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Veröffentlicht am 25.07.2025

Welches Ziel verfolgt die Autorin damit?

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In dieser "außergewöhnlichen Liebesgeschichte" (nicht meine Worte) beschreibt die Autorin, wie eine sehr junge, infantil wirkende Frau mit Missbrauchsvorerfahrungen aus einem Heim flüchtet, um auf dem ...

In dieser "außergewöhnlichen Liebesgeschichte" (nicht meine Worte) beschreibt die Autorin, wie eine sehr junge, infantil wirkende Frau mit Missbrauchsvorerfahrungen aus einem Heim flüchtet, um auf dem Weg ans Meer vergewaltigt zu werden, nur um in ihrem neuen Wohnort in Galicien erneut vergewaltigt zu werden und in eine nicht gleichberechtigte Partnerschaft mit einem der Vergewaltiger zu rutschen. Das Ganze nennt sich dann "Liebe".

Entschuldigt diese platte Zusammenfassung, aber was soll man dazu sagen? Die Autorin schockiert in ihrem Roman, den sie in 15 Tagen im Zug runtergeschrieben hat (dies merkt man dem literarischen Niveau an), mit derber Sprache und noch derberen Vergewaltigungsszenen, die wie ein Rape Porn anmuten. Dabei wird die Figur der "Frau" Suiza durchgängig kindlich, mädchenhaft dargestellt und verdreht dem Spanier Tomàs mit ihren "Babyzähnchen" ungewollt den Kopf. Diese ständige Gleichsetzung von Niedlichkeit und Kindlichkeit mit Sexiness ekelte mich beim Lesen regelrecht an. Es gibt durchaus Romane, aus denen eine ähnliche Konstellation bekannt ist. Aber warum ist es hier ein Armutszeugnis des literarischen Werks? Weil die Autorin leider keinen Rahmen den Leser*innen anbietet, in dem das Gelesene richtig eingeordnet werden kann. Alles wirkt so, als ob Vergewaltigung nur grober Sex sei und es ganz natürlich, dass das Mädchen dabei ihr Einverständnis gibt, indem sie nicht "nein" sagt. Dies kreide ich der Autorin massiv an. Hier wird die Grenze, was legitim in einer sexuellen Beziehung ist und was nicht, nicht deutlich genug gezogen. Mit Erotik hat das Beschriebene übrigens nicht im Geringsten etwas zu tun.

Der männliche Part dieser Geschichte wird durch die Ich-Erzählstimme von Tomàs eindeutig zu stark in den Fokus gerückt. Suizas Stimme hört man nur selten im Buch und dies auch leider ohne ausreichend das Erlebte einzuordnen. Im Mittelteil verschwindet ihre Stimme fast vollkommen. Hier hätte aus meiner Sicht das größte Potential des Romans gelegen, nämlich in der Ausformung eines Verständnisses für erlerntes Opferverhalten und Abhängigkeiten.

Auch wenn die beiden Hauptfiguren mit Tomàs und Suiza in ihrem Verhalten am Schluss konsistent und kongruent konstruiert wirken, so bleiben die Nebenfiguren leider nur holzschnittartig-stereotypen und verstaubten Vorstellungen unterworfen.

Allein das Ende dieses Romans, welches hier natürlich nicht verraten werden soll, hat mich in meinem abschließenden Urteil etwas milder gestimmt. Die im Klappentext bereits genannte "radikale Entscheidung" passt in ihrer Härte zu Tomàs' Figur. Leider reicht dies nicht aus, um in meinen Augen dieses Buch zu retten. Daher gibt es an dieser Stelle keine Leseempfehlung von meiner Seite. Zu wenig (gar keine) Trennschärfe zwischen Sex und Vergewaltigung; Hingabe und Nötigung; Liebe und Abhängigkeit. Das ist nicht erotisch sondern gefährlich!

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Gesellschaftsstudie im angedeuteten Gewand eines "literarischen Thrillers"

Das Verschwinden der Erde
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Gleich vorweg: Die Sache mit dem "literarischen Thriller" bringt The Los Angeles Review of Books als Zitat auf der Rückseite des Buches ins Spiel. Dadurch werden Erwartungen geschürt, die das Buch nicht ...

Gleich vorweg: Die Sache mit dem "literarischen Thriller" bringt The Los Angeles Review of Books als Zitat auf der Rückseite des Buches ins Spiel. Dadurch werden Erwartungen geschürt, die das Buch nicht erfüllen kann. Dafür kann es jedoch ganz ungeahnte und aus meiner Sicht viel interessantere Aspekte beleuchten.

