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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.07.2025

Mehr als nur ein leichter Sommerroman.

Der große Sommer
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In diesem Roman tauchen die Leser*innen tief mit dem Ich-Erzähler Friedrich nicht nur in das Schwimmbadbecken des hiesigen Freibads sondern auch in Friedrichs Gedanken- und Gefühlswelt ein. Er lernt sowohl ...

In diesem Roman tauchen die Leser*innen tief mit dem Ich-Erzähler Friedrich nicht nur in das Schwimmbadbecken des hiesigen Freibads sondern auch in Friedrichs Gedanken- und Gefühlswelt ein. Er lernt sowohl seine Großeltern, bei denen er fürs Lernen unterkommt, besser kennen als auch seine Familie und besten Freunde. Natürlich darf auch die Liebe nicht fehlen.

Mit einer außerordentlich angenehmen und authentischen Sprache trifft Arenz genau den richtigen Ton, um Friedrich durch die Höhen und Tiefen seiner - nicht ganz alltäglichen und dann doch wieder prototypischen - Jugend zu begleiten. Während der Lektüre hat man dadurch das Gefühl, direkt im Kopf eines 16- oder 17-Jährigen zu stecken. Da der Roman um 1980 spielt und Friedrich dem selben Geburtsjahrgang wie der Autor angehört, kann man wahrscheinlich davon ausgehen, dass viel Atmosphärisches aus dem Gedächtnis des Autors geschöpft wurde. Auch macht er sich sicherlich seine Tätigkeit als Lehrer zunutze, um die Befindlichkeiten eines Jugendlichen auszudrücken. Somit entsteht eine dichte und gleichzeitig unglaublich leichte Geschichte eines folgenschweren Sommers.

Für mich hausstechend war - neben der empathischen Einfühlung in den jungen Friedrich - die interessante Zusammenstellung an ungewöhnlichen Charakteren, die der Autor liebevoll herausarbeitet, sowie ein durchaus überraschender, selten vorsagbarer Plot. So hebt sich das Buch deutlich von einer Schwemme an vorhersehbaren Feel-Good-Sommerbüchern ab.

Insgesamt konnte mich dieser Roman vollkommen überzeugen und bekommt eine klare Leseempfehlung von mir.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Erinnerungen in Prosa

Die Fremde
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Claudia Durastanti hatte und hat scheinbar (dieses Wörtchen wird noch wichtig werden) kein einfaches Leben. Denn natürlich ist man geneigt die Ich-Erzählerin hier aufgrund der Parallelen mit der Autorin ...

Claudia Durastanti hatte und hat scheinbar (dieses Wörtchen wird noch wichtig werden) kein einfaches Leben. Denn natürlich ist man geneigt die Ich-Erzählerin hier aufgrund der Parallelen mit der Autorin gleichzusetzen. Sie spielt mit ihren eigenen biografischen Elementen, um ihre Erinnerungen an eine belastende Kindheit sowie das Erwachsenwerden, Loslösen von den Eltern und eine Lebensform als eigenständige Person zu finden.

"Zu finden" deshalb, weil die Autorin mit den Genres und den Nerven der Lesenden spielt. Diese Lektüre kann vor allem zu Beginn anstrengend sein. Man muss erst hineinfinden in die Erzählstruktur Durastantis. Hier gibt es keine chronologischen Schilderungen des Erlebten - oder Erfundenen. Sie springt in ihren Gedanken vor und zurück, schiebt essayistische Parts ein, arbeitet mit Peosie und Prosa. Die Sprache und der Rhythmus an und für sich, haben mir sehr gut gefallen. Manchmal fast nüchtern erzählt sie von schlimmsten Ereignissen mit und Bedrohung durch die Eltern und bleibt somit auf Distanz zum Leser. Immer wieder eingestreut erscheinen sehr kluge Sätze, Metaphern, Überhöhungen, die unglaubliche Tiefe aufweisen und zum Nachdenken anregen. Leider verkommt dies zum Ende des Buches hin zu einem überdramatisierten, obergescheiten Geschwafel über Liebe und Beziehungen und endet in einem wirren Finale. Hier konnte ich der Autorin leider nicht mehr folgen. Sie bleibt zu großen Teilen "die Fremde".

