Anspruchsvoll & tiefgründig, psychoanalytisch orientiert
Wofür wir Töchter unsere Mütter brauchenSarah Trenztsch arbeitet seit vielen Jahren beratend mit Müttern und Töchtern, die Konflikte miteinander haben. Aufbauend auf ihrer Berufspraxis sowie auf verschiedenen psychoanalytischen Theorien hat ...
Sarah Trenztsch arbeitet seit vielen Jahren beratend mit Müttern und Töchtern, die Konflikte miteinander haben. Aufbauend auf ihrer Berufspraxis sowie auf verschiedenen psychoanalytischen Theorien hat sie nun dieses Buch geschrieben. Darin finden sich viele wertvolle Gedankenimpulse zur herausfordernden Mutter-Tochter-Beziehung.
Sehr viele Frauen heutzutage haben ein schwieriges Verhältnis zur eigenen Mutter, und unreflektiert können sie dazu neigen, zu glauben, das sei nur ein individuelles Problem und habe nur mit der komplizierten Persönlichkeit ihrer eigenen Mutter zu tun. Das Verdienst der Autorin ist, dass sie klar die gesellschaftliche und strukturelle Ebene dieser Thematik aufzeigt: was wir von unserer Mutter erwarten, was diese von sich selbst erwartet, wie sie zwangsläufig an den hohen und oft unvereinbaren Ansprüchen an Müttern scheitern muss, aber auch, wie es modern geworden ist, ihr das alles vorzuwerfen, viel mehr als dem Vater... das hat sehr wohl viel mit der Gesellschaft zu tun, in der wir leben und in der Mütter von allen Seiten kritisiert werden und es nicht recht machen können, egal, welches Lebensmodell sie wählen.
Die beruflich sehr engagierte Mutter kann dafür angegriffen werden, zu wenig Zeit mit den eigenen Kindern zu verbringen. Der Mutter, die nicht oder nur wenig beruflich tätig ist, wird vorgeworfen, ein abhängiges Hausmütterchen zu sein. Und versucht eine Frau, beides, so gut wie möglich, unter einen Hut zu bringen, dann ist sie oft erschöpft und müde, und dann kann ihr die Tochter wiederum genau das vorwerfen.
Das Buch zeigt auch auf, wie mit der (wertvollen und notwendigen) Entwicklung des Feminismus leider auch der Respekt vor der traditionellen Mutterrolle gesellschaftlich in weiten Teilen verloren gegangen ist. Traditionell mütterliche und weibliche Qualitäten taugen somit für die Tochter nicht mehr zur Orientierung. Traditionell männlich besetzte Qualitäten, wie sie bis heute im Berufsleben stark gefordert sind, sind aber immer noch stärker mit dem Vater verknüpft... somit schaut die Tochter dann zu diesem hin, wenn sie sich in diese Richtung orientieren möchte, während die Position der Mutter geschwächt ist.
Diese und viele weitere Gedanken und Ideen finden sich in dem Buch. Dabei ist es auf theoretischer Ebene ein ziemlich anspruchsvolles Buch, das tief in die theoretischen Konstrukte speziell der Psychoanalyse eintaucht. Dazwischen finden sich zur Auflockerung und zum besseren Verständnis immer wieder konkrete Fallbeispiele aus der Berufspraxis der Autorin.
Aufgrund des hohen theoretischen Anspruches empfehle ich das Buch hauptsächlich einem Fachpublikum mit Vorwissen aus dem psychologischen und speziell psychoanalytischen Bereich. Weiters kann es auch für gebildete Laien interessiert sein, wenn diese bereit sind, sich gedanklich auf die psychoanalytischen Konzepte einzulassen. So wertvoll das Buch inhaltlich und mit seinen Aussagen ist, halte ich es doch sprachlich und inhaltlich für zu anspruchsvoll für eine breite Mehrheit der Bevölkerung, diese bräuchte ein weniger theoretisch und leichter zugänglich geschriebenes Buch zu dem Thema. Es ist somit eindeutig ein Fachbuch, und als solches sehr wertvoll und wichtig.