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Veröffentlicht am 25.07.2025

Ein hervorragender Roman, dem auf nur 150 Seiten so viel gelingt

Hündin
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Pilar Quintana hat etwas erschaffen und geschafft, was nur selten wirklich hochklassig gelingt: Auf nur 150 Seiten vermittelt sie in einer unglaublichen Dichte, wie es der untersten sozialen Schicht Kolumbiens ...

Pilar Quintana hat etwas erschaffen und geschafft, was nur selten wirklich hochklassig gelingt: Auf nur 150 Seiten vermittelt sie in einer unglaublichen Dichte, wie es der untersten sozialen Schicht Kolumbiens - ganz ohne Koka-Anbau-Klischee - ergeht und gleichzeitig, wie ein Ehepaar mit ihrer ungewollten Kinderlosigkeit umgeht.

Gleich die ersten Sätze schockieren mit grauenhaften Szenen, die aber sprachlich so briliant umgesetzt sind, dass es gar nicht in Frage kommt, das Buch aufgrund dieses Einstiegs wegzulegen. Damaris ist schon 40 Jahre alt und damit eine "verschrumpelnde" Frau. Vor zwei Jahrzehnten begannen ihr Mann Rogelio und sie den Versuch, schwanger zu werden. Vor einem Jahrzehnt gaben sie auf, entfremdeten sich. Nun bekommt Damaris unerwartet eine nur vier Tage alte Hündin zu Aufzucht und steckt in sie alle Wünsche, Erwartungen, Enttäuschungen und Verzweiflung, die mit ihrem Kinderwunsch einhergehen. Dies ist grundsätzlich ein Thema, welches man schon zur Genüge aus Büchern Europas und Amerikas kennt. Hier kommt eine neue Komponente hinzu: Das Leben an und unter der Armutsgrenze in Kolumbien. Eine Milieustudie zwischen der Steilküste des Pazifiks und dem wilden Dschungel des Kontinents. Erschreckend ist die Härte des Lebens, der Menschen, der Natur. Dort, mitten im Nirgendwo. Und jede der 150 Seiten wurde ich hineingezogen in diese Härte. Meines Erachtens liegt dies definitiv an dem hochkarätigen literarischen Niveau des vorliegenden Romans.

Dieses Buch stellt für mich ein klares Highlight dar. Auch wenn die Schilderungen mitunter schrecklich, bedrückend und kaum aushaltbar sind, so lohnt es sich, dieser Lektüre nicht aus dem Weg zu gehen. Die Lektüre hat mich nicht nur ob der präzisen Schilderungen berührt, sondern auch mein Wissen über das Land Kolumbien bereichert. Wirklich grandios!

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Der amerikanische Nick Hornby

I Can See Clearly Now
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Natürlich sollte ein Roman und dessen Autor nicht ausschließlich durch seine Nähe zu einem anderen berühmten Genraautoren definiert sein. Trotzdem sticht bei dieser Geschichte einfach der Vergleich zum ...

Natürlich sollte ein Roman und dessen Autor nicht ausschließlich durch seine Nähe zu einem anderen berühmten Genraautoren definiert sein. Trotzdem sticht bei dieser Geschichte einfach der Vergleich zum Popmusik-Beziehungsgeflechte-Großmeister Nick Hornby heraus, denn es gibt alle Komponenten, die es dafür braucht: Eine etwas abwegige Geschichte über ein gemischt-geschlechtliches Team von jungen Songwritern im Folk-überfluteten New York Mitte der Siebziger, die angestellt werden, um pädagogisch sinnvolle Lernlieder für Grundschüler zu kompinieren. Viel Cannabis. Natürlich die unvermeidlichen Beziehungsverflechtungen. Selbstfindung. Und ein interessanter Blick hinter die Kulissen des Songwritings. Die ein oder andere winzige Gesellschaftskritik ist auch noch zu finden.

