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Veröffentlicht am 17.07.2019

Brutales Washington D.C.

Prisoners
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Pelecanos ist ein Amerikaner mit griechischen Wurzeln. Geboren und aufgewachsen ist er in Washington D.C., wo auch seine Romane spielen Er ist ein Mann der Straße, könnte man annehmen. Denn in seinen Romanen ...

Pelecanos ist ein Amerikaner mit griechischen Wurzeln. Geboren und aufgewachsen ist er in Washington D.C., wo auch seine Romane spielen Er ist ein Mann der Straße, könnte man annehmen. Denn in seinen Romanen werden all die kleinen und großen Geschichten erzählt, die mehrmals täglich passieren und kaum von den Menschen wahrgenommen ausgenommen. Ins Blickfeld geraten höchstens die ganz große Ereignisse von Verbrechen, die den Menschen dann sagen, dass sie4 hier nicht herkommen sollten, hier sitzt das Böse, hier lebt das Verbrechen. Als Journalist, Kriminalschriftsteller und Drehbuchautor verfügt Pelecanos über die Gabe, seine Beobachtungen in adäquate Worte zu fassen, so dass es dem Leser erscheint, als würde er mitten im Geschehen sein.

Michael Hudson, der Protagonist in diesem Roman, ist noch keine 30 Jahre alt und sitzt wegen bewaffneten Raubüberfalls im Gefängnis. Hier nutzt er die Vorzüge der kleinen Gefängnisbibliothek. Er hat das Lesen für sich entdeckt. Seine ganze Jugend über hat er sich nicht dafür interessiert, doch nun hat er festgestellt, dass er mit einem Buch dem tristen, grauen Alltag des Gefängnisses entgehen kann. In der Zelle kann er in die Welt hinaus reisen. Dann wird er plötzlich aus der Haft entlassen und er möchte er ein neues Leben anfangen. Er sucht sich einen Job, knüpft neue Freundschaften und denkt nicht besonders darüber nach, warum er aus dem Gefängnis entlassen wurde. Bis schließlich der Privatdetektiv Phil Ornazian auftaucht. Ornazian steht nicht immer auf der richtigen Seite des Gesetzes und hat einen ganz besonderen Job für Hudson.

Pelecanos Sprache und Erzählstil ist hart und brutal. Ohne Zweifel kennt er sich in dem Milieu aus, von dem er schreibt. Präzise beschreibt er Örtlichkeiten und Schauplätze, weil er sie schon hundertmal besucht hat. In beiden Strängen ist man als Leser gespannt auf den Ausgang. In den Straßen der Viertel ist Krieg und nahezu jede Figur sorgt für sich und seine Familie mit illegalen Geschäften und Verbrechen. Es ist erschreckend, mit welcher Selbstverständlichkeit dies geschieht. Und doch zeigt Pelecanos auch einen kleinen Streifen Licht am Horizont.

Warum etwas vom harten Amerikana lesen möchte, ist mit dieser Roman bestens bedient. Wer sich darüber hinaus für die Bücher dieses Schriftstellers interessiert, kann gerne meine Besprechung zu seinem Roman „Hard Revolution" lesen.


© Detlef Knut, Düsseldorf 2019

Veröffentlicht am 14.07.2019

Drei Schwestern mit Omas Ofenfleisch und weichen Karamellbonbons

Drei Schwestern am Meer
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Ihr fahrt demnächst in den Urlaub? Ihr habt Stress im Job und braucht Ausgleich? Vielleicht einen Mini-Urlaub daheim im Sessel? Dann haltet ihr mit „Drei Schwestern am Meer" den richtigen Roman in der ...

Ihr fahrt demnächst in den Urlaub? Ihr habt Stress im Job und braucht Ausgleich? Vielleicht einen Mini-Urlaub daheim im Sessel? Dann haltet ihr mit „Drei Schwestern am Meer" den richtigen Roman in der Hand. Leicht, locker und humorvolle Spannung.

In dem Roman möchte die in Berlin lebende Fachärztin Rina nach langer Zeit mal wieder ihre Oma auf Rügen besuchen. Viel zu selten hat sie das in letzter Zeit gemacht. Sie und ihre Schwestern Pia und Jana sind bei Oma aufgewachsen, nachdem ihre Eltern durch einen Unfall ums Leben gekommen waren. Rina freut sich auf eine entspannte Zeit mit viel Sonne, Strand und dem wunderbaren Karamellbonbons, die Oma immer macht.

