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Veröffentlicht am 28.04.2025

Über Entwurzelung, Zugehörigkeit und Identität

Beeren pflücken
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Mit "Beeren pflücken" ist der kanadischen Autorin Amanda Peters ein packendes Debüt gelungen, das völlig berechtigt schon einige Preise gewonnen hat. Es geht um Familie, Identität, altes Unrecht, Wut, ...

Mit "Beeren pflücken" ist der kanadischen Autorin Amanda Peters ein packendes Debüt gelungen, das völlig berechtigt schon einige Preise gewonnen hat. Es geht um Familie, Identität, altes Unrecht, Wut, aber auch die Möglichkeit für Versöhnung und Verzeihen. Und auch um die Frage des "alternativen Lebens". Wer wären wir, wenn wir in einer ganz anderen Familie aufgewachsen wären? Was hätte das mit uns, aus uns, gemacht?

In den 1960er Jahren arbeitet eine Mi'kmaq-Familie, nordamerikanische Ureinwohner, im Sommer auf Beerenplantagen. Die Eltern und die größeren Kinder pflücken Beeren, die kleineren Kinder laufen so mit und sind tagsüber weitgehend sich selbst überlassen. Es ist eine Zeit, in der man es sich noch nicht leisten konnte, sich die ganze Zeit aktiv um kleine Kinder zu kümmern, ganz besonders, wenn man einer benachteiligten Sozialgruppe angehört hat, so wie die unterdrückten und diskriminierten Mi'kmaq. Die Arbeit auf den Beerenfeldern ist eine harte, doch gibt es auch viel Freude und gemeinsames Zusammensein an den Abenden und in der Freizeit. Es ist eine fröhliche Familie, zu der die 4-jährige Ruthie gehört, sie ist die jüngste von sechs Geschwistern, abends kuschelt sie sich zum Schlafen an ihre Mama, und insbesondere der nur etwas ältere Bruder Joe steht ihr nahe. Er ist es auch, der sie zum letzten Mal sieht, bevor sie spurlos von den Beerenfeldern verschwindet. Alle verzweifelten Suchaktionen der Familie bleiben erfolglos, die Polizei ist nicht sehr gewillt, zu helfen, und es werden Jahrzehnte vergehen, bis die Familie Ruthie wiedersieht.

Das Buch ist abwechselnd aus zwei Perspektiven geschrieben: einerseits die von Ruthie, nun von ihren neuen Eltern Norma genannt, die materiell wohlhabend als abgeschirmtes Einzelkind bei ihren weißen Eltern aufwächst und schon früh beginnt, sich Fragen zu stellen... zu ihrer dunkleren Hautfarbe und auch sonst dem ganz anderen Aussehen im Vergleich zu ihrer irischstämmigen Familie, aber auch zu alten Träumen von einer anderen Mutter und Geschwistern, die von ihren Eltern als banale Kinderfantasien abgetan werden. Zusätzlich sind die Eltern, insbesondere die Mutter, die viele Fehlgeburten hatte, sehr ängstlich, und Norma wird überbehütet und von vielem abgeschirmt, auf eine Art, die sie als sehr erstickend erlebt.

Andererseits lesen wir über das Leben von Joe, Ruthies Bruder, der ihr Verschwinden nie verwunden hat, ein im Leben Herumirrender und Suchender bleibt, von einem Ort zum anderen flüchtet, engen Bindungen aus dem Weg geht und für nichts Verantwortung übernehmen will. Erst spät im Leben, als Joe Krebs im Endstadium hat und ihm nur noch kurz bleibt, findet er nicht nur wieder zu seiner Familie zurück, sondern es kommt auch zu einem Wiedersehen mit Ruthie (das ist kein Spoiler, da es schon ganz am Anfang des Buches zumindest angedeutet wird).

