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Veröffentlicht am 25.04.2022

Spannung, die schon an einen Thriller heranreicht

Die sieben Männer der Evelyn Hugo
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Der Roman von Taylor Jenkins Reid ist eine fiktive Biografie in der Form eines Romans. Das mag etwas schräg klingen, aber beschreibt diese Geschichte recht gut.

Monique Grant ist Journalistin in einem ...

Der Roman von Taylor Jenkins Reid ist eine fiktive Biografie in der Form eines Romans. Das mag etwas schräg klingen, aber beschreibt diese Geschichte recht gut.

Monique Grant ist Journalistin in einem angesagten Frauenmagazin. Sie hat sich über zehn Jahre hochgearbeitet über Blogs und Anzeigenblätter. Ihre jetzige Chefin hält nicht besonders viel von ihr, muss sich allerdings den Tatsachen beugen.

Denn die große alte Hollywood-Diva Evelyn Hugo hat im Magazin wegen eines Interviews im Rahmen einer Benefizveranstaltung angefragt. Das ist DIE Chance für das Frauenmagazin, mit einem Titelbild herauszukommen, auf denen der Glanz Hollywoods erstrahlt. Doch die Evelyn Hugo möchte ausschließlich nur von Monique Grant interviewt werden. Keiner sonst. Der Chefredakteurin bleibt nichts anderes übrig.

Doch bereits das erste Gespräch zwischen Evelyn Hugo und Monique Grant gibt dem Ganzen eine Wendung. Die Diva möchte kein Interview im Magazin, sondern Monique soll ihre einzig autorisierte und auf Wahrheit beruhende Biografie schreiben. Diese soll aber erst nach ihrem Tode veröffentlicht werden und Monique darf alles Geld davon für sich behalten. Monique stellt sich aber diese Aufgabe, ohne ihre Chefin darüber zu informieren.

Taylor Jenkins Reid hat diesen Roman tatsächlich ähnlich einer Biografie aufgezogen, ohne eine reale Person zu beschreiben. Häufig sind es Interviews und Gespräche zwischen den beiden Frauen. Die Erzählungen der Grande Dame lässt die Welt des Glamours von Hollywood in den Köpfen der Leser auferstehen. Neben dem Leben der Evelyn Hugo gibt es eine weitere Lebensgeschichte, nämlich die der Monique Grant. Unterfüttert wird alles mit Zitaten aus dem Medien, die für Hollywood so unerlässlich sind. Wie gesagt: es liest sich wie eine Biographie. Wahrscheinlich hätte es nach Erscheinen dieses Buches aus Hollywood Schadensersatzklagen gegeben, wenn es aus dem Leben einer einzigen Schauspielerin gehandelt hätte.

Nun wurde schon viel über die fiktive Figur Evelyn Hugo berichtet, aber die Spekulationen in der Fan-Gemeinde reißen nicht ab, welchen Star Taylor Jenkins Reid als Vorlage benutzt haben könnte. Da kämen tatsächlich verschiedene weibliche Größen in Betracht.

Zum Beispiel Rita Hayworth, die ebenfalls als Latina das Licht der Welt erblickt hatte (Evelyn Hugo ist geborene Kubanerin). Auch sie wollte in Hollywood aber unbedingt Karriere als „weiße“ Frau mit blonden Haaren machen.

Dann wäre da noch Elizabeth Taylor, die es sogar bis zu acht Ehen, also einer mehr als Evelyn Hugo, geschafft hatte und ebenfalls nicht von allen ihren Männern gut behandelt wurde.

Und schließlich die Hollywood-Diva schlechthin: Marilyn Monroe, die über sehr viele Eigenschaften verfügt, die sich auch bei Evelyn Hugo zeigen.

Mit diesen Vorbildern schaffte Taylor Jenkins Reid den Glanz und Glamour der goldenen Jahre Hollywoods auferstehen zu lassen. Sie zeichnet ein Bild mit all seinen schönen und auch hässlichen Seiten, sie lässt eintauchen in eine Welt, die viele Leser nicht betreten können.

