Die Schrecken des Kosovokrieges und Diskriminierung in Deutschland
ëDer Debütroman mit autofiktionalen Zügen von Jehona Kicaj ist keine leichte Kost. Das zeigt sich schon beim Buchtitel: ein Buchstabe aus der albanischen Sprache, ein e mit zwei Punkten drauf, das sich ...
Der Debütroman mit autofiktionalen Zügen von Jehona Kicaj ist keine leichte Kost. Das zeigt sich schon beim Buchtitel: ein Buchstabe aus der albanischen Sprache, ein e mit zwei Punkten drauf, das sich auf einer deutsch- oder englischsprachigen Standardtastatur nicht so leicht finden lässt. Ein sperriger Titel, einer, den man nicht so leicht nennen oder empfehlen kann, aber vielleicht genau deshalb passend für dieses sehr spezielle Buch und symptomatisch dafür, dass die, die in Mitteleuropa Zuflucht gefunden haben, sich nicht maximal an die deutschen Gewohnheiten anpassen müssen, um ja nicht aufzufallen. Buchtitel dürfen anders sein, genauso wie Namen... doch leider zahlen die Betroffenen oft immer noch einen Preis dafür.
Das zeigt sich zum Beispiel bei der Wohnungssuche, als die Ich-Erzählerin auf in perfektem Deutsch geschriebene Wohnungsanfragen, unterzeichnet mit ihrem eigenen, für deutsche Ohren fremd klingenden Namen, nicht einmal eine Antwort bekommt, während zwei Wochen später ihr deutscher Freund mit deutschem Namen auf die gleiche Anzeige sofort eine Antwort, eine Einladung und schließlich eine Zusage bekommt.
Das Thema Diskriminierung und auf Unverständnis stoßen, darum geht es ganz viel in diesem Buch: ob nun davon erzählt wird, als einziges Kindergartenkind unverkleidet zu einer Faschingsfeier zu kommen, weil niemand der Familie das für sie neuartige Konzept von Fasching erklärt habe, ob es um unsensibles Verhalten einer Studierendengruppe auf Studienreise im Kosovo geht, die für den Lehrveranstaltungsleiter als Andenken Souvenirs mit serbischen Symbolen aussuchen will, ob wieder mal Elias, der Partner der Ich-Erzählerin, nicht sehen kann, dass sie in vielem ganz andersartige Kindheitserinnerungen hat und viele Erfahrungen eben nicht mit ihm teilt, oder eine serbische Studienkollegin, vermeintlich eine Freundin, bei einer Party ein serbisch-nationalistisch wirkendes Lied spielt, woraufhin die Freundschaft stillschweigend zerbricht.
Dazwischen viele, viele Erzählungen über Traumata und Leid während des Kosovokrieges: wahre Geschichten, die der Familie der Ich-Erzählerin und deren Freunden und Bekannten zugestoßen sind, aber auch Berichte von Videobeweisen und Zeugenaussagen der vielen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die in diesem schrecklichen Krieg geschehen sind, und die die Ich-Erzählerin und ihre Familie traumatisiert haben. Es entsteht das Bild einer bis heute zutiefst geschundenen Region, mit Menschen, die bis heute nach Verschwundenen suchen und hoffen, dass zumindest deren Leichen identifiziert werden können, und Dörfern, in denen jedes einzelne Haus niedergebrannt wurde. Ein sehr wichtiges Thema, das nicht in Vergessenheit geraten darf und zu dem dieses Buch einen wertvollen Beitrag leistet, auch wenn es stellenweise natürlich hart zu lesen ist.
Insgesamt ist es ein sehr flüssig und gut geschriebenes Buch mit vielen kleinen Geschichten über die Ich-Erzählerin und ihrer Familie, die so gestaltet sind, dass man sich der Familie nah und verbunden fühlt, sich für sie interessiert und gerne weiterliest. Ein bisschen schade habe ich gefunden, dass es in den vielen Geschichten so gut wie nur um Diskriminierung, Ausgrenzung, Enttäuschung und Nicht-Verstanden-Werden geht und es kaum Erzählungen des Verstanden-Werdens oder der Verbundenheit gibt - jedenfalls nicht außerhalb der Familie und Volksgruppe der Ich-Erzählerin, und mit Menschen anderer Nationalitäten. Egal, wem sie begegnet, (fast) alle Menschen begegnen ihr mindestens mit Unverständnis und Ignoranz, wenn nicht sogar mit offener Diskriminierung, und selbst vermeintliche Freundschaften stellen sich später als unecht heraus. Wahre, tiefe Verbindung und Liebe habe ich nur in der Beschreibung des Kontaktes zu Familienmitgliedern gespürt, etwa zur Cousine, die im Kosovo lebt.
Das macht mich beim Lesen bestürzt und traurig und ich frage mich, ob es in mehreren Jahrzehnten in Deutschland wirklich ausschließlich negative Erfahrungen gegeben hat, die die Ich-Erzählerin gemacht hat, ob ihr Fokus beim Erzählen dieser Geschichte (für andere, aber auch für sich selbst, als eigene Lebensgeschichte) bewusst darauf liegt und ob sich nicht auch ein bisschen mehr Verbindendes hätte finden können... ohne damit die Wichtigkeit, von Diskriminierung, Ausgrenzung und Leid zu erzählen, zu schmälern.