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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.08.2025

Egal, welche Saison: der Roman ist lesenswert!

Weihnachtschaos auf vier Hufen
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Ich finde den Titel falsch gewählt, weil der Advent und Weihnachten nur eine rudimentäre Rolle spielen. Es dreht sich um so viel mehr:

Hilde und ihr Mann Werner sind Mitte Sechzig. Sie war zeit ihres ...

Ich finde den Titel falsch gewählt, weil der Advent und Weihnachten nur eine rudimentäre Rolle spielen. Es dreht sich um so viel mehr:

Hilde und ihr Mann Werner sind Mitte Sechzig. Sie war zeit ihres Lebens eine Kümmerin, er arbeitete sich bei der Post hoch und ist endlich in Rente. Endlich kann er all das nachholen, was er sich nie gönnte: Mandarin lernen, Didgeridoo spielen, VHS-Kurse besuchen, Golf spielen (lernen) und so weiter. Und ja, auch die Küche zweckmäßig organisieren. Nur nie das tun, worum Hilde ihn seit Jahren bittet. Endlich den Zaun zu reparieren, damit Nachbars Hund nicht mehr ihren heißgeliebten Garten umbuddelt. Aber dann spaziert ein Shetty in den Garten, verjagd den Hund und macht Hilde neugierig. Und auf einmal hat Hilde ein Geheimnis und tut, was Mann und erwachsene Töchter sich wünschen: sie geht raus, hat Spaß und hält alles geheim.

Hilde nervt erst, weil sie sich kümmert. Um alle, nur nicht um sich. Als sie das aber endlich tut, ist es ihren Töchtern auch nicht recht. Der Anfang ist dröge, aber man braucht die Vorgeschichte, um Hilde zu verstehen. Als das Shetty in ihr Leben spaziert, ändert sich Hilde allmählich und lernt, wie schön es ist, wieder einfach Lebenslust und Spaß zu haben zusammen mit, nun ja, einem schlauen Pony. Ich glaube, besonders Pferdemenschen kommen bei diesem Roman voll auf ihre Kosten. Heiter, amüsant und mit Tiefgang verfasst. Der Advent ist untergeordnet, spielt eigentlich nur eine Rolle, weil Hilde sich in diesen vier Wochen verändert und der Rest der Familie sich wundert. Und auch die Besitzerin des Shettys ist toll gezeichnet, mit Ruhrpott-Dialekt, der ja eh schon herrlich klingt (meine subjektive Meinung!) und Hildes Freundin, die auch ein bisschen Rahmenhandlung bietet. Egal, welche Saison: der Roman ist lesenswert!

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Veröffentlicht am 19.08.2025

Geht wohl, aber der Funken springt nicht über

Sieben Jahre
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Friedrich der Große von Preußen steht im Mittelpunkt, aber nicht nur. Ende des ersten Drittels schleicht sich sein jüngster Bruder Heinrich als zweite Hauptfigur hinzu. Er, der eine Homosexualität offen ...