»Die sieben Männer der Evelyn Hugo« ist ein glamouröser Gesellschaftsroman, der die Leser mit einer subtilen Spannung bei der Stange hält. Was wird aus dem Interview? Wird das Frauenmagazin ihr Titelbild bekommen? Was wird aus der Biographie? Warum hat Evelyn Hugo so viele Ehemänner? Fragen über Fragen, deren Antworten man einfach erfahren möchte, sobald mit mit dem Lesen begonnen hat. Es kribbelt mächtig, wenn aus dem einfachen Job, der es zunächst zwischen Evelyn und Monique zu sein scheint, vielleicht Freundschaft wird und letztendlich auch ein Kampf von Rivalinnen. Obwohl sie so unterschiedlichen Alters und so unterschiedlicher Lebenswege sind. Und dabei steuert Taylor Jenkins Reid mit so manchen Sätzen als Cliffhanger am Ende eines Kapitel zu dem Tempo bei.

Daumen hoch für den hervorragenden Roman. Es ist einfach nur klasse!

© Detlef Knut, Düsseldorf 2022

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Veröffentlicht am 22.04.2022

Morgens bei Sonnenaufgang

Dein ist der Schmerz
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Der Thriller von Leslie Wolfe führt die Leser in Floridas Gefilde an den Sandstrand von Palm Beach.

An einem frühen Morgen bei Sonnenaufgang findet ein junges Pärchen eine Frauenleiche am Strand, die ...

Der Thriller von Leslie Wolfe führt die Leser in Floridas Gefilde an den Sandstrand von Palm Beach.

An einem frühen Morgen bei Sonnenaufgang findet ein junges Pärchen eine Frauenleiche am Strand, die in Richtung Sonnenaufgang ausgerichtet ist. Die Eltern der jungen Leute dürfen eigentlich nicht wissen, dass sie am Strand sind. Sie hatten sich heimlich davongeschlichen. Als sie an den Strand kamen, war die Leiche noch nicht dort. Kurze Zeit darauf aber schon. Beide haben nicht mitbekommen, dass jemand die Leiche mit Angelschnüren dort so drapiert hat, dass sie wie in betender Haltung aussieht.

Das FBI wird hinzugezogen und Agenten Tess Winnett ist sich mit ihren Kollegen vom Police Department schnell einig, dass sie es hier mit einem Serienkiller zu tun haben, obwohl es noch beim keine weiteren Leichen gibt.

Und sie werden fündig. Nach der Analyse der Abläufe und Vorgehensweise des Täters beginnt ein Wettrennen mit der Zeit, denn der nächste Mord kann jeden Moment passieren.

Leslie Wolfe hat den Thriller mit kleinen Häppchen aus der Sicht der Opfer und des Täters gesprenkelt. Der Leser ist der Polizei scheinbar etwas voraus.

Über die Figur der FBI-Agentin, die sich mit jedem ihrer Kollegen gerne anlegt und nicht sympathisch ist, erfährt man im Laufe des Romans immer mehr aus ihrer Biografie. Somit wird auch ihre stets gezeigte Schroffheit am Ende plausibel. Das ist gut gemacht.

Obwohl es sich in dem Thriller nicht um ein gewachsenes und lange bestehendes Ermittlerteam handelt, ist er aufgrund seiner Entwicklung stark mit der TV-Serie Criminal Minds vergleichbar. Die Informationen über die Arbeit der Polizei und des FBI sind plausibel und spannend erklärt. Die Figuren sind anfangs spröde, wachsen einem am Ende doch ans Herz (bis auf die oder den Täter natürlich).

Es macht Spaß, den Thriller zu lesen und zu empfehlen.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2022

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Veröffentlicht am 13.04.2022

Wirklich alles nur Opfer?

Sturmopfer
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Dieser Roman von Sam Lloyd ist ein weiterer Psychothriller dieses britischen Schriftstellers, der aus der Gegend (Devon, nördlich vom Dartmoor National Park) stammt und sich wohl tatsächlich mit dem stürmischen ...

Dieser Roman von Sam Lloyd ist ein weiterer Psychothriller dieses britischen Schriftstellers, der aus der Gegend (Devon, nördlich vom Dartmoor National Park) stammt und sich wohl tatsächlich mit dem stürmischen Meer an der Nordküste Südenglands auskennt.

Als ein großer Sturm angekündigt wird, ist Lucy nicht gerade glücklich darüber, denn sie weiß, dass ihr Ehemann Daniel heute mit dem Schiff aufs Meer hinausgefahren ist. Sie sorgt sich um ihn. Er geht nichts ans Handy und hat nirgends eine Nachricht hinterlassen, was er da draußen möchte und wann er wieder zurück kommen will.

