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Veröffentlicht am 01.12.2025

Zeitlose Weisheit

Zeit der Oligarchen
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Aldous Huxley ist der Autor der bekannten Dystopie "Brave New World". Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat er außerdem "Science, Liberty and Peace" verfasst, das über 80 Jahre lang verschollen ...

Aldous Huxley ist der Autor der bekannten Dystopie "Brave New World". Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat er außerdem "Science, Liberty and Peace" verfasst, das über 80 Jahre lang verschollen war, nun wiedergefunden und in deutscher Sprache unter dem Titel "Zeit der Oligarchen" veröffentlicht wurde.

Es ist von seinem Umfang her ein kurzes Werk mit nicht einmal 100 Seiten, doch inhaltlich ist es umso gehaltvoller und verblüffend in seiner Aktualität und Prägnanz, die auch in der heutigen Zeit sehr zum Nachdenken anregt. Jeder Satz in dem Buch ist bewusst gewählt und mit einer klaren Botschaft: es lohnt sich also, sich Zeit zu nehmen, um immer wieder kurz innezuhalten, um die philosophischen Gedanken und logischen Schlüsse, die der Autor daraus zieht, für sich wirken zu lassen.

Hier ein paar Beispiele:

"Stift und Stimme sind dem Schwert mindestens ebenbürtig, denn das Schwert gehorcht dem gesprochenen oder geschriebenen Wort." (S. 16)

"Der Glaube an den universellen Fortschritt basiert auf dem Wunschdenken, dass etwas umsonst zu haben ist. Dahinter steht die Annahme, dass Gewinne auf einem Gebiet nicht mit Verlusten auf einem anderen bezahlt werden müssen." (S. 32)

"Eine hochgradig organisierte und reglementierte Gesellschaft, deren Angehörige ein Minimum an persönlichen Eigenheiten aufweisen und deren kollektives Verhalten einem einzigen, von oben aufgezwungenen Rahmenplan gehorcht, gilt bei den Planern und sogar den Verplanten (so wirkungsvoll ist die Propaganda) als "wissenschaftlicher" und daher besser als eine Gesellschaft unabhängiger und selbstbestimmter Individuen, die in freiwilliger Kooperation zusammenarbeiten." (S. 34)

"Ein moderner Krieg lässt sich außerdem nur führen, wenn eine Nation in der Lage ist, die gesamte Bevölkerung in einer militärischen und industriellen Generalmobilmachung einzuberufen. Das ist nur möglich, wenn die Bevölkerung weitgehend aus Entwurzelten und Besitzlosen besteht, die für ihren Lebensunterhalt auf den Staat und große private Arbeitgeber angewiesen sind." (S. 49)

Diese Zitate zeigen auf, wie wichtig es ist, sich das eigene kritische Denken zu bewahren und insbesondere nicht zu glauben, dass die Mächtigen - ob in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft - unbedingt im Interesse der einzelnen Menschen handeln, sondern zu erkennen, wie diese ihre eigenen Ziele verfolgen, bei denen es meist um die Ausweitung ihrer Macht geht, auch auf Kosten des Friedens. Genauso wie auf andere Weise in "Brave New World" ruft Aldous Huxley auch hier in dieser kurzen Sammlung zeitloser Weisheiten dazu auf, wachsam zu bleiben und sich unermüdlich für das Gute in der Welt und den Frieden einzusetzen. Ein lesenswertes Buch, das den Test der Zeit bestens bestanden hat und heute genauso aktuell ist wie zur Zeit seiner Veröffentlichung - Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 30.11.2025

Vom Kampf um Gerechtigkeit und dem Traum von Schwesterlichkeit

NEMESIS' TÖCHTER
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Nemesis ist die altgriechische Göttin des gerechten Zorns. Von ihr ausgehend spannt die Autorin den Bogen über die römischen Furien (griech. Erinnyen) und die Hexenverfolgungen des Mittelalters und der ...

Nemesis ist die altgriechische Göttin des gerechten Zorns. Von ihr ausgehend spannt die Autorin den Bogen über die römischen Furien (griech. Erinnyen) und die Hexenverfolgungen des Mittelalters und der Neuzeit bis zu Misogynie in der heutigen Zeit mit PickMe-Girls, Chill Girls, Männern, die sich einer Epidemie der Einsamkeit ausgesetzt sehen und Femiziden.

