pseudonym schreibend) und angehender Schauspiel-Star (aber erst in den Träumen). Sie führt ein sprunghaftes und unstetes Leben. In ihren Sitzungen ...

Layla ist Anfang 40, Buchautorin (aber nur unter einem Pseudonym schreibend) und angehender Schauspiel-Star (aber erst in den Träumen). Sie führt ein sprunghaftes und unstetes Leben. In ihren Sitzungen bei ständig wechselnden Therapeutinnen blickt sie zurück auf ihr Leben. Ihre Kindheit verbrachte sie in Saarbrücken. Dort lebte sie mit dem Irakischen Vater, einem windigen Geschäftsmann mit immer neuen, wilden Ideen und ihrer Mutter, einer eleganten, aber unnahbaren Französin. Und dann gibt es noch den kleinen Bruder, liebevoll "Seestern" genannt.

Der Roman zeigt, wie Kinder aus Migrationsfamilien überall ein Stückweit fremd bleiben. Sowohl in der neuen Heimat, als auch in der Herkunftsfamilie fehlt oft das tiefe Zugehörigkeitsgefühl. Die Lage der Familie spitzt sich Anfang der 90er-Jahre zu, als mit der Kuwaitkrise und dem Golfrieg das finanzielle Auskommen des Vaters gefährdet wird und nicht nur die Weltpolitik, sondern auch das Familiengefüge ernsthaft auf die Probe gestellt werden.

Diese Roman ist totz aller Ernsthaftigkeit und der traurigen geschichtlichen Hintergründe ein urkomisches Werk. Die mutmasslich stark autobiografischen Erlebnisse verpackt die Autorin mit scharfsinniger Beobachtungsgabe für alles Menschliche und köstlichen Dialogen in ein Buch, das mich an vielen Stellen innehalten und lachen liess. Es war ein Vergnügen, in den Kosmos dieser komplizierten Familie wischen Saarland, Bagdad und Paris einzutauchen und dort zu verweilen.

Veröffentlicht am 19.02.2026

Macht + Preis des Neinsagens

Hazel sagt Nein
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Die 18-jährige Hazel Blum ist mit ihrer Familie aus New York in eine verschlafene Kleinstadt in Maine gezogen. Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommt für die Schülerin der Abschlussklasse gleich ...

Die 18-jährige Hazel Blum ist mit ihrer Familie aus New York in eine verschlafene Kleinstadt in Maine gezogen. Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommt für die Schülerin der Abschlussklasse gleich am ersten Schultag der Hammer: Sie wird ins Büro des Rektors beordert, wo es zu sexueller Nötigung kommt. Der perverse Schulleiter hat offenbar bereits während der Semesterferien im Schwimmbad Ausschau gehalten nach seinem nächsten alljährlichen Opfer und dabei Hazel ausgewählt. Aber die überrumpelte Hazel macht etwas unglaublich Mutiges: Sie sagt NEIN. Und sie geht mit dem Erlebten an die Öffentlichkeit.

Die Folgen für Hazel und ihre Familie sind einschneidend. Es beginnt mit Schmierereien vor dem Haus und Schwierigkeiten der Familie, am neuen Wohnort Anschluss zu finden. Doch das ist erst der Beginn der Hexenjagd, die eine ganze Kleinstadt erfasst und spaltet.

Dieser Roman ist so unterhaltsam wie wichtig. Er zeigt akribisch, fast tagebuchartig auf, welche Dynamiken ein solcher Missbrauchs auslöst, dass Opfer sich schuldig fühlen, während Täter überzeugend Theater spielen. Aus wechselnder Perspektive gibt die Autorin jedem Familienmitglied der Blums genügend Raum und eine eigene, starke Stimme. Ich bin stolz auf die Protagonistin Hazel Blum.

Veröffentlicht am 11.02.2026

vielschichtiges Auswanderer-Drama

Moosland
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Hamburg 1949. Die junge Elsa hat im Krieg ihre gesamte Familie verloren und steht buchstäblich vor dem Nichts. Mit einem Rucksack mit ihren wenigen Habseligkeiten besteigt sie das Dampfschiff nach Island. ...

Hamburg 1949. Die junge Elsa hat im Krieg ihre gesamte Familie verloren und steht buchstäblich vor dem Nichts. Mit einem Rucksack mit ihren wenigen Habseligkeiten besteigt sie das Dampfschiff nach Island. Einem nationalen Aufruf folgend, soll sie in einer einfachen isländischen Bauernfamilie als Hilfe in Haushalt und Hof beschäftigt werden. Dass ihr jegliche Erfahrung in diesem Bereich fehlt, hat die bei der Anmeldung wohlweislich verschwiegen.

Die Ankuft auf der Insel ist brutal. Es erwarten sie wilde Landschaft, unwirtliches Klima, erbarmungslose Natur und harte Knochenabeit. Auch die Bauernfamilie erlebt Elsa nicht gerade als freundlich und sympathisch. Dass sie zudem kein einziges Wort verstehen kann, wird zur grössten Barriere. Elsa verschliesst dich immer mehr und weigert sich strikt, Isländisch zu lernen. Ihre Anwesenheit in dem männerdominierten Haushalt bringt zudem auch auf anderer Ebene das Gefüge des Hofs in Aufruhr.

Der Roman lebt von der bildgewaltigen Beschreibung der wilden, urtümlichen Landschaft Islands und einer kriegstraumatisierten Protagonistin, die von Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit beinahe erschlagen wird. In ruhigem, unaufgeregtem, aber teilweise etwas schleppendem Narrativ formt die Autorin behutsam die tragische Figur der Elsa heraus. Das Kriegsgräuel, dass sie offenbar erlebt hat, wird nur leise angedeutet, beinahe ausgeklammert. Hier hätte ich mir einen eigenen Erzählstrang gewünscht. Trotzdem ein tolles Buch - ein kleines Juwel mit idealem Seitenumfang.

Veröffentlicht am 30.01.2026

Vielschichtige Familiensaga

Niemands Töchter
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Niemands Töchter ist ein spannender, generationenübergreifender Frauenroman mit liebevoll gezeichneten Protagonistinnen. Er beleuchtet die wohl komplexeste Beziehung, die wir Frauen führen - nämlich diejenige ...

Niemands Töchter ist ein spannender, generationenübergreifender Frauenroman mit liebevoll gezeichneten Protagonistinnen. Er beleuchtet die wohl komplexeste Beziehung, die wir Frauen führen - nämlich diejenige zur eigenen Mutter.

Beginnend im Westdeutschland anfangs der 19980-er Jahre lernen wir nach und nach zwei Mütter und zwei Töchter kennen. Eine wilde Zeit , gerade im urbanen Westberlin. Zuerst scheint jeweils nur ein Mutter-Kind Paar miteinander in Beziehung zu stehen. Durch das Fortführen des Narrativs über spannende Zeitabschnitte wie der Wende oder des Jahrtausendwechsels wird aber klar, dass alle vier Lebenswege eng miteinander verschlungen sind.

Das Buch liest sich im Nu. Die Figuren sind ausbalanciert und wecken sofort Sympathien. Ein essenzieller Roman, der wichtige Fragen aufwirft über Familie, Identität und Zugehörigkeit. Er führt uns vor Augen, dass es unsere Entscheidung ist, was wir uns selbst und der nächsten Generation weitergeben und welche Wunden wir auch retrograd heilen möchten. Ein Roman, der das Herz erwärmt und Mut macht für Vergebung und Neuanfänge.