Profilbild von DetlefKnut

DetlefKnut

Lesejury Star
offline

DetlefKnut ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit DetlefKnut über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.06.2020

Val McDermid: eine Meisterin ihres Fachs

Der Knochengarten
0

Es ist ein weiterer Fall für Carol Jordan und Tony Hill. Einmal mehr führt die Autorin die Leser in die Abgründe der menschlichen Psyche.

Der Polizeipsychologe Tony Hill wurde zu einer Haftstrafe verurteilt ...

Es ist ein weiterer Fall für Carol Jordan und Tony Hill. Einmal mehr führt die Autorin die Leser in die Abgründe der menschlichen Psyche.

Der Polizeipsychologe Tony Hill wurde zu einer Haftstrafe verurteilt und sitzt nun im Knast. Seine Partnerin Carol Jordan ist aus dem Polizeidienst entlassen, hat mit dem Trinken aufgehört und versucht nun, sich aus dem depressiven Sumpf zu befreien. Das Team der Sondereinheit ReMIT von den beiden hat einen neuen Chef bekommen, der zudem eine wenig praxisgewohnte Mitarbeiterin mitgebracht hat. Er selbst ist nur auf sein Ansehen und seine Karriere fixiert. Nach seinem Einstieg bei dieser Truppe fällt ihm nichts anderes als eine Teambuilding-Maßnahme zum „besseren Kennenlernen“ ein. Doch dann werden an einem ehemaligen Kloster dreißig Leichen gefunden. Der neue Chef vom ReMIT hofft auf ein Prestigeobjekt und reißt die Ermittlungen an sich. Dann muss er weitere Überraschungen erleben.

Wie in vielen modernen Thrillern und Krimis geht es in diesem Roman nicht um eine geradlinige Ermittlung, nicht um einen einzigen Fall. Die verschiedenen Stränge erwachsen aus den einzelnen Figuren. Zwar bilden die Leichen einen Schirm, aber die einzelnen Geschichten um die Figuren machen erst den gesamten Roman spannend und fesselten mich beim Lesen. Denn keinem der Beteiligten geht es zu Beginn so richtig gut. Nicht einmal zum Ende des Romans, aber da gibt es wenigstens Hoffnungsschimmer zur Versöhnung. Val McDermid ist halt eine Meisterin ihres Fachs.

Jedes Kapitel beginnt mit einem Zitat aus dem fiktive Sachbuch des Kriminalpsychologen Dr Tony Hill. Hier nennt er Regeln zum Profiling. Diese Gestaltung ist sehr passend, denn Tony Hill will im Gefängnis ein Buch schreiben, wofür er zuvor nie die Zeit hatte.

Die gesamte Geschichte selbst wird jeweils aus der Sicht der für den Strang forcierten Protagonisten erzählt. Dies geschieht in den einzelnen Kapiteln. Nach jedem Kapitel wechselt die Perspektive und erzählt wird die Handlung der jeweiligen Hauptfigur. Natürlich aber bedingen die Kapitel einander. Es wäre zu simpel anzunehmen, man könne sich alle Kapitel beispielsweise um Carol Jordan heraussuchen, nacheinander lesen und dann hätte man eine Geschichte innerhalb der Geflechts abgeschlossen. Das wäre zu einfach. Dafür werden zu viele Informationen zu dieser parallelen Geschichte auch in den anderen Kapiteln hinterlassen.

Das Thema der verbuddelte Mädchenleichen ist eines, wie sich herausgestellt hat, das die britische Literatur schon lange beschäftigt. In den letzten drei Jahrzehnten gab es immer wieder entsprechend spekulative Enthüllungen. Zwar spricht McDermid vom Orden der „Seligen Perlen“, aber tatsächlich sind diese Vorfälle unter dem Namen der „Barmherzigen Schwestern“ – so auch ein Filmtitel- bekannt. Wer mehr über diese Verbrechen in unterhaltendes Romanform erfahren möchte, sollte einmal einen Blick in die Bücher »Auf den den zerbrochenen Flügeln der Freiheit« von Rebecca Michéle und »Das Haus der Verlassenen« von Emily Gunnis werfen.

»Der Knochengarten« ist sehr zu empfehlen, wenn man nicht immer geradeaus ermitteln sondern viel über Menschen erfahren möchte. Schicksale und Beziehungen sowie Konflikte von Val McDermid in vollendeter Form spannend präsentiert!

© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

Veröffentlicht am 13.06.2020

Voller Pariser Charme wird der Kriminalfall erzählt

Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain
0

ist erneut ein Krimi in den Fußstapfen von George Simenon und seines Kommissars Maigret. Der Kampa Verlag aus Zürich hat den zweiten Roman mit Commissaire Lacroix und seinem Team herausgebracht.

Beim ...

ist erneut ein Krimi in den Fußstapfen von George Simenon und seines Kommissars Maigret. Der Kampa Verlag aus Zürich hat den zweiten Roman mit Commissaire Lacroix und seinem Team herausgebracht.

Beim jährlichen Bäckereiwettbewerb um das beste Baguette der Stadt Paris hat erneut der Vorjahressieger Maurice Lefevre gewonnen. Ein Sieg bei diesem Wettbewerb ist mit den höchsten Ehren verbunden. Natürlich erhöhen sich die Umsätze der Bäckerei, weil ganz Paris vom Sieger spricht. Aber außerdem wird der Sieger zum Lieferanten für den Élysée-Palast. Welche Ehre! Die ganze Nation isst das Baguette des Siegers. Doch einen Tag nach der Blindverkostung und der Siegerehrung wird Lefevre tot in seiner Backstube aufgefunden. Erschlagen mit dem Brotschieber, mit dem die Brote aus dem Backofen geholt werden. War das die Tat eines Neiders?

Herrlich französisch, böses unglaublich pariserisch, voller Charme wird der Kriminalfall erzählt.

Die Ähnlichkeit mit Maigret ist gewollt. Nicht zufällig trägt auch Lacroix den Spitznamen Maigret bei seiner Frau und im Präsidium. Mit ihm spaziert man durch die Pariser Straßen, geht in die Bistros und riecht den Duft der Boulangerien. Bedächtig und ohne Action, quasi genießerisch. Aber ebenso bedächtig folgt man auch den falschen Spuren, die der Autor ausgelegt hat. Den Spekulationen im eigenen Kopf sind Tür und Tor geöffnet. Spannend bis zum Schluss.

Neben der Geschichte mit Pariser Flair hat mir aber auch die Gestaltung des Buches gefallen. Ein passendes Cover zur nächtlichen Zeit mit dem Namen des Verlages auf dem Straßenschild, das hat was. Außerdem zeigen die Innenseiten des Covers eine Karte von Paris, dem engeren Zentrum dieser Stadt. Neben einigen Sehenswürdigkeiten, die der Orientierung dienen, sind einige Orte des Geschehens aufgezeichnet, wie das Büro Lacroix‘, das seiner Frau, der Bürgermeisterin, das Polizeipräsidium und so weiter.

Ein spannender und amüsanter Kriminalroman, der den Leser in die französische Metropole führt und damit einen angenehmen Kurztrip bietet.


© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

Veröffentlicht am 07.06.2020

Freiheit über alles

Freiheit
0

Zugegeben, auf das Buch »Freiheit« von Reinhard Marx habe ich seit der Ankündigung gewartet. Besonders das Wort Freiheit war bei mir in der Auslöser, diese niedergeschriebenen Gedanken des Kardinals zu ...

Zugegeben, auf das Buch »Freiheit« von Reinhard Marx habe ich seit der Ankündigung gewartet. Besonders das Wort Freiheit war bei mir in der Auslöser, diese niedergeschriebenen Gedanken des Kardinals zu lesen. Ich war schlicht neugierig auf das, was er zu sagen hat.

In den verschiedenen Kapiteln geht Reinhard Marx der Frage nach, was Freiheit ist, wie sie erreicht werden kann, wie sie behindert wird und, bei einem Mann der Kirche nicht anders zu erwarten, wie Freiheit im Zusammenhang mit Gott und der Religion zu sehen ist.

Es ist interessant zu lesen, das Freiheit im Kopf der Menschen existiert und immer wieder neu erkämpft werden muss. Denn es gibt stets Bestrebungen, die Freiheit auf ganz minimale Einsichten zu reduzieren und sie auf diese Weise einzudämmen. Das geschieht z. B., wenn Freiheit auf das Reisen in ferne Länder reduziert wird. Hierbei schützt Marx auch nicht die Institution der Kirche, sondern reklamiert auch für einige ihrer Vertreter die Beschneidung der Freiheit, wenn beispielsweise weiterhin am Zölibat festgehalten wird.

