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Veröffentlicht am 11.08.2025

Konnte mich leider nicht überzeugen

Onigiri
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Yuko Kuhn erzählt in ihrem Roman „Onigiri“ die Geschichte der Ich-Erzählerin Aki, deren Mutter vor 50 Jahren aus Japan nach Deutschland kam und mit dieser sie nun noch einmal eine Reise in ihre Heimat ...

Yuko Kuhn erzählt in ihrem Roman „Onigiri“ die Geschichte der Ich-Erzählerin Aki, deren Mutter vor 50 Jahren aus Japan nach Deutschland kam und mit dieser sie nun noch einmal eine Reise in ihre Heimat antreten möchte. Die Mutter ist an Demenz erkrankt und kann sich kaum merken, dass ihre eigene Mutter vor einem halben Jahr verstorben ist. Aki sieht die letzte Chance, mit ihrer Mutter noch einmal die Familie in Japan zu besuchen.

Inhaltlich dreht sich der Roman viel weniger um die neuntägige Reise nach Kobe in Japan sondern vielmehr um Erinnerungen aus der Kindheit von Aki als auch Erzählungen ihrer Mutter und ihres Vaters, wie die Mutter als junge Frau in Deutschland ankam und sich hier ein Leben aufgebaut hat. Es geht um das Aufwachsen als Halbjapanerin in Deutschland mit Großeltern, die aus der Oberschicht stammen und die japanische Frau ihres Sohnes nie richtig akzeptierten. Die Reise dient hier nur als nebensächliches Vehikel, um Erinnerungen aufleben zu lassen.

Leider war mir der Erzählstil der Autorin zu verworren und wie in einem Zettelkasten zusammengeworfen. Handelt die eine Erinnerungsanekdote noch von diesem Thema über zehn, zwanzig Zeilen hinweg, geht es in der nächsten Anekdote schon wieder um etwas anderes. Auch weiß man häufiger nicht so richtig, ob man sich jetzt in der Gegenwart oder der Vergangenheit befindet. So war mir manchmal auch nicht gleich klar, ob jetzt etwas über die Großmutter von Aki erzählt wird, über ihre Mutter oder sie selbst. Gleichzeitig macht es der Schreibstil der Autorin schwer, inhaltlich zu folgen. Sie verzichtet nicht nur auf Anführungszeichen bei der direkten wörtlichen Rede sondern fädelt diese auch merkwürdig in die Sätze ein. So entstehen unnötige Bandwurmsätze wie diese hier:

„Als wir in Deutschland ankommen, ist es sehr früh am Morgen und noch dunkel, im Taxi versteht meine Mutter nicht, wo sie ist, sie hat keine Vorstellung mehr von dem Ort, an dem sie lebt, darf ich zu dir kommen, Aki, fragt sie, und ich sage, natürlich, Mama, wir fahren erst mal zu mir und du kommst in Ruhe an, später bringt Kenta dich nach Hause.“

oder

„Beim Abendessen sitzt meine Mutter mir gegenüber am Esstisch, Aki, darf ich diesen Tee trinken, fragt sie mich und zeigt auf ihre Tasse, dann verschwindet sie plötzlich unter dem Tisch, um einzelne angetrocknete Reiskörner, die an den Kinderstühlen und auf dem Boden kleben, einzusammeln, sie ist immer aufs Neue entsetzt darüber, wie es bei uns nach dem Essen aussieht, ihr Kopf taucht wieder oberhalb der Tischkante auf, überrascht über meinen Anblick lacht sie mich an und ich freue mich einfach nur darüber, dass sie da ist.

Inhaltlich zeichnet die Autorin sicherlich ein gutes Bild von einer demenzerkrankten Person, die anfängt, sich in der Welt nicht mehr zurechtzufinden. Aber sprachlich konnte mich der Roman einfach gar nicht überzeugen. Ich habe mich durch diese 200seitige Aneinanderreihung von beschreibenden Sätzen gequält und auch ungewöhnlich lang am Buch gelesen. Zehn Seiten kamen mir gefühlt häufiger wie 50 Seiten vor. Immer wieder war ich erschrocken, dass ich wieder „nur“ 20 Seiten geschafft habe, obwohl es sich wie 100 anfühlte.

Eigentlich mit großen Interesse in die Lektüre gestartet, konnte ich keinerlei Verbindung zu den Protagonistinnen aufbauen und habe auch keine Emotionen wahrgenommen, sodass ich insgesamt das Buch einfach nicht gern gelesen habe. Schade.

2,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Dieses Buch ist alles andere als ein Superbuch

Nenn mich einfach Superheld
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Alina Bronsky ist in den vergangenen Jahren durch ihre witzig-bösen Romane bekannt geworden. Dieses etwas ältere Werk von 2013 ist davon meilenweit entfernt. In der abstrusen Geschichte hangelt sich der ...