Dieser Roman von einer amerikanischen Autorin, die zu Recherchezwecken viel Zeit in Russland verbrachte, seziert mit dem Blick einer Journalistin die post-sowjetische Gesellschaft Russlands weit weg vom cosmopilitischen Moskau. Auf der Halbinsel Kamtschatka teilen sich Ureinwohner und Russen das Land, das Leben, das Leid. Nicht nur in der ganz groben Rahmenhandlung um die Entführung zweier russischer Mädchen aus der größten Stadt der Halbinsel und das vorausgegangene Verschwinden einer jungen Ewetin sondern auch viele genau ausgeleuchtete Lebensszenen anderer Frauenfiguren dieser Bevölkerungsgruppen zeigen die Probleme dieser zerrütteten Gesellschaft auf. Vorrangig lernen die Leserinnen hier viel über die weiterhin bestehende Benachteiligung von Ureinwohnern im riesigen Vielvölkerstaat Russland, aber auch über die Emazipationsversuche von Frauen verschiedener Schichten. Auch die Gefahr, welche für Homosexuelle in diesem Land real existiert, findet hier Raum , um dargestellt zu werden. Etwas, was im Werk einer russischen Autorin sicherlich zumindest innerhalb Russlands niemals Erwähnung hätte finden dürfen. Phillips nutzt ihre Distanz, um ungeschönt zu erzählen. Andererseits gibt es in diesem überwiegend düsteren Gemälde dieser Zeit auch Lichtblicke. Beschreibungen von indigenen Traditionen, Zusammengehörigkeitsgefühle, Hoffnung.

Sprachlich seziert die Autorin messerschaft die Lebensumstände der in den Fokus genommenen Frauenfiguren, wie auch deren Emazipationsversuche. So spielt die Entführung der Mädchen bald im Plot kaum mehr eine Rolle, bewegt sich die Handlung weg davon und wird zu einer Randnotiz. Dies könnte Leser
innen, die einen Thriller erwarten, abschrecken und sogar langweilen. Wer jedoch genau an solchen Gesellschaftsstudien interessiert ist, kommt hier auf seine Kosten. Jedes (manchmal ein wenig zu fernes) Frauenschicksal webt sich jedoch letztendlich wieder irgendwie in die Rahmenhandlung ein, wird touchiert von dem Verschwinden der Mädchen. Und dann, ganz zum Schluss, kommt der Thriller. Da kommt die Spannung, die mich die letzten 40 Seiten gefühlt kaum hat atmen lassen.

Insgesamt handelt es sich hier um ein wirklich sehr gelungenes Porträt - des vornehmlich weiblichen Teils - einer angespannten Gesellschaft, die ihren Zusammenbruch noch nicht überwunden und den möglichen gemeinsamen Aufbau noch nicht ansatzweise vollendet hat. Im Real-Kommunismus gab es keine Gleichheit und auch danach existiert diese (noch) nicht.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Das etwas andere Sachbuch

Handbuch für Zeitreisende
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Warum ist für die weibliche Zeitreisende von Welt ein islamisches Territorium zwischen dem 7. und 19. Jahrhundert ein empfehlenswerter Urlaubsort? Warum ist Kriegstourismus sowohl in der Gegenwart als ...

Warum ist für die weibliche Zeitreisende von Welt ein islamisches Territorium zwischen dem 7. und 19. Jahrhundert ein empfehlenswerter Urlaubsort? Warum ist Kriegstourismus sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit moralisch verwerflich? Und warum wird Island eigentlich bei historischen Betrachtungen immer wieder vernachlässigt? Auf diese gesellschaftlich-historischen Fragen aber auch solche zur physikalischen Grundlagenforschung bezüglich möglicher Zeitreisen - sowie viele viele mehr - gibt dieses amüsante Büchlein in leicht verständlicher und auch immer ironisch konnotierter Sprache fundierte Antworten.

Gestaltet ist das Buch wie ein tatsächlich für in die Vergangenheit Zeitreisende verfasstes Handbuch, welches vor einer solchen Reise definitiv zu konsultieren ist. Die Stärken des Buches liegen vor allem in dem ständig auftauchenden, subtilen Bezug zur Gegenwart und der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit. Die Leserinnen erfahren viel über teilweise unbekannte Völker sowie deren Sitten, Entwicklungen und Vor- wie auch Nachteile im Vergleich zu unserer heutigen Gegenwart. Dabei wird mit nie gewertet, ob nun "früher alles besser" war oder "damals alles ganz primitiv" im Vergleich zu heute. Dabei bleibt das Buch stets abwechslungsreich. Sogar die Literaturhinweise am Ende sind in der "Empfehlungsform" mit kurzen informativen Texten versehen. Dies führt dazu, dass man als Leserin nicht nur interessiert diese Seiten überfliegt, sondern ganz konkrete Anregungen für zukünftige Lektüren, wie z. B. Mary Beards Manifest, warum die Stimmen von Frauen in der Geschichte und der Gegenwart so schwer zu finden sind, "Frauen und Macht", erhält. Klasse!

Ich bin wirklich sehr begeistert von diesem Buch, das ganz leicht wissenschaftliche, historische sowie gesellschaftliche Zusammenhänge vermittelt. Definitiv eine Leseempfehlung meinerseits für vielseitig Interssierte.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Leider eine redundante Veröffentlichung

Als die Welt stehen blieb
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Das ist ja alles ganz nett... oder eben furchteinflößend. Trotzdem bedarf es dieser Tagebucheinträge einer Autorin in der Schreibblockade nicht in einem Buch veröffentlicht. Lunde sammelt in diesem Büchlein, ...