Es ist ein kraftvolles, überzeugtes, persönliches Werk, das sich für modernen Feminismus und Gleichberechtigung einsetzt und betont, dass es bei der so oft verunglimpften weiblichen Wut, "female rage", schon in der Mythologie und auch später eben nicht um eine grundlose Wut geht, sondern um das Eintreten für Gerechtigkeit und Chancengleichheit und gegen Unterdrückung.

Das Buch liest sich sehr lebendig und persönlich und wird insbesondere für jene, die sich noch nicht so viel mit Feminismus auseinandergesetzt haben, viel Neues beinhalten, weil es anhand vieler eingeflochtener geschichtlicher Belege zeigt, wie Weiblichkeit, Frauen und alles, was damit verbunden ist, immer wieder abgewertet wurden.

Besonders mochte ich den zweiten Teil des Buches: etwa im letzten Viertel geht es nach dem historischen Exkurs über Female Rage und Verfolgung von Frauen über weiblichen Zusammenhalt. Die Autorin erzählt von den Bildern und Geschichten von weiblicher Konkurrenz und Missgunst, mit denen so viele der heutigen Frauen noch aufgewachsen wurden, weil das lange die medial vorherrschenden Narrative zu diesem Thema waren. Ausgehend davon zeigt sie aber auch auf, dass das nicht so sein muss, und spricht sich leidenschaftlich für Schwesterlichkeit, weibliche Verbundenheit und gegenseitige Unterstützung aus - sehr schöne Ideale und eine Vision, die ich teile!

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Veröffentlicht am 30.11.2025

Verliert sich in vielen Nebensächlichkeiten

Die Ausweichschule
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"Die Ausweichschule" von Kaleb Erdmann hat es immerhin auf die Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises geschafft. So etwas macht neugierig auf ein Buch. Doch nachdem ich die Lektüre beendet habe, ...

"Die Ausweichschule" von Kaleb Erdmann hat es immerhin auf die Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises geschafft. So etwas macht neugierig auf ein Buch. Doch nachdem ich die Lektüre beendet habe, lässt es mich ratlos rätselnd zurück, wie es dazu gekommen sein könnte. Wenn sich etwas wirklich ganz Besonderes und Preisverdächtiges darin verstecken sollte, dann hat es sich zumindest mir als Vielleserin und geübter Bucheinschätzerin nicht gezeigt. Gegen Ende klingt es auch so, als ob der Autor tatsächlich einen Roman über die Geschehnisse rund um das Attentat an seiner Schule in Erfurt schreiben hätte wollen, der aber von allen Verlagen abgelehnt worden sei.

Hier handelt es sich nun um etwas, das ich kritisch die Überbleibsel aus diesem misslungenen Schreibprozess nennen würde. Mit sehr viel Wohlwollen könnte es etwas Ähnliches wie ein Memoir sein - dafür gibt es für mich aber deutlich zu wenig gelungene Selbstreflexion in diesem Buch. Für mich wirkt es wie ein künstlich konstruierter Versuch, eine Geschichte um etwas zu schreiben, das der Autor ganz am Rande als 11-jähriger mitkommen hat: den Amoklauf in Erfurt. Leider gibt das eigene Erleben des Jungen nicht viel her, das berichtenswert wäre, eben so wenig wie die spärlichen Informationen, die er rund um den Amoklauf zusammenträgt. Vielleicht kann man ihm mit viel Wohlwollen zu Gute halten, dass er nichts erfinden wollte? Geschätzt 70 Prozent des Buches bestehen aber leider aus für mich sehr uninteressant geschilderten Details aus dem Alltagsleben des Autors, viel wird dabei einfach irgendetwas gegessen oder irgendwo herumgegangen. Weder die psychische Befindlichkeit des Autors noch der Amoklauf an sich sind mir durch dieses Buch in irgendeiner Weise näher gekommen. Am ehesten bleiben noch die Referenzen auf andere Autoren im Gedächtnis, die sich an ähnlichem versucht haben: einer nicht zu reißerischen Aufarbeitung realer Mordfälle anhand weniger Details, und die dahinter stehende Frage, ob es zwangsläufig ein langweiliges Buch werden muss, wenn man so wenige Informationen hat und selbst nur ganz am Rande betroffen war.

