Das Recht zu wissen oder das Recht zu schweigen
Portrait meiner Mutter mit Geistern"Portrait meiner Mutter mit Geistern" von Rabea Edel ist ein tiefgründiges Buch, das beim Lesen Aufmerksamkeit braucht. In der vorderen und hinteren Umschlagklappe befindet sich ein Stammbaum der porträtierten ...
"Portrait meiner Mutter mit Geistern" von Rabea Edel ist ein tiefgründiges Buch, das beim Lesen Aufmerksamkeit braucht. In der vorderen und hinteren Umschlagklappe befindet sich ein Stammbaum der porträtierten Familie, und das ist gut so, denn diesen habe ich auch beim Lesen immer wieder gebraucht und war froh, nachschlagen zu können.
Ausgehend von Raisa, wie die Autorin selbst Jahrgang 1982, lernen wir bruchstückhaft immer mehr über ihre Familie und Herkunft, dabei erstreckt sich die Erzählung über mehr als ein Jahrhundert: die ältesten Familienmitglieder sind noch vor 1900 geboren, Raisas Kind im Jahr 2018.
Raisa ist mit vielen biografischen Lehrstellen aufgewachsen. Schon immer kennt sie als einziges Familienmitglied nur ihre Mutter, hat keine Geschwister, kennt ihren Vater nicht und hat auch zu niemand anderem aus der Familie Kontakt. Es seien alle schon gestorben, meint die Mutter zu ihr als Kind - viel später stellt sich heraus, dass so einige während Raisas Kindheit noch lebten, sogar Kontakt suchten und nur für die Mutter gestorben waren, die aufgrund dem, was sie mit ihnen erlebt hatte, keinerlei Kontakt mehr zu ihnen wollte. Sie und ihre Tochter, das sei genug. In den ersten Lebensjahren des Kindes reisen sie durch die Welt, sind mal hier mal dort, an verschiedenen Orten, bis sie sesshaft werden. Und doch begleitet das Aufwachsen der Tochter weiterhin ein tiefes Schweigen in Bezug auf ihre Herkunft.
Wir, die wir dieses Buch lesen, bekommen schon bald erste Hinweise auf die Natur der möglichen Familiengeheimnisse, denn die Kapitel werden wechselweise aus den Perspektiven verschiedener Familienmitglieder aus unterschiedlichen Generationen und Zeiten erzählt. Das Buch ist voll von Andeutungen und Hinweisen, die oft sehr subtil sind: so sind z.B. offensichtlich einige Familienmitglieder jüdischen Glaubens und praktizieren auch noch damit verbundene Rituale, aber ohne darüber zu sprechen, ohne sie in den Kontext zu stellen und im Verborgenen. Auch sonst wird vieles nicht gesagt, sondern nur angedeutet oder durch Symbole sichtbar gemacht. Und es gibt noch viele weitere Traumata in der Familie, über die nicht gesprochen wird.
Damit gelingt es der Autorin ganz ausgezeichnet, das Schweigen, das in der Kriegs- und Nachkriegsgeneration so verbreitet war, fühlbar und erlebbar zu machen und damit eine Erfahrung, die viele Menschen aus den jüngeren Generationen teilen, auf Papier zu bringen: das starke Gefühl, dass da etwas Wichtiges in der Familiengeschichte verborgen ist, immer wieder subtile Hinweise darauf, aber nicht wirklich zu fassen zu kriegen, was es ist.
Das Buch regt auch zum Nachdenken darüber an, wem Familiengeheimnisse überhaupt gehören: haben die älteren Generationen das Recht, zu schweigen, und wie weit geht dieses? Oder haben deren Kinder und Enkelkinder ein Recht, zu erfahren, was in der Familie geschehen ist, auch um die Muster nicht unbewusst weiterzutragen und davon beeinträchtigt zu sein? Wie stehen diese beiden legitimen Bedürfnisse im Verhältnis zueinander? Was macht das Schweigen mit den Familien, wie und wodurch kann es gebrochen werden und was verändert sich dadurch?
Wie können wir die Angst vor den Geistern der Vergangenheit verlieren? Eine Antwort darauf findet sich vielleicht auf S. 218, auf einem von mehreren Zetteln, die Raisas Mutter Martha an sie schreibt, weil Schreiben manchmal leichter ist als Sprechen:
"Zauberspruch
Keine Angst vor Geistern.
Sie sind nur Möglichkeiten, die wiederkommen.
AMEN."
Jenen am Buch Interessierten, die nicht gerne Geistergeschichten lesen, sei gesagt, dass in diesem Buch keine solchen explizit vorkommen. Es handelt sich um eine Familiengeschichte über mehrere Generationen, keine Geistergeschichte... der Titel ist insofern als Metapher zu verstehen bzw. nur insofern explizit, als natürlich einige der erwähnten Familienmitglieder in der heutigen Zeit nicht mehr leben. Erzählt wird von ihnen aber aus der Zeit, als sie gelebt haben, sie erscheinen nicht später als Geister.
Insgesamt handelt es sich um ein großartig erzähltes, vielschichtiges Buch, das zum Nachdenken anregt, viele Fragen stellt, einige davon beantwortet und viele offen lässt, und genau damit ein authentischer Spiegel wahrer Familiengeschichten ist. Es wird mich sicher gedanklich und emotional noch einige Zeit begleiten. Absolute Leseempfehlung für alle, die sich für europäische Geschichte und intergenerationale Familiendynamiken interessieren und tiefgründige Literatur schätzen!