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Veröffentlicht am 02.08.2025

Beschwerliche Heldinnenreise

Junge Frau mit Katze
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Junge Frau mit Katze – der Titel ist ansprechend, erscheint harmlos – ist er aber nicht.

Ela, die schon fünf Jahre an ihrer Doktorarbeit arbeitet, wird krank.
Dieser autofiktionale Roman beschreibt, wie ...

Junge Frau mit Katze – der Titel ist ansprechend, erscheint harmlos – ist er aber nicht.

Ela, die schon fünf Jahre an ihrer Doktorarbeit arbeitet, wird krank.
Dieser autofiktionale Roman beschreibt, wie sie mit den Symptomen umgeht und deren Ursachen findet, die medizinischen und die psychologischen.
„Kranksein gehörte zu meinem Leben, wie für andere das Atmen“, erkennt sie.
Ihre Konzentration liegt notgedrungen auf dem Körper, der immer stark reagiert. Sie bemerkt ständig neue reale Symptome mit daraus resultierenden Untersuchungen und Diagnosen von Ärzten: Kehlkopfentzündung, Herzmuskelentzündung, Asthma, Hashimoto, dann eine Grippe, Hat sie auch eine Katzenallergie entwickelt? Die Krankheitsbilder werden detailliert beschreiben, ebenso die Arztbesuche.
Elas Instinkt will sich nicht auf die Diagnosen einlassen, Tabletten nehmen. Unklare Befunde lassen sie zweifeln, Ängste lassen ihren Körper in Chaos versinken. Sie fragt sich, wie die Symptome zusammenhängen. Währenddessen führt Ela ihr Leben weiter wie bisher. Bald muss sie sich der Prüfung stellen. Ihr Doktorvater bietet ihr eine anschließende akademische Tätigkeit an. Trotz ihrer Krankheitsbilder, ihrer Unpässlichkeit, Bettlägerigkeit denkt sie ununterbrochen an ihre Disputation.
Ihr schwieriges Verhältnis zur Mutter wird beschrieben, das zu ihrem Bruder, ihrer Freundin, auf deren Tochter sie tagsüber aufpasst. Dann macht ihre Mutter unerwartete eigene Schritte im Leben und hat auch vor, auf die Hochzeit des Bruders nach London zu kommen. Inzwischen sitzt Ela in ihrem Chaos aus Krankheiten, Diagnosen und eigenen Vorstellungen und dem Funktionieren fest.

Diese Verzweiflung von langandauernd Kranken wird selten beschrieben. Die Thematik hat unser vollstes Mitempfinden. Doch diese Umsetzung ist für mich streckenweise belastend und das „hinreißend Komische“ konnte ich nur in wenigen Sequenzen entdecken und mehr Humor als Ausgleich hätte vielleicht der Schwere der Situation Elas gut getan. So ist man konfrontiert mit allen Einzelheiten der Symptome diverser Krankheiten und den Diagnosen der Ärzte und Elas Reaktion darauf, was irgendwann beklemmend und ermüdend auf mich gewirkt und eine Distanz zu mir als Leserin geschaffen hat. Allerdings ist es natürlich bedeutsam, die Ursache und den Zusammenhang mit einer ganzheitlichen medizinischen Untersuchung zu verstehen und auf dies hinzuweisen – was in diesem Buch auch geschieht. Und, wichtig, wie Daniela Dröscher am Anfang mitteilt. “Schreibend kann ich versuchen, uns (die Mutter und sie) zu retten. So wie mich das Schreiben immer gerettet hat.“ Und so ist dieser autofiktionale Roman auch ein Heilmittel für sie in Romanform.

Als die Mutter die Reißleine zieht, ist der befreiende Cut eingetreten, die Symbiose zur Mutter, die noch bestand, entzweit, „mein Körper hat im Schatten ihres (der Mutter) Körpers gelebt“, weiß Ela. So findet Ela im letzten Abschnitt zu ihrem ureigenen Werdegang und Selbstermächtigung - eine beschwerliche und erfolgreiche Heldinnenreise. Alles findet an den richtigen Platz.

Die schöne und klare Sprache, die den Roman ausmacht, beeindruckt. Ebenso gelungen und inspirierend fand ich die japanischen Gleichnisse und die vor jedem Abschnitt gedruckten Zitate von Yoko Tawada.
Ela selbst hinterlässt bei mir einen gemischten Eindruck, die anderen Mitspieler bleiben eher flach - Ela nimmt sehr viel Raum ein. Die überbordende Sicht und den Umgang mit den Krankheiten lassen Abstand entstehen. Das entstehende Chaos wird auf den Leser abgeladen.
Einfach zu lesen mit schönem Schreibstil und streckenweise anstrengendem Inhalt.