Vielleicht verbirgt sich in diesem Buch irgendetwas Großartiges, das die Jury des Deutschen Buchpreises erkannt hat und sich vor mir verbirgt. Persönlich tendiere ich zu 2 bis 3 Sternen, wobei ich schon viele bessere Bücher gelesen habe, die ich mit 3 Sternen bewertet habe. Dem Buch nur deshalb 3 Sterne zu geben, weil es ein Buchpreiskandidat war, wäre nicht mehr meine ehrliche Meinung. Also 2 Sterne für ein Buch, aus dem mit Überarbeitung sicher etwas viel Interessanteres werden hätte können - ohne zugleich in die Sensationsberichterstattung zu gehen - es hätte gereicht, wenn der Autor selbst mit seiner Persönlichkeit für mich greifbarer geworden wäre, abseits all der Alltagsbanalitäten.

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Veröffentlicht am 28.11.2025

Bemerkenswert progressiv und empathisch für die Entstehungszeit

Norden und Süden
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"Norden und Süden" ist ein Klassiker, der von seiner Autorin Elizabeth Gaskell im Original ursprünglich als in einer Zeitschrift veröffentlichte Fortsetzungsgeschichte im Jahr 1854 veröffentlicht wurde, ...

"Norden und Süden" ist ein Klassiker, der von seiner Autorin Elizabeth Gaskell im Original ursprünglich als in einer Zeitschrift veröffentlichte Fortsetzungsgeschichte im Jahr 1854 veröffentlicht wurde, ein Jahr später in überarbeiteter Form als Buch herauskam und nun vom Reclam Verlag neu übersetzt in dieser deutschsprachigen Fassung erscheint. Wir befinden uns also zeitlich etwa 12 Jahre, bevor Karl Marx "Das Kapital" veröffentlichte - in der Zeit der Industrialisierung in Großbritannien (und in vielen anderen Ländern), als viele Arbeiterinnen und Arbeiter unter elenden Bedingungen und harter Schufterei ihr kurzes, durch die Arbeit gesundheitlich beeinträchtigtes und verkürztes Leben verbrachten - aber als es insbesondere in der reichen und privilegierten Oberschicht, der so gut wie alle damaligen Autoren und Autorinnen angehörten, noch wenig Empathie und Bewusstsein für die Lage der Arbeiterklasse gab.

Das finde ich vor dem Hintergrund der Lektüre dieses Buches wichtig zu verstehen, denn es handelt sich um ein außergewöhnliches Werk: während viele andere in dieser Zeit entstandene Bücher sich rein auf die Befindlichkeiten der Oberschicht beschränken, nimmt in diesem Buch der Blick auf die Perspektive der unteren Gesellschaftsschichten einen großen Raum ein. Ja, es gibt auch eine Liebesgeschichte, doch die stand zumindest für mich beim Lesen nicht im Vordergrund: viel interessanter war, mitzuerleben, wie die junge Margaret nach ihrem Umzug vom Süden in den Norden reifer und erwachsener wird, während sie sich mit dem schwer kranken Mädchen Bessy aus der Arbeiterklasse anfreundet und mehr und mehr einen Blick für die Perspektive dieses Teils der Gesellschaft entwickelt und deren Lage zu verstehen beginnt, im Norden wie im Süden, wie sich beispielsweise in diesem Dialog zeigt:

„Ich würd gern im Süden leben“, sagte Bessy.

„Nun, auch dort ist nicht alles großartig“, entgegnete Margaret. „Es gibt überall Leid und Kummer. Die Menschen dort müssen körperlich hart arbeiten, wobei sie nur wenig Essen haben, das ihnen Kraft gibt.“

„Aber sie arbeiten draußen“, sagte Bessy. „Un‘ weit weg von dem endlosen, endlosen Lärm und der schrecklichen Hitze.“

„Sie arbeiten manchmal bei schwerem Regen und dann wieder in bitterer Kälte. Ein junger Mensch kann das aushalten, aber ein alter Mann wird von Rheuma geplagt und kann lang vor seiner Zeit nicht mehr gerade stehen. Trotzdem muss er weiterarbeiten, oder es droht ihm das Armenhaus.“ (S. 193)

Auch ein Streik kommt vor und insgesamt sind die Interessensunterschiede zwischen Arbeiterklasse und Unternehmern ein großes Thema, wobei für beide Verständnis gezeigt wird. Aus heutiger Sicht könnte man den Roman in manchen Teilen sozialromantisch nennen, für die damalige Zeit war es aber ein fundamental progressives und außergewöhnlich empathisches Werk.