Die Autorin scheint getrieben, erzählt (mitunter zu) dicht und wirr. Das muss man mögen. Eine interessante Metaebene macht die Autorin aber über das Buch hinweg immer wieder auf, indem sie immer wieder über Wahrheit/Wahrhaftigkeit und Lüge Überlegungen anstellt. Nie kann man sich als Leser*in sicher sein, was hier autobiografisch ist und was erfunden. Sie hinterfragt auch, was Autobiografien in der heutigen Zeit des Internets noch bedeuten. So schreibt sie an einer Stelle: "Eine Autobiografie [...] ist der Bastard unter den literarischen Genres. [...] Dann sind wir zum Ich zurückgekehrt, zu Veröffentlichungen in der ersten Person, doch uns in einer Autobiografie wichtigzumachen, erscheint vulgär, und unser Misstrauen gegenüber diesem Genre ist wieder erwacht, obwohl wir jeden Tag dazu beitragen, es zu stärken und zu einem kollektiven Phänomen zu machen." Ein Professor habe den Begirff "finction" gewählt, "um etwas zu bezeichnen, was nicht vorgetäuscht, sondern konstruiert ist." So ist auch dieses Buch: konstruiert. Durastanti bescheinigt an mehreren Stellen, dass sie schon immer Geschichten über sich selbst und ihr Leben erfunden habe. Wir bekommen einen "Roman" zu lesen. Diese Facette etwas mehr ausgeleuchtet, hätte mir in diesem Buch besser gefallen.

So bleibt es eine Erinnerungscollage auf hohem Niveau aber ohne wirkliches Ziel. Ich schwanke stark zwischen 3 und 4 Sternen und runde aufgrund der Sprache und der Sogkraft der Lektüre wohlwollend auf.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Was haben Sozialdemokraten und Breitmaulnashörner gemein?

Wir bleiben noch
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Antwort: Sie sind vom Aussterben bedroht. Dies lernt man bei der Lektüre des neuen Romans von Daniel Wisser. In diesem zieht sich der letzte Sozialdemokrat einer Familie mit weitreichenden sozialistischen ...

Antwort: Sie sind vom Aussterben bedroht. Dies lernt man bei der Lektüre des neuen Romans von Daniel Wisser. In diesem zieht sich der letzte Sozialdemokrat einer Familie mit weitreichenden sozialistischen Wurzeln in Österreich mit seiner Cousine aufs Land zurück, um mit ihr zusammen als Liebespaar leben zu können. Skandal!

Tatsächlich stellt Wisser der Liebesthematik vor allem zu Beginn des Romans sehr klug auch die Familiengeschichte sowie das aktuelle gesellschaftliche und politische Geschehen in Österreich gegenüber. Mit einer flotten, flüssigen Sprache nimmt er die Lesenden leicht gefangen und lässt das ein oder andere Mal laut auflachen. Bitterböse zeichnet er den Zustand der modernen Gesellschaft des Westens mit den populistischen Bewegungen am Beispiel der Familie und vor allem des Protagonisten Victor nach. Nach den ersten 150 Seiten war dieser Roman für mich ein absoluter Knaller. Und dann kamen jedoch die restlichen 330 Seiten schnöden Beziehungsalltags, abgedruckter Smartphone-Kurznachichten und platter Dialoge. Da die Dialoge ohne jede Art von Hinweis auskommen, wer gerade was sagt, war dies sogar mitunter nicht mehr unterscheidbar. So ähnlich ist sich das Liebespaar aus Cousine und Cousin konstruiert. Dies kann gewollt sein, wirkt aber im Lesefluss einfach nur störend.

Insgesamt hätte diesem Roman mit einer grundsätzlich großartigen Grundidee eine Reduktion um mindestens 200 Seiten gutgetan. Das Buch liest sich mit Leichtigkeit und Witz runter, verliert aber stark an Anziehungskraft durch die gähnend in die Länge gezogenen Passagen des Mittelteils. Weniger wäre hier definitiv mehr gewesen, um dem Roman den durchaus vorhandenen Biss nicht zu nehmen.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Welche Farbe darf es sein?

Identitti
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Welche Farbe darf es denn bitteschön sein für Sie: Weiß, Schwarz, Beige, oder doch lieber Blau?

"Blau, Blau, Blau" würde die Göttin Kali als Antwort auf diese - auf den ersten Blick abstruse - Frage geben. ...

Welche Farbe darf es denn bitteschön sein für Sie: Weiß, Schwarz, Beige, oder doch lieber Blau?

"Blau, Blau, Blau" würde die Göttin Kali als Antwort auf diese - auf den ersten Blick abstruse - Frage geben. Worum geht es? Die Haut. Aber natürlich geht es in diesem Roman um so viel mehr als nur die Hautfarbe. Es geht um Identität. Um race, gender und class, welche soziale und politische Konstrukte darstellen. Konstrukte, die zu Realität geworden sind. Und diese vermeintlichen Realitäten stellt Saraswati, eine begnadete Professorin für Postkoloniale Studien, nun in Frage, nämlich indem im Rahmen eines riesigen Skandals herauskommt, dass diese Person of Colour (PoC) eigentlich Weiß ist. Eine Kategorie, die die Europäer erst im Siebzehnten Jahrhundert erfanden, um den Sklavenhandel durch angebliche Überlegenheit der Weißen "Rasse" zu rechtfertigen. Biologisch verschiedene Menschenrassen gibt es nicht. Man sollte meinen, dies sei nun weithin bekannt. Der Roman von Sanyal hilft nicht nur dabei die zugrundeliegenden Lehren zu verstehen, sondern eben auch nachzuvollziehen, was es heißt, als PoC in Europa zu leben, vielleicht hier geboren zu sein und doch nie richtig dazuzugehören. Gefragt zu werden, woher man komme... Nein, wirklich herkomme...

