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Veröffentlicht am 23.07.2025

Die Schrecken des Kosovokrieges und Diskriminierung in Deutschland

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Der Debütroman mit autofiktionalen Zügen von Jehona Kicaj ist keine leichte Kost. Das zeigt sich schon beim Buchtitel: ein Buchstabe aus der albanischen Sprache, ein e mit zwei Punkten drauf, das sich ...

Der Debütroman mit autofiktionalen Zügen von Jehona Kicaj ist keine leichte Kost. Das zeigt sich schon beim Buchtitel: ein Buchstabe aus der albanischen Sprache, ein e mit zwei Punkten drauf, das sich auf einer deutsch- oder englischsprachigen Standardtastatur nicht so leicht finden lässt. Ein sperriger Titel, einer, den man nicht so leicht nennen oder empfehlen kann, aber vielleicht genau deshalb passend für dieses sehr spezielle Buch und symptomatisch dafür, dass die, die in Mitteleuropa Zuflucht gefunden haben, sich nicht maximal an die deutschen Gewohnheiten anpassen müssen, um ja nicht aufzufallen. Buchtitel dürfen anders sein, genauso wie Namen... doch leider zahlen die Betroffenen oft immer noch einen Preis dafür.

Das zeigt sich zum Beispiel bei der Wohnungssuche, als die Ich-Erzählerin auf in perfektem Deutsch geschriebene Wohnungsanfragen, unterzeichnet mit ihrem eigenen, für deutsche Ohren fremd klingenden Namen, nicht einmal eine Antwort bekommt, während zwei Wochen später ihr deutscher Freund mit deutschem Namen auf die gleiche Anzeige sofort eine Antwort, eine Einladung und schließlich eine Zusage bekommt.

Das Thema Diskriminierung und auf Unverständnis stoßen, darum geht es ganz viel in diesem Buch: ob nun davon erzählt wird, als einziges Kindergartenkind unverkleidet zu einer Faschingsfeier zu kommen, weil niemand der Familie das für sie neuartige Konzept von Fasching erklärt habe, ob es um unsensibles Verhalten einer Studierendengruppe auf Studienreise im Kosovo geht, die für den Lehrveranstaltungsleiter als Andenken Souvenirs mit serbischen Symbolen aussuchen will, ob wieder mal Elias, der Partner der Ich-Erzählerin, nicht sehen kann, dass sie in vielem ganz andersartige Kindheitserinnerungen hat und viele Erfahrungen eben nicht mit ihm teilt, oder eine serbische Studienkollegin, vermeintlich eine Freundin, bei einer Party ein serbisch-nationalistisch wirkendes Lied spielt, woraufhin die Freundschaft stillschweigend zerbricht.

Dazwischen viele, viele Erzählungen über Traumata und Leid während des Kosovokrieges: wahre Geschichten, die der Familie der Ich-Erzählerin und deren Freunden und Bekannten zugestoßen sind, aber auch Berichte von Videobeweisen und Zeugenaussagen der vielen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die in diesem schrecklichen Krieg geschehen sind, und die die Ich-Erzählerin und ihre Familie traumatisiert haben. Es entsteht das Bild einer bis heute zutiefst geschundenen Region, mit Menschen, die bis heute nach Verschwundenen suchen und hoffen, dass zumindest deren Leichen identifiziert werden können, und Dörfern, in denen jedes einzelne Haus niedergebrannt wurde. Ein sehr wichtiges Thema, das nicht in Vergessenheit geraten darf und zu dem dieses Buch einen wertvollen Beitrag leistet, auch wenn es stellenweise natürlich hart zu lesen ist.

Insgesamt ist es ein sehr flüssig und gut geschriebenes Buch mit vielen kleinen Geschichten über die Ich-Erzählerin und ihrer Familie, die so gestaltet sind, dass man sich der Familie nah und verbunden fühlt, sich für sie interessiert und gerne weiterliest. Ein bisschen schade habe ich gefunden, dass es in den vielen Geschichten so gut wie nur um Diskriminierung, Ausgrenzung, Enttäuschung und Nicht-Verstanden-Werden geht und es kaum Erzählungen des Verstanden-Werdens oder der Verbundenheit gibt - jedenfalls nicht außerhalb der Familie und Volksgruppe der Ich-Erzählerin, und mit Menschen anderer Nationalitäten. Egal, wem sie begegnet, (fast) alle Menschen begegnen ihr mindestens mit Unverständnis und Ignoranz, wenn nicht sogar mit offener Diskriminierung, und selbst vermeintliche Freundschaften stellen sich später als unecht heraus. Wahre, tiefe Verbindung und Liebe habe ich nur in der Beschreibung des Kontaktes zu Familienmitgliedern gespürt, etwa zur Cousine, die im Kosovo lebt.

