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Veröffentlicht am 12.05.2024

Sightseeing mit Mord

Bretonisches Vermächtnis
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Der Krimi lag lange auf meinem SUB, da es bereits der achte Band einer Reihe ist, die ich nicht kenne. Tatsächlich konnte man das Buch aber sehr gut ohne Vorkenntnisse lesen.

Schauplatz ist das idyllische ...

Der Krimi lag lange auf meinem SUB, da es bereits der achte Band einer Reihe ist, die ich nicht kenne. Tatsächlich konnte man das Buch aber sehr gut ohne Vorkenntnisse lesen.

Schauplatz ist das idyllische Städtchen Concarneau, das der Autor en détail lebendig werden läßt. Liebevoll und charmant beschreibt er nicht nur die Örtlichkeiten, sondern auch die kulinarischen Genüsse, denen sich der ermittelnde Kommissar Dupin nur zu gerne hingibt. Getrübt wird die geruhsame Frühsommerzeit einzig durch Docteur Chaboseau, der aus dem Fenster seines Hauses stürzt - unfreiwillig. Dupin und seine Kolleg*innen haben reichlich zu ermitteln, denn der umtriebige Docteur hat zahlreiche Investitionen getätigt und Beteiligungen besessen. Zu allem Überfluss haben sich Dupins Schwiegereltern für einen Besuch angemeldet.

Wer nach diesem Buch nicht den Wunsch verspürt (wieder) in die Bretagne zu reisen, dann weiß ich auch nicht. Das ist wirklich ein gelungener Regionalkrimi. Jean-Luc Bannalec (alias Jörg Bong) hat einen zurückhaltenden und unaufgeregten Protagonisten erschaffen, der sehr sympathisch um die Ecke kommt. Beim Lesen spürt man den Wind des Meeres und das Wasser läuft einem im Mund zusammen, wenn die regionalen Köstlichkeiten beschrieben werden. Dass des Autors Herz für die Bretagne schlägt, merkt man nahezu jeder Zeile des Buches an. Sehr gefallen hat mir, dass viel über die Geschichte des Ortes in den Krimi einfließt und auch Simenon und Maigret eingebunden werden.

Auf dem Vorsatzpapier sind Karten der Bretagne und Concarneaus abgedruckt. Das hilft sehr, sich in der Stadt zurecht zu finden und Dupins Wegen zu folgen. Tatsächlich eine große Empfehlung für alle Fans der Bretagne oder solche, die es noch werden möchten.

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Veröffentlicht am 07.05.2024

Der Paulstädter Friedhof

Das Feld
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Was hätten die Toten noch zu sagen, wenn sie ihre Stimmen aus dem Grab erheben könnten? Auf dem Paulstädter Gottesacker können wir diese vielfältigen ausgesprochenen Gedanken hören, die die Ruhenden umtreiben. ...

Was hätten die Toten noch zu sagen, wenn sie ihre Stimmen aus dem Grab erheben könnten? Auf dem Paulstädter Gottesacker können wir diese vielfältigen ausgesprochenen Gedanken hören, die die Ruhenden umtreiben. 29 mal kommen sie zu Wort, die Bürgerinnen und Bürger des kleinen Ortes, inklusive Pfarrer und Bürgermeister. Von Erinnerungen, die mehrere Seiten lang sind, bis zu einem Ein-Wort-Satz als einzige Aussage ist alles dabei. Die Kapitel beleuchten ein ganzes Leben oder nur einen Moment. Die Erinnerungen sind mit einander verwoben und ergänzen sich, was bei einem kleinen Ort nicht überraschen kann. So setzt sich Paulstadt in Teilen aus dem Erzählten zusammen und bleibt doch irgendwie nicht greifbar.

Die Beschäftigung mit der Endlichkeit des Lebens sorgt für schöne Sätze, die zum Nachdenken anregen: "Als junger Mann wollte er die Zeit vertreiben, später wollte er sie anhalten, und nun, da er alt war, wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie zurückzugewinnen." (S. 11) Die Sprache hat mir sehr gut gefallen, allerdings konnte mich das Konzept nicht so packen. Trotz der Verbindungen der Kapitel untereinander blieben sie kleine Erzählinseln und so interessant auch einige Passagen waren, waren sie wiederum zu kurz, um sich darauf einzulassen. Ich wäre lieber bei einigen Personen geblieben und hätte mehr von ihrem Leben erfahren mögen.

Einen Teil habe ich als Hörbuch gehört, gelesen vom Autor Robert Seethaler selbst.

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Veröffentlicht am 06.05.2024

Mabel

H wie Habicht
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Ich hatte mich schon lange gefragt, wie man ein Buch von über 400 Seiten über das Abrichten eines Habichts schreiben kann und dann wird dieses Buch auch noch ein großer Erfolg.

Vor allem liegt es an der ...

Ich hatte mich schon lange gefragt, wie man ein Buch von über 400 Seiten über das Abrichten eines Habichts schreiben kann und dann wird dieses Buch auch noch ein großer Erfolg.