Als Lucy ihren Sohn Fin aus der Schule abholen will, erfährt sie, dass Daniel den Siebenjährigen bereits am Vormittag aus der Schule holte, weil er angeblich einen Zahnarzttermin hatte. Bei dem Versuch, die 18jährige Tochter Billie darüber zu informieren, dass Daniel als auch Fin offenbar aus See sind, stellt sie erschreckenderweise fest, dass auch Billie nicht an ihr Telefon geht. Lucy sorgt dafür, dass alle Freunde der Tochter nach ihr suchen, und später auch, dass auf dem Meer nach allen Dreien gesucht wird

Sam Lloyd baut die Spannung über mehrere Ebenen auf. Da ist zunächst Lucy, die mit dem Verschwinden ihrer Familie klarkommen muss. Doch mit jederweiteren Seite erfahren wir mehr über sie und ihr Leben. Nicht zuletzt auch durch in Gedanken eingepackte Rückblenden. Das Geschehen in der Vergangenheit scheint immer mehr an Bedeutung zu gewinnen.

Eine weitere Spannungsebene sind die Ermittlungen um das Geschehen. Wie ist es zum Verschwinden der Familie gekommen? Detective Inspector Abraham Rose leitet diese Ermittlungen. Er hat dabei schwer mit seinen Gefühlen zu kämpfen, besonders nachdem er ein Video mit dem kleinen Sohn gesehen hat.

Abraham ist sowieso eine äußerst interessante Figur in dieser Geschichte. Er ist stark religiös. Seine Mutter hatte einen großen Einfluss diesbezüglich auf ihn und er hat sogar auf Freundinnen verzichtet, wenn seine Mutter sie nicht mochte. Das Verschwinden von Daniel und den beiden Kindern betrachtet Abraham immer vor seinem religiösen Hintergrund. Diesbezügliche Zitate aus religiösen Texten oder der Bibel machen es immer wieder deutlich.

Außerdem ist Abraham krank, schwer krank. Die Ermittlungen führt er unter starken Schmerzen durch und es stellt sich immer die Frage, ob er sie auch bis zum Ende schafft. Deshalb agiert er sehr nachdenklich, hört oft in sich hinein.

Zwar weiß man bei diesem Roman sofort, quasi auf der ersten Seite, dass etwas Schlimmes passiert ist, aber bis einem dann die gesamte Dimension aufgeht, dauert es doch ein kleines Weilchen. Man lässt sich treiben und ergreift Partei, um dann mit der Zeit vielleicht eines Besseren belehrt zu werden. Aber Sam Lloyd nimmt die Leser mit auf seiner Psychoreise durch die Figurenlandschaft seines Romans.

Aber ein ganz besonderes Highlight ist am Ende der actionreiche Showdown. Wenn man glaubt, der ganze Psychodreck wird letztendlich in Verhören oder Gesprächen aufgelöst, der irrt sich gewaltig. Dramaturgisch ist dies von Sam Lloyd perfekt in Szene gesetzt. I like it.

Detaillierte Landschaftsbeschreibungen und nahezu minutiöse Abläufe des Sturms von ein weiteres Merkmal des Schreibstils dieses Schriftstellers. Ich habe mich auf meinen Besuchen in Südengland wiedergefunden und vielleicht durch dieses Buch neue Ziele gefunden, die es sich lohnt, zu besuchen.

Mir hat dieser Roman viel Spaß gemacht und sehr gut unterhalten. Die Irreführung hat mich auf eine Reise mitgenommen, die nicht nur in die Psyche, sondern auch nach Südengland führt. Ein kleiner britischer Touch, wie ich ihn mag.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2022

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Veröffentlicht am 05.04.2022

verbrecherische Manager/korrupte Politiker - perfekt inszeniert

Das Jahr der Gier
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Mit dem neuesten Thriller aus der Feder des Meisters der deutschen Politthriller – Horst Eckert – bleibt sich der in Düsseldorf lebende Schriftsteller treu: brisantes und aktuelles Thema, spannend und ...