In diesen Text kommt man einfach gut rein. Er ist süffig geschrieben, unterhaltsam und kurzweilig. Unerwartet vielfältig entwickeln sich die vielen Figuren des Romans, denen die Leser*innen im Wechsel der Kapitel aus personaler Erzählperspektive jeweils folgen. Eine etwas merkwürdig (bzw. aus der Zeit gefallen) übersetzte Stelle fällt negativ auf, wenn ein Gedanke des einzigen Schwarzen der Truppe hier wie folgt zusammengefasst wird: "...um gute Noten zu bekommen, seiner Rasse alle Ehre und seinen Dad stolz zu machen..."

Wer kurzweilige Unterhaltung im Stile (des frühen) Nick Hornbys mag, wird hier eine positive Leseerfahrung bekommen. Solide geschrieben, interessanter Inhalt, leicht verdaulich präsentiert.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Lakonisch erzählte (Lebens-)Geschichten der Autorin

Vom Aufstehen
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Ganze 29 einzelne und doch sich zum Leben der Autorin zusammenfügende Geschichten versammelt Helga Schubert in diesem ersten Roman, welchen sie im Alter von 80 Jahren veröffentlicht. Die in einer Diktatur ...

Ganze 29 einzelne und doch sich zum Leben der Autorin zusammenfügende Geschichten versammelt Helga Schubert in diesem ersten Roman, welchen sie im Alter von 80 Jahren veröffentlicht. Die in einer Diktatur Geborene, in einer anderen Diktatur Aufgewachsene, dort als Psychotherapeutin Tätige und zuletzt aufmerksame Beobachterin aus dem ländlichen Mecklenburg-Vorpommern heraus, bringt eigentlich alle Komponenten mit, die eine aufwühlende Lebensgeschichte entstehen lassen.

Dieses Leben war nd ist mit der belasteten und belastenden Beziehung zur Mutter sicherlich auch für die Autorin sehr aufwühlend, nur konnte sie mich mit ihren Geschichten als Leserin selten emotional berühren. Man könnten den lakonisch-distanzierten Schreibstil vorschieben. Aber dieser hat mir eigentlich über weite Strecken gut gefallen. Mit abgeklärt, prägnanten Beispielen beschreibt die absurde Situationen ihres Lebens, wie ein Interview mit einem westdeutschen Radiosender in der Nacht zum 3. Oktober 1990 scheinen die Abläufe einer Realsatire entnommen: "Wir sollten schildern, wie es uns geht, wenn unser Staat in den nächsten Minuten untergeht. Und außerdem sollten wir uns jeder ein Musikstück wünschen." Solch kurzen Momente der Bloßstellung abstruser Situationen und die zarten Naturbeobachtungen konnten mich hier am meisten überzeugen. Trotzdem bleibt für mich unerwartet wenig von der Lektüre des Buches zurück. Ich finde nach diversen Berichten zur Person, die Autorin wirklich sehr interessant, auch den Umstand, dass sie als Psychotherapeutin in der DDR gearbeitet hat. Leider spielt dies keinerlei Rolle im Buch. Schade. Eine Mutter-Konfliktbearbeitung in diesem Kontext finde ich durchaus erzählenswert.

So bleibt für mich "Vom Aufstehen" ein gutes bis sehr gutes, lesenwertes Stück Literatur, hinterlässt jedoch kaum emotionale Spuren.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Ein aufrüttelnder Geniestreich über den "Brandbeschleuniger" Rassismus in Deutschland

Drei Kameradinnen
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Wie leben Menschen mit rassifizierten Merkmalen derzeit in Deutschland? In Deutschland gibt es doch gar keinen Rassismus... ach. Diese Personen sind doch einfach nur empfindlich, sollen sich mal nicht ...

