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Veröffentlicht am 02.03.2026

Zwänge überwinden

Wo Licht ist
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Ally Moberley wächst im viktorianischen Manchester auf. Ihre strenge, puritanische Mutter macht ihr das Leben schwer, der Vater - ein erfolgreicher Künstler - hält sich aus der Erziehung heraus. Ally hat ...

Ally Moberley wächst im viktorianischen Manchester auf. Ihre strenge, puritanische Mutter macht ihr das Leben schwer, der Vater - ein erfolgreicher Künstler - hält sich aus der Erziehung heraus. Ally hat Potential und ihre Mutter möchte, dass sie als eine der ersten Frauen in England Medizin studiert. Ally will die Erwartungen unbedingt erfüllen und schlägt einen beschwerlichen Weg voller Hindernisse ein, denn Frauen haben kaum etwas zu sagen in dieser Zeit, von Gleichberechtigung kann noch keine Rede sein.

Der Klappentext klang so vielversprechend, allerdings spielt ein Großteil der Handlung vor dem Studienbeginn, ca. die letzten 100 Seiten beschäftigen sich dann mit dem Medizinstudium. Zuvor erleben wir die Kindheit und Jugend von Ally und ihrer Schwester May, die von der - man kann es nicht anders sagen - herzlosen und gefühlskalten Mutter bestimmt wird, deren Lebensinhalt die "Arbeit" im Frauenhaus ist. Lichtblicke sind die wenigen Momente, wenn der Vater oder einer seiner Künstlerfreunde den Mädchen Aufmerksamkeit schenkt. Die Figur des Alfred Moberley ist an das künstlerische Multitalent William Morris angelehnt. Daher werden auch die Kapitel des Romans jeweils mit einer ausführlichen Beschreibung eines von Moberleys Bildern eingeleitet, deren Entstehungsgeschichte im nachfolgenden Text einfließt. Das ist so glaubwürdig gemacht, dass ich die Bilder zunächst gegoogelt habe.

Obwohl der Text viele wichtige Themen der Zeit aufnimmt und sehr gut recherchiert ist, hat er mich nicht so erreicht, wie ich es mir gewünscht habe. Abgesehen davon, dass die Figur der Mutter ein einziger Aufreger ist, war mir der Text vielfach zu sperrig, emotionslos und nüchtern. Was natürlich auch den Zustand im Haus der Familie Moberley widerspiegelt. Die Kapitel haben teilweise große Zeitsprünge gemacht und man musste sich vieles hinzudenken. Darüberhinaus blieben auch einige Figuren (Aubrey) und Geschehnisse (Colsay-Episode) recht unscharf.

Wer Romane mit historischem Anspruch mag und sich auf den Schreibstil einläßt, der wird viel über die Lage der Frauen im viktorianischen England und den Beginn der Frauenbewegung erfahren.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Freiheit

Die Schwarzgeherin
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Vor der Kulisse der Tiroler Alpen Ende des 19. Jahrhunderts zeichnet die Autorin den beschwerlichen Weg einer Frau, die sich den althergebrachten Zwängen ihrer Dorfgemeinschaft und dem vorherbestimmten ...

Vor der Kulisse der Tiroler Alpen Ende des 19. Jahrhunderts zeichnet die Autorin den beschwerlichen Weg einer Frau, die sich den althergebrachten Zwängen ihrer Dorfgemeinschaft und dem vorherbestimmten Weg als Ehefrau widersetzt und einen hohen Preis dafür zahlen muss. Alles, wofür Theres gekämpft hat, bleibt ihrer Tochter Maria jedoch unverständlich, die das entbehrungsreiche und einsame Leben in der abgeschiedenen Hütte leid ist.

Regina Denk hat einen sehr dichten, atmosphärischen Roman geschrieben, bei dem man auf jeder Seite mit den Figuren mitfiebert. Die Handlung ist geschickt aufgebaut und wird aus den Perspektiven von Mutter und Tochter auf verschiedenen Zeitebenen erzählt. Eingefasst in eine Rahmenhandlung und unterbrochen von Beschreibungen eines Adlerweibchens, die Ruhepunkte zwischen der spannenden und teilweise leidvollen Handlung bieten, setzt sich der Lebensweg von Theres und Maria zusammen.