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Veröffentlicht am 31.07.2025

Rasant, tiefsinnig und fesselnd!

Deckname: Bird
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Heather Berriman ist Agentin des britischen Geheimdienstes, arbeitet in Birmingham in einer Spezialeinheit.
Aus noch nicht sichtbaren Gründen, flüchtet sie aus einer Konferenz heraus, Tasche gepackt, ...

Heather Berriman ist Agentin des britischen Geheimdienstes, arbeitet in Birmingham in einer Spezialeinheit.
Aus noch nicht sichtbaren Gründen, flüchtet sie aus einer Konferenz heraus, Tasche gepackt, exakt geplant für den Notfall und los. Sie weiß, es ist etwas im Busch, das sich gegen sie wendet.
Im Laufe der Geschichte entpuppt sich, wie es dazu gekommen ist.

Das Buch verspricht und hält eine rasante Abenteuerreise bereit, ihre Flucht. Sofort ist man mittendrin im Geschehen und fiebert mit Heather – vom Vater genannt Bird – mit. Das ganze Programm, agentenlike, mit Verkleidungen, ungewöhnlichen Verstecken und vorgetäuschten Charakteren erwartet uns. Sie bangt um ihr Leben, wird verfolgt und gesucht und muss schnelle Entscheidungen treffen. Immer auf dem Sprung, immer bereit, den Koffer zu schnappen. Die Flucht führt von England über Schottland und Norwegen bis nach Island. Heather muss und wird das Rätsel ihrer Verfolgung aufklären.

Das letzte Drittel der Geschichte steht voran, dann enthüllt sich nach und nach in Rückblenden, was dazu führte, bis sich der Kreis zum Ende hin schließt. Heather ist eine taffe Einzelgängerin - die wichtigen Abschnitte ihres Lebens werden dargestellt, ihr Werdegang, der sich bis nach ihrem 50. Lebensjahr hinzieht,

Der Roman ist rasant, sehr gut aufgebaut. Das Leben Heathers psychologisch fein beleuchtet und greifbar gemacht. Interessant ist dass es in diesem Roman mehr um ihren Werdegang mit der für ihr Überleben notwendigen Flucht als Weg geht, die notwendige Aufklärung dient eher als Ergänzung. Die Einsamkeit eines individuellen Lebens, das nichts Vergleichbares kennt und gerade deshalb an sich fesselnd und lebendig ist – der Überlebenswille und die notgedrungene Akzeptanz des Schicksals in dieser Lebensphase. Durchgängige Spannung machen dies Buch zum Pageturner.
Ergänzend und abrundend sind die beeindruckenden Landschafts- und Aufenthaltsbeschreibungen. Sehr gute und auch tiefsinnige Unterhaltung!

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Veröffentlicht am 17.07.2025

Herzerwärmend, spannend und nachwirkend!

Girls
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Das Haus in Richmond birgt keine guten Erinnerungen.
Matilda erinnert sich. Ihre Schwester und sie wuchsen dort auf mit einer alleinerziehenden Mutter, die Bildende Künstlerin war. Jetzt ist sie gestorben ...

