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Veröffentlicht am 04.08.2025

Der Einzug der Impressionisten in Berlin

Tschudi
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In ihrem Roman versammelt Miriam Kühsel-Hussaini allerlei Künstler und Kunsthintergrundwissen um den Direktor der Deutschen Nationalgalerie Berlin in den Jahren um 1900. Die Erzählung setzt kurz nach dem ...

In ihrem Roman versammelt Miriam Kühsel-Hussaini allerlei Künstler und Kunsthintergrundwissen um den Direktor der Deutschen Nationalgalerie Berlin in den Jahren um 1900. Die Erzählung setzt kurz nach dem Amtsantritt des schweizerischen Adligen in Berlin ein und endet mit dessen Tod. So erfährt die Leserin viel über die Kontroversen in Deutschland um die Jahrhundertwende bezogen auf die damals sehr modernen aber auch ungewohnten impressionistischen Bilder der - vor allem - Franzosen. Bilder von Franzosen in der Deutschen Nationalgalerie passten nicht jedem und so ist dieser Konflikt über das gesamte Buch hinweg Thema.

Leider bleibt der Charakter des Hugo von Tschudi, Namensgeber des Romans, sehr blass im vergleich zu den farbenfrohen Beschreibungen der Kunst und Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Dieser von Tschudi scheint sich im gesamten Buch ausschließlich durch die Adjektive wolfskrank (bezogen auf die Lupus-Erkrankung des Museumsdirektors), körperlich groß gewachsen und schwarzäugig auszuzeichnen. Diese Beschreibungen tauchen bis zum Schluss immer und immer wieder auf. Eine psychologische Tiefe entwickelt die Figur leider gar nicht. Zu viel beschäftigt sich die Autorin mit den Zeitgenossen von Tschudis. In einem Regenguss an name dropping wird hier so ziemlich jeder aktive Künstler in Deutschland und Frankreich der Zeit genannt und bekommt mitunter ein eigenes Kapitel. Besonders Kaiser Wilhelm II., welcher im ständigen-widerständigen Dialog mit von Tschudi gestanden haben muss (andere Staatsgeschäfte scheinen, wenn man das Buch liest, nebensächlich gewesen zu sein), wird sehr stark in seinen seelischen Widersprüchen und scheinbar auch Verletzlichkeit, für die er ebenso kritisiert wurde, gezeichnet. Warum von Tschudi im Buch diese Ehre nicht zu Teil wurde, bleibt offen. So ist das Buch zwar ein durchaus interessantes, wenngleich aber ein wenig mitreißendes. Sprachlich will die Autorin vor allem im ersten Teil des Buches sehr viel, vielleicht sogar zu viel. Teilweise auch prätentiös.

Nachdem ich ein komplettes Buch über diesen Menschen gelesen habe, möchte ich nun einmal wirklich etwas zu von Tschudi erfahren und muss mich wohl erst einmal auf die bekannte Seite zurückziehen, die mit Wiki anfängt. Schade, denn eigentlich erhoffe ich mir durch ein Buch auch einen Wissenszuwachs sowohl bezogen auf das soziale Umfeld und die Zeit der Person aber auch bezogen auf die Persönlichkeit. Dies fehlt hier fast vollständig. Merke: Tschudi = wolskrank + groß + schwarzäugig.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Zu viel Salz in der Suppe...oder zu wenig, je wie man es sieht.

Bergsalz
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Karin Kalisa hat sich für den vorliegenden Roman viel vorgenommen. Im Setting eines kleinen Dorfes im Allgäu behandelt sie nicht nur die Vereinsamung im Alter, die Veränderung von Rollenbildern, das Herauskommen ...

Karin Kalisa hat sich für den vorliegenden Roman viel vorgenommen. Im Setting eines kleinen Dorfes im Allgäu behandelt sie nicht nur die Vereinsamung im Alter, die Veränderung von Rollenbildern, das Herauskommen aus der Vereinsamung in die Gemeinschaft, die Entstehung einer Offene Küche als soziales Engagement, die Integration von Geflüchteten, die allgegenwärtige Landflucht, eine aufflammende Heimatverbundenheit, die Traumatisierung von Helfern in Kriegsgebieten, aber auch Heilung davon und das Besinnen auf die Natur. Selbst diese Auflistung erscheint nach der Lektüre des 200 Seiten dünnen Büchleins immer noch nicht vollständig.

Damit wird klar, wo eine der vielen Schwächen dieses Buches liegt: Zu viele Themen auf zu engem Raum. Die Geschichte ist überladen an Figuren, Ereignissen und Handlungsbotschaften an die LeserInnen. Dabei geht im Plot alles viel zu glatt. Die Quintessenz: Wenn sich nur alle ein bisschen anstrengen, klappt das schon alles. Ich fühlte mich in ein absolutes Feel-Good-Movie versetzt, in dem es zwar Andeutungen von ernsteren Lebensereignissen in der Vergangenheit der Protagonisten gibt, diese aber gefühlt gar nicht so eine große Rolle spielen. Alles lässt sich kitten. Die Figuren sind zwar liebenswert, dabei aber leider nicht genug ausgeformt und bleiben schablonenhaft. Auch wird die Beziehung zwischen den Figuren häufig nicht ausreichend beleuchtet. Wichtig scheinen der Autorin auch nur die deutschen bzw. die eine britische Figur gewesen zu sein, um ihnen eine Backgroundstory zu verpassen. Die eine wichtige syrische Frauenfigur bleibt unglaublich blass.