Stilistisch ist das Buch lebendig und interessant geschrieben, es fällt leicht, mit den Figuren mitzufühlen und sich mit ihnen zu identifizieren. Spannend sind auch die unterschiedlichen Perspektiven der zwei Geschwister. Immer wieder zeigt sich in Szenen die noch lange bestehende Diskriminierung der Mi'kmaq, was sehr nachdenklich macht. Die Autorin hat selbst zum Teil Mi'kmaq-Abstammung und kann hier sicher einiges aus der Erfahrung ihrer eigenen Familie mit diesem Thema beisteuern, das macht das Buch noch einmal auf einer tieferen Ebene lebendig und authentisch. Auch die intergenerationalen Traumatisierungen, die die Mi'kmaq und andere Native Americans seit langer Zeit mit sich herumschleppen, das Verleugnen der eigenen Kultur und Sprache und der problematische Umgang mit Alkohol und Gewalt sind Themen. Es ist also ein Buch, das nicht nur gut unterhält, sondern auch über einige vielen Lesenden sicher weniger bekannte Themen aufklärt, und das insgesamt sehr berührend ist - Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Ein Pionier auf dem Hochrad

Der Mann auf dem Hochrad
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"Der Mann auf dem Hochrad" von Uwe Timm, erstmals erschienen in den 1980er Jahren, wurde nun anlässlich des 85. Geburtstags des Autors, vom Reclam-Verlag in einer sehr schönen und hochwertigen Hardcover-Ausgabe ...

"Der Mann auf dem Hochrad" von Uwe Timm, erstmals erschienen in den 1980er Jahren, wurde nun anlässlich des 85. Geburtstags des Autors, vom Reclam-Verlag in einer sehr schönen und hochwertigen Hardcover-Ausgabe noch einmal neu herausgegeben.

In dem Buch lernen wir den Großonkel des Autors, Franz Schröter, und dessen Frau Anna, näher kennen. Die Handlung spielt hauptsächlich Ende des 19. Jahrhunderts, mit einzelnen Vorausblicken in spätere Jahre und die langfristige Entwicklung, aus denen wir etwa erfahren, dass Franz und Anna ein langes Leben und die goldene Hochzeit beschieden sein wird. Das ist tröstlich zu wissen, während wir den jungen Mann bei seinen mutigen Experimenten beobachten: beruflich ist Franz Schröter erst einmal als Tierpräparator tätig, und auch auf diesem Gebiet ist er ein Pionier, denn er traut sich, die Tiere lebensecht darzustellen, auch wenn das bei manchen Zeitgenossen erst einmal Unbehagen hervorruft und ihm somit nicht gleich den größtmöglichen wirtschaftlichen Erfolg sichert. Um diesen geht es ihm aber sowieso nur zweitrangig, in erster Linie hat er seine Freude an allem Innovativen und am Experimentieren.

Und so ist es kein Wunder, dass er - nachdem er es erstmalig in England kennen gelernt hat - das Hochrad nach Coburg bringt, erst einmal für sich selbst und erste Bekannte, und dann auch als Händler mit dem Versuch, mehrere Exemplare unters Volk zu bringen. Auch einige schmerzhafte Stürze und die Beschädigung eines Fingers durch diese sowie Hohn und Gespött der beobachtenden Menschenmengen halten Franz Schröter nicht davon ab, es immer weiter zu versuchen und bald kunstfertig mit dem Hochrad durch Coburg zu fahren und andere diese Fähigkeit zu lehren. Seiner Frau Anna will er zuerst davon abraten, sie bringt es sich aber selbst bei und bald machen die beiden gemeinsam Ausflüge mit dem Hochrad.

Das Buch ist insgesamt ein durchaus unterhaltsames und lehrreiches Zeitporträt (mit gelegentlichen Längen, insbesondere in Bezug auf die Beschreibung der adeligen Figuren, die ich so nicht gebraucht und bei denen ich mir zeitweise mehr Fokus auf das Hochrad gewünscht hätte). Die erfindungsreiche Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird spürbar, ebenso wie die abnehmende Bedeutung des Adels, das Erwachen von Arbeiterbewegungen und die Bekämpfung dieser, und die noch sehr eingeschränkte Rolle der Frauen in der Gesellschaft, der sich aber nicht alle so einfach hingeben möchten. So ist es etwa für eine Frau, die Hochrad-Fahren lernen möchte, nötig, ihren Kleidungsstil zu verändern, um mit den üblichen Röcken nicht in die Speichen zu kommen.

