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Veröffentlicht am 12.08.2025

Lieber verrückt als einer von euch?

Botanik des Wahnsinns
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Es gibt ein Klischee über Psychologinnen und Psychologen: die hätten das alle studiert, um sich selbst besser zu verstehen. Oder zumindest ihre verrückte Familie. Ich habe selbst Psychologie in Wien studiert ...

Es gibt ein Klischee über Psychologinnen und Psychologen: die hätten das alle studiert, um sich selbst besser zu verstehen. Oder zumindest ihre verrückte Familie. Ich habe selbst Psychologie in Wien studiert und kann aus Erfahrung sagen: da ist durchaus ein bisschen was dran. Wer aus einer absolut glücklichen Familie ohne Probleme kommt - falls es so etwas irgendwo geben sollte - entwickelt selten so ein tiefgreifendes Interesse für die Menschen und ihre seelischen Abgründe. Selbst Erfahrung mit psychischen Erkrankungen im persönlichen Umfeld zu haben, kann aber auch durchaus ein Vorteil für die berufliche Arbeit in diesem Bereich sein: wenn diese Erfahrung gut verarbeitet und reflektiert wurde.

Ein leuchtendes Rollenvorbild dafür ist der Psychologe und Autor Leon Engler. In seinem autofiktionalen Roman erzählt er berührend, einfühlsam und zugleich humorvoll von seiner eigenen Familiengeschichte und seinem Weg hin zur Psychologie sowie von seinen Erfahrungen mit einer einjährigen Tätigkeit als Psychologe an einer Wiener stationären Psychiatrie nach seinem Studium, wo er auf verschiedenen Stationen mit an Schizophrenie Erkrankten, Depressiven sowie Suchtkranken arbeitet.

Seit frühester Kindheit prägen die diversen psychischen Erkrankungen seiner Eltern und Großeltern sein Leben: die Großmutter überlebt zwölf Suizidversuche, bis sie am Ende doch in höherem Alter an einer körperlichen Erkrankung stirbt. Geplagt von Depressionen und Angstzuständen, verriegelt sie ständig alle Fenster und Türen, verdunkelt das Heim mit Vorhängen und lebt doch in ständiger Angst vor imaginierten Feinden und Verfolgung. Ihre Tochter, die Mutter des Autors, ist fest entschlossen, nicht in ihre Fußstapfen zu treten, übt das ständige Lächeln und Fröhlich-Sein, schafft es mit hoher Begabung und Glück trotz kaum formaler Ausbildung zur erfolgreichen Journalistin... und wird doch später ebenfalls von Depressionen und Alkoholsucht eingeholt.

"Sie war so kraftlos, so hoffnungslos, so lebenslos, lag herum wie die Wäsche, die sie nicht mehr wusch, und die Briefe, die sie nicht mehr öffnete." (S. 147)

"Ich habe Jahre damit zugebracht, mir diese Frage zu stellen: Warum? Es hätte doch nicht sein müssen." (S. 148)

Auch auf der väterlichen Seite sieht es nicht viel besser aus: der Vater des Autors wurde von seiner minderjährigen Mutter zur Adoption freigegeben, er war als Kleinkind mehrmals längere Zeit in Waisenhäusern, die erste Adoptivmutter starb, die nächste erlebte er als nicht sehr fürsorglich. Auch er wird zeitlebens mit Depressionen kämpfen und schließlich fast mittellos ein Leben am Rande der Gesellschaft führen.

Was bedeutet das für den Autor? Die hohe erbliche Komponente psychischer Erkrankungen ist bekannt und auch der Autor, der schon vor dem Psychologiestudium Werke diverser Autoren und Autorinnen in diesem Bereich geradezu verschlingt, erfährt bald davon. Er liest sich in das Thema ein und er ist der erste in seiner Familie, der nicht einfach von psychischen Erkrankungen eingeholt werden und darüber schweigen will, sondern sich schon im Vorfeld aktiv damit beschäftigt und konfrontiert. Denn so wie seine Familie möchte er es nicht machen:

"Wir sagten nicht, was wir gerne gesagt hätten, das taten wir nie. Wir waren aber auch nie zufrieden mit dem, was wir stattdessen sagten. Es blieb an der Oberfläche. Darunter sammelte sich, wie Staub unter einer alten Couch, das Nicht-Gesagte." (S. 13/14 im E-Book)