Der Schreibtstil ist zwar flüssig und man ist schnell durch das Buch durch, hat aber trotzdem das Gefühl sich durchkämpfen zu müssen. Dies liegt einerseits an der nervigen Angewohnheit der Autorin im Fließtext jede Person mit einem Artikel vor dem Vornamen zu versehen und sie damit zu verkindlichen (obwohl es sich hauptsächlich um Frauen um die 70 Jahre handelt), zum anderen aber auch an der zu gewollt hintergründigen Sprache und Doppelbödigkeit, die nicht erstklassig ist: "Ob man die Liliane so etwas fragen konnte, war allerdings die viel fraglichere Frage."

Insgesamt stellt das Buch für mich eine Enttäuschung dar. Ich hatte viel erwartet und habe nur wenig bekommen. Grundsätzlich hat die Autorin sinnvolle Ideen dazu gesammelt, wie jeder einzelne die Gesellschaft ein bisschen besser machen kann. Das erkenne ich an. Leider wirkt das ganze Buch viel zu überladen und dadurch auch ab einem bestimmten Punkt nicht mehr glaubwürdig, um die Botschaften noch wirklich ernst nehmen zu können. Hier passt zu viel zu gut zusammen und wird am Ende doch alles wieder fallengelassen, ohne wirklich etwas auszuerzählen. Ein rundgelutschter Salzstein, ohne echte Ecken und Kanten. P.S. Das Cover find ich gut.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Über das Überleben

Ich bin, ich bin, ich bin
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Maggie O'Farrell macht etwas Großartiges in ihren ungewöhnlichen Memoiren: Sie versucht ihr Leben ausschließlich anhand von lebensbedrohlichen Situationen zu erzählen. In 17 dramaturgisch hervorragend ...

Maggie O'Farrell macht etwas Großartiges in ihren ungewöhnlichen Memoiren: Sie versucht ihr Leben ausschließlich anhand von lebensbedrohlichen Situationen zu erzählen. In 17 dramaturgisch hervorragend aneinander gereihten Kapiteln, welche mit einer Überschrift wie z. B. "Kopf", "Hals" etc. die jeweilige Schwachstelle, die fast die Todesursache ausgemacht hat, sowie einer Unterschrift, dem jeweiligen Jahr, in dem die Autorin dem Tod entgangen ist, versehen sind, nimmt sie die LeserInner mit auf eine intime, wie auch harte Reise durch ihr eigenes Leben.

Die Erlebnisse sind dabei nicht - wie zu erwarten wäre - chronologisch angeordnet, sondern verfolgen einen gezielten Spannungsbogen. Erst gegen Ende des Buchen bekommt die Leserin eine Vorstellung davon, welches Ausmaß die Entscheidungen im Leben der Autorin tatsächlich haben. Die Beschreibungen sind Bruchsücke eines Lebens, eine Reihe von Momenten der Bedrohlichkeit des Lebens. Und genau dieses Gefühl übeträgt sich auf die Leserin. Obwohl man erwarten könnte, dass diese Lektüre runterzieht, ist dem keineswegs so. Man wird sich selbst bewusst, wie häufig man dem Tod von der Schippe gesprungen ist, und dass es wert ist, das Leben, welches einem geblieben ist, wertzuschätzen.

Ich kann es nur jedem dringend empfehlen, sich an diese literarisch hochwertig verfassten Memoiren heranzutrauen und damit zu einem Nachdenken über das eigene Leben und die bedrohliche Kürze dessen angeregt zu werden. Mir kamen Tränen der Rührung - nicht der Trauer - als ich in das Leben von Maggie O'Farrel geschaut habe und gleichzeitig auch in mein eigenes schaute. Dies ist eines von den Büchern, die ich wohl immer mal wieder in meinem Leben zur Hand nehmen werde, um mich zu erden, um weiter zu machen, um sich auf das Wichtige zu konzentrieren.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Große Erzählungen in kleinem Büchlein

Fast ein neues Leben
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"Fast ein neues Leben" versammelt auf nur 110 Seiten 12 Geschichten, die sich alle um eine Ich-Erzählerin - als Kind aus der ehemaligen UdSSR (so zu vermuten, im Buch heißt dies immer nur "das alte Land" ...