Das macht mich beim Lesen bestürzt und traurig und ich frage mich, ob es in mehreren Jahrzehnten in Deutschland wirklich ausschließlich negative Erfahrungen gegeben hat, die die Ich-Erzählerin gemacht hat, ob ihr Fokus beim Erzählen dieser Geschichte (für andere, aber auch für sich selbst, als eigene Lebensgeschichte) bewusst darauf liegt und ob sich nicht auch ein bisschen mehr Verbindendes hätte finden können... ohne damit die Wichtigkeit, von Diskriminierung, Ausgrenzung und Leid zu erzählen, zu schmälern.

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Veröffentlicht am 23.07.2025

Humorvoll, authentisch und warmherzig

Die Königin von Dirt Island
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Wie geht eine Familie damit um, wenn eine ganz junge Frau ungeplant schwanger wird? Das ist das Thema, das sich durch das neueste Buch des irischen Autors "Die Königin von Dirt Island" zieht und anhand ...

Wie geht eine Familie damit um, wenn eine ganz junge Frau ungeplant schwanger wird? Das ist das Thema, das sich durch das neueste Buch des irischen Autors "Die Königin von Dirt Island" zieht und anhand mehrerer Generationen betrachtet wird.

Doreen wird in den 1980er Jahren jung und ungeplant schwanger. Zwar kommt es noch während der Schwangerschaft zur Hochzeit mit dem Kindsvater, aber auch das kann nicht verhindern, dass sie von ihrer Herkunftsfamilie verstoßen wird und es auf Jahrzehnte zu keiner Versöhnung mit den Eltern oder dem Bruder kommt. Unglücklicherweise stirbt dann auch noch ihr Ehemann und der Vater des Kindes kurz nach dessen Geburt an einem tragischen Unfall und Doreen muss ihre Tochter alleine aufziehen... wobei... nicht ganz alleine, nur ohne Ehemann.

Denn es kommt zu einer tiefgründigen und wunderschönen, bis zu deren Tod andauernden Freundschaft mit ihrer Schwiegermutter, einer Frau mit drei Söhnen (von denen sie zwei noch zu ihren Lebzeiten tragisch verlieren wird), aber ohne Tochter. Diese ältere Frau, im Buch aus der Perspektive von Doreens Tochter Saoirse "Nana", eine liebevolle Bezeichnung für ihre Großmutter, genannt, wird Doreen zur Seite stehen, zeitweise auch mit ihr wohnen und mit ihr gemeinsam das kleine Mädchen großziehen.

Die kleine Saoirse wächst also mit Mama und Oma auf. So sehr Doreen ihre Tochter liebt, wünscht sie ihr doch eine gute und beruflich erfolgreiche Zukunft. Umso entsetzter ist sie erst einmal, als ihr Schicksal sich bei ihrer Tochter zu wiederholen scheint: von ihrer allerersten sexuellen Begegnung wird diese mit 17 Jahren schwanger, der angehende Vater weiß und erfährt nichts davon, es war eine einmalige Sache. Es ist unklar, wie es nun mit Saoirses schulischer Ausbildung und Berufslaufbahn weitergehen soll. Doch nach dem ersten Schock samt Beschimpfung der Tochter steht die Mutter ihr zur Seite, genauso wie Nana, und mit vereinter Frauenkraft lässt sich vieles bewältigen, auch das Aufziehen einer weiteren Tochter ohne Vater, der kleinen Pearl.

Von diesen warmherzigen Beziehungen zwischen den Frauen aus drei, später sogar vier Generationen lebt das Buch. Mit viel Humor und Herz werden deren Alltag geschildert, ihre Bemühungen, dem jeweiligen Kind eine gute Mutter zu sein, diverse Freundschafts- und Verwandtschaftsbeziehungen, Verliebtsein und Enttäuschungen, Bedrohungen und Für-Sich-Einstehen.