Friedrich der Große von Preußen steht im Mittelpunkt, aber nicht nur. Ende des ersten Drittels schleicht sich sein jüngster Bruder Heinrich als zweite Hauptfigur hinzu. Er, der eine Homosexualität offen auslebte und mit der Wahl seiner Liebhaber für so manchen Eklat sorgte. Der damit auch angreifbar war. Aber er lernt dazu und wird General im siebenjährigen Krieg. Diese sieben Jahre, um die es geht, und die davor als der Vater noch lebte und Friedrich prägte. Und nicht nur ihn. Auch der schwarze Junge, der sich selbst Hannibal nennt, und aus dem eroberten Dresden irgendwie beim zweitältesten Bruder und später bei Herrn von Fredersdorf landete, spielt eine gute Nebenrolle.
Anders als bei ihren sonstigen historischen Romanen schafft es Kinkel nicht eine der Hauptfiguren so zu entwickeln, dass man mit ihr mitfühlt, quasi als ihr Schatten lesend begleitet. Dieses Gefühl fehlte mir. Der Roman ist gut geschrieben, beschreibt das familäre Geflecht der Geschwister rund um Friedrich ebenso wie den beginnenden Zusammenhalt seiner Schwestern mit der Ehefrau von Wilhelm von Preußen. Und das, was während einiger Schlachten zwischen Zittau, Dresden und Wien passiert. Was nicht thematisiert wird, ist der gesamte Verlauf dieser sieben Jahre, die sich unter anderem um den Vorherrschaft in manchen Kolonien drehte und auch auf dem amerikanischen Kontinent als auch in Asien und Teilen Südafrikas stattfanden. Vorrangig dreht es sich um England, Frankreich und natürlich Maria-Theresia von Habsburg, die Preußen so grandios isolierte.
Und: Man versteht diesen Roman nur, wenn man einige der historischen Fakten kennt. Grobe Kenntnisse genügen nicht, um hiermit gut zufrieden zu sein. Denn Kinkel ordnet zwar manches ein, aber viele Zusammenhänge bleiben auf der Strecke, fallen mit den zahlreich beschriebenen Fakten.
Dazu kommt die sexuelle Orierntierung Heinrichs und Friedrichs und zahlreicher Kammerdiener etc., mit denen sie verbandelt sind. Manchmal weiß man nicht, was wichtiger ist: dies oder die geschichtliche Handlung an sich? Als ich während meines Studiums circa 2003 herum eine Führung in Sanssouci mal fragte, ob Friedrich II. als homosexuell bekannt war, da er sich ja nur mit Männern und seinen Windhunden umgab, wurde ich von der Schlossführerin angepfiffen, was ich mir erlaubte?!?. Ja, die Zeiten ändern sich , dennoch steht es hier auf fast jeder Seite zu lesen. Und das irritiert mich doch sehr. Ab und zu - gut und schön, aber so intensiv wird es ab der Mitte grenzwertig und lässt anderes unter den Tisch fallen.

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Veröffentlicht am 19.08.2025

Gute Unterhaltung

Gesetz des Midas – Wiener Abgründe
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Es ist mein erster Krimi rund um den Wiener Ermittler Leo Kernund sein Faktotum, den er irgendwie geerbt hat und der ihm so manche verschlossene, gesellschaftliche Tür öffnet. Dieser Mensch ist einfach ...

Es ist mein erster Krimi rund um den Wiener Ermittler Leo Kernund sein Faktotum, den er irgendwie geerbt hat und der ihm so manche verschlossene, gesellschaftliche Tür öffnet. Dieser Mensch ist einfach genial, auch die Art, wie die beiden miteinander umspringen! Herrlich, allein dafür lohnt sich dieser Krimi bereits. Dazu werden historische Begebenheiten fesselnd mit der fiktiven Geschichte verknüpft und lässt das "alte" Wien recht plastisch vor dem inneren Augen entstehen. Kern eckt gern an, auch das macht ihn sympathisch, und er hat eigene Wege, die zum Erfolg führen, die seine Vorgesetzten nicht so gern sehen. Er kriegt oft einen auf den Deckel und der Ausgang eines Disziplinarverfahrens gegen ihn ist noch ungewiss. Vom Typ her passt er nicht in den Polizeidienst, so, wie Lorath ihn darstellt. Kern ist zu eigenständig.

Sehr gut verfasst und mit hervorragend gesetzten Spannungsbögen fühlte ich mich sehr gut unterhalten. Da ich Wien noch nicht kenne, wuchs der Wunsch doch mal hinzureisen!

Veröffentlicht am 19.08.2025

Unglaubwürdig

Die Sturmtochter
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Der Auftakt zu einer neuen Reihe rund um Frauen und Inseln in Britannien fängt mit zwei Handlungsebenen in der Vergangenheit und Gegenwart an. 1887 lebt Rosa in den Highlands, die ihren Vater heiß liebt ...