Die Lektüre lädt zum Nachdenken über unseren Umgang mit Fortschritt und Innovation ein. Über das Wechselspiel zwischen Innovationsgeist und wirtschaftlichem Erfolg, die bekanntlich oft nicht unbedingt miteinander einhergehen. Über wichtige erste Schritte in eine neue Richtung zu mehr Mobilität, die aber bald von weiteren Innovationen abgelöst werden, z.B. hier das sogenannte Niedrigrad, unser heutiges Fahrrad, das wesentlich sicherer, komfortabler und billiger ist, und sich deshalb schnell gegen das Hochrad durchgesetzt hat. Über den Mut, für das Neue einzustehen, auch wenn man erst einmal nicht weiß, wohin unbekannte Wege führen, man sich dabei Verletzungen zuzieht und dafür verlacht wird. Und auch darüber, wie schwierig es ist, in der Gegenwart die wichtigsten technischen Innovationen der jeweiligen Zeit zu erkennen... wohin etwas geführt hat, zeigt sich in aller Deutlichkeit oft erst im Rückspiegel.

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Veröffentlicht am 20.04.2025

Ohne Folgeband wertlos

Eislotus. Wasser findet seinen Weg
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Ich liebe Bücher und bin immer eher geneigt, sie wohlwollend zu beurteilen, was sich auch daran zeigt, wie viele ich schon mit vier oder fünf Sternen bewertet habe. Ein Buch muss mich also schon sehr verärgern ...

Ich liebe Bücher und bin immer eher geneigt, sie wohlwollend zu beurteilen, was sich auch daran zeigt, wie viele ich schon mit vier oder fünf Sternen bewertet habe. Ein Buch muss mich also schon sehr verärgern oder enttäuschen, damit es von mir nur zwei Sterne bekommt. Leider ist das bei "Eislotus - Wasser findet seinen Weg" der Fall und das bedaure ich selbst, denn das Buch hat so vielversprechend begonnen.

Äußerlich ist es wunderschön und passend zum Element Wasser gestaltet und insbesondere der Farbschnitt sieht selbst wie ein Seelenbuch aus. Und auch die Geschichte beginnt und entwickelt sich erst einmal vielversprechend.

Aufwendig und liebevoll wurde eine eigene High-Fantasy-Welt der Elementemagie geschaffen, in der sich Menschen an die vier Elemente Wasser, Erde, Luft und Feuer mittels eines Seelenbuches binden und dann entsprechende Magie ausüben und eine Art Unsterblichkeit erlangen können, da sie nach ihrem physischen Tod in das Buch als Seele eingehen, sich dort mit anderen geliebten Seelen im selben Buch wiedervereinigen können und "zu Tinte werden". Je mehr Seelen ein Buch enthält, desto mächtiger ist es.

Diese Idee hat mir sehr gefallen - endlich mal wieder ein spannendes High-Fantasy-Buch, in dem es um eine seltenere Art von Magie geht (mal keine Werwölfe, Vampire, Hexen oder ähnliches) und das nicht so stark in Richtung Romantasy geht, sondern klar Fantasy ist (auch wenn zwei Charaktere sich ein bisschen zueinander hingezogen fühlen, aber mehr als tiefe Freundschaft entwickelt sich in dem Buch zwischen ihnen nicht und es gibt keinerlei romantische oder "spicy" Szenen, das habe ich zur Abwechslung sehr angenehm gefunden).

Um neue Bücher an Seelen binden zu können, braucht es die Buchbinder, und damit die den verschiedenen Elementen nahestehenden Menschen nicht mehr, wie in der Vergangenheit, blutige Kriege um diese knappe Ressource führen, gibt es eine Art Turnier, einen "Stellvertreterkrieg", bei dem ausgewählte Angehörige der vier Elemente miteinander darum kämpfen, wer die Buchbinder für den nächsten Zyklus in die eigene Region und Stadt führen darf. Die ausgewählten beziehen für diese Zeitspanne eine Akademie in Lort, der Stadt, die auf den Ausgleich der Elemente achtet, werden dort untergebracht, verpflegt und ausgebildet und müssen sich immer wieder Aufgaben und einer Auswahl durch die Stadtbewohner stellen.