In Wien freundet er sich mit seinem Nachbarn an, einem eigensinnigen, aber sehr gebildeten älteren Herren, der ihm am Ende einen großen Teil seiner Fachbibliothek hinterlässt und dessen weise Sprüche den Autor noch über dessen Tod hinaus prägen werden. Beispielsweise überlegt er als junger Mann lange, was er studieren solle, ob Theaterwissenschaft, Literatur oder doch Psychologie (schließlich wird er mit Theaterwissenschaft beginnen und später Psychologie als Zweitstudium dazunehmen). Der Nachbar rät ihm dazu, sich mit den großen Werken der klassischen Literatur zu beschäftigen, da lerne er mehr über die Menschen als im statistiklastigen Psychologiestudium:

"Dann erzählt er mir von seinem Lieblingsbaum. Halb Orange, halb Zitrone. In der Orangerie stehe dieser Baum. Die Literatur, das seien die Zitronen, die Psychologie die Orangen. Beides eine Familie, beides hänge am selben Stamm. Aber die Zitrone sei botanisch gesehen älter." (S. 21)

Die Frage nach den psychischen Erkrankungen in seiner Familie und deren Erblichkeit lässt den Autor aber sowieso nicht los. Er beschäftigt sich auch mit der historischen Entwicklung des gesellschaftlichen Umgangs mit Menschen, die in Verhalten oder Erleben von der damaligen Norm abwichen, und lässt uns im Buch an seiner Reise teilnehmen. An dieser Stelle hat das Buch auch Sachbuchkomponenten und man erfährt so einiges Interessantes und Wissenswertes über den Wandel in der Einstellung gegenüber psychisch Erkrankten:

"In Europa ging man mit Geisteskranken lange vor allem so um: Man grenzte und stellte sie aus. (...) In Wien widmete man den Narren im 18. Jahrhundert einen fünfstöckigen Turm mit Wänden dick wie Festungsmauern, eine der ersten Irrenanstalten der Welt." (S. 37)

Schließlich konfrontiert sich der Autor nach abgeschlossenem Psychologiestudium ganz bewusst mit dem Ort, an dem so viele seiner Vorfahren immer wieder gelandet wird und zu denen es dort zum Teil bis heute dicke Akten gibt:

"Ein seltsames Gefühl: sich in der Psychiatrie gut aufgehoben zu fühlen. Aber warum nicht? Hierhin kann ich den Weg meiner Familiengeschichte verfolgen wie die Spur einer Schnecke. Meine Familie hat ein Talent für Verrücktheit." (S. 57)

Ehrlich und reflektiert beschreibt er, wie sehr auch die Ärztinnen und Ärzte, Psychologen und Psychologinnen oft immer noch im Dunkeln tappen, wenn es darum geht, ihren psychisch kranken Patienten zu helfen. Und dass oft gar nicht so leicht erkennbar sei, wer Helfer und wer Patient sei: als er einmal sein Namensschild nicht trug, wurde er von einer Pflegerin aus dem Pausenraum geschmissen, weil sie ihn für einen Patienten hielt und ihm nicht glaubte, dass er ein Psychologe sei, denn das würden auch die Patienten ständig von sich behaupten.

Klar gibt es viele wissenschaftliche Modelle, Theorien und Studien zu den diversen psychischen Erkrankungen, doch die einzelnen Patienten funktionieren nicht unbedingt nach Manual, und am besten müsse man für jeden seine individuelle Therapie erfinden:

"Wir besprechen mit den Patienten die unzähligen Theorien, Fakten und Modelle zur Depression. Doch ebenso besprechen wir die unzähligen Ungewissheiten, Mysterien und Zweifel." (S. 111)

Nicht zu viel erwarten solle man vom Aufenthalt in der Psychiatrie oder von der Therapie. Oft sei es schon ein großer Erfolg, aus einem extremen Elend ein ganz normales Unglück zu machen... denn absolut glücklich sein? Das sei ein sehr hohes Ziel, das auch die meisten scheinbar normalen, in unserer Gesellschaft bis jetzt funktionierenden Menschen nicht vollständig erreichen würden.