Es ist ein Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte, besteht es doch aus über 600 dicht beschriebenen Seiten, mit unzähligen Charakteren und Nebenhandlungen. Dass es ursprünglich eine in einer Zeitschrift erschienene Fortsetzungsgeschichte war, merkt man dem Buch durchaus noch an: so ist jedes kurze Kapitel eine kleine Welt für sich und viele einzelne Szenen und Details werden gezeigt. Das macht das Buch bunt und vielfältig, braucht aber auch seine Zeit, um alles zu integrieren und zu verarbeiten.

Stilistisch interessant fand ich die einstimmenden Zitate, die jedem Kapitel vorangestellt werden, so wie beispielsweise dieses hier auf S. 557:

„So wenn ich vergangner Tage,
Glücklicher zu denken wage,
Muß ich stets Genossen missen,
Teure, die der Tod entrissen.

Doch was alle Freundschaft bindet,
ist, wenn Geist zu Geist sich findet;
Geistig waren jene Stunden,
Geistern bin ich noch verbunden.“

Auch daran zeigt sich, dass es ein tiefsinniges Buch ist, das in vielerlei Hinsicht zum Verweilen und Nachdenken anregt, über damalige Zeiten, über die Unterschiede zwischen den sozialen Klassen und über Parallelen zur heutigen Zeit.

Ich kann es allen, die bereit sind, sich die Zeit für diese umfangreiche Lektüre und die tiefergehende Auseinandersetzung mit den erwähnten Themen zu nehmen, nur empfehlen.

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Veröffentlicht am 26.11.2025

Wo wir landen könnten, wenn wir so weitermachen wie bisher

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
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Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft. Schon dieser sehr gelungene Titel, und diese Tatsache, macht neugierig auf das Buch. Wer sind die Mädchen und warum jagen sie Sachen ...

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft. Schon dieser sehr gelungene Titel, und diese Tatsache, macht neugierig auf das Buch. Wer sind die Mädchen und warum jagen sie Sachen in die Luft, was bringt sie dazu? Und wozu führt das alles?

Wir befinden uns in einer dystopischen, vom Klimawandel stark beeinträchtigten Welt in der nahen Zukunft. Genaue Jahreszahlen werden im Buch nicht genannt, doch die heutige Zeit kann nicht so weit weg sein, denn die Mütter der genannten Teenagermädchen sind ungefähr die heutige Generation junger Eltern, dafür gibt es zahlreiche Hinweise, etwa, dass sie die Anfangszeiten des Internets noch miterlebt haben oder dass Eras Tante sich als junge Frau mit Leidenschaft in der Klimabewegung engagiert hat und an Klebeaktionen in Museen beteiligt war. Ich stelle mir also vor, dass wir in den 2030er oder 2040er Jahren sind.

Es scheint der Klimawandel radikal vorangeschritten zu sein in diesem Szenario, es ist sehr heiß, oft kommt es zu Waldbränden, aus Seen und auch aus so einigen tiefer gelegenen Orten sind überflutete Sümpfe geworden, frisches Obst und Gemüse sind Mangelware geworden, ebenso wie leistbarer, sicherer Wohnraum. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist stark gesunken, da insbesondere ältere Menschen die zunehmende Hitze nicht gut vertragen und nur sehr Reiche sich dauerhaft davor mit technologischen Mitteln schützen können. So ist etwa der Großvater (eine der ganz wenigen männlichen Personen in diesem Roman, die überhaupt kurz erwähnt wird) eines der Teenager-Mädchen mit 65 eines Tages einfach tot umgefallen, und mittlerweile erreichen viele nicht einmal mehr dieses Alter. Das Internet und Influencerinnen gibt es aber noch, allerdings spielen sie eine kleinere Rolle als früher, zu fragmentiert ist die Gesellschaft geworden. Auch Polizei oder Regierungen sind nur mehr sehr schwache Institutionen, die gesellschaftlich nicht mehr viel regeln können.