Mit dem neuesten Thriller aus der Feder des Meisters der deutschen Politthriller – Horst Eckert – bleibt sich der in Düsseldorf lebende Schriftsteller treu: brisantes und aktuelles Thema, spannend und unterhaltsam aufbereitet, fesselnder Pageturner!

Die WorldCard AG ist ein Shooting-Star am deutschen Wirtschaftshimmel. Das Unternehmen wird hofiert von der Kanzlerin, verdrängt alteingesessene Konzerne aus dem DAX und schickt sich an, als Finanzdienstleister die Deutsche Bank zu übernehmen. Doch was hat die tote Frauenleiche in Düsseldorfs Norden damit zu tun? Und warum wird in der Düsseldorfer Altstadt ein Journalist der Financial Times niedergestochen?

So könnte man die Stränge zusammenfassen, in denen ermittelt wird. Kriminalrätin Melia Adan wird aus verwandtschaftlichen Gründen darum gebeten, sich um den britischen Journalisten zu kümmern. Vincent Veih ist mit deiner MK für die Frauenleiche zuständig. Schnell wird klar, dass es offenbar einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen gibt.

Da der Journalist einen Finanzskandal von ungeheurer Dimension aufklären will, was nicht nur der WorldCard-Konzern, sondern auch der deutsche Geheimdienst verhindern will, ist eine Verbindung zu dem Mord und dem Überfall in Düsseldorf mehr als wahrscheinlich.

Horst Eckert schafft es erneut, ein brisantes und aktuelles Thema in einen spannenden Thriller zu verwandeln. Die Ähnlichkeit der WorldCard AG mit dem Wirecard-Konzern ist unverkennbar. Doch da der Prozess zu Wirecard gerade erst begonnen hat und noch nicht alles an die Öffentlichkeit gedrungen ist, musste sich der Autor der kreativen Fiktion bedienen. Was er meisterlich beherrscht. Die Vorgehensweise der verbrecherischen Manger und der korrupten Politiker wirkt ungemein authentisch und glaubhaft. Als wäre es eine Dokumentation.

Im sechsten Roman um Vincent Veih (aber der dritte mit Melia Adan) spielt auch dessen Mutter, eine ehemalige RAF-Terroristin, erneut eine kleine Rolle. Damit zeigt Horst Eckert, dass ihm etwas an den von ihm geschaffenen Figuren liegt und er sehr wohl in der Lage ist, ihre Biografien weiterzuspinnen. Das geschieht an vielen Stellen. Leser von Eckerts Romanen können sich auf ein Wiedersehen mit alten Bekannten freuen.

Der Schreibstil ist von kurzen, prägnantem und schnörkellosen Sätzen geprägt. Lange, verschachtelte Sätze sucht man vergeblich. Das Geschehen, Handlung und Gedanken, werden auf den Punkt genau formuliert. Dies und die kurzen Kapitel lassen die Seiten nur so durch die Finger gleiten. Das hat mich sehr an die Thriller von Michael Connelly erinnert.

Neben der Leistung des Autors gefällt mir auch die Gestaltung der Reihe im Verlag. Die Titel der Reihe folgen derselben Melodie und die beiden Silhouetten einer Frau und eines Mannes in der Großstadt führen auf das Wesentliche hin.

Meine Empfehlungen der vorhergehenden Romane dieses Autors lassen erahnen, dass ich ein begeisterter Leser von ihnen bin und auch diesen in besonderer Weise empfehlen möchte.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2022

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Veröffentlicht am 28.03.2022

Lebensunterhalt mit Kriminalität verdienen

Nachtarbeiter
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Der Autor bedient sich in seinem Debütroman eines eher ungewöhnlichen Genres der Kriminalliteratur, um eine gewisse gesellschaftliche Kritik zu äußern, nämlich das Genre des Gangsterromans. D. h. Verbrechen ...

Der Autor bedient sich in seinem Debütroman eines eher ungewöhnlichen Genres der Kriminalliteratur, um eine gewisse gesellschaftliche Kritik zu äußern, nämlich das Genre des Gangsterromans. D. h. Verbrechen ja, Ermittlungen eher nur am Rande. Darauf muss man sich als Leser einlassen, gibt dem Roman aber eine sehr schöne Würze.

