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Veröffentlicht am 14.09.2025

Marie und die Anatomie

Wachs
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Wachs – Christine Wunnicke
Kandidat der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025
Auf jeden Fall ist dieser Roman etwas sehr besonderes. Extrem beeindruckt bin ich von der Komplexität der Geschichte, die ...

Wachs – Christine Wunnicke
Kandidat der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025
Auf jeden Fall ist dieser Roman etwas sehr besonderes. Extrem beeindruckt bin ich von der Komplexität der Geschichte, die die Autorin hier auf gerade mal 176 Seiten (!) entstehen lässt.
Es ist ein historischer Roman, der im Frankreich des 18. Jahrhunderts spielt. Erste Erkenntnisse aus der Anatomie treffen auf die Vorläufer der französischen Revolution. Eine Liebe zwischen zwei Frauen spielt eine Rolle. Marie Biberon ist eine bemerkenswerte Frau, die ihrer Zeit weit voraus ist und bereits als Kind am liebsten Leichen seziert. Sie wird von diesem literarischen Werk in Schlaglichtern ein Leben lang begleitet. Die zweite Protagonistin Madeleine zeichnet Pflanzen und verdient sich damit ihren Lebensunterhalt. Somit sind die beiden unabhängige Frauen, was für ihre Zeit doch recht untypisch ist.
Ein faszinierender Mix aus Grusel und Abscheu, Historie und Wissenschaft, Absurdität und Humor. Auch die Sprache ist dabei noch bemerkenswert. Gut verständlich und authentisch im historischen Zusammenhang. Experimentell wird diese Geschichte vor allem Gegen Ende inhaltlich.
Dieses Buch hatte ich bereits vor seiner Nominierung auf meiner Merkliste und es hat mich nicht enttäuscht.
4 Sterne.

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Veröffentlicht am 12.09.2025

Motte

Das Schwarz an den Händen meines Vaters
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Das Schwarz an den Händen meines Vaters – Lena Schätte
Ein toller, sehr berührender Roman, der völlig zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises aufgeführt ist.
Die Ich-Erzählerin Motte berichtet ...

Das Schwarz an den Händen meines Vaters – Lena Schätte
Ein toller, sehr berührender Roman, der völlig zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises aufgeführt ist.
Die Ich-Erzählerin Motte berichtet von ihrer Kindheit in sogenannten „einfachen Verhältnissen“, die geprägt ist von Armut und Alkoholsucht des Vaters. Nun liegt er im Sterben und Motte zieht Bilanz. Was hat ihre Kindheit mit ihr gemacht und war vielleicht doch nicht alles schlecht?
Es ist wohl diese Selbstverständlichkeit, mit der Motte und ihr Bruder ihre frühen Jahre erleben – und sicherlich auch das Deja-vu-Erlebnis, das mich doch immer mal wieder überkam (auch ich komme aus einer Arbeiterfamilie), das so betroffen macht. Der Schreibstil an sich ist nämlich eher nüchtern und sachlich gehalten.
Es werden hier auf moderne Art und Weise diverse Themen aufgegriffen, die vielen von uns bekannt vorkommen dürften. Eine Kindheit in einfachen Verhältnissen, in der die Bedürfnisse der Kinder nicht an erster Stelle stehen. Sorgen und Nöte von Arbeiterfamilien. Alkoholsucht und Co-Abhängigkeit (das hat mich hier besonders bestürzt, mit welcher Selbstverständlichkeit dieser Konsum einfach hingenommen wird und sich danach gerichtet wird). Schließlich auch Krankheit und Tod. Die Gefühle, die Kinder einer solchen Familie über die Jahre haben und die Auswirkungen auf das spätere Leben. Motte und ihr Bruder haben von Anfang an ganz andere Wege, damit umzugehen.
Spannend, wichtig, bedrückend. Unheimlich authentisch.
Ein Highlight. 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 11.09.2025

sehr ruhig

Onigiri
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Onigiri – Yuko Kuhn
Eine extrem leise deutsch-japanische Familiengeschichte, die kaum aus Handlung, jedoch viel aus Erinnerungen besteht.
Akis Mutter Keiko ist alt geworden und dement. Einmal noch möchte ...