Die Spannung zieht die Autorin in verschiedenen Strängen auf. Da ist zunächst die Oma, die kurz nach Rinas Eintreffen ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Die Mädchen sind in heller Aufruhr. Außerdem hat Rina in Berlin mitbekommen, dass ihr Freund sich von ihr trennen will. Der Arzt hatte sich einer blutjungen Assistenzschwester zugewandt. Schließlich lern Rina den erst kürzlich in den Ort gezogenen Hausarzt ihrer Großmutter kennen. Diese Konstellationen ergeben eine Gemengelagen, deren Auflösung man sich nicht entgehen lassen will. Zumal eine der Schwestern demnächst ins Ausland gehen will und sie nicht wieder so schnell zusammenkommen werden. Das Ganze wird in einem lockeren Stil präsentiert, der die Seiten nur so durch die Finger rauschen lässt.

In kleinen Zwischenkapiteln wird aus der Sicht einer anderen Figur eine ganz andere Geschichte erzählt. In dieser Figur streift deren Begegnung mit ihrer großen Liebe vorbei. Als Leser erfährt man ganz langsam von einem Geheimnis in der Familie .

Neben der vielen Sonne und der frischen Brise streicht dem Leser der Duft von Gekochtem und Gebackenen durch die Nase. Wer beim Lesen der entsprechenden Szenen Heißhunger bekommt, hat die Gelegenheit, die am Ende aufgeführten Rezepte auszuprobieren. Omas Ofenfleisch ist genauso dabei wie die weichen Karamellbonbons.

Ich wünsche guten Appetit und beste Unterhaltung. An letzterem wird es garantiert nicht fehlen.


© Detlef Knut, Düsseldorf 2019

Veröffentlicht am 04.07.2019

düster, spannend, schwedisch

Dunkelsommer
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Eine Autorin, die wie ein Star am skandinavischen Bücherhimmel gefeiert wird: Stina Jackson. Sie hat zum Schreiben gefunden, nachdem sie in die USA übergesiedelt ist und bringt die Düsterheit Nordschwedens, ...

Eine Autorin, die wie ein Star am skandinavischen Bücherhimmel gefeiert wird: Stina Jackson. Sie hat zum Schreiben gefunden, nachdem sie in die USA übergesiedelt ist und bringt die Düsterheit Nordschwedens, die unendlich langen Landstraßen und dichten Wälder zurück in den Fokus der Leser.


Vor drei Jahren hatte Lelle seine Tochter verloren. Sie verschwand spurlos. Seitdem findet er keine Ruhe. Immer wieder fährt er die Straße ab, an der Lina verschwunden sein muss. Nahezu jeden Nachbarn hat er schon verdächtigt, jeden Busch am Rande der Straße mehrmals umgedreht. Doch noch nie hat er auch nur ein einziges Zeichen von Lina gefunden. Er ist ein verbitterter Vater, dessen Ehe seit Linas Verschwinden in die Brüche gegangen ist. Parallel zu Lelles Suche macht Jackson einen Handlungsstrang mit der 17-jährigen Meja auf. Sie ist mit ihrer Mutter, die sich für eine Künstlerin hält, bekifft und meist nackt herum läuft, nach Norrland gekommen. Ihre Mutter hofft, in der Internetbekanntschaft einen gut sorgenden Familienvater zu finden und möchte auf diesem Hof heile Familie spielen, ohne von Alkohol und den Drogen zu lassen. Doch für Meja scheint hier kein Platz zu sein. Es zieht sie weg von hier und ihr Weg kreuzt sich mit dem von Lelle.


Zunächst möchte ich anmerken, dass sich der Roman es sehr gut liest. Die Handlungsstränge sind abwechselnd stark getrennt voneinander. Als Geschichtenliebhaber ergibt sich aber schnell die Frage, wie diese beiden Stränge zusammenlaufen werden? Zu Beginn haben sie offenbar gar nichts miteinander zu tun.

Dem Protagonisten kann man zwar Verständnis für seine Suche entgegenbringen, aber genau wie den Nebenfiguren geht er einem mit seiner Verbittertheit bald auf den Senkel. Eher fühlt man mit seiner Frau, die einen Schlussstrich unter das Verschwinden der Tochter setzen möchte.

Der Sog, den Thriller bis zum Ende lesen zu wollen, wird zunächst aus der Suche nach Lina gewonnen, und wie oben erwähnt, auf welche Weise die beiden Stränge zusammenhängen. Später dann interessiert es einen nur noch, was zur Überführung der oder des Täters notwendig ist.

Der Roman ist atmosphärisch stark und dunkel, trotz der bunten Hippie-Sprenkel. Es macht Spaß, ihn zu lesen, obwohl die Auflösung nicht überrascht, weil sie schon zu oft in Romanen, TV-Serien und Kinofilmen in ähnlicher Weise vorkam.


© Detlef Knut, Düsseldorf 2019

Veröffentlicht am 27.06.2019

Karen Sander on top

Wenn ich tot bin
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Vor zehn Jahren wurde Madelin McFarland entführt. Ihre Mutter Susan hat kurz darauf einen neuen Mann kennengelernt, und sie bekamen gemeinsam ein Kind. Die kleine Harper hat über den Verlust von Madelin ...

