Peter Seewald beschäftigt sich schon sein ganzes Leben lang mit Glaube und Kirche, war als Jugendlicher Ministrant, ist später aus der Kirche aus- und wieder eingetreten und hat schon einige religiöse ...
Peter Seewald beschäftigt sich schon sein ganzes Leben lang mit Glaube und Kirche, war als Jugendlicher Ministrant, ist später aus der Kirche aus- und wieder eingetreten und hat schon einige religiöse Bücher verfasst. Vor diesem Hintergrund nimmt er sich nun im reifen Alter von über 70 Jahren dem Thema Tod und Hoffnung auf ein Weiterleben bei Gott an.
In diesem persönlichen und unterhaltsamen Werk umkreist er das Thema von verschiedenen Perspektiven, blickt auf sein eigenes Leben zurück, betrachtet Jugendwahn und die Anti-Aging-Industrie sehr kritisch, blickt auf die Coronazeit als Zäsur zurück, beschäftigt sich mit jenen, die auf der Suche nach der Abschaffung des biologischen Todes sind, setzt sich mit Schilderungen von Nahtoderlebnissen und anderen Religionen auseinander und kommt immer wieder zur christlichen Perspektive zurück, die insgesamt einen großen Teil des Buches einnimmt.
Vielleicht ist es auch diese christliche Perspektive, die insgesamt das so facettenreiche und vielfältige Buch abzurunden versucht, sodass es sich nicht in der Beliebigkeit verliert. Wer für diese Sichtweise offen oder selbst christlich gläubig ist, kann viele aufmunternde Gedanken und wertvolle Impulse aus diesem Buch mitnehmen. Wer solchen Perspektiven aber sehr kritisch entgegen steht und nicht wiederholt davon lesen will, was für ein Übel zum Beispiel die Abtreibung mit all den damit verbundenen verlorenen Leben darstellt, dem sei von diesem Buch eher abgeraten.
"Mara und Aram" ist das zweite Buch von Ursula Arn. Auch ihr Debüt "So nah und fern zugleich" scheint laut Beschreibung Mara als Figur zu behandeln, es könnte sein, dass es sich also bei diesem Buch hier ...
"Mara und Aram" ist das zweite Buch von Ursula Arn. Auch ihr Debüt "So nah und fern zugleich" scheint laut Beschreibung Mara als Figur zu behandeln, es könnte sein, dass es sich also bei diesem Buch hier um eine Fortsetzung davon handelt. Ich habe das erste Buch nicht gelesen, kann also nur dieses hier beurteilen. Es ist problemlos als eigenständiges Werk lesbar. Nach Angaben der Autorin scheint es sich um ein Werk mit autofiktionalen Anteilen zu handeln, wobei unklar bleibt, wie viel von den jeweiligen Ahnengeschichten und von Maras Liebesgeschichte auf Tatsachen zurückzuführen sind.
Für mich gliedert sich das Buch in drei miteinander verwobene Elemente. Da ist zum einen Maras Lebens- und Liebesgeschichte. Mara ist eine Frau im reiferen Alter, mit erwachsenen Söhnen und Enkeln, die viele Jahre in einer toxischen Beziehung mit einem narzisstischen Mann lebte, der sie beleidigte und herabsetzte, und das bis heute, lange nach der Trennung, immer wieder versucht, bis zur körperlichen Bedrohung. Verliebt hat sie sich danach in den temperamentvollen, starken, ehemaligen Militärangehörigen Aram, der albanische Wurzeln hat, im kroatischen Dubrovnik lebt, in den Balkankriegen gekämpft hat und den sie in der Schweiz kennen und lieben gelernt hat. Mit Aram verbindet sie eine turbulente Liebesgeschichte im On-Off-Modus, und auch, wenn die beiden sich mittlerweile auch schon seit Jahrzehnten kennnen, kommen sie nicht so recht dauerhaft zusammen, hauptsächlich aufgrund von Maras psychischen Befindlichkeiten.
Um den transgenerationalen Wurzeln dieser auf die Spur zu kommen, legt sich Mara immer wieder bei einer Freundin auf die Couch und lässt dort in hypnotischen Rückführungs- oder Familienerinnerungssitzungen die Schicksale ihrer Ahnen wieder lebendig werden. Offensichtlich hat sie Vorfahren aus allen möglichen Teilen des Habsburgerreiches, aus dem ungarischen Adel, aus Italien und aus vielen anderen Gegenden, die Kriege, Bedrohungen, unglückliche Ehen, frühe Verluste und vieles mehr erlebt haben. Auch die reale historische Figur der "Rose von Tirana", der ungarischen Adeligen Geraldine Apponyi, die den albanischen König geheiratet hat, doch mit diesem und dem neugeborenen Sohn aus dem Lande fliehen und es erst im hohen Alter wieder betreten konnte, kommt als eine der entfernten Verwandten Maras mit ihrer Geschichte vor.