Neben dem Aufbau der Handlung, hat mir vor allem auch die Sprache gefallen, die den Figuren Authentizität verleiht. Insgesamt schreibt die Autorin in einem der Stimmung des Buches absolut passenden Stil, der etwas sperrig und hölzern daherkommt, aber die Atmosphäre in der Dorfgemeinschaft oder im Wald wunderbar spiegelt. Die dialektale Einfärbung tut ein übrigens und man fühlt sich beim Lesen wie in einem Film.

Ich habe den Roman in einem Lesekreis gelesen und wir hatten viel zu diskutieren, da es zahlreiche Themen gibt, über die man sich austauschen kann. Eine klare Leseempfehlung für alle, die historische Romane mit Anspruch mögen und keinen Heile-Welt-Heimatroman erwarten.

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Veröffentlicht am 05.02.2026

In Schwedens Wäldern

Wo die Moltebeeren leuchten (Die Norrland-Saga, Bd. 1)
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Mit 13 Jahren darf die Schwedin Siv nicht weiter zur Schule gehen, sondern muss als Putzkraft schuften. Ihr Vater arbeitet im Winter als Holzfäller und das Geld in der Familie ist knapp. 1938: Als ein ...

Mit 13 Jahren darf die Schwedin Siv nicht weiter zur Schule gehen, sondern muss als Putzkraft schuften. Ihr Vater arbeitet im Winter als Holzfäller und das Geld in der Familie ist knapp. 1938: Als ein Trupp Holzfäller eine Köchin braucht, überredet der Vater Siv, diese besser bezahlte Arbeit zu übernehmen. Die nun 17jährige ist zunächst überfordert, gewöhnt sich aber schnell an das einsame Leben im Wald unter zehn Männern. Als sie den Sámi Nila kennenlernt, verändert sich ihr Leben und sie muss eine Entscheidung treffen.

Eva Wallmann, Ende Vierzig, ist Medienspezialistin eines Forstunternehmens und wird 2022 nach Djupsele geschickt, wo sich Aktivisten gegen die Abholzung eines Waldstückes wehren. Eva soll die Wogen glätten und die Nachhaltigkeit der Abholzung betonen. In Djupsele schlägt ihr Feindschaft entgegen und sie begegnet ihrem Jugendfreund, denn an diesem Ort ist sie aufgewachsen. Aber gerade seine Tochter gehört zu den Anführerinnen der Aktivisten. Dass Eva selbst dort ein geerbtes Waldstück besitzt, verdrängt sie zunächst.

Die Geschichte von Siv, die als unerfahrenes Mädchen plötzlich für zehn Männer in einer kleinen Waldhütte kochen soll, ist sehr atmosphärisch geschrieben. Dieser Teil des Romans hat mich am meisten angesprochen. Insgesamt gefällt mir die historische Ebene besser, allerdings hängen die beiden Erzählstränge eng zusammen, wie man schon von Beginn an vermutet. Die Figur der Siv geht übrigens auf die Großmutter der Autorin zurück. Einfühlsam wird die Landschaft beschrieben, die Wälder, Moore und Seen. Untrennbar mit der Landschaft verbunden ist die Geschichte der indigenen Bevölkerung, der Sámi, und ihrer Rentierherden. Über sie und die Holzwirtschaft in Schweden erfahren wir sehr viel. Insgesamt ein interessanter, ruhig erzählter Roman und der Auftakt einer Trilogie. Für Schwedenfans ein must-read.

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Veröffentlicht am 05.02.2026

Über dem Abgrund schweben

Das Lächeln meiner Mutter
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"Wenn ich sie [Luciles Texte] heute lese, scheint mir, dass Lucile nichts so sehr geliebt hat wie Trinken, Rauchen und Sichschaden." (S. 337)

Die Autorin Delphine de Vigan versucht mit diesem Buch eine ...

"Wenn ich sie [Luciles Texte] heute lese, scheint mir, dass Lucile nichts so sehr geliebt hat wie Trinken, Rauchen und Sichschaden." (S. 337)

Die Autorin Delphine de Vigan versucht mit diesem Buch eine Annäherung an ihre Mutter Lucile, die sich 2008 mit 61 Jahren das Leben nahm, welches über lange Zeiträume geprägt war von einer psychischen Erkrankungen. Was als Beschreibung einer turbulenten Großfamilie beginnt, entwickelt sich rasch zu einer Bestandsaufnahme von zahlreichen Unglücken, Todesfällen, Erkrankungen und Verdrängungen. De Vigan läßt auch den eigenen Schreibprozess zum Thema werden. Sie arbeitet die Gespräche, Briefe und Tonaufnahmen von Verwandten und Bekannten ein und weiß zugleich, dass sie sich auch den Lebenden damit annähert. Wie werden die anderen über den Text denken? Aber letztlich ist es der Text von Delphine und ihre Sicht auf die unkonventionelle Mutter und zugleich auf die ganze verzweigte Familie.