In dieser Welt lebt die Jugendliche Era lebt mit ihrer Mutter, die für ihre Promotion Archivposts von Influencerinnen auswertet, in einem Tiny House im Wald, das sie Hütte nennt. Era selbst fühlt sich der Natur sehr verbunden und beschäftigt sich viel mit mittlerweile ausgestorbenen Tieren (so einige, die es in unserer jetzigen Gegenwart noch gibt), insbesondere mit Vögeln. Zum Glück sind zumindest viele Informationen über diese und der Klang ihrer Singstimmen online archiviert. Vater kommt in diesem Buch keiner vor, wie auch sonst kaum eine identifizierbare männliche Person. Wenn es in dieser Dystopie auch in der aktuellen Zeit, abseits von dem erwähnten verstorbenen Großvater, noch Jungen oder Männer geben sollte, so scheinen sie keine Rolle zu spielen - alle wesentlichen Akteurinnen sind Frauen und sind Single oder in einer lesbischen Beziehung.

Die Hauptfiguren sind Era, deren Hauptbezugspersonen ihre Mutter und deren Schwester sind, letztere wird von ihr einfach "Tante" genannt, sowie die Schwestern Maja und Merle, die Töchter des lesbischen Influencerinnenpaars Diana und Emily, die darunter leiden, von klein auf von ihren Müttern vor die Kamera gezerrt und online vermarktet worden zu sein - der Preis für ein Leben in einem Reichtum, der für die meisten Menschen in dieser Dystopie unvorstellbar erscheint.

Zufällig beobachtet Era die Schwestern Maja und Merle dabei, samstags im Wald verschiedene Sachen in die Luft zu sprengen, lernt die beiden Mädchen kennen und es kommt zu einer Freundschaft und auch zu einer zarten lesbischen Romanze zwischen Era und Maja. Doch Maja birgt in sich tiefe Abgründe, ist sehr verwundet durch ihre Kindheit und fest entschlossen, Rache zu üben und die Dinge für sich richtig zu stellen, um jeden Preis.

Ich habe am Anfang ein bisschen gebraucht, um in das in diesem Buch geschilderte Szenario hineinzufinden und mich gedanklich zu sortieren. Bald hatte es mich aber gepackt und ich habe mit viel Spannung und Interesse weitergelesen. Besonders interessant war für mich die mit vielen Details geschilderte und durchaus realistische vorstellbare Dystopie - ein gedankliches Experiment zu der Welt, in der wir in der nicht so fernen Zukunft landen könnten, wenn einige aktuelle Trends sich so weiterentwickeln: von der Zersplitterung der Gesellschaft über den Klimawandel und die zunehmende Digitalisierung der Welt, aber auch Zeitgeistphänomene wie die Influencerinnen, die aber dann auch wieder an Bedeutung verlieren.

Und wohin mit der Wut der jungen Menschen (hier: der jungen Mädchen) über das, was ihnen angetan wurde, als ihre Zukunft so leichtfertig verspielt wurde, sie einfach schon als kleine Babys ungefragt online gestellt und vermarkt wurden, sie in einer Welt mit so wenigen Kindern leben müssen, die sich kaum für ihre Bedürfnisse interessiert, und gleichzeitig von den älteren Generationen nicht genug darauf geachtet wurde, ihnen eine lebenswerte Zukunft zu bewahren? Wie kann sich diese durchaus gerechtfertigte Wut auf konstruktive oder destruktive Art kanalisieren und wozu führt das? Da sind wir wieder beim in den Wald gehen (solange es einen solchen noch gibt) und Sachen in die Luft jagen.

Es ist eine sehr intelligent konstruierte Mischung aus Dystopie und Coming-of-Age-Roman in einem weiblich dominierten Setting, die uns in der Gegenwart in vielem den Spiegel vorherrscht und zum Nachdenken anregt, aber auch sehr unterhaltsam zu lesen ist.

Insgesamt ist es ein äußerst intelligentes und interessantes Buch, das mich tief berührt und zum Nachdenken gebracht hat und das völlig zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Leseempfehlung für alle, denen unsere Zukunft am Herzen liegt!

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