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Veröffentlicht am 05.02.2026

Eindringlich, poetisch, aufrüttelnd!

Die Routinen
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Möchten Sie ein Buch lesen, wie Sie sicherlich noch keines gelesen haben?

Eines, in dem durch poetische Sprache und ein kunstvolles Umkreisen des Themas aus verschiedenen Perspektiven tief spürbar wird, ...

Möchten Sie ein Buch lesen, wie Sie sicherlich noch keines gelesen haben?

Eines, in dem durch poetische Sprache und ein kunstvolles Umkreisen des Themas aus verschiedenen Perspektiven tief spürbar wird, was alles falsch läuft im weiblichen Leistungssport, gezeigt am Beispiel des Geräteturnens?

Und sind Sie bereit, sich dafür auf ein anspruchsvolles, nicht linear erzähltes Werk einzulassen, das dafür aber mit einem ganz besonderen Leseerlebnis belohnt und gleichzeitig bildet und aufrüttelt?

Dann könnte "Die Routinen", das Romandebüt von Son Lewandowski, etwas für Sie sein. Es war für mich kein Buch, das inhaltlich schön zu lesen war (dafür ist das Thema zu aufwühlend), dafür habe ich die besondere Sprache umso bezaubernder gefunden.

Hier ein paar Zitate, die das veranschaulichen. Ich hätte aber auch jede beliebige Seite in dem Buch aufschlagen und ähnlich prägnante Formulierungen finden können, denn das ganze Buch ist voll davon:

"Und manchmal sind die Unfälle wirklich tragisch, aber sie sind nicht so tragisch, dass sich etwas verändern müsste. Sie sind nicht so tragisch, dass die Kampfrichter:innen ihre Bewertungsbögen beiseitelegen, aufstehen, zu dem Schwebebalken laufen, ihn abbauen und wegtragen. Hier wissen alle, worauf sie sich einlassen, denn dieser Ort ist kein Spielplatz mehr und zu jedem Element, das erfunden wird, wird der Unfall gleich miterfunden. Darauf haben wir uns geeinigt. Ein Kind, das manchmal bricht." (S. 51)

"Vera Caslavska gilt als die letzte große Turnerin, die eine Frau war. Bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt tritt sie ein letztes Mal an, da ist sie sechsundzwanzig Jahre alt. Mit ihr verschwindet eine Frau, die nicht nur turnte, sondern die Bühne der Olympischen Spiele auch gezielt für den politischen Protest nutzte.
Aber in der Umkleide der Geschichte warten schon, bumm bumm, Kinder, und machen sich bereit. Blauäugig sollen sie sein, von der Mutter die Augen.
Wer von euch kann ein Rad und wer von euch kann die Hymne mitsingen?
Sie sagen Mädels zu uns, wir sind Maschinen. Sie sagen Mädels zu uns, was sollen wir dagegen sagen? Wir sind Kinder, werden Kinder bleiben, und wenn wir uns wehren, holen sie ein neues Kind, das so lange Kind bleiben muss, wie es kann. Was sollen wir tun, außer zu turnen? Wir haben den Protest nie gelernt, denn so waghalsig unsere Körper auch aufgezogen werden, so zurückhaltend wächst der Rest." (S. 102)

„Wir sollen uns nackt fühlen, in jeder Pose. Man soll uns sehen, um jeden Preis. Wir machen uns übersichtlich, die Kleidung knapp, jede Bewegung gleich zu fassen und nach Vorschrift.“ (S. 130)

Diese eindringlichen Zitate zeigen schon, worum es im Kern des Buches geht und was die Autorin durch ihre Darstellung anprangert: Kinder weit vor der Pubertät kommen in die Mühlen des Leistungsturnens, werden dort erniedrigt, objektifiziert, verletzt, gebrochen, gedemütigt und oft genug auch sexuell missbraucht.

Das Buch weist eine besondere, stückhafte Erzählweise auf: es gibt die Ebene der fiktiven Turnerin Amik, die mit 32 Jahren am Ende ihrer Turnlaufbahn angekommen ist, zurückblickt, und eine seltsame, entfremdete Beziehung zu ihrer halb so alten Zimmergenossin Izzy aufweist.