Das ist eine durchaus bekannte Idee, die sich auch in anderen Fantasybüchern und Dystopien findet, hier aber auf eine ganz eigene Art und Weise ausgetragen wird. Originell habe ich gefunden, dass es nicht hauptsächlich um Kämpfe geht, sondern auch um Intelligenz und Kreativität, um Verbindungen der Elemente miteinander und darum, die Dinge kritisch zu hinterfragen. Geschildert ist das Buch abwechselnd aus den Perspektiven der Mondgebundenen (Wasser-Element) Nara und des Sonnengebundenen (Feuerelement) Katso, das macht es auch nochmal interessanter.

Bis kurz vor dem Ende hätte ich das Buch insgesamt mit soliden vier Sternen bewertet (keine fünf Sterne, weil es speziell am Anfang einige Längen aufweist). Ein aufwendiges, interessantes Worldbuilding, spannende Aufgaben und glaubwürdige Charaktere, das mag ich. Während der Lektüre baut sich Spannung auf und man hofft auf die Beantwortung vieler offener Fragen, die sich stellen, z.B. was mit Naras angeblich verstorbenen Eltern wirklich passiert ist, was es mit den Ungebundenen auf sich hat, wer hinter gewissen Attentaten steckt, wer die Stimme ist, die immer wieder in den Fußnoten kommentiert, wem zu trauen ist und wem nicht und natürlich, wer am Ende das Turnier gewinnt.

Ohne spoilern zu wollen, muss ich an dieser Stelle sagen: so gut wie keine dieser Fragen wird am Ende beantwortet. Das Buch endet einfach mittendrin, wir sind noch nicht einmal in der Nähe des Endes des Turniers, da ist das Buch auf einmal zu Ende, und auch sonst wird so gut wie keine dieser und meiner weiteren offenen Fragen beantwortet, nur eine einzige, eher irrelevante, Kleinigkeit in Bezug auf einen Verrat wird aufgedeckt. Aber ansonsten endet das Buch gefühlt einfach in der Mitte der Handlung und lässt mich ratlos und enttäuscht zurück.

Mir ist klar, dass es sich dabei um den ersten Band eines Zyklus handelt und dieser somit nicht absolut alle offenen Fragen klären wird. Ich habe aber schon viele mehrbändige Fantasy-Zyklen gelesen, und die guten davon sind so verfasst, dass man auch am Ende eines einzelnen Bandes ein befriedigendes Leseerlebnis hat. Üblich ist zum Beispiel, dass viele offene Fragen sich am Ende des Bandes klären, aber eine offen bleibt, es also einen Cliffhanger gibt, der neugierig macht, weiterzulesen. Das würde ich angebracht finden. Aber das Ende dieses Buches ist eine einzige Sammlung an offenen Themen und Fragen, es wird so gut wie nichts aufgeklärt.

Und genau das verärgert und enttäuscht mich und macht mich auch nicht geneigt, die Folgebände zu lesen... wer sagt mir, dass dann meine Fragen beantwortet werden und nicht jeder Band und vielleicht am Ende auch die komplette Serie mit vielen offenen Fragen endet?

Ein guter Anfang und eine spannende Idee, die aber völlig unzureichend ins Ziel bzw. eben nicht ins Ziel gebracht wurde. Fast scheint es so, als wären die letzten 50 oder 100 Seiten verloren gegangen. Schade, dass das Lektorat die Autorin hier nicht darauf hingewiesen hat. Sie hat zweifellos Erzähltalent und es wäre sonst so ein spannendes Buch, aber mit so einem unbefriedigenden Ende kann ich von diesem Buch nur abraten.