"Fast ein neues Leben" versammelt auf nur 110 Seiten 12 Geschichten, die sich alle um eine Ich-Erzählerin - als Kind aus der ehemaligen UdSSR (so zu vermuten, im Buch heißt dies immer nur "das alte Land" zugezogen - in verschiedenen Abschnitten ihres Lebens drehen. So begegnen wir der Protagonistin auch immer in unterschiedlichen Situationen in denen ihr Fremdsein im neuen Land herausgestellt wird, sei es duch Alltagsrassismus einer Schreibwarenverkäuferin oder Selbstverleugnung, um zu einem besseren, deutscheren Personenkreis gehören zu können. Wie stark die Erzählungen autobiografisch geprägt sind, wird nicht eindeutig klar, man kommt aber kaum umhin sich Anne Prizkau selbst in all diesen Situationen vorzustellen.

Die Autorin schafft mit ihrer reduzierten, neutralen Sprache die Geschichten trotzdem mir aller Eindrücklichkeit rüberzubringen. Innerhalb weniger Sätze macht sie eine komplette Lebenswelt auf und die Leserin wird direkt hineingezogen. Hier sollen mit wenigen Worten und ganz leisen Tönen die Emotionen der Lesenden geweckt werden. Unglaublich klug ordnet die Aurotin ihre Geschichten im Buch an, sodass sich zum Schluss der Kreis um diese eingewanderte Familie schließt und man ein intensives Bild der Protagonistin vor Augen hat. Viele Geschichten bleiben dabei bezüglich ihres eigentlichen Plot mitunter uneindeutig. Mitunter weiß man nach dem Lesen gar nicht mehr, was man eigentlich glauben soll, was dort gerade passiert ist. Das finde ich grundsätzlich sehr interessant und macht das Lesen auch spannend, man möchte und muss die Geschichten mehrfach lesen. Mir ist es hier ein klitzekleines Bisschen zu viel des Guten. Neben der genauen Sprache, ein wenig zu viele Ungenauigkeiten in den Geschichten selbst.

Insgesamt gefällt mir dieses Buch im Gesamten wirklich sehr gut. Die liebevolle Aufmachung sowie der gesellschaftskritische Inhalt bei präzisester Sprache verschmelzen zu einer starken Veröffentlichung.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Die Gemeinschaft stärken, anhand von konkreten Beispielen erklärt

Heimat muss man selber machen
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Sina Trinkwalder befasst sich in ihrem nunmehr fünften Buch mit den Problemen, die sich innerhalb der Gemeinschaft ihres Unternehmens manomama eingenistet hatten, sowie mit der Lösung dieser. Dabei dreht ...

Sina Trinkwalder befasst sich in ihrem nunmehr fünften Buch mit den Problemen, die sich innerhalb der Gemeinschaft ihres Unternehmens manomama eingenistet hatten, sowie mit der Lösung dieser. Dabei dreht sich der erste Teil des Buches um das Erkennen von Problemen im Umgang miteinader und der zweite Teil um die gemeinsame Umgestaltung des Miteinanders, sodass es wieder/besser funktioniert.

Vor allem der zweite Teil des Buches hat mich besonders überzeugt. Hier werden anhand von neun Regeln, welche Trinkwalder bei manomama erarbeitet hat, Handlungsmöglichkeiten für jeden Einzelnen eröffnet, auch die eigene Umwelt zu verbessern. Der Autorin gelingt dabei besonders gut, immer wieder vom Makrobereich der Gesellschaft auf den Mikrobereich des alltäglichen Lebens zu schließen - und umgekehrt. Mit leicht verständlicher Sprache fächert die Autorin auf, wie wir Heimat schaffen können. "Das kann überall dort sein, wo Menschen einen Raum erschaffen, der auf Respekt und Wertschätzung fußt und in dem Würde einzieht." Mit konkreten Beispielen kann sich (bestimmt) jeder an irgendeiner Stelle wiederfinden. Sympathisch wirkt hier, dass sie nicht einfach "DIE" Patentrezepte einer unschlagbaren Powerfrau zur Lösung unserer gemeinschaftlichen Probleme anbietet, sondern diese aus großen und kleinen Momenten des Scheiterns heraus herleitet.

Einziger klitzekleiner Kritikpunkt bleiben die manchmal zu ausgiebig genutzten ermahndenen "Wir"-Sätze, wenn es um die Darlegung der bisherigen Schwächen unserer Gesellschaft geht. Es gibt eben Menschen, die sich mehr bemühen und andere die dies weniger tun. Ein "Wir" löst da schnell mal Reaktanz aus und man fragt sich, warum denn nicht auch der Satz heißen könnte [Achtung ein Beispiel zur Verdeutlichung meinerseits, nicht aus dem Buch!] "Zu viele Menschen essen Fleisch" statt dem genutzten "Wir essen ständig zu viel Fleisch und stören uns nicht mal dran". Beim zweiten Satz würde ich mich nicht wiederfinden können.

Insgesamt empfand ich die Lektüre des Buches durchaus sehr aufschlussreich und motivierend, noch mehr an die Gemeinschaft zu denken und im Sinne dieser zu handeln. Vielleicht rennt Trinkwalder mit diesem Buch offene Türen bei ihren Lesern ein, vielleicht regt es aber auch hoffentlich viele von ihnen dazu an, sich zu sensibilisieren und damit auch die Gemeinschaft zu verändern bzw. überhaupt erst zu schaffen.

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