Ich habe während der Lektüre gar nicht darauf geachtet, wer es geschrieben hat. Umso überraschter war ich danach, als ich entdeckt habe, dass ein männlicher Autor ein so authentisch aus weiblicher Perspektive erzähltes Buch über vier miteinander verbundene und beeindruckende Frauen verfasst hat - das zeigt, was für eine Qualität dieses Buch in der Figurendarstellung aufweist.

Auch sprachlich finden sich viele weise Formulierungen darin, die nachdenklich machen, z.B. "Die Zeit vergeht nur, wie sie selbst es will. Wir haben keine Wahl, als mit ihr mitzuhalten. Unser Körper weiß, dass er alt wird, nur unser Herz muss manchmal daran erinnert werden." (S. 356 im E-Book).

Insgesamt ist es ein unterhaltsames, humorvolles und authentisches Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und einer breiten Leserschaft empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 22.07.2025

Ruhig und empathiefördernd - ein Juwel!

In Erwartung eines Glücks
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Die deutsch-französische Autorin Sylvie Schenk, mittlerweile über 80 Jahre alt, ist für ihre Romane mit einer autobiografischen Note bekannt, in denen sie ganz besondere, eindringliche Worte für die Beschreibung ...

Die deutsch-französische Autorin Sylvie Schenk, mittlerweile über 80 Jahre alt, ist für ihre Romane mit einer autobiografischen Note bekannt, in denen sie ganz besondere, eindringliche Worte für die Beschreibung menschlicher Lebenserfahrung findet. Dem wird auch ihr neuestes Buch "In Erwartung eines Glücks" vollends gerecht.

Ich selbst befinde mich erst am Anfang der Lebensmitte, somit ist die Geschichte der Frau, die in diesem Buch porträtiert wird und die wohl so einige Züge der Autorin selbst trägt (darauf gibt es auch im Buch den einen oder anderen Hinweis) altersmäßig noch viele Jahrzehnte von meiner eigenen Lebenserfahrung entfernt. Doch gelingt es Sylvie Schenk ganz wunderbar, mich für Irène, die Ich-Erzählerin einzunehmen, mich mit ihr mitfühlen zu lassen und mich für ihre Perspektive zu interessieren. So etwas ist großartige Literatur, der das gelingt, und die damit Menschen dabei unterstützt, Empathie für jene zu empfinden, deren Schicksale sie noch nicht einmal ansatzweise aus eigener Erfahrung kennen.

Irène, die Ich-Erzählerin, ist in einer der letzten Phasen ihres Lebens angekommen. Als junge Frau in Frankreich hat sie sich in den deutschen Austauschstudenten Johann verliebt, ist mit ihm nach Deutschland gegangen, hat geheiratet, mit ihm einen Sohn bekommen und über fünfzig Jahre an seiner Seite verbracht, bis er vor einiger Zeit gestorben ist. Auch wenn die Ehe ihre Auf und Abs hatte, wie wohl jede so lange Beziehung, fehlt er ihr sehr. Nun ist sie selbst im Krankenhaus, mit unklaren neurologischen Symptomen, deren Ursache abgeklärt werden soll. Immer wieder soll sie der Sprachtherapeutin zeigen, wie weit ihre kognitiven Fähigkeiten noch gehen, z.B. wie viele Wörter zum Thema Wasser ihr einfallen. Das Zimmer teilt sie mit einer jungen muslimischen Frau... geschätzt 17 oder 18 Jahre alt, so meint Irène. Die beiden sind sich anfangs noch fremd, nähern sich dann aber einander an, unterhalten sich stundenlang und Irène erzählt ihr von ihrer Leidenschaft für den politisch umstrittenen, aber gerade in Deutschland sehr erfolgreichen französischen Autor Houellebecq. Einen älteren Herren gibt es auch auf der Station, mit dem Irène sich anfreundet und Gedanken und Lebensgeschichten austauscht.

Vordergründig passiert in diesem Roman nicht sehr viel. Den Großteil des Romans nimmt Irènes Zeit im Krankenhaus ein und die Begegnungen mit den beiden genannten Personen. Dahinter spielt sich aber unglaublich viel ab: in Irènes Gedanken und Gefühlen. Sie nimmt uns mit auf eine rückblickende Betrachtung ihres Lebens, all das, was sie getan, erlebt, gedacht und gefühlt hat, und was das heute mit ihr macht.