Wie leben Menschen mit rassifizierten Merkmalen derzeit in Deutschland? In Deutschland gibt es doch gar keinen Rassismus... ach. Diese Personen sind doch einfach nur empfindlich, sollen sich mal nicht so haben, interpretieren da etwas rein.

So ist leider immer noch die weit verbreitete Meinung zum Thema (Alltags-) Rassismus in Deutschland. Aber so sieht die Realität nicht aus. Menschen, die anders aussehen, nicht weiß sind, müssen tagtäglich mit offenen und latenten Anfeindungen und Unverständnis leben. Was dies mit den Betroffenen macht, beschreibt Shida Bazyar grandios in ihrem neuen Roman. Hier kommen drei Freundinnen nach Jahren des getrennten Erwachsenenlebens wieder zusammen, um die Hochzeit einer Bekannten zu feiern. Minutiös fächert Bazyar die Geschehnisse bis zu einem verheerenden Brand, zu dessen Verursacherin eine der drei Frauen schon zu Beginn des Buches ausgemacht wird. Während die Zeitlinie über drei Tage hinweg bis zum Brand nachvollzogen wird, erfahren wir immer mehr über die Lebens- und damit auch Rassismuserfahrungen der drei Frauen durch Rückblenden und Erinnerungen an die gemeinsame Vergangenheit in einem sozialen Randgebiet der Stadt.

Literarisch arbeitet Bazyar auf höchstem Niveau. Dabei geht es nicht darum, dass die Sprache artifiziell oder hochgestochen wäre, nein der Aufbau des Romans, die Einbindung der Leserschaft durch Durchbrechen der Vierten Wand, das Ausarbeiten von soziokulturellen Theorien in den Plot und vor allem die direkte, ungeschönte Schilderung von vielen, vielen Rassismuserfahrungen macht dieses Buch zu einer Meisterleistung. Die Autorin nutzt die Metaebene, um die Lesenden auf Voreingenommenheiten und Scheinheiligkeiten aufmerksam zu machen. Sie scheint sich bewusst zu sein, dass diesen Roman wahrscheinlich eher links-liberale, weiße Leser*innen vor der weißen Nase haben, die sich informiert fühlen, aber hier trotzdem noch so einiges dazulernen können. Sie erklärt uns eben nicht, aus welchen Ländern die Eltern der drei Protagonistinnen kommen, welche Kriege sie durchlebt haben, in welchem Jahr sie geflüchtet sind, damit wir uns eben nicht zusammengooglen können, welchen Hintergrund die drei haben. Es ist nämlich irrelevant. Die Vorurteile, mit denen die Frauen zu kämpfen haben, bleiben dieselben. So wabern durch den Hinterkopf einer der Frauen "verschiedene Sprachen, die sie in Deutschland niemals brauchen und die ihr hier niemals als Kompetenz oder Qaulitätsmerkmal anerkannt werden würden." So soll eine Andere "aber trotzdem nur das machen, was für mich vorgesehen ist, und was für mich vorgesehen ist, darüber entscheide selbstverständlich nicht ich, sondern alle anderen."

An einer anderen Stelle, in der es darum geht, all diese Zusammenhänge der weißen Außenwelt zu erklären, heißt es: "...hör auf, es zu erklären, niemand dankt es dir. Niemand kriegt Applaus, weil er die Wahrheit sagt." Ich danke es Bazyar und sie kriegt sogar standing ovations von mir dafür. Diese nicht nur lehrreiche sondern auch hochspannende Story sollte von ausnahmslos jedem und jeder gelesen werden. Auch und gerade von den Personen, die sich für aufgeklärt, tolerant und informiert halten. Dieser Roman ist ein wahrer Zugewinn sowohl auf literarischer wie auch inhaltlicher Ebene. Ein grandioser Geniestreich. Ein kluges Jahres-Highlight 2021!

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Dies ist KEIN "prophetischer" Roman!

Der ehemalige Sohn
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prophezeien (Deutsch) - Wortbedeutung/Definition: 1) etwas Zukünftiges vorhersagen; etwas möglicherweise Eintretendes voraussagen.