Sehr sympathisch finde ich auch, dass der Autor im Buch immer wieder klarstellt, dass das, was wir als psychisch krank definieren und die Umstände, die dazu führen, dass Menschen in der jeweiligen Gesellschaft nicht so funktionieren (können oder wollen), wie wir das gerne hätten, immer auch sehr viel mit der jeweiligen Gesellschaftsordnung zu tun hat:

"Evolutionär betrachtet ist der Schmerz nicht die Krankheit. Er ist ein Warnlicht, das darauf hinweist, dass es ein Problem gibt. Ich glaube nicht, dass mein Vater das Problem war." (s. 152)

Das ist etwas, was die Psychiatrie aber kaum adressieren oder verändern könne, dort sei nicht der richtige Ort für gesellschaftliche Veränderungen, und das Personal dort schon mit der täglichen Arbeit, den Personalengpässen und den vielen hilfsbedürftigen Patienten voll ausgelastet bis überfordert.

"Botanik des Wahnsinns" ist ein liebevoll geschriebenes, humorvolles und zutiefst berührendes, persönliches Buch über den Umgang eines sehr weisen und reflektierten jungen Menschen mit einer herausfordernden Familiengeschichte. Trotz all der Dunkelheit scheint so viel Wärme und Liebe aus diesem Buch und es wird spürbar, wie sehr dem Autor sowohl seine Familie als auch insgesamt Menschen, die sich schwer tun, ihren Platz in unserer leistungsorientierten Gesellschaft zu finden, am Herzen liegen und wie er ehrlich nach Antworten auf seine Fragen sucht.

Ich kann das Buch allen, die sich für das Thema psychische Erkrankungen in der Familie und im Wandel der Zeit interessieren, nur sehr ans Herz legen: in diesem persönlichen Memoir liest man nicht nur eine berührende Geschichte, sondern kann auch jede Menge lernen und wird selbst aufgefordert, die Gesellschaft, in der wir leben, zu hinterfragen.

Dazu noch ein letztes der unzähligen schönen Zitate aus diesem besonderen Buch: in dieser Szene beendet der Autor seinen einjährigen beruflichen Aufenthalt auf der Psychiatrie und erhält ein Abschiedsgeschenk:

"Ich packe das Geschenk aus. Eine Kaffeetasse: Lieber verrückt als einer von euch." (S. 154)

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Veröffentlicht am 11.08.2025

Erinnerung an ein viel zu kurzes Leben

Lilianas unvergänglicher Sommer
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Cristina Rivera Garza wusste lange nicht, was sie sagen sollte, wenn sie gefragt wurde, ob sie Geschwister habe. Denn sie hatte einmal eine fünf Jahre jüngere Schwester, Liliana. Doch diese Schwester hat ...

Cristina Rivera Garza wusste lange nicht, was sie sagen sollte, wenn sie gefragt wurde, ob sie Geschwister habe. Denn sie hatte einmal eine fünf Jahre jüngere Schwester, Liliana. Doch diese Schwester hat sie im Jahr 1990 verloren, als diese von ihrem Ex-Freund ermordet wurde, als junge mexikanische Studentin im Alter von 20 Jahren. 29 Jahre später beginnt Cristina, diese persönliche Geschichte literarisch aufzuarbeiten.

In ihrem vielfach preisgekrönten Memoir „Lilianas unvergänglicher Sommer“ begibt sie sich mit Hilfe der umfangreichen Hefte, Notizen, Aufzeichnungen, Collagen, Pläne, Briefe, Kassetten und Kalender, die ihre Schwester hinterlassen hat, auf eine sehr persönliche Reise, um das kurze, aber eindrucksvolle Leben Lilianas und die Zeit bis zu ihrer Ermordung festzuhalten und mit der Welt zu teilen. Zusätzlich zu der Materialfülle, die ihre Schwester selbst hinterlassen hat, hat Cristina Interviews mit Verwandten und Freunden Lilianas geführt.

Es ist ein eindrucksvolles und sehr persönliches Buch über eine lebensfrohe und intelligente junge Frau, das mich sehr berührt hat. Das Buch ist in verschiedene Teile gegliedert, die sich sehr unterschiedlich lesen.

