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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.11.2017

Mit diesem Buch sollte eine Packung Taschentücher mitgeliefert werden

Zehn Wünsche bis zum Horizont
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Emma Heatherington wagt sich mit ihrem Roman an ein schwieriges Thema: die Organspende. Die Hauptfigur ihres Romans, Maggie, hat seit 17 Jahren ein Spenderherz. Sie nimmt aller 12 Stunden Medikamente, ...

Emma Heatherington wagt sich mit ihrem Roman an ein schwieriges Thema: die Organspende. Die Hauptfigur ihres Romans, Maggie, hat seit 17 Jahren ein Spenderherz. Sie nimmt aller 12 Stunden Medikamente, um Abstoßungsreaktionen des Körpers zu verhindern. Eigentlich liegt sie mit diesen 17 Jahren schon über der Lebenserwartung, die man ihr nach der Transplantation mitgeteilt hatte. Und trotzdem meint man, dass sie fahrlässig mit diesem Leben umgeht. Sie trinkt zuviel, sie lässt sich gehen, sie achtet nicht mehr auf sich nach der Trennung von ihrem Ehemann. Die Frage dieses Buches ist: kann Maggie wieder zurückfinden zu einem achtsameren Lebensstil und wenn ja – nützt ihr das überhaupt etwas?

Maggie fängt an nachzudenken, als plötzlich der Bruder ihrer Organspenderin Kontakt zu ihr aufnimmt und sie kennenlernen will. Er gibt ihr u. a. eine Liste, die seine Schwester Lucy vor ihrem Tod verfasst hat: Dinge, die sie später als Erwachsene tun will. Maggie entschließt sich, diese Herzenswünsche an Lucys Statt zu erfüllen, um ein wenig von der Schuld abzuarbeiten, die sie spürt. Schließlich hat sie ihr Leben nur dem Umstand zu verdanken, dass Lucy starb…

Das Thema des Romans ist, so kam es mir vor, weniger das Leben mit einem Spenderherz (in medizinischer Hinsicht) sondern eher die psychologischen Fragen, die für die Familie des Spenders und für den Empfänger damit einhergehen.

Die Autorin beschreibt den Wandel von Maggie mitreißend und sehr emotional (eigentlich sollte zu diesem Buch eine Packung Taschentücher mitgeliefert werden!). Für meine Begriffe schießt sie aber manchmal in ihren Formulierungen etwas über das Ziel hinaus und es ist hart an der Grenze zu schwülstig. Natürlich ist das Thema sehr gefühlsbetont, aber dort noch durch ausschweifende Formulierungen einen draufzusetzen wirkt mitunter wie Zuckerguss auf einer Buttercremetorte. Es ist einfach etwas zuviel. Gut gemeint, aber zuviel.

Dennoch hat das Buch bei mir etwas ganz
Bedeutsames erreicht: ich werde meine Einstellung zum Organspendeausweis neu überdenken. Einen solchen Denkanstoß zu geben, das schafft bei weitem nicht jedes Buch. Danke dafür.

Veröffentlicht am 21.11.2017

Und die Moral von der Geschicht‘: Ohne Mora mora geht es nicht!

Schildkröten haben keinen Außenspiegel
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Ja, genau so ist das in Madagaskar, weiß Jutta Hammer in ihrem Buch zu berichten. Mora mora ist wohl die wichtigste Vokabel, die man kennen sollte, wenn man die Insel bereist. Denn sie wird von den Madagassen ...

Ja, genau so ist das in Madagaskar, weiß Jutta Hammer in ihrem Buch zu berichten. Mora mora ist wohl die wichtigste Vokabel, die man kennen sollte, wenn man die Insel bereist. Denn sie wird von den Madagassen fast inflationär gebraucht und beschreibt gleichzeitig den Lebensstil der Menschen dort. Jutta bringt die Bedeutung im Glossar ihres Reiseberichts mit folgenden Sätzen auf den Punkt: „Mora mora steht für das madagassische Lebensgefühl des Laissez-faire. Bevor sich jemand zu sehr über etwas aufregt, bekommt er das von seinen Mitmenschen zugeflüstert. Das Lebensgefühl des mora mora lässt sich am besten kennenlernen beim Warten auf ein Taxi Brousse.“ Wer einmal auf solch ein Gefährt gewartet hat, weiß, was die Autorin meint

