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Veröffentlicht am 01.10.2025

Die Zurückgekommene

Arminuta
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Im Sommer 1975 steht eine 13-Jährige vor einer Familie, die ihre eigene ist, die sie aber gar nicht kennt. Bei Tante und Onkel am Meer aufgewachsen kommt sie zurück in das kleine Dorf und versucht, sich ...

Im Sommer 1975 steht eine 13-Jährige vor einer Familie, die ihre eigene ist, die sie aber gar nicht kennt. Bei Tante und Onkel am Meer aufgewachsen kommt sie zurück in das kleine Dorf und versucht, sich zurecht zu finden. Alles ist anders, alles ist fremd und die Mutter vom Meer fehlt ihr schrecklich.

Die Ich-Erzählerin läßt uns teilhaben an ihrer Angst und Verzweiflung, an Unsicherheit und Unverständnis. Warum ist sie hier?

In kurzen Kapiteln, wird der neue Alltag geschildert, das ungewohnte Zusammenleben mit Geschwistern, die Enge und Armut. Das Mädchen wird "Arminuta" genannt, die Zurückgekommene. Nach ihrem wirklichen Namen fragt niemand. In der neuen "alten" Familie gibt es aber auch mehr als Streit und Gleichgültigkeit, nämlich Liebe. Die Ich-Erzählerin berichtet trotz aller Traurigkeit in einem eher nüchternen Ton. Die knappen Abschnitte erinnern an ein Tagebuch.

Mich hat das Buch sehr bewegt. Es ist tief traurig und zeigt die Einsamkeit und das Verlassenensein eines Kindes. Di Pietrantonio gehört zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen Italiens und thematisiert immer wieder das Schicksal junger Menschen. Dies war mein erster Roman von ihr.

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Die verschwundenen Kinder

Der Gott des Waldes
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Ja, auch mir hat der Roman sehr gut gefallen. Die Geschichte der Familie Van Laar, die hoch privilegiert u.a. ein Feriencamp für Kinder betreibt. Der geliebte Sohn Bear verschwand vor 14 Jahren spurlos ...

Ja, auch mir hat der Roman sehr gut gefallen. Die Geschichte der Familie Van Laar, die hoch privilegiert u.a. ein Feriencamp für Kinder betreibt. Der geliebte Sohn Bear verschwand vor 14 Jahren spurlos in dem in den Adirondack Mountains im Staat New York gelegenen Camp. Heute - im Roman das Jahr 1975 - verschwindet auch seine Schwester Barbara, die aufmüpfige 13-Jährige, die immer im Schatten des vermissten Bruders gelebt hat.

Immer wieder springt die Handlung in der Zeit hin und her und wechselt auch die Perspektive. Das macht die Geschichte spannend und meistens kurzweilig. Die Autorin schreibt so eindringlich, dass man einfach weiterlesen muss. Mehrere Fäden und Lebensläufe steuern auf einander und auf die Auflösung zu.

Mir hat vor allem auch die Camp-Atmosphäre sehr gut gefallen. Das Setting, das mich früher in Filmen schon fasziniert hat, ist so typisch amerikanisch, das gibt es nirgendwo sonst. Die Autorin hat nicht nur einen spannenden Roman geschrieben, sondern spart auch nicht mit gesellschaftskritischen Aspekten. Die eine oder andere Sache war nicht ganz logisch, hat aber der Dramaturgie geholfen. Es hätten auch ein paar Seiten weniger sein können, aber das ist mein persönliches Empfinden. Ich habe den Roman an zwei Tagen gelesen und konnte ihn kaum weglegen, das muss ein Buch erstmal schaffen.

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Abgabetermine, Zigaretten und Auflistungen

New York und der Rest der Welt
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Auf Frances Ann „Fran“ Lebowitz bin ich durch die TV-Serie "Pretend It’s a City" (2020) von Martin Scorsese aufmerksam geworden. Ich fand sie unglaublich witzig und schlagfertig. Während Scorsese fast ...

Auf Frances Ann „Fran“ Lebowitz bin ich durch die TV-Serie "Pretend It’s a City" (2020) von Martin Scorsese aufmerksam geworden. Ich fand sie unglaublich witzig und schlagfertig. Während Scorsese fast vom Stuhl fiel vor Lachen und ich dachte, er stirbt während des Gesprächs an Schnappatmung, verzog Fran Lebowitz kaum eine Miene. Daher musste ich diese Zusammenstellung ihrer Kolumnen aus den 1970er- und frühen 1980er-Jahren unbedingt lesen.

Ihre frühen Texte sind in der Zeitschrift "Interview" von Andy Warhol erschienen, später veröffentlichte sie in der "Mademoiselle". Lebowitz liebt New York, noch schöner wäre es aber wohl ohne die Menschen darin. Und so porträtiert sie mit scharfem Auge und scharfer Zunge, was ihr täglich widerfährt. Besonders unangenehm sind ihr Hunde(haufen), Kinder (obwohl sie dies nicht direkt zugibt) und L.A. Letzteres liegt natürlich am anderen Ende des Kontinents, aber das macht es nicht besser. Auch Abgabetermine sind der Kolumnisten ein Gräuel, die lieber erst am Nachmittag aufsteht, wenn es denn unbedingt sein muss.

In ihrer Einleitung schreibt sie, dass ihre Texte beileibe nicht zeitlos seien und man dies auch nicht erwarten könne. Die Beträge sollten vielmehr als das gelesen werden, als was sie gedacht waren: Kunstgeschichte. "Kunstgeschichte ein wenig anders allerdings: modern, relevant, aktuell, Kunstgeschichte auf dem neuesten Stand. Kunstgeschichte im Entstehen." (S. 12)

Mich haben nicht alle Texte umgehauen, wahrscheinlich habe ich sie auch einfach nicht verstanden, da fehlt dann wohl doch der zeitliche Kontext. Insgesamt war die TV-Serie amüsanter, aber viele der Kolumnen sind immer noch wunderbar zu lesen und zeichnen ein Bild dieser großartigen Stadt und ihrer Bewohner mit all ihren Licht- und Schattenseiten.

