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Veröffentlicht am 13.04.2026

Wie sich eine Reißbrett-Entscheidung konkret auf ein Volk auswirkt

Der Fremde aus Paris
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In diesem voluminösen Roman erzählt Isabella Hammad eine Geschichte angelehnt an die ihres Urgroßvaters, welcher 1914 aus Nablus/Palästina (im heutigen Israel) nach Frankreich zum Studieren geschickt wurde, ...

In diesem voluminösen Roman erzählt Isabella Hammad eine Geschichte angelehnt an die ihres Urgroßvaters, welcher 1914 aus Nablus/Palästina (im heutigen Israel) nach Frankreich zum Studieren geschickt wurde, um nicht in die osmanische Armee und damit in den Ersten Weltkrieg eingezogen zu werden. Dort verblebt er nur vier Jahre seines Lebens und kehrt in seine Heimat, welche sich durch die Zerschlagung des Osmanischen Reiches und die Verwaltungsansprüche von Franzosen und Briten im Umbruch befindet, zurück. Bald werden die Konflikte in dem - noch nicht existierenden - Land immer einnehmender, da eine vehemente, jüdische Siedlungspolitik von Seiten der Briten vorangetrieben wird. Araber sehen sich in Palästina zunehmend unterdrückt und begehren - auch innerhalb der Familie des Protagonisten Midhat - mitunter gewaltsam auf. Wir begleiten die Entwicklung eines Streifens Erde über nur wenige Jahre hinweg bis Mitte der 1930er Jahre und können bereits die verheerende aktuelle Lage kommen sehen.

Hammad erzählt diese Episode aus ihrer Familiengeschichte natürlich nicht neutral. Hier wird eindeutig der palästinensischen Sicht auf die politisch-historischen Ereignisse der Vorzug gegeben. Es wird verdeutlicht, dass es sich beim Nahost-Konflikt wenig bis gar nicht um einen religiösen gehandelt hat, sondern einen, der vielmehr zwischen Palästinensern und den britischen Besatzern aufflammte. Eine Wertung der jüdischen Siedler bleibt größtenteils außen vor. So wird uns die Möglichkeit gegeben, einen Blick auf eine historische Entwicklung mit starken Auswirkungen bis in die Gegenwart zu werfen und eben nicht den "Filter des Westens" dabei aufzuhaben. Ich denke, hier liegt das Hauptanliegen der Autorin.

Leider bettet sie die Geschichte in eine grobe Rahmenhandlung bezüglich einer Liebesgeschichte zwischen Midhat und einer jungen Französin Jeannette. Diese soll vor allem in das Buch einleiten, führt jedoch durch eine fehlende emotionale Tiefe und eher blasse Charakterzeichnung zu einem zähen, ungelenken Einstieg in das Buch. Für mich brauchte das Buch ungefähr 300 Seiten bis es zündete und mein Interesse - vor allem an den historisch-politischen Ereignissen - weckte. Am liebsten hätte ich bis kurz vor diesen Punkt, das Buch mehrfach weggelegt, da ich dachte, es handle sich lediglich um eine flache Liebesgeschichte im historischen Setting. Sobald die Liebesgeschichte in den Hintergrund rückt, kann die Autorin durch interessante Einblicke in die Geschichte Palästinas glänzen. Mit dem Roman versöhnt hat mich eine unerwartete Wendung am Schluss bezogen auf die Liebesgeschichte.

Der Schreibstil von Hammad kann als unaufregend, weniger ausgefeilt beszeichnet werden. Das Buch strotzt nicht gerade vor Subtilität, alles wird ausgesprochen, nichts bleibt ungesagt. Leider kann die Sprache nicht sehr gut Emotionen transportieren. Ich habe das Buch aus Interesse gelesen, weniger weil ich in die Geschichte hineingesogen worden bin. Sehr lehrreich ist dann diesbezüglich auch die Timeline zu "Schlüsselereignissen bei der Entstehung der palästinensischen und syrischen Nationalbewegung" im Anhang.