Vor zehn Jahren wurde Madelin McFarland entführt. Ihre Mutter Susan hat kurz darauf einen neuen Mann kennengelernt, und sie bekamen gemeinsam ein Kind. Die kleine Harper hat über den Verlust von Madelin hinweggeholfen, doch die Hoffnung auf eine Rückkehr der Tochter blieb immer bestehen. Plötzlich steht Madelin leibhaftig vor der Tür. Susan ist überglücklich, ihre tot geglaubte Tochter wieder in den Armen halten zu können. Doch dieses Glück hält nur ganz kurze Zeit. Wenige Stunden, genauer gesagt. Madelin ist wieder verschwunden und Susans Mann liegt schwer verletzt in der Küche. Detective Sergeant Kate Fincher von der Polizei in Edinburgh begibt sich auf die Suche nach Madelin, die offenbar in die Highlands geflogen ist.

Karen Sander hat einen höchst spannenden Thriller geschrieben, der mit ihrer Montario-Reihe wenig gemein hat. Schauplatz dieses Romans ist komplett das Highland in Schottland. Sehr authentisch bringt die Autorin die regionalen Gegebenheiten, wie Bergzüge Straßenverläufe und Örtlichkeiten in die Handlung ein. Ihre Liebe zu dieser Region und ihre Professionalität beim Recherchieren wird sie nicht verleugnen können.

Die Spannung ist extrem hoch. Und wenn der Verlag den Klappentext übertitelt mit „Nichts ist, wie es scheint", dann trifft dies voll zu. Immer wieder, wenn man als Leser denkt, man sei auf der richtigen Spur, wie der Roman zu Ende gehen könnte, bekommt man hammermäßig einen Schlag auf die Brust. Denn es ist ein Ereignis eingetreten oder ein Fakt genannt, der alle geistigen Spekulationen als falsch deklariert. Umdenken ist angesagt. Neue Tatsachen führen in eine andere Richtung. Das ist einfach nur spitze .

Was den Stil angeht, ist der britisch-schottische Einfluss auf Sander unverkennbar. Der Thriller liest sich nicht wie der Krimi einer deutschen Autorin. Und wenn man glaubt, Karen Sander hat schon ihr Pulver verschossen, dann unterliegt man einem großen Irrtum. Seit vielen Jahren lese ich ihre Romane und sie wird immer besser, obwohl mir schon der erste damals gefallen hatte.

Top-Empfehlung meinerseits!


© Detlef Knut, Düsseldorf 2019

Veröffentlicht am 22.06.2019

ein Autor, der es allen zeigen muss

Madame le Commissaire und der tote Liebhaber
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Ein neuer Fall für die Kommissarin der Provence. Für mich der erste Fall von ihr. Die Kommissarin kehrt nach einer mehrwöchigen medizinischen Reha-Therapie in ihr kleines Örtchen Fragolin zurück. Da geschieht ...

Ein neuer Fall für die Kommissarin der Provence. Für mich der erste Fall von ihr. Die Kommissarin kehrt nach einer mehrwöchigen medizinischen Reha-Therapie in ihr kleines Örtchen Fragolin zurück. Da geschieht das Unfassbare: Der Ex-Liebhaber der Madame wird mit durchschnittener Kehle tot im Nachbarort aufgefunden. Kein Mensch weiß, was er zu dieser Zeit dort zu tun hatte. Die Kommissarin ist trotz des schon lange zurückliegenden Affaire zu ihm tief betroffen, war er doch stets ein Freund geblieben. Sie möchte deshalb nicht ermitteln. Doch dann kommt es anders und ohne ihre Hilfe geht die Aufklärung nicht voran.

Wer in die Landschaft der Provence und in die Gegend um Saint-Tropez eintauchen möchte, der wird mit diesem Krimi nichts falsch machen. Als solcher entbehrt er auch nicht einer gewissen Spannung. Doch genau wie die Krimi unter seinem anderen Pseudonym schafft der Autor es nicht, seinen oberlehrerhaften Schreibstil zu unterdrücken. Jedem Leser muss er mit zahlreichen französischen Sätzen beweisen, dass er französisch sprechen kann. Wohlgemerkt der Roman wird eigentlich auf Deutsch präsentiert. Die Figuren unterhalten sich eigentlich auf deutsch. Warum nur werfen sie immer wieder französische Floskeln ein, die dann auch noch sofort ins Deutsch übersetzt, also redundant sind? Auf viele Seiten Lexikonwissen hätte der Autor gut verzichten können. Es hätte der Spannung und der Handlung gut getan, wenn ein Drittel aller Seiten gestrichen worden wären.

Mein Fazit: Wenn man das Gockelgehabe des Autors überblättert, hat man einen angenehm unterhaltsam Ratekrimi, der den Lesern in eine bezaubernde Region verschlägt. Schwanke zwischen 2 und 3 Sternen.


© Detlef Knut, Düsseldorf 2019