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Eine Dorfchronik

Vor dem Fest
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In Fürstenfelde steht das jährliche Anna-Fest bevor. Der Erzähler, der in dem "wir" der Dorfgemeinschaft aufgeht und namenlos bleibt, berichtet in der Nacht vor dem Fest vom hier und jetzt in Fürstenfelde, ...

In Fürstenfelde steht das jährliche Anna-Fest bevor. Der Erzähler, der in dem "wir" der Dorfgemeinschaft aufgeht und namenlos bleibt, berichtet in der Nacht vor dem Fest vom hier und jetzt in Fürstenfelde, von gestern und von vielen Jahrhunderten zuvor. Bizarre und schräge Typen alle Couleur bevölkern das Dorf, das sich auf dem absteigenden Ast befindet, aber nicht aufgibt und zudem voll ist von kuriosen Geschichten.

"Wir trinken in Ullis Garage, weil nirgends sonst Sitzgelegenheiten und Lügen und ein Kühlschrank so zusammenkommen, dass es für die Männer miteinander und mit Alkohol schön und gleichzeitig nicht zu schön ist. Nirgends, wo nicht Zuhause ist, gibt es überdacht und in Laufdistanz Pils und Sky Bundesliga und Rauchen und Unter-sich-Sein." (S. 19)

Hinter jeder Straßenecke und hinter jedem Fenster entdecken wir neue Figuren und Teile ihrer Biografie. Wir hören eine Weile zu und gehen weiter, lesen ein Kapitel und treffen neue Menschen oder alte Bekannte, wie Herrn Schramm, "ehemaliger Oberstleutnant, Förster, Rentner", der eigentlich nur eine Zigarette rauchen will und dann mit einer Pistole seinem Leben ein Ende setzen möchte.

Der Roman hat mich sehr überrascht. Er ist skurril, witzig, traurig und absolut ungewöhnlich. Es gibt keine wirkliche, stringente Handlung im herkömmlichen Sinne. Immer wieder gibt es hingegen Einschübe aus der alten Dorfchronik, aus der sich auch Figuren verselbständigt haben, die immer wieder im Roman auftauchen. Mythen, vermeintlich historische Ereignisse haben immer noch ihren Platz in der Gegenwart, ebenso wie die Fähe, die Füchsin. Dass die "historischen" Textpassagen entsprechend ihrer Zeit in Frühneuhochdeutsch verfasst sind, macht diese Abschnitte nochmal so interessant.

Insgesamt hatte ich große Freude an diesem ungewöhnlichen Roman, der vor Einfällen des Autors nur so sprüht. Leseempfehlung für alle, die sich auf unkonventionelles Erzählen einlassen.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Die Linde und David Bowie

Fünf Tage in Paris
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Die aparte Laurent Malegarde lädt ihre beiden erwachsenen Kinder Linden und Tilia nach Paris ein, um dort ihren 40. Hochzeitstag und gleichzeitig den 70. Geburtstag ihres Mannes Paul zu feiern. Seit Tagen ...

Die aparte Laurent Malegarde lädt ihre beiden erwachsenen Kinder Linden und Tilia nach Paris ein, um dort ihren 40. Hochzeitstag und gleichzeitig den 70. Geburtstag ihres Mannes Paul zu feiern. Seit Tagen regnet es unaufhörlich und Besserung ist nicht in Sicht, der Pegel der Seine steigt gefährlich an. Der erfolgreiche und bekannte Fotograf Linden reist aus Kalifornien an, seine Schwester aus London. Was als harmonisches Familientreffen geplant war, scheitert bald auf ganzer Linie. Mit dem Unrat, den das Wasser in die Pariser Straßen schwemmt, werden gleichzeitig die Geheimnisse der Familie ans Licht gespült. Unausgesprochenes und Verheimlichtes quälen die einzelnen Familienmitglieder seit langem. Kann in der Katastrophe auch eine Befreiung liegen?

Die Handlung wird aus der Sicht von Linden erzählt, der glücklich mit seinem Freund in San Francisco lebt und seine schwierige Zeit in Frankreich hinter sich gelassen hat. Der Roman hat mich sofort gefangen genommen. Von Beginn an schwelt etwas Düsteres zwischen den Zeilen. Der ständige Regen und die steigende Gefahr durch die Überflutung werden eindrucksvoll geschildert und sorgen für eine entsprechende äußere Stimmung. Jedem Kapitel ist ein kurzer Text vorangestellt, der langsam eine bestimmte Begebenheit aufrollt. Auch diese Schilderung wird mit jedem Kapitel bedrohlicher. Obwohl die Autorin mit viel indirekter Rede arbeitet, wirkte dies auf mich nicht distanziert. Ich bin der Geschichte und den Personen ganz nahe gekommen und habe mit ihnen mitgefiebert. Fasziniert hat mich auch die außergewöhnliche Einbindung der beiden Interessensgebiete von Paul, nämlich die obsessive Liebe zu den Bäumen und sein Faible für David Bowie. Eine ruhig erzählte, dennoch einnehmende und dramatische Familiengeschichte, die ich sehr empfehlen kann.

Wer dieses Buch nicht kennt, mag vielleicht schon einmal etwas von "Sarahs Schlüssel" gehört haben, dem erfolgreichsten Buch der Autorin, übrigens auch wunderbar verfilmt.

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