Onigiri – Yuko Kuhn
Eine extrem leise deutsch-japanische Familiengeschichte, die kaum aus Handlung, jedoch viel aus Erinnerungen besteht.
Akis Mutter Keiko ist alt geworden und dement. Einmal noch möchte die Tochter ihre Mutter in ihr Heimatland Japan, das diese vor über fünfzig Jahren verlassen hat, zurückbringen. Der Ortswechsel verwirrt Keiko zunächst zusätzlich. Es ist eher Aki, die in Erinnerungen schwelgt, über die Vergangenheit nachdenkt. Über das Leben der Mutter und ihr eigenes. Es sind Leben zwischen zwei Kulturen, mit fehlenden Wurzeln, hier wie dort fremd geblieben bzw. geworden.
Über Japan erfährt man tatsächlich so einiges. Auch über die unterschiedlichen Gepflogenheiten in beiden Ländern.
Schließlich ging es mir aber hier wie bei etlichen asiatischen Werken so, dass ich den Erzählstil als sehr distanziert wahrgenommen habe. Die Lebenswege werden von außen betrachtet; man muss sich konzentrieren, um Tochter, Mutter, Großmutter nicht zu verwechseln. Wirklich nahe kommt man keiner der Frauen. Dazu kommt, dass einfach wirklich kaum etwas passiert. Es werden Gegenstände in diversen Wohnungen genauestens beschrieben und erklärt, etc. Es grenzt teilweise an Langeweile. Rettend ist der wirklich wunderschöne zarte Sprachstil und die Kürze dieses Romans.
Kann man lesen, muss man aber nicht.
3 Sterne

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Veröffentlicht am 11.09.2025

Familiengeschichte

Botanik des Wahnsinns
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Botanik des Wahnsinns – Leon Engler

In diesem Roman geht es um Geisteskrankheiten, psychische Störungen, wie Schizophrenie und Depressionen, insbesondere auch in Verbindung mit Suchterkrankungen. Der ...

Botanik des Wahnsinns – Leon Engler

In diesem Roman geht es um Geisteskrankheiten, psychische Störungen, wie Schizophrenie und Depressionen, insbesondere auch in Verbindung mit Suchterkrankungen. Der Autor hat Ahnung von der Thematik, ziehen sich ebendiese Krankheiten über Generationen durch seinen Familienstammbaum. Und so ist dies meiner Meinung nach weniger ein Roman denn vielmehr eine therapeutische Aufarbeitung der eigenen Familientraumata. Dabei kennt der Autor das Thema auch von der anderen Seite – als Therapeut in einer entsprechenden Klinik.

Das Ganze ist durchaus interessant, wenn man sich für Psychologie interessiert. Passenderweise werden zahlreiche Fakten über die Geschichte der Psychotherapie in München und Wien geliefert. Doch auch das täuscht nicht darüber hinweg, dass dies im Grunde eine gut gemachte Nacherzählung der Familienkrankheiten ist.

Der Schreibstil ist gewürzt mit bissigem Humor, der mir gut gefallen hat. Durch den sachlichen Berichtstil bleibt jedoch eine große Distanz zu den Figuren.

Zweifellos hat Leon Engler einiges zu erzählen. Wie so oft bei stark autobiographisch geprägten Werken, ist sein Nutzen der therapeutischen Aufarbeitung vermutlich größer als derjenige des Lesers.

3 Sterne.

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Veröffentlicht am 11.09.2025

Vögel

Das Nest
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Das Nest – Sophie Morton-Thomas
Dies ist ein etwas zäher Kriminalroman, der seinen Fokus mehr auf komplizierte
Familienverhältnisse setzt.
Dabei ist das Setting durchaus vielversprechend. Ein Campingplatz, ...

Das Nest – Sophie Morton-Thomas
Dies ist ein etwas zäher Kriminalroman, der seinen Fokus mehr auf komplizierte
Familienverhältnisse setzt.
Dabei ist das Setting durchaus vielversprechend. Ein Campingplatz, zwei Kinder mit
schwierigen Entwicklungsbedingungen, die Ansiedlung einer Roma-Familie und ein
Mord. Natürlich ist am Ende alles ganz anders, als es Anfangs scheint. Dennoch
erscheint mir der Weg dorthin oft ein wenig holprig und unbeholfen.
Viel Platz nimmt die teils exzessive Vogelbeobachtung verschiedener Figuren ein. Das ist
zu Beginn durchaus atmosphärisch zu lesen und verleiht dem Roman eine zusätzliche
Dimension. Das eigentliche Geschehen allerdings kommt nur schwer in Bewegung. Die
Entwicklungen wirken oft sehr konstruiert, die Hinführung wenig elegant und recht
bemüht. Wirkliche Spannung kommt hierbei leider kaum auf. Vor allem auch, weil
verschiedene Handlungen sehr plötzlich und nicht nachvollziehbar sind. Generell
bleiben die Figuren recht blass und distanziert. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin Fran
bleibt bis zuletzt absolut nicht einschätzbar.
Es ist eine interessante Geschichte, die allerdings hinter ihrem Potenzial deutlich
zurückbleibt. Gerade vom Thema Roma hatte ich mir mehr erhofft.
3 Sterne

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