Viele interessante Fakten, doch (für meinen Geschmack) zu wenig Emotion
Joan Didion und wie sie die Welt sah"Worte überdauern."
Der Klappentext dieser Biografie las sich so mitreißend und interessant, dass ich unbedingt mehr über die mir bis dato unbekannte Journalistin, Chronistin und (Drehbuch-)Autorin mit ...
"Worte überdauern."
Der Klappentext dieser Biografie las sich so mitreißend und interessant, dass ich unbedingt mehr über die mir bis dato unbekannte Journalistin, Chronistin und (Drehbuch-)Autorin mit dem klangvollen Namen Joan Didion erfahren wollte, zumal ich in den vergangenen Monaten wahre Glückstreffer mit biografischen Werken gelandet hatte.
"Wir wissen viel über Joan Didion, die Intellektuelle, die Ironikerin, den Goth, die trauernde Witwe und Mutter. Weniger bekannt ist uns dagegen von dieser anderen Joan, der Frau, die gepresste Blumen verschenkte, warmherzige Dankeskarten an alte und neue Freunde schrieb. Herzen berührte."
Die Literaturwissenschaftlerin Evelyn McDonnell zeichnet ein gleichermaßen ansprechendes wie mystisches Portrait dieser faszinierenden Persönlichkeit und lässt dabei sowohl die Ergebnisse ihrer akribischen Recherche sowie ihre persönlichen Empfindungen mit einfließen. Insbesondere Joans Gespür für Worte, ihre ansprechenden, aufrüttelnden journalistische Texte beeindruckten mich.
"Für ihren ersten Kriminalbericht wählte Didion interessanterweise den Fall einer Frau, die ihren Ehemann umbringt. [...] Tatsächlich sind auch die Hauptfiguren in Didions Romanen allesamt weiblich. [...] diese Frauen sind keineswegs heldenhaft oder auch nur liebenswert. Sie sind vielmehr Antiheldinnen, Menschen mit Fehlern, die weder vergöttert noch verleumdet werden - weder Madonnen noch Huren. Joan beschrieb Frauen so, wie sie sie sah und wie sie sich selbst sah [...]."
Oftmals kryptisch in ihren Formulierungen und von einer geheimnisvollen Aura umgeben, blieb Joan selbst für die Menschen in ihrem direkten Umfeld irgendwie ein Rätsel. Fest steht: Sie verachtete Schubladendenken und stereotypische Ansichten und Darstellungen, und ging mit einem bemerkenswerten Kampfgeist durchs Leben, der mich schwer beeindruckte.
"Didion mochte aussehen wie ein Mäuschen, doch sie hatte den Mut eines Löwen und war nie jemand, der sich bei Gefahr verkriecht.Sie ging durch die Welt wie eine Frau vom zweifachen ihrer Größe, reiste alleine, besuchte Kriegsgebiete, interviewte Rockstars, stellte sich Politikern."
Sie ließ sich durch nichts und niemanden von ihrer Mission abschrecken. "Als Frau ist man immer Zielscheibe für Gewalt, das ist einer der wesentlichen Punkte des Feminismus."
Auch nach der Lektüre des vorliegenden Werkes hatte ich das Gefühl, nur einen Bruchteil von Joan kennengelernt zu haben, so vielschichtig war ihr Wesen. Vielleicht ist genau das meine abschließende Erkenntnis. - "Man sieht in ihr, was man sehen will; sie ist eine Leinwand, auf die wir uns selbst projizieren können."
Fazit:
Solide recherchiert und voller Fakten zu Didions Schaffen, doch der menschliche Aspekt - die emotionale Ebene - kam mir einen Hauch zu kurz. Ich hätte gerne noch mehr gefühlt statt 'nur' erfahren. Für alle, die sich erstmals über Joans Leben informieren möchten, stellt das Buch gewiss einen guten Einstieg in die Thematik dar.