Unterbrochen wird diese Geschichte von vielen historischen Einschüben und Informationen zur Geschichte des weiblichen olympischen Geräteturnens, in denen sich die ungute Entwicklung in diesem Bereich ebenfalls spiegelt und die zeigen, dass das, was Amik und Izzy erlebt haben, eben keine ausgedachten Einzelfälle in einem Roman sind, sondern dass diese Problematiken System haben im Leistungssport - vermutlich nicht nur im Geräteturnen.

Es ist ein subtil tief feministisches Werk, das die Missstände aufzeigt, unter denen ganz besonders Mädchen und Frauen in diesem Bereich zu leiden haben. All die Beispiele von Entfremdung und Missbrauch auf allen Ebenen sind zutiefst überzeugend. Man merkt, dass hier eine Autorin schreibt, die nicht nur sehr talentiert darin ist, sprachlich die Dinge auf den Punkt zu bringen, sondern auch weiß, wovon sie spricht: sie hat selbst Erfahrung in diesem Bereich und außerdem akribisch recherchiert, wie die ausführliche Bibliographie im Anhang zeigt.

Mir hat dieses Buch äußerst erhellend einen mir bisher unbekannten Bereich menschlicher Erfahrung nicht nur intellektuell, sondern auch emotional nahegebracht und es wird sich in die Liste der Werke einreihen, die ich sicher niemals komplett vergessen werde. Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich darauf einzulassen! Möge es auch die erreichen und sensibilisieren, die am nächsten dran und dadurch am besten in der Lage sind, an den Missständen in diesem Bereich etwas zu verändern: für Sport frei von Demütigungen und Missbrauch!

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Veröffentlicht am 04.02.2026

Interessanter Genremix als Abschiedswerk

Abschied(e)
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Der renommierte, mit einem Booker Prize ausgezeichnete, Schriftsteller Julian Barnes muss sich und anderen im reifen Alter von knapp 80 Jahren nichts mehr beweisen. Er kann einfach ein Buch ganz nach seinem ...

Der renommierte, mit einem Booker Prize ausgezeichnete, Schriftsteller Julian Barnes muss sich und anderen im reifen Alter von knapp 80 Jahren nichts mehr beweisen. Er kann einfach ein Buch ganz nach seinem Geschmack schreiben, das kein durchgängiger Roman sein muss, auch kein Memoir und keine Kurzgeschichtensammlung, sondern einfach ein bisschen von diesem und ein bisschen von jenem, und insgesamt ganz viel Abschied, insbesondere von seinen treuen Leserinnen und Lesern.

Man beachte: bei diesem Buch steht auch auf dem Cover nicht das Wörtchen "Roman", wie auf so vielen anderen Büchern. Und es ist tatsächlich auch keiner. Das Buch beginnt mit recht philosophischen Gedanken des Autors zum Thema Erinnerungen, autobiografische Erinnerungen, spezifisch sogenannte IAMs, Involuntary Autobiographical Memories, im Englischen erinnert die Abkürzung an unsere Identität.

Von welchen Erinnerungen werden Menschen plötzlich eingeholt, an was erinnern sie sich bewusst und was bleibt im Verborgenen? Was bedeutet das für die Geschichte(n), die sie erzählen? Und was wäre, wenn wir uns an absolut alle Momente unseres Lebens erinnern könnten? Barnes denkt über Menschen nach, die nach Verletzungen so ein Gedächtnis haben, über Synästhetiker und über das, was berichtenswert ist oder nicht. Durchaus interessante Gedanken, allerdings habe ich mich beim Lesen gefragt, wann denn nun tatsächlich eine Erzählung losgeht.

Eine solche kündigt Barnes an und diese folgt dann auch, im Grunde sogar mehrere: einen großen Teil in der Mitte des Buches nimmt seine autobiografische Erfahrung mit seiner Krebserkrankung ein: Barnes leidet an einem Krebs, der nach Angaben der Ärztinnen und Ärzte nicht heilbar, aber beherrschbar ist, und so erwartet er, zwar nicht an ihm, aber mit ihm zu sterben, irgendwann in der unbekannten Zukunft. Eingebettet ist diese Erzählung in seine nicht vorhandene Spiritualität und seine Erwartung, dass es nach dem Tode nichts geben würde, mit der er scheinbar recht gelassen umzugehen scheint.