Für mich persönlich am wenigsten interessant waren die ersten ca. 40 Seiten, in denen sich Cristina gemeinsam mit einer Freundin auf Spurensuche durch die Kriminalarchive Mexikos begibt und an der Bürokratie und Ignoranz des Staatsapparats scheitert: die Akte ihrer Schwester bleibt verschwunden und kann nach 29 Jahren nicht mehr gefunden werden, auch wenn ihr schriftlich bescheinigt wurde, dass sie als Schwester ein Recht auf Aushändigung einer Kopie hätte, wenn die Originalakte auftauchen würde.

Die Autorin erzählt ihre mühsame Suche authentisch und in vielen Details, das entspricht bestimmt ihrer realen Erfahrung damit und der Frustration über das Scheitern, aus der aber schließlich auch ihr Entschluss für die Arbeit an diesem Buch entstand. Wer sich jedoch beim Reinlesen in diese Teile noch nicht so sehr für das Buch erwärmen kann, dem empfehle ich, diese Seiten zu überblättern und mal in die späteren, sehr persönlichen und berührenden Kapitel hineinzuschauen, für die sich das Buch definitiv lohnt. Es wäre schade, wegen dieser ersten Seiten ein tolles Buch zu verpassen.

Danach lernen wir Lilianas Leben und Familiengeschichte kennen: ihre Schwester erzählt von ihr, aber wir dürfen auch ganz direkt in Kontakt mit ihr kommen: durch die vielen Briefe und Notizen, die für das Buch aus dem spanischsprachigen Original übersetzt, aber ansonsten originalgetreu wiedergegeben werden.

Wir erleben mit, wie Liliana sich für das Schwimmen begeistert, genauso wie für das Briefe schreiben, wie sie als Jugendliche und junge Erwachsene unzählige Briefe mit Freunden und Verwandten austauscht, wie viel Liebe sie in sich trägt und herzlich ausdrückt, aber auch, wie sie als sehr junge Frau erstmals Ángel in einem Fitnessstudio kennen lernt, der jahrelang um sie wirbt, bis sie eine Beziehung mit ihm beginnt. Liliana ist Ángel in vielerlei Hinsicht überlegen: sie ist eine sprachbegabte junge Frau, er ringt um Worte und kämpft mit der Rechtschreibung. Ihr Vater arbeitet an seiner Promotion und forscht im Bereich Genetik, während er aus sehr einfachen Verhältnissen stammt. Und doch geht sie erst einmal auf sein Werben ein und genießt es, dass der zwei Jahre ältere Mann sie mit Auto und Motorrad herumfahren kann. Doch bald wird ihr die Beziehung zu eng, Ángel ist misstrauisch und eifersüchtig, er engt sie ein, während sie frei sein will. Diese Konflikte verschärfen sich, als Liliana zu studieren beginnt, während Ángel die Aufnahmeprüfung für die Universität nicht geschafft hat.

Die Zeit Lilianas auf der Universität nimmt auch großen Raum in dem Buch ein. Basierend auf den Interviews, die ihre Schwester Cristina geführt hat, wird die Perspektive verschiedener Freundinnen und Kommilitonen Lilianas auf die junge Frau lebendig: auch hier zeigt sich wieder das Bild einer lebensfrohen, extrovertierten, vor Witz sprühenden und selbstbewussten jungen Frau, die frei sein will und die spricht und sich bewegt wie eine freie Frau.

Doch im Hintergrund spitzt sich das Drama zu: Liliana will sich mehrmals von Ángel trennen und beendet die Beziehung schließlich endgültig, doch er stellt ihr nach, bedroht sie, erpresst sie und es gibt erste Spuren auf körperliche Misshandlung, bis zu ihrer Ermordung durch ihn.

Zusätzlich zu Lilianas persönlicher Geschichte beschäftigt sich die Autorin, die selbst Soziologie studiert hat, mit dem Stellenwert des Femizids in der mexikanischen Gesellschaft. Sie beschreibt, wie es damals, 1990, dieses Wort noch nicht in der öffentlichen Wahrnehmung gab und den ermordeten Frauen meist zumindest eine Mitschuld zugeschrieben wurde. Gleichzeitig arbeitet sie klar heraus, wie falsch diese Ansicht ist und dass der Unterschied, ob man als junge Frau von einem eifersüchtigen, gewalttätigen Mann ermordet wird oder nicht, oft einfach ein zufälliger ist: ob man das Pech hatte, einem Mörder über den Weg zu laufen, oder ob man davon verschont geblieben ist.

