Eine Vorlesung
Die zitternde FrauVon diesem Buch hatte ich mehr autobiografischen Inhalt erwartet. Siri Hustvedt befällt während einer Rede ein unerklärliches körperliches Zittern, das sich aber nicht auf ihre Stimme überträgt und das ...
Von diesem Buch hatte ich mehr autobiografischen Inhalt erwartet. Siri Hustvedt befällt während einer Rede ein unerklärliches körperliches Zittern, das sich aber nicht auf ihre Stimme überträgt und das sie sich nicht erklären kann. Sie war zuvor weder aufgeregt noch nervös. Fortan hat sie Angst, dass dieses Zittern sie erneut unverhofft bei öffentlichen Auftritten befällt. Sie vermutet einen Zusammenhang mit dem Tod ihres Vaters, denn während einer Gedenkrede trat das Zittern erstmals auf.
In diesem schmalen Band (218 Seiten) beschäftigt sich Hustvedt mit der Entwicklung der Neurologie und Psychologie. Sie kommt zwar immer wieder auf ihre eigene Krankheit zurück, deren Auslöser sich nicht eindeutig klären läßt, beschreibt aber hauptsächlich zahlreiche Aspekte der Neuropsychologie. Themen wie Hysterie (Konversionsstörung), Krieg, Erinnern, Philosophie, einzelne Krankheitsbilder (z.B. plötzliches Verstummen, Splitbrain) und zahlreiche personalisierte Beispiele, unterschiedliche Theorien und deren Vertreter:innen, sowie das Schreiben als Therapie sind nur einige Punkte, die hier angeschnitten werden.
"Mein Symptom hat mich von den alten Griechen bis zum heutigen Tag geführt, in Theorien und Gedanken hineinschnuppern lassen, denen vielfältige Weltanschauungen zugrunde liegen. Was ist Körper, und was ist Geist? Ist jeder von uns ein singuläres oder ein plurales Wesen? Wie erinnern wir Dinge, und wie vergessen wir Sie?" (S. 78)
Für mich war das etwas uferlos und hatte den Charakter einer Überblicksvorlesung an der Uni. Wer jedoch selbst mit solchen oder ähnlichen Symptomen zu kämpfen hat, für den mögen die vielen Ansätze eine Bereicherung sein, um sich intensiver damit auseinandersetzen zu können.