Dieses schöne kleine Büchlein ist voller Geschichten und Anekdoten aus Madagaskar, wo Jutta drei Jahre lang gelebt und gearbeitet – sprich: an Schildkröten geforscht – hat. Im Vordergrund steht dabei aber nicht ihre Arbeit, sondern einfach das Kennenlernen eines Landes und einer Kultur, die vollkommen verschieden ist von allem, was der gemeine Mitteleuropäer kennt (und schätzt). Sei es der unkonventionelle Weg zum Führerschein, das Dasein als Stargast bei einer Beschneidung, oder auch die mitunter abenteuerlichen Reisen in Gefährten wie dem Taxi Brousse oder dem Pousse-Pousse (na, was ist das???) – es gibt in diesem Reisebericht viel zu entdecken und zu staunen.

Garniert mit eigenen Fotos der Autorin aus den Jahren auf Madagaskar ist es eine interessante und lehrreiche Lektüre. Für mich persönlich hätte auch die Arbeit mit den Schildkröten noch mehr Raum einnehmen dürfen und detaillierter beschrieben sein. Aber auch mit dem verhältnismäßig kurzen Ausflug ins Schildkrötenreich hat sich dieses Buch absolut gelohnt und ich habe wieder ein interessantes Fleckchen Erde entdecken dürfen. Und noch etwas habe ich gelernt: vielleicht sollte ich in Zukunft einfach ein bisschen mehr mora mora sein…

Veröffentlicht am 17.11.2017

Geschichtsstunde über das koloniale Indien, verpackt in einen Krimi

Ein angesehener Mann
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Mal ehrlich, was weiß man über das Indien der Kolonialzeit? Selbst wenn man tief im alten Schulwissen gräbt, viel fällt einem dazu nicht ein. Ich hatte hauptsächlich wuchtige Möbel aus Mahagoni vor Augen… ...

Mal ehrlich, was weiß man über das Indien der Kolonialzeit? Selbst wenn man tief im alten Schulwissen gräbt, viel fällt einem dazu nicht ein. Ich hatte hauptsächlich wuchtige Möbel aus Mahagoni vor Augen…

In diesem Krimi kann man das vergessene Wissen wieder auffrischen bzw. etwas dazulernen. Das ist aus meiner Sicht der große Pluspunkt dieses Romans. Er spielt an einem eher ungewöhnlichen Ort zu einer interessanten und politisch bedeutsamen Zeit. Insofern ist das Buch nicht nur für Krimileser interessant, sondern sicher auch für Leser, die einfach an einem zeitgeschichtlichen Porträt interessiert sind.

Die Handlung spielt innerhalb von ca. einer Woche im feuchtheißen Kalkutta. Da treten einem zum Teil schon beim Lesen die Schweißperlen auf die Stirn

Mein Lieblingscharakter im Buch war erstaunlicherweise nicht Protagonist Sam Wyndham, sondern sein Kollege Sergeant Banerjee. Dessen Vorname für die englischen Kolonialherren so schwer zu schreiben ist, dass man sich mit der lautgleichen englischen Form „Surrender-not“ behalf. Ich musste jedes Mal schmunzeln, wenn der Name im Buch auftauchte.

In dem zu lösenden Kriminalfall spielen vor allem die politischen Gegebenheiten und die Konflikte zwischen Indern und Engländern eine große Rolle. Zwischen korrupten Beamten, vergnügungssüchtigen Politikern und aufrührerischen Revolutionären ermitteln Wyndham und Banerjee und geraten nicht nur einmal zwischen die Fronten. Die Auflösung mutet schließlich angesichts der Zustände durchaus realistisch an. Allerdings habe ich doch die eine oder andere Länge im Erzählstil gespürt und würde mir beim zweiten Fall noch ein bisschen mehr Tempo wünschen. So richtig kann ich mich nicht zwischen 3 und 4 Sternen entscheiden, aber angesichts des ungewöhnlichen und interessanten Settings gibt es 4

Veröffentlicht am 07.11.2017

Steht Teil 1 in nichts nach!

Die Jahre der Schwalben
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Schon lange habe ich mich auf den zweiten Teil der Gutshof-Saga gefreut. Gleichzeitig hatte ich ein paar Bedenken, denn oftmals empfindet man eine Fortsetzung als nicht so gelungen wie das erste Werk. ...