Das Haus in Richmond birgt keine guten Erinnerungen.
Matilda erinnert sich. Ihre Schwester und sie wuchsen dort auf mit einer alleinerziehenden Mutter, die Bildende Künstlerin war. Jetzt ist sie gestorben und die Schwestern treffen einander nach Jahren wieder.
Die Erinnerungen ihrer Kindheit werden beschrieben und erzählt aus Sicht von Matilda, der Älteren der beiden.
Die Mutter liebt ihre Kunst mehr als ihre Töchter – das ist von Anfang an ein Statement. Egozentrikerin, immer nah am Abgrund, hemmungslos, gezeichnet von Depressionen, Drogen und Alkoholmissbrauch. Auch zeigt sie kaum Empathie, Verantwortung oder Fürsorge ihren Kindern gegenüber. Alles nichts Neues in Romanen.
Doch die Art und Weise wie Kirsty Capes diese Familiengeschichte erzählt, ist etwas Besonderes. Alle Personen werden genau betrachtet. Die Geschichte birgt ungewöhnliche Situationen.
Nach den Kapiteln eingefügte Auszüge und Interviews von Richard, Buchautor und neuer Freund von Matilda, runden die Geschichte ab. Es gibt noch Karoline, die Schwester von Ingrid, den meist abwesenden Vater und Beanie, die Tochter von Matilda
Matilda ist als Sozialarbeiterin, Expertin für junge Menschen vor der Pubertät mit seelischen Problemen, Nora studiert Kunstgeschichte und ist selbst Performancekünstlerin Auf einem abenteuerlichen Roadtrip durch die Mojawe Wüste bis nach San Francisco zur Retrospektive von Ingrids Kunst in der Moma nehmen Nora, Mattie und Beanie die Asche von Ingrid mit, um sie an einen geeigneten Platz zu verstreuen. „Wir müssen sie loswerden“, sagt Nora und meint die Asche der Mutter – doch geht es darum, Frieden mit der Mutter zu finden und jede auf ihre Art mit den Konsequenzen ihrer Kindheit umzugehen und Entscheidungen zu treffen. Und gleichzeitig und parallel erfahren wir von Matildas Beziehung zu ihrer Tochter Beanie, der sie näher kommt während der Wohnmobilfahrt zur Ausstellung von Ingrid und auch diese Beziehung unterliegt einem Wandel zum Verständnis.
Trotz der aufwühlenden Erinnerungen, werden die Schwestern so dargestellt, dass sie begriffen werden in ihren Impulsen und ihren Handlungen. Doch wie sind sie verkettet und abhängig voneinander und wie gehen sie mit ihrem Schicksal um?
Es kommen immer wieder Aspekte hinzu, die neu betrachtet werden und die das fortlaufende Verständnis der Einzelnen und die Annäherung unterstützen. Es kommt zur Konfrontation zwischen den Schwestern. Zum Schluss wird der letzte Wunsch der Mutter erfüllt entgegen allen kommerziellen Vorstellungen und nach dieser langen Tour hat jede der Beteiligten etwas gewonnen. Das Berührende sind nicht nur die Einzelschicksale sondern das Aufzeigen von Lösungsmöglichkeiten – ganz individuell und teils verblüffend. Ein warmherziges und spannendes Buch, das niemanden der Protagonisten im Stich lässt und auch den Leser vor die Frage stellt, wie er oder sie selbst mit der eigenen Individualität, den Entscheidungen und den Verantwortungen umgeht.
Ein sehr emotionales und herzerwärmendes Buch mit vielen ungewöhnlichen, teils urkomischen Situationen – empfehlenswert!

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Veröffentlicht am 23.06.2025

Berührend und poetisch

Strandgut
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USA, Illinois, Chicago: der über 70-jährige Bucky Bronco hat Schmerzen in den Gelenken und keine Krankenversicherung. Seit dem Tod seiner Frau ist er einsam, zusätzlich zwingen ihn die Schmerzen Tabletten ...

USA, Illinois, Chicago: der über 70-jährige Bucky Bronco hat Schmerzen in den Gelenken und keine Krankenversicherung. Seit dem Tod seiner Frau ist er einsam, zusätzlich zwingen ihn die Schmerzen Tabletten zu nehmen. Doch seine Alltagssituation ändert sich, als er für ein Wochenende auf ein Musikfestival nach Scarborough in Yorkshire an der englischen Nordseeküste eingeladen wird. Earlon „Bucky“ Bronco war einst ein Soulsänger und ist eingeladen, seine beiden Hits zu singen. Er war mit 17 Jahren,1967, ein gefeierter Soulsänger, dessen Hits es über den Atlantik geschafft hatten. Bucky setzt sich ins Flugzeug und vergisst dort seine starken Schmerzmittel, die er fortlaufend benötigt.

Eine aufgeweckte Agentin, Dinah, holt ihn am Flughafen ab und zeigt ihm sein Hotel, das sich entpuppt, als hätte es die Glanzzeit schon hinter sich – genau wie Bucky sich fühlt.
Er erzählt Dinah, dass er jeden Song, er war auch Songwriter, nur 1 x gesungen hat und niemals aufgetreten ist. In Scarborough wäre sein allererster Auftritt.