Die Erzählstimme folgt dabei vor allem einer herausragenden Studentin Saraswatis: Nivedita. Sie schreibt einen Blog über das Leben als PoC in Deutschland und unterhält sich dabei digital (und auch offline) mit der Göttin Kali. Sanyal verwebt gekonnt verschiedene Textstile und Medien miteinander. So erscheinen im Buch nicht nur Niveditas Blogeinträge sondern auch unzählige Tweets und Artikel zur Debatte, die Sarawatis Bloßstellung zum race-passing auslöst hat, sowie Notizen aus Niveditas Seminarmitschriften, welche durchweg Zitate bekannter und weniger bekannter Denker*innen zum Thema race und Rassismus darstellen. Dadurch vermittelt Sanyal nicht die eine "richtige" Meinung zum Diskurs sondern viele verschiedene. Sie schafft etwas in Form eines Romans, was ansonsten eher schwierig wäre, verständlich zu vermitteln: die widersprechenden Sichtweisen zu ein und demselben Thema, welche alle gleichzeitig wahr aber auch falsch sein können. Durch eine gekonnte Dramaturgie wird auch das Aufbauschen und Abflauen eines virtuellen Shitstorms grandios abgebildet.

Als Roman, der nicht nur leichtfüßig und mitunter amüsant, komplizierte Zusammenhänge vermitteln kann, sondern auch eine Debatte so ausführlich ausleuchtet, mit einem enormen theoretischen Hintergrund, welcher durch das Nachwort, die Quellenangaben sowie Literturhinweise abgerundet wird, könnte dieses Buch perfekt - sogar wirklich großartig - sein. Nun das "Aber", warum es bei mir nur 4,5 Sterne mit einer Tendenz zu den 4 Sternen geworden ist. Der Plot lahmt im Mittelteil ein wenig und es gibt eine irgendwie nebensächlich wirkende Beziehungskiste, die etwas obsolet bis nervig wirkt. Unabhängig davon bin ich wirklich begeistert von diesem Roman Mithu Sanyals und kann ihn vorbehaltlos wirklich allen Interessierten empfehlen.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

"Ach du grüne Neune!"

Breakthrough
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Wenn ein Antarktis-Wissenschaftler, der gerade nach einem massiven Erdbeben mit Eisschollenabbruch mit seinem Schneemobil fast in einen Abgrund gerauscht wäre, als Ausruf des Erstaunens "Ach du grüne Neune!" ...

Wenn ein Antarktis-Wissenschaftler, der gerade nach einem massiven Erdbeben mit Eisschollenabbruch mit seinem Schneemobil fast in einen Abgrund gerauscht wäre, als Ausruf des Erstaunens "Ach du grüne Neune!" ruft, sollte man das Buch, indem dieser Mist steht, sofort abbrechen...

...Ich hab es nicht getan. Aber nach 160 Seiten konnte selbst die zwanghafte Eigenschaft ein Buch, was man einmal angefangen hat, auch zuende zu lesen, mich nicht mehr davon abhalten, diesen Stuss aus der Hand zu legen.

Um nicht noch unnötig mehr Lebenszeit darauf zu verwenden hier kurz zur Warnung an alle potentiell Interessierten:

- an den Haaren herbeigezogener Plot

- mit holzschnittartigen Figuren, die jedes erdenkliche Action-Blockbuster-Klischee erfüllen (inkl. sexy Wissenschaftlerin, die den Ex-Navy-Seal gleich ins Herz schließt)

- ein Text ohne sprachliches Niveau

- eine Übersetzung mit haarsträubenden Formulierungen (verschiedene Figuren [Wissenschaftler*innen sowie Militärs] nutzen wiederholt dieselben altbackenen Floskeln des Erstaunens, Best-of: "Gütiger Himmel!", "Heiliger Bimbam!" und ja, auch "Ach du grüne Neune!")

Für Tipps, wie man hier einem Buch jegliche Sterne aberkennen kann, bitte eine PN an mich. Ach ja, und ein großes "Sorry" an alle Bücher, die ich hier je mit nur zwei Sternen abgespeist habe. Sie waren Lichtjahre von diesem Schrott entfernt. ;)

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