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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.03.2026

Ein stiller Besuch in der eigenen Vergangenheit

Melken
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Manchmal sind es Orte, die einen nicht loslassen. In "Melken" kehrt Ellen nach einer Trennung an den Hof zurück, auf dem sie als Kind aufgewachsen ist. Eigentlich gehört er längst anderen Menschen ...

Manchmal sind es Orte, die einen nicht loslassen. In "Melken" kehrt Ellen nach einer Trennung an den Hof zurück, auf dem sie als Kind aufgewachsen ist. Eigentlich gehört er längst anderen Menschen und vieles ist verändert. Trotzdem bleibt sie dort, läuft durch die Räume, schläft in ihrem alten Zimmer und lässt die Vergangenheit Stück für Stück wieder auftauchen.
Der Roman erzählt weniger eine klassische Geschichte als eine innere Bewegung. Erinnerungen an das Leben auf dem Hof mischen sich mit der Gegenwart. Kühe, Stallarbeit, Gerüche, Landschaft. Alles wirkt sehr körperlich und unmittelbar beschrieben. Man merkt schnell, dass hier keine romantische Landidylle gemeint ist, sondern ein Alltag, der genauso hart wie prägend war.
Der Schreibstil ist auffällig reduziert. Viele Gedanken bleiben nur angedeutet und manches erschließt sich erst zwischen den Zeilen. Das macht das Buch interessant, aber auch nicht immer ganz leicht zu lesen. Gerade die Übergänge zwischen Erinnerungen und Gegenwart haben mich gelegentlich kurz aus dem Rhythmus gebracht.
Trotzdem entsteht eine starke Stimmung. Es geht viel um Herkunft und um die Frage, wie sehr ein Ort einen Menschen formt, selbst wenn man ihn längst verlassen hat. Gleichzeitig zeigt der Roman auch, wie fremd ein vertrauter Platz werden kann, wenn Zeit vergangen ist und sich das eigene Leben verändert hat.
Mich hat das Buch nicht in jeder Passage komplett abgeholt. Einige Stellen wirkten etwas sprunghaft und ich brauchte manchmal einen Moment, um wieder hineinzufinden. Gleichzeitig hat die Geschichte etwas Eigenes, das im Kopf bleibt.
Für mich ein ungewöhnliches Debüt, das eher von Atmosphäre und Gedanken lebt als von Handlung. Nicht ganz leicht zugänglich, aber definitiv interessant zu lesen.

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Veröffentlicht am 22.01.2026

Zwischen Pflicht und Durchhalten

Das Erbe der Drachenkrone
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Eleanor de Montfort ist keine Figur, die man bewundert, weil sie außergewöhnlich handelt, sondern weil sie durchhält. Genau das hat mich an "Das Erbe der Drachenkrone" überzeugt. Den Vorgänger "Die Tochter ...

Eleanor de Montfort ist keine Figur, die man bewundert, weil sie außergewöhnlich handelt, sondern weil sie durchhält. Genau das hat mich an "Das Erbe der Drachenkrone" überzeugt. Den Vorgänger "Die Tochter der Drachenkrone" hatte ich bereits sehr gern gelesen, und der zweite Band hat meine Erwartungen mehr als erfüllt. Erzählt wird nicht von großen Heldentaten, sondern von politischen Zwängen, verlorener Sicherheit und dem langsamen Entstehen innerer Stärke in einer Welt, die für Frauen kaum Handlungsspielraum lässt.

Eleanor wächst früh in eine Rolle hinein, die andere für sie vorgesehen haben. Verlobung, Exil und jahrelanges Warten machen sie zu einer Figur zwischen Hoffnung und Resignation. Besonders diese Phasen haben mich überzeugt, weil sie nicht als bloße Übergänge dienen, sondern einen inneren Zustand beschreiben. Als Eleanor sich schließlich auf den Weg nach Wales macht, findet sie auch den Weg zu sich selbst.

Der historische und politische Rahmen ist dicht und klar gezeichnet. Der englische König erscheint nicht als abstrakte Machtfigur, sondern als berechnender, widersprüchlicher Herrscher. Der walisische Freiheitskampf wird ohne Verklärung dargestellt. Gewalt und Grausamkeit sind präsent, werden jedoch nicht ausgespielt, sondern bleiben Teil des historischen Hintergrunds. Dadurch gewinnt der Roman an Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit.

Besonders überzeugt hat mich, wie präzise historische Fakten und fiktionale Elemente miteinander funktionieren. Die Recherche ist jederzeit spürbar, ohne den Erzählfluss oder die Geschichte zu bremsen. Der Roman bleibt ruhig, konzentriert und konsequent aus Eleanors Perspektive erzählt. Gerade diese Zurückhaltung verleiht der Geschichte Gewicht und macht sie für mich zu einer überzeugenden und stimmigen Fortsetzung des bereits starken ersten Bandes.

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Veröffentlicht am 12.01.2026

Ein Roman, der bleibt

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Ich habe mich sehr auf diesen Roman gefreut, da ich die beiden vorherigen Bücher der Autorin sehr geliebt habe, und auch dieses Buch hat mich vollkommen überzeugt. Wie schon zuvor erzählt die Geschichte ...