Alina Bronsky ist in den vergangenen Jahren durch ihre witzig-bösen Romane bekannt geworden. Dieses etwas ältere Werk von 2013 ist davon meilenweit entfernt. In der abstrusen Geschichte hangelt sich der jugendliche Protagonist, dessen Gesicht von einem Rottweiler, ein Jahr bevor die Handlung einsetzt, zerfetzt wurde, von einer Pseudo-Selbsthilfegruppe für behinderte Jugendliche, zu Gruppenausflug, zu Beerdigung. Viel besser lässt sich die Handlung nicht zusammenfassen, denn es hat den Anschein, als ob sich gar nicht erst die Mühe gemacht wurde, einen anständigen Plot zu entwerfen. Da ich niemandem das "Lesevergnügen" spoilern möchte, bleibt es bei dieser skizzenhaften Handlungsbeschreibung. Aber keine Angst, viel mehr gibt es auch gar nicht zu berichten.

Dem Buch mangeltes es an Vielem und das hinten und vorne. Der Plot ist, wie gesagt, nicht existent bzw. ergibt keinen Sinn, die Figuren sind flach bis gar nicht entworfen, die Beziehungen untereinander entbehren jeder Tiefe. Keine der Figuren und deren Verhalten nehme ich der Autorin ab. Keine der Beschreibungen im Klappentext trifft auf dieses Buch zu: "Rasend komisch und herzzerreißend, traurig, niemals weinerlich, aber immer wieder herrlich böse." Böse ist allenfalls das Cover des Buches. Auf den ersten Blick weckt es das Interesse, auf den zweiten und mit Blick auf die Geschichte, in der mehrfach ein Rottweiler als "Übeltäter" erwähnt wird, entpuppt sich selbst das Cover als Pfusch. Auf selbigen sieht man nämlich einen American Staffordshire Terrier in der Silhouette. Und nicht nur dort, auch am Anfang jedes Kapitels. Problem: 1. Es ist kein Rottweiler, 2. Es bedient das Klischee des gefährlichen Kampfhundes "Staff". Schade.

Insgesamt fragt man sich bei der Lektüre, ob die Autorin einfach nur auf den "The Fault in Our Stars"-Zug ein Jahr nach dessen Veröffentlichung in 2012 mit einem humoristischen, deutschsprachigen Pendant aufspringen wollte. Als einzigen Pluspunkt für das Buch ist mir nach längerem Überlegen lediglichzusammenaddiert die beiden "Halbpunkte" eingefallen, dass ich bei der Lektüre nicht eingeschlafen bin (immerhin) und innerhalb von einem Tag durch war (ebenso immerhin).

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Das Cover ist Programm

Die Gespenster von Demmin
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Der Trauerschwan auf dem Cover (eine wunderbare Zeichnung) macht das Programm für dieses Debüt klar: Hier geht es um Trauer, und das über mehrere Generationen hinweg. Denn so wie der Trauerschwan sein ...

Der Trauerschwan auf dem Cover (eine wunderbare Zeichnung) macht das Programm für dieses Debüt klar: Hier geht es um Trauer, und das über mehrere Generationen hinweg. Denn so wie der Trauerschwan sein schwarzes Federkleid an alle seine Nachkommen weitergibt, so wird im Ort Demmin die Trauer bzw. das Trauma weitergegeben. Verena Keßler verwebt gekonnt die historische Vorlage des Massenselbstmords im Ort Demmin zum Ende des Zweiten Weltkrieges mit der Geschichte eines 15jährigen Mädchens.

Obwohl das Thema tonnenschwer klingt, ist das Buch keineswegs derartig geschrieben. Flott - statt in einem schleppenden Trauermarsch - liest man durch diesen Roman und fiebert mit der jungen Protagonistin mit. Geschickt stellt die Autorin der aus der Ich-Perspektive des Mägchens "Larry" in wechelnden Kapiteln die aus der personalen Perspektive erzählten Kapitel über die Nachbarin, welche den damaligen Massenselbstmord als junges Mädchen überlebt hat, gegenüber. So erfahren wir Stück für Stück mehr über den historischen Hintergrund des Ortes und dessen Bewohner. Ich habe dieses Buch wirklich sehr gern gelesen. Da mir die Hintergrundgeschichte bereits bekannt war, hatte ich mir noch mehr Details erhofft. Wenn man den Roman aber ohne diesen vielleicht zu hohen Anspruch liest, ist er wirklich ein ganz großartiges Debüt geworden.

Mir war es letztendlich ein wenig zu viel Jugendroman, aber das ist Geschackssache. Deshalb auch "nur" die 4,5 Sterne für diese ansonsten im Gesamtpaket mit dem Cover wirklich sehr empfehlenswerte Veröffentlichung.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Eine Erzählung über eine Krebsbehandlung in New York und "Heilung" in Myanmar

Alles zählt
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In ihrem stark autobiografischen Roman begibt sich Verena Lueken zurück nach New York, dem Ort, der ihre innere Heimat beherbergt. Ohne viel Pathos aber mit vielen (pop-)kulturellen und literarischen Querverweisen ...