Insgesamt handelt es sich um einen ambitionierten Roman mit großer Rechercheleistung im Hintergrund. Die im Klappentext gepriesene "(unmögliche) Liebe zwischen den Kulturen" bleibt schablonenhaft und hätte verkürzt dargestellt werden können. Fraglich bleibt, ob man mit der Leküre eines Sachbuchs zum Thema Palästina mehr Erkenntnisse gewonnen hätte. Wahrscheinlich ja. Trotzdem handelt es sich um eine lohnenswerte Lektüre als Einstieg in das Themengebiet.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Kurzweilige Geschichte mit etwas Tiefgang, nur nicht genug davon

Jahresringe
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Die Geschichte von Andreas Wagner spielt in drei zeitlichen wie generationalen Abschnitten. Im Mittelpunkt steht Leonore, welche wir direkt nach dem Zweiten Weltkrieg nach der Flucht aus Ostpreußen beim ...

Die Geschichte von Andreas Wagner spielt in drei zeitlichen wie generationalen Abschnitten. Im Mittelpunkt steht Leonore, welche wir direkt nach dem Zweiten Weltkrieg nach der Flucht aus Ostpreußen beim Ankommen in ihrer neuen Heimat tief im Westen begleiten. Im Verlauf lernen wir ihre Nachfahren kennen und deren Verständnis von Heimat. Zuletzt geht es auch um den Hambacher Forst und den Aktivismus für und gegen ihn.

Der Roman liest sich wirklich zügig und kurzweilig durch. Wagner hat eine einfache, verständliche Sprache gefunden, diese - einen größeren Zeitraum umspannende - Geschichte zu erzählen. Das größten Augenmerk legt er dabei auf das Beschreiben von Leonore und ihrem Kampf um Heimat bis zum Lebensende. Die restlichen Figuren werden mit fortscheitender Erzählzeit jedoch immer mehr zu Statisten degradiert und leider nicht facettenreich genug ausgearbeitet. Auch scheint die Handlung mit steigender Seitenzahl immer mehr einreduziert zu sein, sodass der Konflikt um den Hambacher Forst zuletzt sehr schablonenhaft ausfällt. Bei dem lockeren, gut verdaulichen Erzählstil des Autors hätte ich mir noch einmal 100 bis 200 Seiten detailliertere Szenen - vergleichbar zum ersten Abschnitt - gewünscht.

Insgesamt habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Es war eine kurzweilige Unterhaltung für ein Wochenende durchaus auch mit Tiefgang und Anspruch, mehr leider aber nicht, obwohl die Grundidee des Buches dies durchaus hergegeben hätte. Die Thematik der (zeitweise) heimatlosen, vertriebenen Leonore hat mich berührt und steht für mich dadurch auch im Mittelpunkt des Buches. Ich habe hier wirklich zwischen 3 und 4 Sternen geschwankt und entscheide mich mit viel gutem Willen, weil mir das Cover gefallen hat, für die 4 Sterne.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

So überraschend facettenreich. Ich bin begeistert.

Zugvögel
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Charlotte McConaghy hat mich mit diesem Buch komplett überrumpelt. Ich habe ambitioniertes nature wirting erwartet und so viel mehr bekommen.

Franny, die Hauptfigur des Romans, ist mit dubiosen Mitteln ...

Charlotte McConaghy hat mich mit diesem Buch komplett überrumpelt. Ich habe ambitioniertes nature wirting erwartet und so viel mehr bekommen.

Franny, die Hauptfigur des Romans, ist mit dubiosen Mitteln auf einem Fischerboot unterwegs zur Antarktis, um die letzten Küstenseeschwalben auf ihrer Reise gen Süden zu begleiten. Warum sie dies vorhat und was es mit ihrer extremen Persönlichkeit sowie ihrer Vergangenheit auf sich hat, erfahren wir in pointiert gesetzten Rückblenden.