Da ein Mensch kaum alle Bücher auf der Welt lesen kann, mag ich ganz besonders, wenn jemand auf andere Quellen zurückgreift und daraus zitiert. Ich habe dann stets das Gefühl, dass auch diese Information meinen Horizont erweitert. So war für mich überraschend, das es zum Zeitpunkt des Falls der Berliner Mauer nur 16 feste Grenzverläufe auf der Welt gab. Heute sind es aber bereits mehr als 65! Die Offenheit der Menschen, die Globalisierung haben offenbar zu einer Abschaffung der Freiheit geführt, wenn man die sie wieder auf das Reisen reduzieren wollte.

Ein ganz besonderer Satz, der mir außerordentlich gefällt, möchte ich gerne an dieser Stelle zitieren:

»Der Gedanke der Freiheit ist nur dann glaubwürdig, wenn er alle Menschen im Blick hat, wenn der Horizont der Freiheit die gesamte Menschheitsfamilie umfasst, auch die kommende Generationen.« - Freiheit, Seite 74

Die Gedanken von Reinhard Marx regen an, selbst über den Begriff der Freiheit nachzudenken. Man muss nicht religiös sein, um seine Gedanken nachvollziehen und mit eigenem Inhalt auffüllen zu können.

Das Buch ist empfehlenswert, wenn man über aktuelle Themen unserer Gesellschaft nachdenken möchte. Denn die Freiheit gestattet ist.


© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
Veröffentlicht am 07.06.2020

Late Show als Strafversetzung

Late Show
0

»Late Show« von Michael Connelly ist der erste Fall seiner neuen Protagonistin Renée Ballard, einer Polizistin in Los Angeles, die gebürtig aus Hawaii stammt und in die Abteilung der Late Show strafversetzt ...

»Late Show« von Michael Connelly ist der erste Fall seiner neuen Protagonistin Renée Ballard, einer Polizistin in Los Angeles, die gebürtig aus Hawaii stammt und in die Abteilung der Late Show strafversetzt wurde. Nach einem persönlichen Zoff mit ihrem Teamleiter glaubte ihr kein Mensch. Man versetzte sie in den Nachtdienst.

Late Show ist die Bezeichnung, die jeder Absolvent der Police Academy (Rookie) für den Nachtdienst kennt. Sie ist vergleichbar mit dem Kriminaldauerdienst in Deutschland. Die Polizisten dieser Abteilung werden als Erste an die Tatorte gerufen, das Verbrechen aufzunehmen. Der Leute der Late Show kennen keinen Tagdienst, so kommt die Versetzung in dieser Abteilung einer Strafversetzung gleich kommt.

Ich möchte an dieser Stelle keine Inhaltsangabe zu dem Buch machen, einen besonderen Hauptstrang gibt es nicht. Dieser Plot ist viel zu komplex. Ballards Job sorgt für mehrere parallele Fälle. Sie müssen gleichzeitig abgearbeitet und gelöst werden. Ballard wird mit ihrem Partner in einer Nacht an mehrere Tatorte gerufen. Sie versucht, die Täter festzusetzen, aber eigentlich muss sie die Fälle bei Schichtende am frühen Morgen abgeben. So gibt es in einem Club die Hinrichtung von drei Gangstern samt weiteren Toten als Kollateralschäden, die brutale Vergewaltigung einer Lady und den Diebstahl einer Handtasche. Dem Roman bleibt vorbehalten, ob diese Fälle oder Teile davon zusammenhängen oder nicht. (Viel Spaß beim Lesen!)

Ballard trägt viele persönliche Probleme mit sich herum. Das erschwert zusätzlich die Ermittlungen und erhöht die Spannung.

Michael Connelly ist der Erschaffer von Bosch. Als ehemaliger Kriminalreporter der Los Angeles Times hat er sich auf Polizeikrimis in Los Angeles spezialisiert. So wundert es nicht, das auch Ballard in Los Angeles ermittelt. Der vorliegende Roman liest sich wie eine topaktuelle Fernsehserie. Wer Serien wie Bosch, S.W.A.T., The Rookie oder 19-2 mag, wird von »Late Show« sehr begeistert sein.

Der Leser hetzt mit der Surferin, die am Strand von Santa Monica und Ventura mit ihre Hündin Lola in der Pacificmetropole lebt, durch die Straßen von L.A.. Er lernt die verschiedensten Abteilung der Polizei kennen, er sieht die menschlichen Abgründe in den abgelegenen Straßenzügen. Connelly fährt außerdem ein vielschichtiges und großartiges Figurenensemble auf. Menschen aller Couleur kommen zu Wort, Forensiker von der Universität, Rechtsanwälte, Autoverkäufer, Großmütter, korrekte und korrupte Cops. Sympathische und unsympathische Figuren sind auffindbar.