Im Wesentlichen bekommen wir es mit drei Hauptfiguren zu tun, die aus dem Underground von Brooklyn stammen. Sie sind in dieses Milieu hineingeboren, kennen gar nichts anderes. Für sie ist es selbstverständlich, dass sie ihren Lebensunterhalt mit Kriminalität verdienen.

Da ist zunächst Shecky. Er wünscht sich eine Familie. Ganz klassisch mit gemeinsamen Mahlzeiten, gemeinsam Beisammenstehen usw. Er ist das Oberhaupt der Familie und vermisst auch nach vielen Jahren immer noch seine Schwester. Shecky hat sich ein Unternehmen aufgebaut, welches gut funktioniert, aber nach strengen Regeln abläuft. Er betreibt Geldwäsche im großen Stil. Dabei wäscht er nicht sein eigenes Geld, sondern bietet dies als Dienstleistung für alle möglichen Kunden an. Beispielsweise überall da, wo ein Firmeninhaber mit viel Schwarzgeld hantiert. Die Transfers des Geldes über mehrere Konten und an Scheinfirmen, übernimmt Shecky mit seinem darauf spezialisierten Unternehmen.

Harry ist ein Junge, den Shecky zur Betreuung als Bewährungshelfer aufgenommen hat. Harry ist für ihn wie ein Sohn. Er bekommt all seine Liebe und all sein Wissen. Shecky bringt ihm alles bei, was er seinem „Sohn“ nur beibringen kann. Harry ist der beste Mitarbeiter im Geldwäscheunternehmens seines „Onkels“, wie er Shecky nennen soll. Er heuert Kuriere an, bringt ihnen das Handwerkszeug bei, stattet sie mit Wegwerfhandys aus. Harry ist der Mann für alles in der Firma, denkt aber, er wird nicht gut bezahlt.

Die jüngste, die Shecky in die Familie aufgenommen hat, ist Kerasha. Kerasha ist 23 Jahre alt und hat gerade 6 Jahre im Knast hinter sich. Als Kleptomanin muss sie ihre Therapiesitzungen noch bei einem Psychiater absolvieren, um von der Sucht des Klauens geheilt zu werden. Kerasha ist noch nicht voll in den Familienbetrieb integriert worden. Sie muss nach den sechs Jahren erst mal mit der Freiheit klarkommen. Und mit dem fehlenden Heroin. Aber an das Ritual der gemeinsamen Frühstücke und Abendessen hat sie sich schnell gewöhnt.

Brian Selfon hat ein besonderes Bild von Brooklyn gezeichnet, welches sich vielen Menschen nicht auf den ersten Blick erschließt. Das ist nicht nur die Selbstverständlichkeit, wie hier mit Kriminalität Geld verdient wird. Es sind auch die zahlreichen Verstecke, Unterschlüpfe und toten Briefkästen, die sich dem Auge eines normalen Bürgers oder gar Touristen gänzlich entziehen. Wer erwartet schon in einem alten Zeitungskasten, dass sich darin eine Nottasche mit Revolver, Geld und mehreren Pässen oder Führerscheinen befindet? Mit vielen Details und sehr authentisch schildert Selfon ein ungewöhnliches Bild von Brooklyn und seinen Bürgern.

Die Polizei scheint machtlos zu sein. Sie kann sich nicht um alle kleinen Verbrechen kümmern, die in der Drogen- oder Prostituiertenszene tagtäglich geschehen. Auch die Polizistin Zera, die als Kind aus Montenegro in die USA verschleppt wurde, verzweifelt an den Machenschaften des Menschenhandels.

Dieser besondere Schmelztiegel Brooklyn, wie ihn Brian Selfon als düstere Schattenseite präsentiert, hat mich ein wenig an die chaotische Familie in der TV-Serie „Shameless“ erinnert. Eine Familie voller Verlierer, die dennoch das Beste aus ihrem Leben herausholen wollen.

Der Stil von Brian Selfon ist unterhaltend, enthält auch humorige Sequenzen. Man kann ihm gut folgen. Zeitliche Sprünge und Rückblenden werden gut bekanntgemacht, so dass man die jeweilige Szenen sehr gut in die gesamte Geschichte einordnen kann.

Ein sehr guter Roman für Leser, die nicht immer nur einen 0-8-15-Krimi lesen möchten und gerne auch mal hinter die Kulissen der Handlungsorte schauen möchten.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2022