Erinnern im Exil
SunsetLion Feuchtwanger lebt seit 1941 im amerikanischen Exil in Kalifornien, seit 1919 ist er mit Bertolt Brecht bekannt, den er stetig förderte und freundschaftlich verbunden ist. 1956 erreicht Feuchtwanger ...
Lion Feuchtwanger lebt seit 1941 im amerikanischen Exil in Kalifornien, seit 1919 ist er mit Bertolt Brecht bekannt, den er stetig förderte und freundschaftlich verbunden ist. 1956 erreicht Feuchtwanger ein Telegramm, das ihm den Tod des Freundes mitteilt. Allein in seinem Haus in Pacific Palisades erinnert er sich an Begegnungen mit Brecht und läßt diese Revue passieren, nicht ohne auch über das eigene Leben zu sinnieren.
In wunderbarer Sprache belebt Modick die Freundschaft zwischen den beiden Autoren, die so unterschiedlich waren. Brecht, das große aber mittelloseTalent, entpuppt sich stellenweise als Schnorrer erster Klasse. Feuchtwanger - immer großzügig - sieht souverän darüber hinweg. Großartig auch die Schilderungen des künstlerischen (Exil-)Kreises, der sich in Kalifornien gebildet hat - Hollywood ist nicht weit. Dort trifft sich alles, was Rang und Namen hat. Die Beziehung zu den Manns ist dagegen nur an der Oberfläche höflich korrekt: Erika ("spitzzüngige Giftspritze", S. 55) und Thomas bekommen ihr Fett weg und Klaus wird eher bedauert, als der "unglücklichste aller Söhne" (S. 69). Über diesen Rückblenden schwebt immer die Angst vor den McCarthy-Ausschüssen und der sich hinziehende Prozeß der Verleihung der amerikanischen Staatsbürgerschaft.
Mir hat dieser kleine - teilweise fiktive - Einblick in die Beziehung zwischen Brecht und Feuchtwanger sehr gefallen. Die Zusammentreffen der beiden sind lebendig, farbig, sprachlich kunstvoll und auch witzig geschildert.
Zwei Jahre nach Brecht stirbt Feuchtwanger an Magenkrebs, den Modick zu Beginn des Romans bei Feuchtwangers Morgengymnastik bereits "zwickend" in Erscheinung treten läßt.