Ein wichtiges und sehr berührendes Buch, das völlig zu Recht den Pulitzer-Preis und weitere Auszeichnungen bekommen hat, das für ein sehr wichtiges Thema sensibilisiert und gleichzeitig einer beeindruckenden jungen Frau ein Denkmal setzt und dem ich eine breite Leserschaft wünsche!

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Veröffentlicht am 08.08.2025

Über eine mutige Verwandlungskünstlerin, Resilienz und Identität

Die acht Leben der Frau Mook
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Ich verfasse diese Rezension zu einem Zeitpunkt, zu dem ich die Lektüre der „Acht Leben der Frau Mook“ schon seit mehreren Wochen beendet habe. Doch lässt mich dieses ganz besondere und eindringliche Buch ...

Ich verfasse diese Rezension zu einem Zeitpunkt, zu dem ich die Lektüre der „Acht Leben der Frau Mook“ schon seit mehreren Wochen beendet habe. Doch lässt mich dieses ganz besondere und eindringliche Buch nicht los: immer wieder denke ich daran und bin nach wie vor emotional tief berührt von dem fiktiven Leben dieser außergewöhnlichen, fast hundert Jahre alten Frau, die eng mit der Geschichte Nord- und Südkoreas verbunden ist.

Es ist ein Roman, der mich sehr viel gelehrt hat: sowohl über einen mir bisher sehr unbekannten Teil asiatischer Geschichte als auch über das Leben an sich, denn so viel Lebensweisheit und Erkenntnisse stecken in diesem Buch. Dabei ist es außerdem sehr spannend, unterhaltsam und auch mit einem gewissen Humor geschrieben, sodass ich mich an keiner Stelle gelangweilt und immer gespannt und neugierig weitergelesen habe.

Worum geht es? Wir begegnen Frau Mook erst einmal durch die Augen ihrer Pflegerin im Altersheim. Die Pflegerin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensgeschichten der alten Menschen dort zu sammeln und auch Frau Mook ist bereit, ihr ihre zu erzählen. Seltsam wirkt erst einmal, dass Frau Mook geistig hellwach wirkt, obwohl sie sich auf der Demenzstation befindet, was steckt da wohl dahinter?

So beginnt die alte Frau zu erzählen und wir folgen ihr durch all die verschiedenen Rollen, die sie in ihrem Leben eingenommen hat: beginnend mit der Geschichte der Mörderin über die Fluchtkünstlerin, Sklavin bis zur Geliebten und Mutter, aber auch zur Spionin und Terroristin. Und immer bleibt die Frage: ist Frau Mook eine Lügnerin und Hochstaplerin? Nicht nur damals in ihren Rollen, sondern auch jetzt beim Erzählen?

Die Rollen sind lose den Kapiteln zuzuordnen, wobei sich einige Rollen in mehreren Kapiteln wiederholen. Frau Mooks Leben ist insbesondere in der ersten Hälfte des Buches nicht ganz chronologisch erzählt, es gibt Zeitsprünge in die Zukunft und in die Vergangenheit, doch bleibt das Buch dabei zum Glück immer gut verständlich, lesbar und interessant. Diese Struktur hat die Lektüre für mich stellenweise vielleicht sogar noch interessanter gemacht, weil sie mich neugierig auf die Lücken gemacht hat, die erst später gefüllt wurden.

Insgesamt zeigt sich das Bild einer unglaublich tapferen, mutigen, hochintelligenten, anpassungsfähigen und extrem resilienten Frau, die sich auch von ärgsten Schicksalsschlägen nicht unterkriegen lässt, kämpferisch bleibt, sich für ihr eigenes Überleben, aber auch für andere einsetzt, und dabei nie ihren Humor verliert. Frau Mook ist ein Musterbeispiel für Resilienz, dabei aber nicht unglaubwürdig, denn solche Menschen gibt es, wie aus der Forschung zu Resilienz nach schlimmsten Erfahrungen bekannt ist.