Selten hat mir ein Buch so deutlich zu spüren gegeben, wie ähnlich ältere Menschen doch uns jüngeren und ihren eigenen jüngeren Versionen sind: oft mit körperlichen Einschränkungen, mit vielen erlittenen Verlusten und mit viel Reife und Lebenserfahrung, aber doch im Kern die gleichen Personen, die sie immer waren. Menschen mit Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten, die nicht einfach nur noch als alte Menschen abgestempelt werden möchten, sondern als die vielfältigen Persönlichkeiten wahrgenommen werden möchten, die sie immer noch sind.

Darüber hinaus verfügt das Buch über eine sehr schöne Sprache, die mich beeindruckt und berührt hat, und ist voll tiefgründiger Einsichten, hier ein paar Beispiele für beides:

"Sie wusste längst, dass Ängste sich nur im Zaum halten lassen, wenn man die Zukunft ignoriert, die Vergangenheit ausblendet und sich in der Gondel der Gegenwart schaukeln lässt: Ich bin da, noch atme ich." (S. 14)

"Schreiben war ein Festhalten im Sturm, die Buchstaben Felshaken, die Zeilen Seile. Oder ein Festhalten am Grashalm, die Buchstaben flüchtige Samen, die Zeilen fragile Spuren." (S. 48)

"Ihr Leben schien so viele Gesichter, Orte und Ereignisse in sich zu bergen, dass jeder Gedanke in dieser Fülle, in diesem Durcheinander, nicht mehr deutlich und einzeln aufgezeichnet werden konnte." (S. 80)

"Ihre Wut war längst verflogen. Es lohnt sich nicht, fremdzugehen, wenn man sich selbst fremd ist." (S. 108)

Damit ist das Buch für mich ein großartiges generationenverbindendes Buch, das sehr zum Nachdenken anregt, Empathie fördert und das ich Menschen aller Generationen nur wärmstens empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 21.07.2025

Starker Anfang, schwaches Ende

Ungebetene Gäste
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"Ungebetene Gäste" von Ayelet Gundar-Goshen ist mein drittes Buch von dieser Autorin. Davor habe ich "Wo der Wolf lauert" und "Löwen wecken" gelesen, die mir beide auf ihre Art sehr gut gefallen haben. ...

"Ungebetene Gäste" von Ayelet Gundar-Goshen ist mein drittes Buch von dieser Autorin. Davor habe ich "Wo der Wolf lauert" und "Löwen wecken" gelesen, die mir beide auf ihre Art sehr gut gefallen haben. Die Bücher der Autorin haben etwas Gemeinsames: auf die eine oder andere Art geht es darin immer auch um Grenzbereiche und Abgründe der menschlichen Psyche und moralische Dilemmata. Das ist grundsätzlich sehr interessant, birgt aber die Gefahr der Wiederholung.

So ging es mir auch anfangs mit "Ungebetene Gäste". Auch hier will ein Hauptcharakter, hier ist es eine Frau, die junge Mutter Naomi, nicht für die Konsequenzen ihres Tuns oder Unterlassens einstehen: diesmal geht es um einen Hammer eines arabischen Arbeiters, den der kleine Sohn Naomis wohl vom Balkon geworfen hat, woraufhin er einen Jugendlichen traf, der starb. Dafür wird erst einmal von der Polizei und vom aufgebrachten Mob der arabische Arbeiter verantwortlich gemacht, zu tief sitzen die Vorurteile und die Angst vor einem Anschlag. Naomi weiß mit Sicherheit, dass dieser es nicht gewesen sein kann, der Mann war am Klo, während es passierte. Und doch schweigt sie erst einmal... erst einmal!

Dann entwickelt sich das Buch zum Glück nicht genau gleich wie "Löwen wecken", sondern durchaus in eine andere Richtung, aber mit einigen Parallelen. Es geht auch hier wieder um die drastischen Gegensätze zwischen den sozialen Milieus und den Nationalitäten in Israel, um die Privilegierten und die am Rande der Gesellschaft. Darum, was man aus der jeweiligen Position heraus wahrnehmen kann und auch über die Privilegien, deren sich die Privilegierten oft nicht bewusst sind: so kommt es etwa dann zu einer Gerichtsverhandlung, bei der Naomi und ihr Mann aufgrund ihrer Mittel und Kontakte einen sehr guten Anwalt haben, während der arabische Arbeiter und seine Familie nur einen Pflichtverteidiger aufweisen können.