Eingebettet sind die einzelnen Kapitel außerdem in numerologische Zahlenmystik, beginnend bei der Eins und endend mit der Zehn. Dazu gibt es jeweils eine kleine Einführung in die numerologische Bedeutung der jeweiligen Zahl, verbunden mit Charaktereigenschaften, die denen zugeschrieben werden, deren Geburtsdaten diese Zahl ergeben. Das ist jeweils die Einleitung für eine der Ahnengeschichten.
Wie hat mir das Buch nun insgesamt gefallen? Dafür lohnt es sich, diese drei Teile differenziert zu betrachten: die Ahnengeschichten habe ich sehr spannend erzählt gefunden und sie waren für mich der interessanteste Teil in diesem Buch. Auch die numerologische Zahlenmystik war als ungewöhnlicher Rahmen durchaus interessant. Was mich aber etwas genervt hat, war die Figur der Mara. Dafür, dass es sich bei ihr um eine Person im reiferen Lebensalter handeln soll, habe ich sie erstaunlich unreflektiert und teenagerhaft wahrgenommen: sehr unreif in ihrem flatterhaften und reflektierten Verhalten gegenüber Aram und auch den angeblich narzisstischen Ex einseitig beschuldigend, ohne die eigenen Anteile an dieser Beziehung zu reflektieren. Fast alle Frauen im Alter einer Großmutter, die ich kenne, sind um vieles reifer und reflektierter als diese Mara. In manchen Kapiteln geht es nur kurz um sie, bis wieder eine spannende Ahnengeschichte erzählt wird, in anderen nimmt ihre teenagerhafte Schwärmerei, aber auch schnelle Eifersucht und Verwundbarkeit in der On-Off-Beziehung mit Aram großen Raum ein, bei dem ich beim Lesen durchaus genervt die Augen verdreht habe.
Abgesehen von diesem Teil war es aber ein durchaus spannend, abwechslungsreiches und ungewöhnliches Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und von dem ich einiges über Zahlenmystik und europäische Geschichte gelernt und mich gut unterhalten habe.
Bertolt Meyer ist selbst mit einer körperlichen Behinderung geboren worden: mit nur einem Unterarm. So hat er schon seit frühester Kindheit Erfahrungen damit gemacht, was es bedeutet, von der Gesellschaft ...
Bertolt Meyer ist selbst mit einer körperlichen Behinderung geboren worden: mit nur einem Unterarm. So hat er schon seit frühester Kindheit Erfahrungen damit gemacht, was es bedeutet, von der Gesellschaft als "anders" wahrgenommen zu werden. In diesem Buch widmet sich der Psychologieprofessor nun den Unterschieden zwischen Menschen, wie sie unsere Wahrnehmung einschränken und wie wir lernen können, diskriminierungsfrei und somit besser damit umzugehen. Es ist ein kluges und persönliches Buch, das zum einen auf vielen persönlichen Erfahrungen aufgebaut ist und damit zugänglich ist, zum anderen aber auch den aktuellen Wissensstand aus der Psychologie zu den jeweiligen Themen gut verständlich und interessant erklärt und insgesamt sehr zum Nachdenken anregt.
Nach einer Einführung in das Thema Behinderung geht es erst einmal allgemein um Stereotype, um besser zu verstehen, wie diese die menschliche Wahrnehmung und Beurteilung anderer verkürzen, aber damit gleichzeitig viele Menschen zu Unrecht in eine Kategorie werfen, die, wenn überhaupt, nur einen winzigen Teil ihrer Persönlichkeit beschreibt. Danach geht es um spezielle Themen, die aktuell sehr viel diskutiert werden, wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Transidentität, Fremdenfeindlichkeit, Rechtspopulismus und ehemaliges Ost- vs. Westdeutschland und die Menschen aus diesen Regionen.