Dieser Debütroman von Sasha Filipenko wird als "prophetisch" gepriesen. ...


prophezeien (Deutsch) - Wortbedeutung/Definition: 1) etwas Zukünftiges vorhersagen; etwas möglicherweise Eintretendes voraussagen.

Dieser Debütroman von Sasha Filipenko wird als "prophetisch" gepriesen. In diese Richtung geht auch sein Vorwort der nun ins Deutsche übersetzten Fassung. Hier schreibt Filipenko: "Zum Glück für den Autor, aber zum Leidwesen der Belarussen sind ganze Seiten aus meinem Roman Wirklichkeit geworden...". Worum geht es überhaupt? 1999 fällt der Jugendliche Franzisk in ein Koma, nachdem er eine Massenpanik in Minsk überlebte. Zwischenzeitlich kümmert sich seine Großmutter liebevoll um den Komatösen und seine Mutter sowie der Stiefvater vernachlässigen ihn skandalös. Zehn Jahre später erwacht er und sein Land hat sich kaum verändert, ist eher zu einer noch schlimmeren Diktatur geworden. Zum Schluss kommt es zum Aufstand, der blutig niedergeschlagen wird.

Prophetisch ist das Ganze deswegen nicht, da alle Eckdaten und -ereignisse des Romans exakt so bis 2011, dem Jahr in dem der Roman endet, stattgefunden haben. Dies erfahren die interessierten aber eventuell nicht so gut informierten Lesenden aus einem sehr fundierten und wichtigen Nachwort der Übersetzerin. Das heißt, der Roman spiegelt tatsächlich eher die jüngere Zeitgeschichte des Landes wieder, als prophetisch in die Zukunft zu schauen. Der 2014 veröffentlichte Roman erfährt nun zufällig eine neue Aktualität durch die Geschehnisse im Land in 2020. Dies kommt dem Verlag unzweifelhaft zu pass, welcher dem Buch nun mehr unterstellt, als es leistet.

Politisch also hochaktuell und informativ ist dieser Roman durchaus. Ich hätte aber lieber einen Essay zum Thema gelesen als diese Geschichte mit einem doch recht weit hergeholten, überkonstruierten Plot. Durch sehr überzufällige Begebenheiten taucht der Protagonist zufällig überall dort auf, wo etwas historisch Belegtes in Minsk passiert. Das Buch ist ein gutes fiktionales Sprachrohr der belarussischen oppositionellen Bevölkerung, jedoch leider literarisch weniger überzeugend. Die Nebenfiguren sind größtenteils als Typen enworfen, die eher soziologischer aber gar keiner psychologischen Betrachtung dienen. Das ist okay, kann man machen. Aber auch die Hauptfigur Franzisk bleibt leider vollkommen flach, bekommt keine richtige Tiefe. Empathien für sein Schicksal werden eher durch die Konstruktion von den beiden scheinbar eindeutigen Polen "gut"/"liebevoll" (Großmutter) und "böse"/"kaltherzig" (Mutter und Stiefvater) und deren Handlungen und Gedankengänge erzeugt, als durch die Person Franzisk selbst. So bleibt der Roman eine unausgegorene Mischung aus Drama um das Schicksal des Komatösen und politischem Statement zum Schicksal eines Landes in katastrophalen Zuständen gesprenkelt mit ein wenig, kaum nennenswerten Galgenhumor.

Somit würde ich abschließend nicht aktiv von der Lektüre abraten. Gerade durch die Anmerkungen der Übersetzerin Ruth Altenhofer wird dieses Buch für deutschsprachige Leser*innen verständlicher und damit auch aufgewertet. Aber so wirklich empfehlen kann ich den Roman auch wieder nicht. Lieber einen guten Essay oder Reportage zum Thema lesen, würde ich sagen.

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