Ein begeisternder Roman, der die Leser in die heutigen Straßen von Los Angeles zieht. Sehr empfehlenswert. Ich möchte ihn nicht missen!

© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.05.2020

Schroffes Schottland, bezauberndes Südengland, geheimnisvolle Verbrechen

Phantomschmerzen
0

Susan Hill, die Granddame des englischen Kriminalromans, hat mit »Phantomschmerzen« den neuesten Roman mit ihrem Protagonisten Simon Serrailler vorgelegt. Das kriminelle Element hält zwar die Spannung ...

Susan Hill, die Granddame des englischen Kriminalromans, hat mit »Phantomschmerzen« den neuesten Roman mit ihrem Protagonisten Simon Serrailler vorgelegt. Das kriminelle Element hält zwar die Spannung von vorne bis hinten, die Handlung geht aber über andere Themen weit hinaus.

Die Autorin entführt die Leser in eine kleine Gemeinde auf eine der schottischen Inseln an der Westküste und ins bezaubernde Südengland.

Detective Chief Superintendent Serrailler hat einen Arm verloren. Er fühlt sich nur noch wie ein halber Mensch. In der südenglischen Kathedralenstadt Lafferton hat er seine Verwandten, Freunde und Kollegen. Aber er flieht zur Therapie auf seine geliebte Insel Taransay. Auf Taransay gibt es nur ein Dorf mit verstreut liegenden Cottages und einen einzigen Pub. Hier jobbt auch Sandy, die vor einigen Monaten auf die Insel gekommen und erstaunlich gut von den Einheimischen akzeptiert worden war.

In Serraillers Schmerz, ob er überhaupt noch zu etwas nütze ist und ob er seinen beruf bei der Polizei noch wird ausüben können, fühlt er sich zur munteren Sandy hingezogen. Doch dann ist sie plötzlich verschwunden. Niemand auf der Insel für sie gesehen haben. Niemand kann erklären, wo sie abgeblieben sein kann. Bis dann die Leiche am Ufer auftaucht, welche zweifelsfrei Sandys Leiche ist. Da die Polizei momentan viel zu tun hat und erst in ein paar Tagen auf der Insel sein kann, wird Serrailler gebeten, schon mal in Sachen Sandy zu ermitteln, weil er doch Polizist und zufällig schon auf der Insel ist.

Susan Hill führt uns in die Welt von Simon Serrailler, ohne dass man die vorhergehenden Bände gelesen haben müsste. So ist dieser Roman auch eher ein Roman mit kriminellen Elementen als ein reiner Krimi, bei dem es ausschließlich um Ermittlungen geht. Vielmehr möchte Hill uns über die Psyche eines Menschen erzählen, der ganz plötzlich aus seinem üblichen Leben gerissen wird und nun anfangen muss, sich neu zu orientieren. Das macht sie über die Bezugspersonen ihres Protagonisten. Die Familie seiner Schwester spielt dabei eine große Rolle, aber auch die Freunde auf der einsamen Insel. Ein wunderschönes, wiederkehrendes Moment ist der kleine Robbi, der sich für den fehlenden Armen von Serrailler mehr interessiert als für alles andere. Allzu gerne fordert er den großen Mann heraus, ihm doch mal die Schnürsenkel zu binden.

Jede Figur dieses Romans scheint wie im richtigen Leben ihr eigenes Päckl zu tragen. Überall gibt es Konflikte. Immer wieder wird der Protagonist um Hilfe gebeten. Dabei hat er seine eigene Psyche noch gar nicht im Griff.
Neben den menschlichen Beziehung wird der Rauheit, Abgeschiedenheit und Einsamkeit der schottischen Inseln viel Raum gegeben und sie können dem Leser ans Herz wachsen. Es reizt, sich in dieser Einsamkeit den Wind um die Nase wehen zu lassen und eine tiefe Brise in die Lunge zu ziehen. Es reizt, eine liebenswürdige, in sich geschlossene Gemeinschaft kennenzulernen.

Ich habe mich in diese Roman sehr wohl gefühlt und finde es toll, in eine neue kleine Welt eingetaucht zu sein. Einen frühen Roman dieser Autorin, der gerade neu erschienen ist, habe ich hier besprochen.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2020