Dinahs Alltag wird beschrieben, sie ist mit Mann und Kind in einer festgefahrenen Situation – ihr Mann sowie ihr Sohn überschreiten Grenzen des Respekts und nehmen Dinah als selbstverständlich hin, es fehlt der Lichtblick in ihrem Leben.“In stiller Verzweiflung geführtes Leben“
Bucky und Dinah öffnen sich dem anderen und es öffnen sich für beide jeweils neue Türen.
Beide Personen werden intensiv und melancholisch, lebendig beschrieben – man kann sie an kleinen Beobachtungen genau ergreifen. Eine poetische Schreibweise, die das jeweilige Dasein nicht bewertet, sondern es sich entfalten lässt. Sofort werden Sympathien gefasst zu den beiden Protagonisten beides Gestrandete an den jeweiligen Küsten. Es wird eine wunderbare, herzerwärmende Geschichte dauern, bis sie, gemeinsam in der rauen Nordsee ein Bad nehmen.
Die Stimmung der beiden Hauptdarsteller ist beeindruckend eingefangen, ebenso wie die sie umgebende Szenerie. Die Beobachtungen entspringen einem gesunden Menschenverstand und dies zutiefst Menschliche erkennt man wieder und ist berührt.
Bucky ist auf Entzug von den Opioiden, die Schmerzen strapazieren ihn.
Der Schmerz- und Trauerbewältigung und dem Entzug wird viel Raum gegeben – dennoch wichtig für den Aufbau und die Quintessenz, ist absolut glaubwürdig und zeigt eine Realität, von der sich oft weggeduckt wird – nicht so Dinah. Auch sie muss leiden – doch ihr Leid wird knallhart mit Abstand, sarkastisch beschrieben und ihre Beobachtungen zu ihrem Mann sowie zu ihrem Sohn sind so auf den Punkt gebracht, dass es äußerst witzig rüberkommt.
Benjamin Myers zeigt und bedient eine Palette menschlichen Daseins, die ich beeindruckend finde und so hallt dieses Buch bei mir noch lange nach.

Mir ist beim Lesen die Oscar prämierte Filmdokumentation „Searching for Sugarman“ in den Sinn gekommen, in der ein Sänger und Songwriter Sixto Rodriguez in späten Jahren erfährt, dass er in einem anderen Erdteil ein berühmter Sänger, ein Kultstar war – auch ihm wurden Anteile oder Tantiemen vorenthalten.

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Veröffentlicht am 06.05.2025

Witzig, spritzig, intelligent – beste Unterhaltung!

Killer Potential
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Evie ist SAT-Tutorin, bereitet auf die Prüfung zur Zulassung für die Uni vor.
Als sie eines Tages zu ihrer Schülerin Serena Victor kommt, findet sie deren Eltern tot auf, die Mutter erschlagen, der Vater ...

Evie ist SAT-Tutorin, bereitet auf die Prüfung zur Zulassung für die Uni vor.
Als sie eines Tages zu ihrer Schülerin Serena Victor kommt, findet sie deren Eltern tot auf, die Mutter erschlagen, der Vater noch mit dem Kopf im Koiteich, ertrunken.
Noch bevor sie die Polizei anrufen kann, und starr vor Angst, hört sie einen Hilfeschrei aus einer Kammer unter der Treppe und findet eine junge Frau gefesselt vor.
Die Situation eskaliert, als Serena, die Tochter und Nachhilfeschülerin, auftaucht.
Evie und die fremde Frau müssen fliehen.
Es beginnt ein wahnwitziger Roadtrip à la Thelma und Louise. Doch diese Geschichte ist anders, es sind Evie und Jae. Jae spricht anfänglich nicht – wer ist sie, die Unbekannte, die Geisel?
Es kommen nach und nach Wahrheiten zum Vorschein – doch wie werden sie gedeutet? Die Spannung steigt zwischen den beiden notgedrungen Flüchtenden - und die äußeren Situationen eskalieren. Unerwartete und verblüffende Wendungen in schneller Aktion treiben die Flucht voran – gibt es noch einen Ausgang?

Die Szenerien sind sofort eingängig, man kann sich auf das rasante Abenteuer leicht einlassen. Die Aufregung und die Unsicherheit innerhalb ihrer erzwungenen Beziehung ist psychologisch fein beobachtet und dargestellt. Die Gedanken Evies, das bis ins Kleinste Erdachte neben Erinnerungen und detaillierten Beobachtungen und Beschreibungen machen den Roman äußerst unterhaltsam. Er sprüht vor Intelligenz und treffendem Witz!

Obwohl es nur die beiden Hauptdarstellerinnen gibt, wird die Geschichte nie langweilig, sondern bleibt anregend, ein kaum aus der Hand gelegtes Buch. Lediglich der Schluss zieht sich für meinen Geschmack etwas hin, ist allerdings schlüssig und rundet die Geschichte ab.

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