Das ist ja alles ganz nett... oder eben furchteinflößend. Trotzdem bedarf es dieser Tagebucheinträge einer Autorin in der Schreibblockade nicht in einem Buch veröffentlicht. Lunde sammelt in diesem Büchlein, welches offziell 223 Seiten umfasst, kurze tagebucheintraghafte Gedanken zu den ersten 18 Tagen des Corona-Lockdowns im März 2020 in Norwegen.

Die durchaus sehr persönlichen Gedanken lesen sich schnell runter und können ab und an auch mal berühren. Größtenteils handelt es sich jedoch um Erfahrungen, die so ziemlich jeder im vergangenen Jahr machen musste. Es fehlt der literarische Anspruch im Text, um einen Mehrwert zu den sowieso schon zuhauf im Internet, in Sondersendungen und anderen Medien veröffentlichen Beiträgen zu erbringen. Auch wurde das Buch ganz schön stark künstlich gestreckt. Ohne ersichtlichen Grund ist der Satz der Absätze auseinandergezogen, werden einzelne Absätze alleinstehend auf ansonsten blanken Seiten präsentiert. So erreicht der Stoff für maximal 100 betruckte Seiten gleich mal den Umfang von 223. Würde man dann noch die obsoleten Alltagsbeschreibungen zusammenstreichen, käme man auf vielleicht 50 wertvolle Seiten.

Diese 50 herunterdestillierten Seiten haben sicherlich ihre Berechtigung, würden jedoch mit etwas mehr Abstand zur Corona-Pandemie ein besseres Zeitzeugnis abliefern. Zum jetzigen Zeitpunkt bzw. zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im September 2020 kommt dieses Buch jedoch zu früh. Wirkt überzogen in der Furcht im Blick auf die weiteren Entwicklungen und vielleicht noch bevorstehenden Entwicklungen dieser Pandemie.

Für zwei statt nur einem Stern habe ich mich deshalb entschieden, da die Autorin mich doch ein zwei, drei Stellen kurz emotional packen konnte, wobei ich nicht einmal sagen kann, ob dies mit mehr zeitlichem Abstand überhaupt noch so sein würde. Leider ein vernachlässigbares Buch, was eher als Notveröffentlichung in einer Schreibblockade wirkt.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Einfach ein schöner Roman! 4,5 Sterne.

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
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Wenn ich eine Rezension zu einem Roman schreibe, frage ich mich natürlich, was das Herausstechendste an diesem Buch ist. Wie lässt es sich gut beschreiben? Hier ist es eindeutig das kleine Wörtchen "SCHÖN". ...

Wenn ich eine Rezension zu einem Roman schreibe, frage ich mich natürlich, was das Herausstechendste an diesem Buch ist. Wie lässt es sich gut beschreiben? Hier ist es eindeutig das kleine Wörtchen "SCHÖN". Und das ist vollkommen positiv gemeint, nicht etwa wie bei dem Wort "nett" ;)

Alena Schröder beschreibt auf diesen 370 - wirklich süffig geschriebenen - Seiten die Geschichte von vier Frauengenerationen einer Familie, die im 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts mit der Findung ihrer eigenen Rolle im Leben aber auch mit politischen Umbrüchen und Verfolgung zu kämpfen haben. Alle Figuren, auch die Nebencharaktere, entwirft die Autorin wirklich unglaublich authentisch und nachvollziehbar in ihren Handlungen. Niemand ist hier Heldin oder Monster. Alle haben Stärken und Schwächen und können moralisch wie politisch nicht eindeutig in schwarz oder weiß, gut oder böse, erfolgreich oder erfolglos eingeteilt werden. Die Geschichte wird zügig von 1922 bis zum Hier und Jetzt in wechselnden Episoden erzählt. Dabei verliert die Autorin nie die Leser*innen, kann stets schlüssig Zeitsprünge herleiten. Das alles liest sich, trotz der normalerweise in der Literatur sehr bedrückenden Verwicklungen in der Zeit des Nazionalsozialismus locker und leicht. Das liegt vor allem am mal subtilen, mal offenkundigen Humor der Autorin in der Anlage mancher Passagen, Figuren oder Gesprächsinhalte. Auch hat das Geschriebene stets ein hohes Niveau, nie wird es platt oder zum Historienschinken. Allein zum Schluss geht mir dann doch alles ein wenig zu schnell. Da wird dann doch die ein oder andere Leerstelle gelassen, die mir in der Figurenentwicklung gefallen hätte zu lesen.

Insgesamt ist dieses Buch mitsamt der unglaublich ansehnlichen Umschlaggestaltung ein einfach schönes Buch, welches Kontroversen nicht auslässt, Schwächen ausleuchtet und trotzdem einen positiven Ton beibehält.

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