Der erste Teil (Kinderheit der Mutter bis zur Heirat) liest sich geschmeidiger, möglicherweise, weil sich die Autorin allein auf die Berichte anderer verlassen musste. Im zweiten Teil kommen mehr Zweifel am Schreibprozess hinzu, und durch die nun persönliche Beziehung zur Mutter bekommt der Text eine andere Nuance. Delphine schreibt aus eigenem Erleben.

Das autofiktionale Buch ist erschütternd, berührend und hat für mich einen Sog entwickelt und mich noch lange beschäftigt.

Triggerwarnung: Es um Depression, psychische Erkrankungen, Suizid. Lesen sollte das Buch nur, wer sich psychisch stabil fühlt.

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Veröffentlicht am 05.02.2026

Rückkehr

Landgericht
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Dr. Richard Kornitzer kehrt 1947 von Kuba nach Deutschland zurück, das er acht Jahre zuvor verlassen musste. Seine Frau blieb in Berlin, die Kinder waren schon Jahre zuvor nach England verschickt worden. ...

Dr. Richard Kornitzer kehrt 1947 von Kuba nach Deutschland zurück, das er acht Jahre zuvor verlassen musste. Seine Frau blieb in Berlin, die Kinder waren schon Jahre zuvor nach England verschickt worden. Dr. Kornitzer war Richter, bis er 1933 als Jude aus seinem Amt entlassen wurde. Nun will er tatkräftig am Aufbau eines neuen Deutschlands helfen. Aber ein Anknüpfen an die erfolgversprechende Vergangenheit, ein Wiederankommen in seiner Heimat, gelingt ihm weder in der Familie noch im Beruf.

Ursula Krechel zeichnet den steinigen Weg eines zurückkehrenden Exilanten nach. Dabei rahmen die Abschnitte über die Jahren in der Bundesrepublik die Zeit von 1933 bis 1939 und die Zeit des Exils in Havanna ein, es wird also nicht chronologisch erzählt. Der Kampf Kornitzers um Recht und Gerechtigkeit geht unter in einem Vorschriften- und Paragraphendschungel, der wenig Interesse hat, Wiedergutmachung zu leisten. Der Text ist gespickt mit historischen Dokumenten, Amtsschreiben und Gesetzestexten, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. "Weil er [Kornitzer] Jude war, weil er verfolgt worden war, weil ihm Wiedergutmachungsleistungen zustanden, war er Partei. Und diejenigen Richter, die Mitglieder der nationalsozialistischen Partei gewesen waren, waren nicht Partei, waren befugt und besser geeignet, über Wiedergutmachungsleistungen zu urteilen." (S. 190) Der Roman ist sehr lehrreich und macht wahnsinnig wütend. Krechel findet wunderbare plastische Vergleiche und Metaphern, um die Eindrücke der Figuren wiederzugeben. Dabei sitzt der auktoriale Erzähler jeweils auf der Schulter der Figur, hört und sieht, was sie sieht und hört und erzählt es uns, auch die Gespräche. Es gibt daher keine klassischen Dialoge und dies hat zur Folge, dass es auch kaum Unterbrechungen im Fließtext gibt; im Durchschnitt stehen ein bis zwei Zeilenumbrüche pro Doppelseite, vereinzelt ein Absatz. Das macht den Text auch optisch dicht.

Vielfache Vergleiche mit Michael Kohlhaas aus Kleists gleichnamiger Novelle über den Pferdehändler, der nur Gerechtigkeit will, sind treffend.

Insgesamt ein Roman über ein exemplarisches Einzelschicksal vor dem geschichtlichen Hintergrund der Wiederaufbaujahre bis in die 1970er Jahre, in denen so viel unter den Teppich gekehrt wurde. Der teilweise etwas trockene dokumentarische Stil mag nicht jedem zusagen, ansonsten hat mich das Buch aber durch Sprache und Inhalt überzeugt und wurde 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.


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