Der Autorin merkt man den Berufsabschluss als Drehbuchautorin an. Sie schafft es, eine enorme Spannung und Sogwirkung herzustellen. Das Buch wird nach nur wenigen Seiten zu einem absoluten Pageturner und macht eindeutig süchtig. Bis zuletzt hält sie die Spannung bezüglich bestimmter Episoden aus der Vergangenheit von Franny. Die Figur Franny, sowie auch alle anderen Figuren, ist sehr facettenreich angelegt und hochinteressant kennenzulernen. Bewegend waren für mich besonders die Stellen des Buches, die sich mit der Artenvielfalt und deren starken Dezimierung durch den Menschen beschäftigen. "Achtzig Prozent der Wildtiere sind bereits ausgestorben. Die übrigen werden in den nächsten zehn, zwanzig Jahren verschwinden. Wir werden Nutztiere halten. Die überleben natürlich, weil wir uns ja mit ihrem Fleisch die Bäuche vollschlagen müssen. Und auch den domestizierten Haustieren wird nichts passieren, weil wir durch sie die anderen vergessen, die, die sterben."

Mich konnte das Buch definitiv überzeugen. Es ist unerwartet facettenreich, ein rohes, wildes und gleichzeitig sanftmütig und nachdenkliches Buch mit Suchtfaktor, was vieles ist, aber nicht nur "nature writing". Eine eindeutige Leseempfehlung von meiner Seite.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Schwacher Anfang, starkes Ende

Die Sommer
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Der Roman von Ronya Othmann beschäftigt sich in seinem ersten Teil mit den Erinnerungen von Leyla von den ab dem fünften Lebensjahr in Syrien verbrachten Sommerferien. Im zweiten Teil des Romans erfahren ...

Der Roman von Ronya Othmann beschäftigt sich in seinem ersten Teil mit den Erinnerungen von Leyla von den ab dem fünften Lebensjahr in Syrien verbrachten Sommerferien. Im zweiten Teil des Romans erfahren wir, wie der Krieg in Syrien ab den Revolutionsversuchen 2011 bis jetzt Leyla, welche mit ihren Eltern in Deutschland lebt und deren Vater Kurde ist, zunehmend aus der Ferne belastet und sich auf ihre Person auswirkt.

Den ersten Teil des Buches empfand ich im Stil als überaus anstrengend und unterdurchschnittlich. Besonders störend ist dabei der Satzbau der Autorin, welcher sehr simpel in dem bekannten Subjekt-Prädikat-Objekt-Format gehalten ist. Dass dann auch noch alle Verwandten durchgängig mit "der Vater", "die Mutter", "die Großmutter" etc. benannt sind, verkindlicht die Formulierungen der Erinnerungssequenzen. Dies wäre nachvollziehbar, wenn es sich um eine Ich-Erzählerin handeln würde, die dem damaligen Alter entsprechend berichtet. Hier wird jedoch der personale Erzähler genutzt, sodass die Erinnerungen äußerst distanziert wirken, den Leser nicht richtig mitnehmen in die Sommer von Leyla. Auch scheinen die Erinnerungssequenzen in mitunter kurzen Anbsätzen sehr sprunghaft wechselnd. Das Fehlen von Anführungszeichen in der wörtlichen Rede erschwert es mitunter, Erinnerungen von Leyla und Episoden, die der Vater Leyla später erzählt hat, voneinander zu unterscheiden. Hier erscheint mir das Erlebte der Protagonistin und der Autorin sehr nah beieinander zu liegen und deshalb dieses "wirre" Erinnern zu entstehen.

Der zweite Teil ab Seite 200 nimmt dann stark an Qualität, Fahrt und Sog zu. Hier werden Eckpunkte der Revolutionsbewegung in Syrien mit dem Alltag der jungen Erwachsenen Leyla gekonnt miteinander verwoben und die zunehmende Belastung der Protagonistin wird spürbar. Es wird deutlich, dass die vielen Erinnerungsschnipsel des ersten Teils notwendig waren, um die tiefe Verbundenheit mit der Heimat des Vaters im "inoffiziellen" Kurdistan darzulegen. Hier wird das Wissen über die Aufstände und die Verfolgung der ezidischen Bevölkerung durch die Beschreibung von eindrücklichen Pressemeldungen und Bildern aufgefrischt und durch die Protagonistin mit einer emotionalen Dimension versehen. Dies schafft die Autorin durchaus eindrücklich, was für mich den Roman nicht nur rettet, sondern auch durchaus lesenswert und insgesamt wertvoll macht.