Ich habe mich sehr auf diesen Roman gefreut, da ich die beiden vorherigen Bücher der Autorin sehr geliebt habe, und auch dieses Buch hat mich vollkommen überzeugt. Wie schon zuvor erzählt die Geschichte auf zwei Zeitebenen von Frauen, deren Leben von Umbrüchen, Verlusten und der Suche nach Zugehörigkeit geprägt sind.
In der Nachkriegszeit begleitet man Marlen, die als junges Mädchen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs plötzlich auf sich allein gestellt ist. Sie findet Schutz bei einer Frau, zu der sich im Laufe der Jahre ein kompliziertes, enges und zunehmend belastendes Verhältnis entwickelt. Diese Geschichte ist still, eindringlich und von einer unterschwelligen Spannung getragen. Vieles wird nicht ausgesprochen, wirkt aber umso stärker nach. Marlens Weg ist geprägt von Anpassung, Durchhaltewillen und einer leisen Stärke, die mich sehr berührt hat.
In der Gegenwart folgt man Hannah, Mitte dreißig, deren Leben nach außen eigentlich geordnet scheint. Doch als sich Freundschaften verändern, ihre beste Freundin einen ganz anderen Lebensentwurf wählt und familiäre Fragen plötzlich Raum einnehmen, gerät sie ins Wanken. Besonders eindrucksvoll fand ich, wie ehrlich dieses Gefühl beschrieben wird, stehen zu bleiben, während alle anderen scheinbar mühelos vorankommen. Hannahs Zweifel, ihre Unsicherheit und ihr Ringen um Selbstverständnis wirken sehr nah und authentisch.
Beide Erzählstränge greifen ruhig ineinander und spiegeln sich thematisch, ohne sich aufzudrängen. Die Figuren, auch die Nebenfiguren, sind fein gezeichnet und entwickeln Tiefe. Der Schreibstil ist warm, bildhaft und sehr flüssig zu lesen. Schwere Themen werden behutsam erzählt und lassen Raum für eigene Gedanken.

Als ich das Buch beendet hatte, war ich traurig, mich von diesen Figuren verabschieden zu müssen. Für mich ist dieser Roman eine klare Fünf-Sterne-Lektüre und eine große Empfehlung, besonders für alle, die die vorherigen Bände bereits ins Herz geschlossen haben.

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Veröffentlicht am 14.12.2025

Eine alte Geschichte, die unter die Haut geht

Medea
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Schon nach ein paar Seiten war klar, diese Version von Medeas Mythos fühlt sich überraschend nah und lebendig an. Die junge Frau, die schon früh merkt, dass ihre Magie mehr Last als Geschenk ...

Schon nach ein paar Seiten war klar, diese Version von Medeas Mythos fühlt sich überraschend nah und lebendig an. Die junge Frau, die schon früh merkt, dass ihre Magie mehr Last als Geschenk ist, wächst in einer Familie auf, die sie gleichzeitig ausnutzt und verurteilt. Das macht verständlich, warum jeder Funke von Freiheit so verlockend für sie wird, besonders als Jason auftaucht.

Die Dynamik zwischen den beiden ist spannend, aber auch schwer auszuhalten. Er weiß genau, wie er Medeas Wunsch nach Anerkennung für seine Ziele einsetzen kann, und sie klammert sich an das Gefühl, endlich gesehen zu werden. Gerade diese Mischung aus Hoffnung und Blindheit treibt ihre Entwicklung voran und lässt später manche drastische Entscheidung nachvollziehbarer wirken.

Etwas, das in solchen Geschichten bei mir schlecht aufstößt, taucht auch hier auf: Männer werden überwiegend als toxisch dargestellt, Frauen als diejenigen, die sich von ihnen lösen oder gegen sie behaupten müssen. Auch wenn es hier zur Thematik passt, bleibt ein kleiner Beigeschmack von „schlechter Mann, arme Frau“.

Trotzdem bleibt der Roman fesselnd, weil er den alten Mythos ernst nimmt, aber gleichzeitig mit neuen Facetten belebt. Medeas Stärke, ihre Wut, ihre Verletzlichkeit all das macht diese Version so intensiv, dass die Figuren lange im Kopf nachhallen. Ein Retelling, das nicht nur unterhält, sondern wirklich bewegt.

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Veröffentlicht am 26.11.2025

Zwischen Faszination und Überforderung

Remnants of Filth. Buch 1
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Ich bin völlig ohne Vorerfahrung in dieses Genre eingetaucht und musste mich erst an Stil und Erzählweise gewöhnen. Anfangs erschlug mich die Fülle an Informationen, Rückblenden und Erklärungen, doch mit ...

Ich bin völlig ohne Vorerfahrung in dieses Genre eingetaucht und musste mich erst an Stil und Erzählweise gewöhnen. Anfangs erschlug mich die Fülle an Informationen, Rückblenden und Erklärungen, doch mit der Zeit fand ich besser hinein. Die Beziehung zwischen Mo Xi und Gu Mang steht klar im Mittelpunkt, zugleich faszinierend, tragisch und voller ungelöster Fragen. Manche Szenen gingen mir dabei sehr nah, andere empfand ich als fragwürdig, weil Gewalt, Missbrauch und Machtgefälle kaum reflektiert werden. Das hat mich stellenweise stark irritiert und aus der Geschichte gerissen. Gleichzeitig gibt es atmosphärische Momente, bildhafte Beschreibungen und eine Spannung, die mich trotz allem weiter lesen ließ. Die Ausstattung des Buches ist beeindruckend und die Welt wirkt ungewohnt, aber interessant. Am Ende bleibe ich mit gemischten Gefühlen zurück: neugierig, berührt und unsicher, ob ich in diesem Genre weiterlese oder ob es bei diesem Ausflug bleibt.

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