Nach dieser persönlichen Geschichte erzählt Barnes eine von guten Freunden von ihm, einem Mann und einer Frau, die als junge Menschen ein Paar waren, sich dann aus den Augen verloren haben und Jahrzehnte später kurz wieder zusammen gekommen sind. Es geht um die Geschichte dieser Menschen, die mittlerweile verstorben sind und denen er zu Lebzeiten versprochen hat, nicht über sie zu schreiben (wenn dieses Element denn nicht auch fiktiv ist). Aber es geht auch um das Thema, ob sich etwas Altes wieder aufwärmen und vielleicht sogar erneuern lässt, und auch um Geschichten mit Anfang und Ende, denen die Mitte fehlt.

Auf den letzten Seiten wird es wieder persönlich und hier nimmt sich Barnes ausführlich Zeit für einen persönlichen Abschied von seinen Fans.

Ich habe den Inhalt dieses Buches so ausführlich beschrieben, weil es eben aus für mich sehr unterschiedlichen Inhalten, Schreibweisen und Genres zusammengesetzt ist, die durch übergreifende Themen wie Identität, Rückblick und Abschied verbunden sind.

Für mich war dieses Buch das erste von diesem Autor und ich habe mir durchaus einige interessante Impulse zum weiteren Nachdenken mitnehmen können. Insgesamt habe ich mich aber nur zum Teil als Zielgruppe dieses Werks gefühlt und hatte den Eindruck, dass es sich überwiegend an erfahrene Barnes-Leserinnen und -Leser wendet und für diese noch einmal ein persönlicher Abschied sein soll, denn wenn man seiner Ankündigung glaubt, wird es das letzte Buch des Autors gewesen sein.

Wer sich für dieses Buch näher interessiert, dem empfehle ich, für die Kaufentscheidung nicht nur in die ersten Seiten, sondern an verschiedenen Stellen hineinzulesen, da es sich, wie gesagt, um ein Buch handelt, das aus ganz unterschiedlichen Elementen zusammengesetzt ist.

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Veröffentlicht am 03.02.2026

Ein stilles Buch über Heimat und Fremd-Sein

Menschen wie wir
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In ihrem autofiktionalen Roman "Menschen wie wir" erzählt die Autorin von dem Leben ihrer Familie zwischen Vietnam und Deutschland. Zuerst ist der Vater für 7 Jahre als Gastarbeiter in die DDR gezogen ...

In ihrem autofiktionalen Roman "Menschen wie wir" erzählt die Autorin von dem Leben ihrer Familie zwischen Vietnam und Deutschland. Zuerst ist der Vater für 7 Jahre als Gastarbeiter in die DDR gezogen und war in dieser Zeit nur einmal für einen Monat zu Besuch bei Frau und Kind in Vietnam. Später konnten dann die Autorin und ihre Mutter auch nach Europa ziehen, in das mittlerweile wiedervereinigte Deutschland.

In vielen kleinen Szenen geht es um Kindheitserinnerungen in Vietnam, Ankommen und Aufwachsen in Deutschland, Fremd-Sein und woanders heimisch werden - auch im Unterschied zur später schon in Deutschland geborenen Schwester, die wiederum ein anderes Verhältnis zu den beiden Ländern hat. Das alles in verschiedenen Zeitperioden, die sich von 1988 über 2002 und 2011 bis zum Herbst 2020 erstrecken. Es findet sich so einiges Interessantes in dem Buch, zum Beispiel auch Songtexte vietnamesischer Volkslieder, in denen es ebenfalls um die Liebe zur Heimat geht, und viel über kulturelle Unterschiede und Zuschreibungen.

Wenn man noch nicht viel über Vietnam und die vietnamesische Kultur weiß, lässt sich ein erstes Gefühl dafür in diesem Buch bekommen. Gefehlt hat mir aber ein bisschen ein durchgängiger roter Faden und Spannungsbogen, zwar waren viele einzelne erzählte Details durchaus interessant, aber so richtig einen Sog zum Weiterlesen hat das Buch bei mir nicht ausgelöst.