Ein zentrales Thema des Buches ist Identität: die, die uns von anderen gegeben wird und die, die wir selbst wählen oder die wir wandeln im Laufe unseres Lebens.

Beleuchtet wird etwa auch eines der traurigsten Kapitel der koreanischen Geschichte: die Bordelle, euphemistisch „Trosthäuser“ genannt, in die die japanischen Besatzer koreanische Frauen und Mädchen verschleppten, um sie dort brutal zu missbrauchen. Auch dieser Missbrauch begann damit, den Versklavten neue Namen aufzuzwingen:

„Mit ihren Geschichten definierten sie alles neu. Erst änderten sie unsere Namen. Jayoung wurde zu Sawawko, was süß bedeutet. Jobasan erklärte, der Name passe perfekt zu ihr, wegen ihrer Liebe zu Karamell und Schokolade. Mija wurde, weil sie die Jüngste und Kleinste auf der Station war, zu Akiko, was Kind bedeutet.“ (S. 93)

Doch auch daran wird Frau Mook nicht zerbrechen und am Ende ihren Weg heraus finden. Später wird sie noch viele Identitäten selbst wählen, um zu überleben, ihr Glück zu finden, aber auch, um als Spionin erfolgreich zu sein. Dabei ist sie extrem talentiert darin, sich einer jeweils komplett neuen Identität anzupassen:

„Letztendlich ist verschiedene Identitäten anzunehmen wie verschiedene Sprachen zu sprechen. Wenn man eine Fremdsprache lernt, eignet man sich nicht nur ihr Vokabular an. Nebenbei nimmt man auch ihre Stimmungen und Eigenarten auf und wie sich die Leute normalerweise ausdrücken, wenn sie sprechen, ohne nachzudenken. Wenn man wirklich das Gefühl hat, die Sprache zu beherrschen, dann beherrscht sie einen genauso, es ist wie Magie. Man kann sich in eine fremde Person verwandeln, einfach indem man die Sprache wechselt. Man tritt ganz anders auf. Man kann sich in die Geschichte einer anderen Person hineinstehlen, ohne es überhaupt zu merken.“ (S. 184)

Zum Glück gibt es auch leichtere, fröhlichere Kapitel im Buch, in denen es um zwischenmenschliche Liebe und Zuneigung geht: zwischen Mann und Frau, aber auch zwischen Mutter und Kind, als Frau Mook und ihr Mann ein verwaistes Mädchen bei sich aufnehmen und adoptieren:

„Die Liebe wächst nach und nach, mit jedem gesummten Wiegenlied, jedem gebändigten Wutanfall und jedem Löffel Hafergrütze, ob geschluckt oder ausgespuckt. (…) Indem ich mich verhielt wie eine liebende Mutter, wurde ich zur liebenden Mutter.“ (S. 163)

Am Ende kommt das Buch zu einem für mich sehr runden und passenden Abschluss, den ich hier natürlich nicht verraten möchte. Stattdessen noch ein abschließendes Zitat, das für mich das Buch gut abgeschlossen hat:

„Man sagt, du bist, was du isst. Frau Mook hatte die Erde der verschiedenen Orte, an denen sie gewesen war, gekostet. Sie war also nicht nur viele verschiedene Personen gewesen, sondern auch genauso viele verschiedene Orte.“ (S. 329)

Insgesamt ist es ein sehr interessantes, lehrreiches und unterhaltsames Buch, das bei aller Tragik auch viel an Leichtigkeit verströmt, das ich äußerst gerne gelesen habe und das sicher noch weiterhin tief nachwirken wird. Definitiv ein Jahreshighlight und ein Buch, das ich einer breiten Leserschaft nur wärmstens empfehlen kann!

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Das Meer und die Vergangenheit

Das Geschenk des Meeres
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"Das Geschenk des Meeres" von Julia R. Kelly ist ein wunderschön gestaltetes Buch, das schon auf den ersten Blick Lust aufs Lesen macht. Atmosphärisch beginnt es mit einem Zitat des irischen Dichters William ...