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Wo er recht hat, hat er recht...

Was Nina wusste
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...könnte man unserem Bundespräsidenten antworten auf seine Laudatio für David Grossman. Er meint nämlich, dass man sich seinen Personen bald so nah und vertraut fühlt, dass man quasi selbst zur Verwandtschaft ...

...könnte man unserem Bundespräsidenten antworten auf seine Laudatio für David Grossman. Er meint nämlich, dass man sich seinen Personen bald so nah und vertraut fühlt, dass man quasi selbst zur Verwandtschaft gehört. "Auch der Leser wird gewissermaßen Teil der Familie." Diese Art der Lobesworte auf der Rückseite eines Buches tendieren leider meist zur Übertreibung, hier ist das jedoch nicht der Fall. Man wird hineingesogen in diese ungewöhnliche Familie.

Fraglich ist, ob man Teil dieser Familie sein möchte. Durch ein unaussprechliches Leid ziehen sich in diesem Roman psychische wie auch physische Verletzungen durch drei Frauengenerationen einer Familie. Vera, die Großmutter, war Gefangene in einem von Titos Gulags. Nina, die Mutter, streunert ihr Leben lang herum und verletzt ihre Liebsten Mal um Mal. Und Gili, die Tochter und auch Ich-Erzählerin dieses Romans, zeigt Unsicherheiten nicht nur im Umgang mit ihrer Familie sondern auch ihrem Partner sowie ihrer eigenen Rollenfindung. Die Frauen dieser Familie sind jede auf ihre Weise geschädigt, so meint Gili in einer Situation: "[Er] Tut, wozu Vera, Nina und ich in diesem Moment nicht in der Lage sind, jede wegen ihrer ganz persönlichen Verkrüppelung." Einen Spannungsbogen bekommt das Buch durch den gemeinsamen Trip durch das ehemalige Jugoslawien, um den Ort von Veras Pein aufzusuchen und ihre Lebensgeschichte in Form eines Dokumentarfilms festzuhalten.

Mit solch drastischen Sätzen, wie den oben zitierten, bringt Grossman an vielen Stellen des Buches knallhart auf den Punkt, was die Protagonistinnen umtreibt. Die schonungslose und durchaus mit Witz durchsetzte Sprache des Autors stellt dabei für mich die größte Stärke dieses Buches dar. Wenn während des Trips durch das ehemalige Jugoslawien mal eben Schlaglöchern im Straßenbelag in der Größe von "Massengräbern" ausgewichen wird, stockt der Leserin der Atem und trotzdem bleibt das Gesamtbild pointiert und stimmig. Grossman nutzt Szenerien, um über Metaphern das Verhältnis zwischen den Familienmitgliedern mit Feingefühl auszuloten. So gelingt es auch dem Autor hervorragend, sich vor allem in diese drei Frauen hineinzuversetzen und ein transgenerationales Trauma authentisch darzustellen. Leider geht ihm bezüglich der mitunter drastisch angelegten Figuren - siehe Nina - zum Ende hin die Luft aus. Innerhalb weniger Seiten wird ein großes Drama, kleiner als es sein müsste. Der Trip bekommt so eine allzu simple, kathartische Wirkung.

Äußerst interessant empfand ich insgesamt das Konzept des Buches. Uns erzählt Gili als sogenanntes "Skriptgirl" durch ihre Mitschriften von diesem Trip die Geschichte ihrer Familie. Passend zu ihrer Rolle "hinter der Kamera" bleibt diese Figur auch insgesamt mit ihren Bedürfnissen am meisten hinter den grell dargestellten Figuren der Mutter und Großmutter zurück. Dieses Vehikel zum Zusammenfügen von Erinnerungspassagen ist ein mir neuer, kreativer Ansatz. Er erfordert jedoch auch volle Konzentration beim Lesen.

Dieses Buch ist inhaltlich wie formell kein leichter Stoff, es lohnt aber allemal, sich diesem Stoff zu stellen. Es handelt sich hier um erstklassige Literatur. Eine klare Leseempfehlung von meiner Seite.

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