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Veröffentlicht am 29.01.2026

Über die Risse hinter der scheinbar heilen Fassade

Alle glücklich
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Nach ihrem Vorgängerbuch "Die Nacht der Bärin", das auf eindrückliche Art die Dynamik häuslicher Gewalt thematisierte, behandelt die Autorin Kira Mohn nun auch in diesem Werk wieder wichtige Themen der ...

Nach ihrem Vorgängerbuch "Die Nacht der Bärin", das auf eindrückliche Art die Dynamik häuslicher Gewalt thematisierte, behandelt die Autorin Kira Mohn nun auch in diesem Werk wieder wichtige Themen der Gegenwart. Es geht um eine scheinbar heile Familie, die gut situiert ist und auf den ersten Blick alles hat: Vater Alexander hat es in einer Klinik zum Chefarzt gebracht. Zwar schafft er es nur selten rechtzeitig zum gemeinsamen Abendessen nach Hause und auch die Wochenenden sind oft voll Arbeit, doch liebt er seinen Job und ist stolz darauf, für seine Familie so einen Wohlstand geschaffen zu haben. Mutter Nina hat ursprünglich auch Medizin studiert, doch als sich nach Schreibaby Ben dann auch noch Töchterchen Emilia ankündigte, schaffte sie es nicht mehr, das Studium erfolgreich zu beenden, sodass sie heute Teilzeit als Ordinationsassistentin in einer Arztpraxis arbeitet. Die mittlerweile 16-jährige Emilia ist verliebt in ihren ersten Freund Julian, ihr 19-jähriger Bruder Ben studiert unambitioniert vor sich hin und macht beim Computerspielen die Nacht zum Tag. Und wenn man genauer hinschaut, zeigen sich so einige Risse in der Fassade der so heil wirkenden Familie. Ist irgendeines der vier Familienmitglieder wirklich glücklich? Und womit hängen ihre Schwierigkeiten zusammen?

In unterhaltsamer und zugänglicher Sprache lässt uns die Autorin die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive aller vier Familienmitglieder erleben. Dabei entwickeln sich alle vier Handlungsstränge immer mehr in Richtung Eskalation. Das Buch regt durchaus zum Nachdenken über aktuelle gesellschaftspolitische Themen und deren Schattenseiten an. Es geht unter anderem um mangelnde Wertschätzung von Care-Arbeit, um beruflichen Aufstieg und seinen Preis im Familienleben, um den drastischen Einschnitt, wenn aus einem Paar eine Familie wird, um Frauen, die sich bemühen, ihre Söhne progressiv zu erziehen, in einer Welt, in der auch bei der Partnerwahl nach wie vor oft anderes geschätzt wird und es die nicht so einfühlsamen, aber "cool" wirkenden jungen Männer bei den jungen Frauen oft leichter haben, und um vieles mehr. Wie in so vielen momentan neu erscheinenden Romanen gibt es auch hier wieder eine lesbische Liebesbeziehung, das scheint derzeit Programm zu sein. Das Ende kam für mich etwas abrupt, da hätte ich mir durchaus gewünscht, dass so einiges noch weiter auserzählt worden wäre.

Insgesamt ist es ein leicht lesbares, unterhaltsames und gleichzeitig zum Nachdenken anregendes Buch, das ich insbesondere einer modernen, progressiv eingestellten Leserschaft empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 28.01.2026

Eine feinsinnige Seelenerkundung einer Frau Anfang 60 an einem Wendepunkt

Die Liebe, später
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Es ist ein besonderes Glück, mit einem Werk der Literatur tief und authentisch in Lebenswelten, Alter und Lebensphasen abtauchen zu können, die man selbst noch nicht kennt, die jedoch so tiefsinnig und ...

Es ist ein besonderes Glück, mit einem Werk der Literatur tief und authentisch in Lebenswelten, Alter und Lebensphasen abtauchen zu können, die man selbst noch nicht kennt, die jedoch so tiefsinnig und sensibel geschildert werden, dass man sich den betreffenden Personen ganz nah fühlt, als wäre man in ihnen drinnen, in ihrem Kopf und in ihren Herzen. Ich selbst bin zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Rezension erst 40 Jahre alt, doch interessiere ich mich für das Erleben und die Weisheit von Menschen in allen Lebensphasen.