Besonders sympathisch habe ich gefunden, wie sich der Autor persönlich und nahbar auf diese Themen einlässt: so erzählt er etwa auch von seiner Homosexualität, dem Umgang damit und wie viele Lebensbereiche diese betrifft, sodass es eben nicht möglich sei, über dieses Thema zu schweigen, ohne ständig bei Fragen nach Partnerschaft, Urlaub oder Kindern lügen zu müssen. Dem Thema Fremdenfeindlichkeit nähert er sich anhand eigener Erfahrungen als Deutscher in der Schweiz an, ist sich aber seiner dabei insgesamt privilegierten Position bewusst und reflektiert diese. Zum Thema Diskriminierung Ostdeutscher bringt er keine eigenen Erfahrungen mit, hat allerdings einige Zeit dort beruflich verbracht, und nähert sich dem Thema mit der gebotenen Zurückhaltung an.
Wenn es schließlich um das Erstarken des Rechtspopulismus in der Gegenwart geht, bietet der Autor auch dafür schlüssige Erklärungen an und legt seine, wie in seinem Umfeld sehr verbreitet, eigene eher linke Position dar, zeigt dabei aber gleichzeitig Respekt für andere politische Positionen und setzt sich insgesamt für Dialog und Verständigung ein.
Insgesamt handelt es sich bei diesem Werk somit um ein interessantes und zugängliches Buch zu vielen aktuellen Themen, das ich Menschen verschiedenster politischer Einstellungen ans Herz legen will, um Neues zu lernen, die eigenen Positionen zu hinterfragen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Was nehme ich aus diesem Buch mit? Rainer Maria Rilke hatte, für mich persönlich wenig überraschend, auch seine Schattenseiten, und das waren keine kleinen. So ist das ja bei vielen berühmten Menschen: ...
Was nehme ich aus diesem Buch mit? Rainer Maria Rilke hatte, für mich persönlich wenig überraschend, auch seine Schattenseiten, und das waren keine kleinen. So ist das ja bei vielen berühmten Menschen: wo viel Licht ist, ist oft auch so einiges an Schatten. Wer seine Gedichte bewundert, projiziert gerne so einiges in ihn hinein und meint etwa, so ein Mensch, der so feinfühlige Gedichte über die tiefsten Facetten der menschlichen Psyche und so schöne Naturbeobachtungen schreiben könne, der müsse immer empathisch sein, und politisch sowieso auf der richtigen Seite.
Nun, wie der Autor dieses Buches aufgrund von überlieferten Briefwechseln des Dichters mit einer italienischen Bekannten, aber auch weiteren Briefwechsel und Quellen klug analysiert, war Rilke keinesfalls immer sonderlich empathisch gegenüber realen Menschen, mit denen er in Austausch stand. Im Gegenteil, auf deren Sorgen und Nöte ging er teilweise kaum ein und idealisierte stattdessen den italienischen Faschismus und Mussolini. Einen großen Teil des Buches nimmt die Analyse dieser Briefwechsel zwischen Rilke und seiner italienischen Bekannten Lella ein. Diese erlebt, in Italien lebend, die Schattenseiten des aufziehenden Faschismus hautnah mit und weist Rilke darauf hin, doch seine Meinung ändert er nicht unbedingt, zu "groß und unbedingt ist mein Verlangen nach Ordnung", so schreibt er selbst in einem Brief an die Italienerin.
Auch sonst findet sich so einiges Fragwürdiges zur Persönlichkeit des großen Dichters, wenn man seinen Nachlass genauer analysiert: an sozialen Veränderungen scheint er nicht interessiert und spricht sogar dafür aus, dass die "Varietäten" der Natur, einschließlich der Bettler, bestehen bleiben, schon "um der Freude des Dichters an dieser leidenden Vielfalt" willen, denn sonst gäbe es ja weniger Material für seine Werke. In einem weiteren Austausch mit einer jungen Jüdin zu deren Volk und Religion zeigt er auch Ansichten, die heute als antisemitisch gewertet werden würden. Aufgrund seines Todes im Jahr 1926 ist zu seiner weiteren Entwicklung zu diesem Thema nicht mehr viel bekannt geworden.
Ich finde es eine wichtige Aufgabe, auch jene, die großartige und beeindruckende Werke hinterlassen haben, nicht blind zu idealisieren. Insofern sei dem Autor und dem Verlag für dieses wichtige Buch gedankt, das das Bild des Dichters Rainer Maria Rilke vervollständigt.