Schon lange habe ich mich auf den zweiten Teil der Gutshof-Saga gefreut. Gleichzeitig hatte ich ein paar Bedenken, denn oftmals empfindet man eine Fortsetzung als nicht so gelungen wie das erste Werk. Diese Bedenken waren völlig unbegründet, denn schon nach wenigen Zeiten hat mich dieses Buch ebenso gefesselt wie der Vorgänger.

Und auch hier muss ich wieder sagen: es ist die Atmosphäre des Buches, die mich so für die Geschichte eingenommen hat. Frau Renk versteht es einfach, Bilder im Kopf zu erzeugen. Manchmal sind diese Bilder idyllisch (die Beschreibungen vom Gut Sobotka und der Landschaft), manchmal fast mystisch (Frederike im Wolfsgehege) und manchmal auch bedrohlich (Frederikes Bedenken nach Hitlers Machtergreifung).

Ich konnte Freddys Gedanken, Gefühle, Sehnsüchte und Zwänge gut nachvollziehen. Sie wächst im Laufe des Buches an ihren Aufgaben und der Leser bemerkt, wie sie sich von einer jungen Ehefrau zu einer angesehenen Gutsherrin entwickelt, der das Wohl ihrer „Leute“ (so werden die Bediensteten im Buch genannt) am Herzen liegt.

Die Bediensteten dürfen im Buch ihren Dialekt pflegen, der mitunter putzig zu lesen ist, aber auch irgendwie herzlich und rechtschaffen. Geradeheraus, würde man vielleicht am ehesten sagen. Mir hatten es besonders die Köchinnen Schneider (auf Gut Fennhusen) und Lore (auf Sobotka/Mansfeld) angetan. Ihre burschikose und gleichzeitig aufrichtige Art tat dem Buch gut und man lernte dadurch die Geschichte nicht nur einseitig aus der Richtung des Landadels kennen, sondern auch aus der Sicht der „kleinen Leute“.

Ich kann an dem Buch – wie schon beim Vorgänger – kaum was Negatives finden, es war für mich einfach eine tolle Lektüre. Und so warte ich nun sehnsüchtig auf den dritten Band „Die Zeit der Kraniche“, der ja schon für Mitte 2018 angekündigt ist.

Veröffentlicht am 05.11.2017

Guter Thriller, aber es sind eben nicht mehr Larssons Lisbeth & Mikael…

Verfolgung
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Ja, das Buch lohnt sich. Die Geschichte ist gut aufgebaut und man bleibt dran, denn die Handlung wird vorangetrieben und wird nicht zäh. Angefangen von Lisbeths Gefängnisaufenthalt bis zu Mikaels Recherchen ...

Ja, das Buch lohnt sich. Die Geschichte ist gut aufgebaut und man bleibt dran, denn die Handlung wird vorangetrieben und wird nicht zäh. Angefangen von Lisbeths Gefängnisaufenthalt bis zu Mikaels Recherchen zum „Zwillingsprojekt“ bleibt die Spannung erhalten. An sich also ein guter, ein routinierter und auch ein packender Thriller.

Aber ich kann beim besten Willen keine 5 Sterne vergeben, denn die Charaktere sind eben einfach nicht mehr die von Larsson. Wer die drei Bände von Larsson kennt, hat Erwartungen an Lisbeth und Mikael, die Lagercrantz mit seinem Erzählstil einfach nicht erfüllen kann. Ich weiß nicht so richtig, wie ich es am besten beschreiben soll, aber Lisbeths Besonderheit, ihre Andersartigkeit, kommt in diesem Buch nicht so authentisch rüber wie beim Original-Autor. Und irgendwie ist das auch gut so.

Und auch Mikael wirkt mit seinen diversen Frauengeschichten irgendwie plumper als der Mikael, den Larsson sehr vielschichtig erschaffen hatte – obwohl er noch nie ein Ausbund an Tugend war

Nichtsdestotrotz schaffen es die beiden Charaktere immer noch, den Leser zu fesseln. Wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass Lagercrantz nicht ersetzen, sondern nur ergänzen will, kann man durchaus damit leben. Und wer nicht damit leben kann, der liest die Bücher von Lagercrantz einfach nicht weiter und beendet die Reihe nach den 3 Larsson-Büchern. Auch gut.