Vor allem liegt es an der wunderschönen Sprache, die Helen Macdonald für ihr Buch wählt, das sich irgendwo zwischen Sachbuch, Autobiografie und Biografie bewegt. Für mich war es eine Symbiose aus drei Aspekten, zum einen die Verarbeitung eines Verlustes (die Autorin verlor ihren geliebten Vater), zum anderen die intensive Beschäftigung mit dem britischen Autor T.H. White, der 1936 selbst den Versuch unternahm, einen Habicht abzurichten, und schließlich Macdonalds Arbeit mit Mabel, ihrem Habicht. Sehr geschickt verwebt die Autorin das grandiose Scheitern von White, seine falschen und fatalen Entscheidungen bei der Abrichtung seines Falken mit ihren eigenen Bemühungen, Mabel an sich zu gewöhnen und endlich Freiflüge beginnen zu können.

Macdonald vermittelt außerordentlich gut lesbar Sachwissen über Flora und Fauna, insbesondere natürlich über Greifvögel und Habichte. Dies gelingt ihr auf ganz emotionale Art und Weise und so sind wir hautnah dabei, wenn die Autorin mit unendlicher Geduld, frustriert von vielen Misserfolgen, immer wieder fast zärtlich mit ihrem Habicht arbeitet.

Es gibt am Ende einen ordentlichen Anmerkungsapparat, der verdeutlicht, wie umfassend sich Helen Macdonald mit White und seinen Schriften auseinandergesetzt hat.

Insgesamt eine faszinierende Lektüre, die ich auch in Teilen als Hörbuch "gelesen" haben, sehr emphatisch gesprochen von Cathleen Gawlich.

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Veröffentlicht am 01.05.2024

Serienauftakt aus Schweden

Sturmrot
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Tove Alsterdal hat das schwedische Krimi-Rad nicht neu erfunden, im Gegenteil, sie verwendet bewährte Elemente: Polizistin Eira kehrt aus der Großstadt zurück in ihre Heimat auf dem Land. Dort geschieht ...

Tove Alsterdal hat das schwedische Krimi-Rad nicht neu erfunden, im Gegenteil, sie verwendet bewährte Elemente: Polizistin Eira kehrt aus der Großstadt zurück in ihre Heimat auf dem Land. Dort geschieht ein Mord, der mit einem alten Fall zusammenhängt, an den sie sich aus ihrer Kindheit noch gut erinnern kann. Damals wurde ein 14-Jähriger für den Mord an der hübschen Lina verurteilt. Im Verlauf der Handlung gibt es noch einige Zutaten, die man schon öfter gelesen hat.

Der Krimi liest sich dennoch gut, die Handlung bietet gelegentlich Überraschungen, allerdings auch einiges, was man sich schon denken konnte. Letztlich werden drei Fälle aus unterschiedlichen Zeiträumen mit einander verwoben, was die Geschichte etwas komplexer macht, als viele andere. Eira ist ein interessanter Charakter, die neben dem aktuellen Mordfall noch mit ihrer an Demenz erkrankten Mutter und zwei attraktiven männlichen Kollegen jonglieren muss.

Das Ende des Buches hat mich, sagen wir mal, nicht verblüfft. Insgesamt ein solider schwedischer Krimi, der sich gut lesen läßt, aber nicht sehr viel Neues bietet und dem ein dramatischer Höhepunkt fehlt.

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Veröffentlicht am 01.05.2024

Eine Sackgasse in Manhattan

Der Platz im Leben
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Im Dezember hatte ich Gloria Naylors "Die Frauen vom Brewster Place" gelesen, über eine Schwarze Community in einer Sackgasse. Quindlens Roman spielt ebenfalls in einer Sackgasse, aber in der wohlhabenden ...

Im Dezember hatte ich Gloria Naylors "Die Frauen vom Brewster Place" gelesen, über eine Schwarze Community in einer Sackgasse. Quindlens Roman spielt ebenfalls in einer Sackgasse, aber in der wohlhabenden Upper West Side von Manhattan. Unterschiedlicher könnte das Setting dieser beiden Bücher nicht sein, allerdings ist die Sackgasse bezeichnend für beide Romane.

Nora Nolan ist Geschäftsführerin eines kleinen Museums, hat zwei erwachsene Kinder, einen liebevollen Ehemann und einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. In ihrer kleinen abgeschotteten Welt ist der gerade erfolgte Zuschlag für einen Autostellplatz auf der Brachfläche in der Sackgasse ein absolutes Highlight für ihren Mann Charlie. Wir nehmen Teil am Leben von Nora und ihren Nachbarinnen, treten ein in das komplizierte Geflecht der Hauseigentümer untereinander, erfahren von kleinen und größeren Sorgen, hören den Klatsch der Sackgasse und der Stadt. Dieses Geflecht ist jedoch fragil. Als es eines Tages zu einem Zwischenfall auf der Straße kommt, ist dies der Auslöser für eine Kette von Veränderungen. Auch bei Nora und Charlie wird ein Prozess in Gang gesetzt, der sich nicht mehr umkehren läßt.

Ich habe den Roman sehr gerne gelesen, obwohl eigentlich nichts wirklich Aufregendes passiert. Es ist die Geschichte einer Frau Mitte 40, die beginnt über ihr Leben nachzudenken, als alles gerade perfekt scheint. Es sind eher Belanglosigkeiten und Oberflächlichkeiten, die zunächst eine Rolle spielen, dennoch war ich ganz schnell gefangen in dieser Atmosphäre der Upper West Side und im Leben von Nora. Ein bisschen wie SATC aber eher ohne S. Die Autorin kannte ich vorher nicht, aber ich werde sicherlich weitere Romane von ihr lesen.

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