Stilistisch ist es ein eher anspruchsvoll zu lesendes Werk, das schon aufgrund seiner Thematik voll von Referenzen auf Rilke-Gedichte ist. Daneben erfährt man aber auch viel Interessantes über die ersten Jahre des italienischen Faschismus unter Mussolini in Italien. Es ist ein interessantes Buch, für das man Zeit braucht und am besten einiges an Rilke-spezifischem Vorwissen mitbringt, um insbesondere von den Bezügen auf sein Werk voll profitieren zu können. Ich kann es jenen, die sich sehr für diesen Dichter interessieren und auch seine problematischen Aspekte kennen lernen möchten, auf jeden Fall empfehlen.
In den letzten Jahren hört man es überall: die Menschen würden immer weniger sozial werden, immer vereinzelter, immer schlechter. Man könne niemandem mehr vertrauen. Früher - wann auch immer das gewesen ...
In den letzten Jahren hört man es überall: die Menschen würden immer weniger sozial werden, immer vereinzelter, immer schlechter. Man könne niemandem mehr vertrauen. Früher - wann auch immer das gewesen sein soll - sei alles besser gewesen. Weit verbreitet scheint eine zynische Haltung gegenüber anderen Menschen zu sein, geprägt von Misstrauen und Angst.
In diesem Buch geht der Autor, ein in der Forschung tätiger Psychologe, erst einmal auf die Definition des modernen Zynismus ein, der sich von den griechischen Kynikern, auf die das Wort zurückgeht, deutlich unterscheidet, und unserer Psyche und dem Kontakt mit anderen Menschen stark schadet. Wer eine zynische Einstellung zu anderen Menschen hat, geht davon aus, dass diese unehrlich und böse seien, und scheut tiefer gehende Verbindungen. Dabei zeigt Mail Zaki in seinem Buch anhand vieler Studienergebnisse auf, dass die Menschen weit besser sind, als sie voneinander annehmen: so wird systematisch stark unterschätzt, wie viele scheinbar verlorene Geldbörsen, in denen sich die Kontaktdaten des Eigentümers befinden, von den Findern an diesen zurückgegeben werden.
Auch gehen Collegestudierende davon aus, dass es sehr schwierig sei, mit anderen Studierenden in Kontakt zu kommen, weil die meisten dafür nicht offen seien - während wiederum fast alle von sich selbst sagen, sich Kontakte mit anderen zu wünschen, und sich auch experimentell zeigt, dass die meisten für Gespräche offen sind. Diese Haltung zeigt sich in vielen Bereichen: Kriminalitätsraten werden etwa stark überschätzt, auch wenn sie tatsächlich in vielen Regionen in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen sind.
Dieser verbreitete Zynismus schadet uns auf vielen Ebenen: er macht die Menschen einsamer, kränker, unverbundener. Leider wird diese Einstellung von vielen Medien noch geschürt, um ihre Auflagen- und Clickzahlen zu erhöhen. Dabei weiß man aus der Forschung, dass die Einstellung, die Menschen entgegen gebracht ist, enorm wichtig für deren Entwicklung und Selbstbild ist. Das gilt für Kinder und Jugendliche genauso wie für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Unternehmen: Menschen, denen misstraut wird, entwickeln sich wesentlich schlechter und verhalten sich deutlich unehrlicher und krimineller, als solche, denen mit einem positiven Menschenbild begegnet wird.
In diesem Buch finden sich also viele Ansätze dafür, wie wir zynische Einstellungen hinterfragen und ein hoffnungsvolleres, und dabei gleichzeitig nicht naives, realistischeres Menschenbild entwickeln und dadurch positive Beziehungen zu unseren Mitmenschen aufbauen können. Es ist möglich, skeptisch und wachsam zu bleiben, ohne dabei zynisch und abwertend zu werden, und insgesamt eine hoffnungsvolle und offene Einstellung zu kultivieren, ohne blinde Naivität. Dafür zeigt dieses inspirierende und interessante Buch viele Beispiele auf.
Besonders schätze ich auch das wissenschaftlich sehr sorgfältige Vorgehen des Autors. Nicht nur beruhen alle seine Aussagen auf wissenschaftlichen Studien, sondern im Anhang findet sich - zusätzlich zu praktischen Anwendungstipps für das persönliche Leben - eine fundierte Einstufung der präsentierten Ergebnisse danach, als wie stark gesichert diese in der Wissenschaft momentan gelten (viele oder weniger Studien, die diese belegen, eindeutige oder eher widersprüchliche Ergebnisse).
Das Buch ist sicher für alle, die sich für Psychologie interessieren und in diesem Bereich Vorwissen haben, besonders interessant, kann aber aufgrund seiner zugänglichen Schreibweise mit vielen Beispielen auch gebildeten Laien empfohlen werden.