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Veröffentlicht am 19.04.2025

Tolles Debüt mit fein gezeichneten, vielfältigen Charakteren

Hier draußen
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Martina Behm, die kennt sich offenbar aus mit den vielfältigen Facetten des Lebens auf dem Land heutzutage. Und sie kann schreiben! Selten hat mich ein Debüt so begeistert wie dieses! Fast 500 Seiten lang ...

Martina Behm, die kennt sich offenbar aus mit den vielfältigen Facetten des Lebens auf dem Land heutzutage. Und sie kann schreiben! Selten hat mich ein Debüt so begeistert wie dieses! Fast 500 Seiten lang und ich habe mich keine Sekunde gelangweilt und immer bestens unterhalten gefühlt.

In "Hier draußen" lernen wir außergewöhnlich lebensechte, fein gezeichnete und vielfältige Charaktere kennen. Da ist das moderne Paar aus Hamburg, Ingo und Lara, er Start-Up-Unternehmer, sie Grafik-Designerin, zwei Kinder im Volksschulalter, das sich den Traum von der Idylle und Ruhe auf dem Land und dem unbeschwerten Aufwachsen der Kinder dort erfüllen will. So wird kurzerhand eine hohe Hypothek aufgenommen, ein alter Hof gekauft und saniert. Es bleibt spannend, mitzuverfolgen, ob und wie diese urban geprägten Menschen im Landleben und in der Dorfgemeinschaft ankommen werden, und was es mit ihrer Beziehung macht, wenn Ingo weiterhin seine Tage und oft auch Abende in Hamburg verbringt, während Lara alleine mit den Kindern auf dem Land ist.

Dann gibt es Jutta und Armin, die Übriggebliebenen einer alternativen Wohngemeinschaft mit sechs Menschen, die vor mehreren Jahrzehnten aufs Land gezogen sind. Die beiden sind gute Freunde, vielleicht auch ein bisschen mehr. Jutta gibt Kurse im Hühner-Schlachten, Armin renoviert leerstehende Gebäude, um Ferienwohnungen zu errichten. Insgesamt scheinen sich die beiden über die lange Zeit gut eingelebt zu haben auf dem Land.

Den alleinstehenden Bauer und passionierten Jäger Uwe, mit seiner treuen Jagdhündin Milla, lernt Ingo schon bald nach seinem Umzug näher kennen, als letzterer mit dem Auto versehentlich eine weiße Hirschkuh überfahren hat. Gemeinsam geben die beiden Männer dem schwer verletzten Tier den Gnadenschuss, freunden sich an, Ingo begeistert sich für die Natur und die Jagd, und beide fürchten ein bisschen den im Dorf verbreiteten Aberglauben, dem zufolge es Unglück bringe, eine weiße Hirschkuh getötet zu haben... auch das verbindet.

Noch einige weitere Menschen leben im Dorf, die wir näher kennen lernen: Maggy, ursprünglich aus der Kreisstadt, die sich in den Bauern Sönke verliebt und ihn geheiratet hat, und nun seit Jahrzehnten versucht, die angepassteste und fleißigste Landfrau von allen zu sein, um dazuzugehören. Ihre erwachsene Tochter Marieke, die dieses Beispiel ihrer Mutter abschreckend findet und eine moderne und unabhängige Frau ist... gleichzeitig aber tief mit der Landwirtschaft verbunden und interessiert daran, diese zu übernehmen.

Tove und Enno, die seit Jahrzehnten eine lieblose Ehe führen... die erwachsenen Söhne sind längst aus der Landwirtschaft in andere Berufe und in geografisch weiter entfernte Regionen geflüchtet, keiner davon wollte den Hof übernehmen... wie lange wird Tove, der selbst nichts gehört und die nichts geerbt hat (ihre Eltern haben die ganze Landwirtschaft dem Sohn alleine vererbt) sich noch von ihrem Mann heruntermachen und abwerten lassen?

Diese kurzen Charakterisierungen einiger Dorfbewohner zeigen schon - es sind ganz vielfältige und sehr unterschiedliche Menschen, die sich hier im kleinen Fehrdorf treffen. Die sich kennen lernen, übereinander und miteinander sprechen, gemeinsam Feste organisieren, sich misstrauisch aus der Ferne beäugen, sich aushelfen oder sich auch langsam anfreunden... auch über Alters- und Milieugrenzen hinweg.