In ihrem stark autobiografischen Roman begibt sich Verena Lueken zurück nach New York, dem Ort, der ihre innere Heimat beherbergt. Ohne viel Pathos aber mit vielen (pop-)kulturellen und literarischen Querverweisen beschreibt die Autorin die Überwindung eines dritten Lungenkrebsausbruchs. Gemeinsam mit der Protagonisten, welche keinen Namen trägt, die wir nur als "sie" kennenlernen, streift die Leserin durch einen überhitzten New Yorker Sommer, erfährt Gedanken zum Sterben und über bereits Verstorbene aus dem Leben der Protagonistin.

Diese Erzählung liest sich nicht immer - eigentlich erst zum Ende hin - einfach. Dies mag nicht nur am bleischweren Inhalt liegen, sondern auch an der personalen Erzählperspektive über "sie". Denn gerade, wenn "sie" über die Beziehung zu ihrer verstorbenen Mutter sinniert, wird es oft schwer, auseinander zu halten, welche Gedanken, Sätze und Gefühle nun zu "ihr" der Protagonistin oder zu "ihr" der Mutter gehören. Auch die genutzten Abkürzungen von Vornamen wichtiger Personen aus dem sozialen Umfeld, reduziert auf einen Buchstaben, macht ein Verstehen der komplizierten Familienverhältnisse schwerer, als es sein müsste. Hat man sich dort hindurch gearbeitet, arbeitet man sich gemeinsam mit der Protagonistin durch die strapaziöse Schmerztherapie. Diese gibt die Autorin sehr gut wieder und es verstärkt sich der Eindruck, dass diese Erzählung ohne den autobiografischen Hintergrund so nicht hätte entstehen können. Vor allem der dritte Teil des Romans mit einer Begegnung in Myanmar gibt ihm ein sowohl inhaltliches wie auch stilistisch leichteres Ende.

Insgesamt handelt es sich um eine nicht immer leichte, aber solide Geschichte über das Sterben und dann doch Überleben. Wer sich dafür interessiert, wird hier sicherlich eine interessante und anspruchsvolle Lektüre finden. Für Einsteiger scheint mir der Roman nicht geeignet. Man braucht Zeit dafür trotz knapper 200 Seiten, aber diese lohnt sich. Und wie die Autorin selbst im Buch schreibt: "Sterbebücher neigen dazu, kurz zu sein. Die meisten Schriftsteller fangen spät damit an, da wird die Zeit, sie zu schreiben, oft knapp. ... Tote schreiben keine Bücher, und so war es ihr recht, mit den Sterbenden so nah es ging an diesen Augenblick im Leben aller Menschen heranzurücken. In der Vorstellung und in Gedanken." Dies tun wir mit dem vorliegenden Buch ebenso.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Diese Rezension wird Ihr Leben verändern! (Lesen Sie jetzt, was Sie im Buch erwartet...)

QualityLand 2.0 (QualityLand 2)
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Gewohnt witzig beschreibt Marc-Uwe Kling in seiner Fortsetzung für seine erste lustige Dystopie "Qualityland" eine nicht ganz so ferne Zukunft, in der die Technik und der Kapitalismus das Leben der Menschen ...

Gewohnt witzig beschreibt Marc-Uwe Kling in seiner Fortsetzung für seine erste lustige Dystopie "Qualityland" eine nicht ganz so ferne Zukunft, in der die Technik und der Kapitalismus das Leben der Menschen bestimmen. Die Handlung setzt dabei nur kurze Zeit nach dem ersten Teil ein, sodass es sich auch gut anbietet, den ersten gleich vorher noch einmal zu lesen.

Dies braucht man jedoch nicht, da Kling durch die Beschreibung der "Dramatis Personae" nicht nur die Erinnerung an die Figuren aus dem ersten Teil, sondern auch gleich dessen Handlung wieder wachruft. Von der ersten Seite an besticht das Buch vor allem dadurch: Klassische wie auch digitale Elemente - von Disclaimer über Dramatis Personae über die Fußzeilen bis hin zu den eingeschobenen Werbetafeln - , die in der Form perfekt zum Gesamtkonzept passen. Beim Lesen stellt sich dadurch sofort das altbekannte Gefühl ein, dass hier alles einen doppelten Boden hat, dass es hier die kaberettistische Metaebene überall durchscheint. Wissenswertes aus dem Bereich Kapitalismus- udn Technikkritik verwebt Kling gekonnt und stets humorvoll mit dem Inhalt des Buches. Leider hinkt aus meiner Sicht der Plot leider dem ersten Teil ein wenig nach. Er ist zwar spannend geschrieben, trotzdem fehlte am Ende das gewisse Etwas zur Großartigkeit.

Von meiner Seite gibt es für das Buch eine eindeutige Leseempfehlung, genauso wie für den Vorgänger sowie die Känguru-Chroniken. An Marc-Uwe Kling geht gerade kein Weg vorbei.

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