Der Auftakt zu einer neuen Reihe rund um Frauen und Inseln in Britannien fängt mit zwei Handlungsebenen in der Vergangenheit und Gegenwart an. 1887 lebt Rosa in den Highlands, die ihren Vater heiß liebt und gerne einen Mann heiraten möchte, der so viel erlebt, wie er. Isla ist Journalistin und möchte über eine ihr unbekannte Tante eine Reportage schreiben. Sie wird totgeschwiegen und soll in Australien leben. Als sie sich anschickt ihre Adresse herauszufinden, passieren merkwürdige Dinge. Sie nimmt es auf die leichte Schulter, aber jeder dieser Zufälle könnte sie töten, aber i letzten Moment rettet sie sich jeweils.

Die Geschichte ist dünn. Isla ist unglaublich leichtgläubig und naiv, so sehr, dass es schon an strubbeldumm grenzt. Ihr Vater ist auch merkwürdig, denn als ihre Bremsschläuche angeschnitten werden, bringt er das Auto auf den Schrottplatz statt zur Polizei und keiner findet das seltsam. Als Leserin finde ich das hochgradig irritierend, denn Figuren sollen schon mit Verstand ausgestattet sein. Isla setzt sich über alles hinweg und reist nach Schottland, wo sie sich ständig beobachtet fühlt. Weil sie sich aber immer noch so strubbelig verhält, kommt bei mir weder ein gruseliges noch ein gespanntes Lesegefühl auf. Es ist schlicht langweilig und äußerst unglaubwürdig erzählt. Schade!

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Veröffentlicht am 19.08.2025

Lohnenswerte Erzählung

Aylas Lachen
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Kein Krimi dieses Mal, kein Südtirol, kein Mahler. Stattdessen: Anatolien. Und eine Erzählung, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nimmt. Bei Mesut, der seine Kindheit und sein Erwachsenenleben ...

Kein Krimi dieses Mal, kein Südtirol, kein Mahler. Stattdessen: Anatolien. Und eine Erzählung, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nimmt. Bei Mesut, der seine Kindheit und sein Erwachsenenleben in einem Bergdorf verbrachte, der seine Gülüm viel zu früh verlor, aber ihr eine Tochter da ließ. Bevor es um seine Enkelin Ayla geht, erfährt man viel über das Leben in jenem Bergdorf und über Mesut, der ein wahrer Geschichtenerzähler war. Bei manchen Dingen, die es wirklich gibt und von denen ihm Verwandte aus Istanbul erzählen, amüsierte ich mich gewaltig. Denn Mesut glaubt bei diesen, dass sein Vetter ihm seinerzeit Geschichten auftischt. Von Hotelschiffen, höher als viele Gebäude, etwa. Koppelstädter erzählt so, dass man sich das Ganze gut vorstellen kann und Mesut ist eine Figur, die auch wirklich so existieren könnte - ob in Anatolien oder woanders. Einer, der sich die dollsten Geschichten ausdenkt, wunderbar erzählt und sein Leben genießt.

Hava ist Aylas Mutter, auch sie kommt zu Wort, und Ayla natürlich. Denn sie wächst in Deutschland als Gastarbeiterkind auf und liebt ihren Opa Mesut wegen seiner abenteuerlichen Geschichten. Die erzählt er unter einem Feigenbaum. Es ist auch mehr eine Erzählung rund um eine türkische Familie, die im Lauf der Jahrzehnte Wandlungen durchmacht. Die Tochter hat ihr Päckchen zu tragen, darf ihre große Liebe nicht heiraten und muss in Deutschland klarkommen. Ayla hingegen wächst nicht im Bergdorf auf sondern lernt es in den Ferien kennen. So entstehen unterschiedliche Welten mitten in Europa. Und Koppelstädter fängt die Entstehung und das, was sich daraus mit und in Mesut, Hava und Ayla entwickelt, wunderbar ein. Dazu erfährt man viel über türkische Traditionen, Anatolien früher und heute und wie sich das Leben allmählich änderte oder auch nicht, je nachdem, wo sich Mesuts Nachkommen aufhalten.

Es ist eine sehr lesenswerte Erzählung für die man sich Zeit nehmen sollte.