Das Buch wechselt immer wieder mal die Perspektive, aus der die Ereignisse erzählt werden, mal erleben wir die Sicht von Ingo, dann die von Lara, dann z.B. die von Uwe oder von Jutta usw. Dadurch bekommen wir beim Lesen noch einmal einen spannenderen und vielschichtigen Blick auf das Dorfgeschehen und die Beziehungen der Menschen untereinander. Gleichzeitig ist es damit ein klug erzähltes Buch, das auch durch diesen Perspektivwechsel aufzeigt, wie differenziert das sein kann, was wir als Tatsache oder Wahrheit ansehen, denn jede und jeder hat den jeweils eigenen, einzigartigen Blick auf die Menschen und Geschehnisse.

Insgesamt gelingt es der Autorin ausgezeichnet, ein vielfarbiges Bild modernen Landlebens zu zeichnen. Neben den Beziehungen der Menschen, die im Zentrum des Romans stehen, thematisiert sie auch Phänomene wie den Umbruch in der modernen Landwirtschaft und die Herausforderungen, mit denen die Bauern zu kämpfen haben (oft geforderter, aber schwieriger Umstieg auf Bio, Modernisierungsdruck, Nachfolgeprobleme,...), genauso wie Werteunterschiede zwischen Stadt und Land und damit einhergehende Verständnisprobleme, die erst überwunden werden müssen (etwa eine Psychologin aus der Stadt, die vor den Landfrauen einen Vortrag über Beziehungsqualität hält, der aber sehr an die Befindlichkeiten urbaner Menschen angepasst ist und viele der Dorfbewohner inhaltlich und emotional nicht erreicht).

Das Buch ist damit nicht nur sehr unterhaltsam geschrieben, sondern auch psychologisch glaubhaft konstruiert, mit tiefgründigen und vielschichtigen Charakteren, einem sehr authentisch geschilderten Setting und so, dass man dabei viel über die Facetten modernen Landlebens lernt. Ein großartiges Debüt: literarisch wertvoll und toll zu lesen - absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 17.04.2025

Ein Märchen darüber, anders zu sein und zu sich zu stehen

Hunger und Zorn
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"Hunger und Zorn", von der erst 2002 geborenen Alice Renard geschrieben, ist ein ungewöhnliches Buch, wie ich noch keines gelesen habe. Es funktioniert nicht sehr gut auf der Ebene des logischen Verstandes ...

"Hunger und Zorn", von der erst 2002 geborenen Alice Renard geschrieben, ist ein ungewöhnliches Buch, wie ich noch keines gelesen habe. Es funktioniert nicht sehr gut auf der Ebene des logischen Verstandes und des Hinterfragens, aber es ist ein zauberhaftes Märchen über eine ungewöhnliche junge Frau.

Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt, die sich stark voneinander unterscheiden.

Im ersten Abschnitt lernen wir die Perspektive der Mutter und des Vaters auf ihre andersartige Tochter Isor kennen. Die beiden lieben ihre Tochter sehr, doch machen sie sich auch große Sorgen, weil sie so anders ist und nicht spricht. In ehrlichen, direkten Worten kommen die Eltern abwechselnd zu Wort, z.B.:

Mutter: "Mein Küken, mein Kleines, ich habe dich im Rhythmus der Geheimnisse meines Bauches geschaffen und schließlich heranwachsen sehen. Trotz aller Widerstände. Ungeachtet all der unerklärlichen Dinge, die sich dir in den Weg gestellt haben."

Vater: "Ich war nicht dafür gemacht, der Vater eines solchen Kindes zu sein. Heute, bald, in absehbarer Zeit ist sie gar kein Kind mehr. Sie wird langsam groß. Aber ich bin noch immer nicht dafür gemacht, ihr Vater zu sein." (S. 7)

Schon in diesen Aussagen, ganz am Anfang des Buches, zeigt sich, dass der Vater noch ein Stückchen mehr als die Mutter damit hadert, diesem ungewöhnlichen Kind ein passender Elternteil zu sein.