"Das Geschenk des Meeres" von Julia R. Kelly ist ein wunderschön gestaltetes Buch, das schon auf den ersten Blick Lust aufs Lesen macht. Atmosphärisch beginnt es mit einem Zitat des irischen Dichters William Butler Yeats und dann mit der Perspektive von Joseph, der ein feinsinniger Beobachter des Wetters und seiner Umgebung ist und in dem schweren Wetter mit einem halbtoten und nassen Jungen, den er am Strand gefunden hat, Richtung Dorf eilt.

Danach lernen wir die Lehrerin Dorothy kennen, die ins Dorf zugezogen ist und hier anfangs keinen leichten Stand hatte, sich lange fremd und anders gefühlt hatte... die eine tiefe Verbindung zu Joseph spürt und die vor vielen Jahren ihren Sohn verloren hat... einen Jungen, der dem nun angespülten Jungen sehr gleicht, auch wenn viele Jahre zwischen ihnen liegen.

Aus den Perspektiven dieser beiden und weiterer Dorfbewohner nähert sich die Autorin dem Geschehen an. Es ist ein hartes Leben, das hier beschrieben wird, geprägt von den Witterungen, von Gewalt und Trauma. Auch gibt es Ausgrenzung und Gerede in dem Dorf, aber genauso zarte Verbindungen zwischen den Menschen und die Hoffnung auf eine gute Zukunft.

Insgesamt ist es ein spannend geschriebenes Buch, das mir gut gefallen hat, auch wenn manche der Figuren für mich ein bisschen blass und einseitig geblieben sind.

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Veröffentlicht am 28.07.2025

Sehr detailreich

Sam Altman
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Nun ist die englischsprachige Biografie "The Optimist" des Chat-GPT-Gründers Sam Altman, erstellt von der Journalistin Keach Hagey, auch auf Deutsch erschienen. Dazu hat die Autorin hunderte Interviews ...

Nun ist die englischsprachige Biografie "The Optimist" des Chat-GPT-Gründers Sam Altman, erstellt von der Journalistin Keach Hagey, auch auf Deutsch erschienen. Dazu hat die Autorin hunderte Interviews mit Menschen aus dem Umfeld von Sam Altman, seinen Verwandten, Bekannten, Freunden, Mentoren und Weggefährten geführt, und auch Gespräche mit ihm selbst. War er zuerst kritisch gegenüber dem Projekt eingestellt und hat es als zu früh angesehen, schon in einer Biographie porträtiert zu werden, so hat er sich nach ihren Aussagen dann doch dafür geöffnet.

Entstanden ist ein sehr umfangreiches und detailliertes Werk, das nicht nur Sam Altmans Leben seit seiner Geburt, sondern auch viele Lebensläufe der Menschen, die ihn umgeben, genau beschreibt. Wir erfahren viele Details beispielsweise aus dem Leben seiner jüdischen Eltern und Großeltern, die, mit Wurzeln in Europa, fast alle in den USA Unternehmen aufgebaut oder beeindruckende Fachkarrieren, etwa als Ärzte, hingelegt haben. Damit wird klar, in was für einem fördernden und leistungsorientierten Umfeld Sam Altman groß geworden ist, in dem er schon früh von seinen Eltern ermutigt wurde, daran zu glauben, alles erreichen zu können.

Das Buch ist ein sehr interessantes Werk für alle, die sich wirklich für die Person Sam Altman interessieren und nicht nur für die Technologie hinter Chat GPT. Es steht nämlich, wie es für eine Biografie auch passend ist, ganz klar sein ganzes Leben im Vordergrund und nicht nur die Verbindung mit einer bahnbrechenden neuen Technologie. Ich empfehle, sich wirklich Zeit und Geduld zum Lesen zu nehmen, die braucht es nämlich für dieses umfangreiche Werk.

Insgesamt ist das Buch zwar durchaus sehr interessant geschrieben, mir persönlich waren es aber stellenweise fast zu viele Details, die mich nicht alle so sehr interessiert waren, und manchmal hätte ich mir einen klareren Fokus und eine eindeutigere Richtung des Buches gewünscht statt dieser Datenfülle. In Summe ist es aber dennoch auf jeden Fall eine erhellende und interessante Lektüre, aus der ich viel Neues gelernt habe und die ich allen an diesem beeindruckenden Menschen Interessierten empfehlen kann.

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