Hier nun erzählt eine Autorin, die selbst Anfang 60 ist, von Kora. Kora, die bis vor kurzem so ein aktives Leben als Journalistin lebte, glücklich seit Jahrzehnten verheiratet mit Anselm, kinderlos, und bisher sehr beschäftigt mit ihrem Berufsleben. Für die Rente gab es gemeinsame Träume, doch die schienen eine noch nicht ganz so nahe Zukunft zu betreffen: bis Kora durch eine lebensbedrohliche Herzerkrankung samt Operation und Reha, beruflich gefolgt von einem Aufhebungsvertrag, genötigt wird, sich mit dem Thema eventueller vorzeitiger Ruhestand zu befassen. Das setzt eine ganze Kaskade an großen Lebensfragen in Gange: wie hat sie ihr Leben bisher gelebt? Wie blickt sie darauf zurück, wie ordnet sie bisherige Entscheidungen, Beziehungen, Beziehungsenden und Lebenswendungen im Nachhinein ein? Worüber ist sie glücklich, was bedauert sie? Und wie steht es eigentlich mit ihrer Beziehung mit Anselm, der - ein paar Jahre älter als sie - nun schon im Ruhestand ist und am liebsten den gemeinsamen Ruhestand genießen möchte? Was verbindet die beiden noch, und ist es genug, sie über die nächsten Jahrzehnte in Richtung höheres Alter miteinander zu tragen?

Es gibt zwei große Erzählstränge: einer, der von verschiedenen Episoden jener Kora handelt, die sich nach Operation und Rehabilitation tapfer zurück ins Leben und in die Funktionsfähigkeit gekämpft hat, und sich fragt, wie es nun weitergeht, mit ihrem Leben, ihrer privaten und beruflichen Zukunft, mit ihrer Beziehung mit Anselm. Und ein weiterer, "Orionzeit" genannt, in dem es speziell um Kora direkt in der Zeit der Herzoperation und unmittelbar danach geht.

Sprachlich ist das Buch äußerst sensibel und feinsinnig verfasst, mit einer tiefgreifenden Weisheit. Nicht nur fühlt man sich Kora sehr nahe, sondern es lädt auch dazu ein, über die großen existenziellen Fragen des Lebens, aber auch über die scheinbar kleineren Fragen unseres Alltags, unserer Begegnungen mit anderen Menschen, mit Freundinnen und Freunden, Kollegen und Kolleginnen, und unsere Partnerschaften nachzudenken. Darüber, was Nähe und Intimität ausmacht, und wo Lügen und Verschweigen beginnen, dazu beizutragen, Menschen voneinander zu entfernen. Ob und was sich wieder reparieren lässt in Beziehungen. Über natürliche Zyklen von mal mehr Nähe, mal mehr Distanz, über das Sich-Miteinander-Einrichten in einem gemeinsamen Leben in einer bestimmten Lebensphase und über das, was sich neu justieren und anpassen muss, wenn sich etwas Grundlegendes ändert. Die Autorin hat ein meisterhaftes Verständnisses für die menschliche Psyche und ihre Tiefen und schafft es, diese großartig und vielfältig in Worte zu fassen.

Insgesamt geht dieses fantastische Buch über gute Unterhaltung weit hinaus, weil es so tiefgreifende Lebensfragen stellt, die für Menschen jeglichen Alters, aber insbesondere für alle, die sich schon bereit für eine tiefere Reflexion des bisherigen und vielleicht noch kommenden Lebens fühlen, existenziell sind. Außerdem fördert es Empathie mit Menschen gegen Ende ihrer beruflichen Laufbahn und am Beginn ihres Ruhestandes und für solche nach lebensbedrohlichen Ereignissen.

Besonders gefallen wird dieses Buch jenen, die die Zeit und Ruhe haben, sich tief auf psychische Prozesse einzulassen. Das Buch lebt auch von seiner Tiefe und seinem ruhigen Tempo. Ich habe dieses tiefgründige Buch sehr geliebt und es wird mich gedanklich und emotional sicher noch lange begleiten.

Sehr empfehlenswert ist auch die Hörbuchversion, die sehr feinfühlig und authentisch vorgetragen wird, von einer Sprecherin mit einer angenehmen Stimme und einer passenden Modulation je nach Person und Stimmung, sodass sie einen auch akustisch tief in Koras Psyche, Erleben und Begegnungen mitnimmt.

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