Die Eltern konsultieren viele Spezialisten, die alle das Kind aus ihrer jeweiligen berufsspezifischen Brille betrachten. Ist es eine Autismus-Spektrums-Störung? Oder ein Gendefekt? Könnte Yoga helfen? Eine spezielle Ernährung? Doch wirklich helfen kann der Familie keiner. Ein Experte meint einmal zu den Eltern, dass das Kind durchaus sprechen könnte, wenn es wollte. Aber "sie will nicht". Später im Buch wird sich zeigen, ob er damit Recht behalten wird.

Nun ist das Kind in der Pubertät, spricht immer noch nicht, aber ist zunehmend dabei, sich abzunabeln, unternimmt etwa nachts stundenlange einsame Ausflüge durch Paris. Die Eltern können das nicht verhindern und stehen weiterhin ratlos diesem besonderen Kind gegenüber.

Dann endet der erste Abschnitt und im zweiten kommt es zu der Begegnung und bald intensiv werdenden Freundschaft zwischen dem alten Nachbarn Lucien und Isor. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander und scheinen sich ohne Worte zu verstehen. Diesen Abschnitt erleben wir stark aus Luciens Sicht. Er ist ein weiser und geduldiger alter Mann: "Der Unterschied zwischen ihren Eltern und mir ist, dass ich niemand bin, der schnell in Panik gerät - ich meine: das Schweigen, die Wut, die Freude, der Schmerz, damit kenne ich mich aus. Das kann ich ertragen, ohne in die Knie zu gehen. Ich bin daran gewöhnt. Es ist wie Musik hören." (S. 84)

Tja, und dann der dritte Abschnitt, der wieder völlig anders ist und in dem es zu einer großen und unerwarteten Überraschung kommt und wir noch einmal eine ganz neue Perspektive auf das bisher Erzählte kennen lernen.

"Hunger und Zorn" ist insgesamt ein ganz zauberhaftes Buch, das danach ruft, sich emotional voll und ganz darauf einzulassen. In dem Buch steckt eine tiefe Weisheit darüber, was es bedeuten kann, anders zu sein und wie die Gesellschaft damit umgeht. Aber auch darüber, wie flüchtig unsere Identitäten und Selbstkonzepte sein können und wie sehr das, was wir aus uns selbst herausholen und anderen zeigen können und wollen, stark von unserem jeweiligen Gegenüber und unserer Umgebung abhängt. Von den Menschen, mit denen wir sind, davon, wie sie uns begegnen und was sie in uns sehen... wie wir uns ineinander spiegeln und was das mit der Beziehung und mit allen Beteiligten macht. Das ist etwas, was grundsätzlich für alle Menschen gelten kann, aber hier im Kontakt der verschiedenen Menschen mit der andersartigen Isor ganz besonders stark herauskommt.

Außerdem ist es ein Buch über Liebe und Freundschaft, über die Liebe der Eltern zu ihrem andersartigen Kind, über eine tiefe Freundschaft zwischen zwei sensiblen und einsamen Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensaltern, und über die Liebe zum Leben und zu den Erfahrungen, und den tiefen Hunger danach, mit aller Andersartigkeit auf die ganz eigene Art Teil dieser Welt zu sein.

Das Buch ist kein authentischer Erfahrungsbericht über das Leben mit einem andersartigen Kind... dafür ist es viel zu märchenhaft... und nicht alle Entwicklungen sind auf logischer Ebene gut hinterfragbar. Aber als Märchen mit einer einzigartigen Botschaft und einer ganz besonderen Sprache und vielfältigen Perspektiven funktioniert es sehr gut. Es ist ein ganz besonderes Buch, das einen dauerhaften Platz in meinem Herzen einnehmen wird. Ich empfehle es allen, die bereit sind, sich emotional darauf einzulassen und ihr Herz für dieses ganz besondere Märchen zu öffnen. Auf weitere Bücher der Autorin freue ich mich schon.

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