Es gibt in dem Buch also durchaus einige sehr interessante Charaktere und Ideen und es ist spannend und unterhaltsam geschrieben. Schade fand ich aber, dass so einige Nebencharaktere vorkamen, die dann einfach nicht mehr erwähnt wurden (etwa "Madonna"). Etwas enttäuscht lässt mich auch das Ende zurück, das für mich sehr abrupt gekommen ist und in dem einige für mich sehr relevante Fragen einfach nicht mehr geklärt wurden. Damit ist es für mich insgesamt ein Buch mit gutem Schreibstil und interessanten Ansätzen, dem aber für eine mehr als mittelmäßige Bewertung meinerseits einiges fehlt.

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Veröffentlicht am 17.07.2025

Atmosphärische Milieustudie

Das Nest
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"Das Nest", der zweite Roman von Sophie Morton-Thomas entführt mich beim Lesen an die ruhige Ostküste Englands... und das erst einmal im Winter. Wir lernen Fran kennen, die hier Mobilheime betreibt.. aber ...

"Das Nest", der zweite Roman von Sophie Morton-Thomas entführt mich beim Lesen an die ruhige Ostküste Englands... und das erst einmal im Winter. Wir lernen Fran kennen, die hier Mobilheime betreibt.. aber jetzt im Winter ist nicht viel los. Umso mehr Zeit bleibt ihr für ihre Leidenschaft, Vögel zu beobachten. Vögel, die werden noch eine zentrale Rolle in diesem Buch spielen, wie sowohl der englische Originaltitel "Bird spotting in a small town" als auch der doppeldeutig gut gewählte Titel der deutschsprachigen Übersetzung, "Das Nest", passend andeutet.

Beim Lesen wird die Leidenschaft der Autorin für die Natur spürbar. Eine Stärke des Buches sind definitiv die atmosphärischen Natur- und Vogelbeschreibungen, die einen innerlich in diese ruhige Landschaft am Meer versetzen. Ich habe das Buch deshalb sehr gerne gelesen, es war für mich ein ruhiges und zugleich spannendes Leseerlebnis.

Ist es ein Krimi? Da bin ich mir nicht sicher. Jedenfalls kein typischer. Ja, es gibt einen Mord, an einer Lehrerin, aber es gibt kaum detaillierte oder gar kompetente Ermittlungsarbeit. Stattdessen steht die Milieubeschreibung im Vordergrund. Wir erleben den Roman aus zwei Perspektiven: einerseits die oben schon erwähnte Fran, die mit ihrem Mann eine leidenschaftslose und bestenfalls mittelmäßige Ehe führt, in der sich die Eheleute nicht mehr sonderlich viel zu sagen haben. Nicht viel besser ist die Beziehung zu ihrem 12-jährigen Sohn Bruno, für den sie sich auch nur sporadisch interessiert und den sie nicht wirklich zu verstehen scheint. Dann gibt es noch ihre Schwester Ros und deren Mann, mit großen Geld- und Suchtproblemen im Hintergrund, die Fran gratis in einem der Mobilheime leben lässt, dieses sogar für sie putzt und sich immer wieder Sorgen um ihre Nichte Sadie macht... ohne dem wirklich Handlungen folgen zu lassen.

Die zweite Perspektive ist die des Roma Tad, der sich gemeinsam mit anderen Reisenden für einige Wochen bis Monate in dieser Gegend mit ihren Wohnwägen niederlässt. Die Gruppe der Reisenden ist sehr positiv gezeichnet, es sind freundliche Menschen mit viel Familiensinn, bei denen auch die Kinder Bruno und Sadie immer wieder Zuflucht und Trost finden, ein Ausgleich zu den eher lieblosen, desolaten Familien, aus denen sie stammen.

Dann passieren schrittweise verschiedene Dinge: besagte Lehrerin wird ermordet, Frans Schwager verschwindet in der gleichen Nacht spurlos, Vögel werden zerstückelt aufgefunden und ein Vogelnest mit Eiern verschwindet. Wie hängt das alles zusammen und womit hat es zu tun?

Ob die Auflösung am Ende glaubhaft ist, möge jede/r individuell entscheiden. Insgesamt regt das Buch viel zum Nachdenken an, vor allem über soziale Verhältnisse, Isolation in der eigenen Familie und darüber, wem wir welche Taten zutrauen und wem nicht.

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