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Veröffentlicht am 06.07.2025

Familiäre Prägungen und Erwartungen, die uns von Kindheit an begleiten

Wild wuchern
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Johanna und Marie sind die beiden Protagonistinnen im Roman „Wild wuchern“ von Katharina Köller. Ihre Mütter sind Zwillingsschwestern und ihre Lebenswege könnten kaum unterschiedlicher verlaufen. Marie ...

Johanna und Marie sind die beiden Protagonistinnen im Roman „Wild wuchern“ von Katharina Köller. Ihre Mütter sind Zwillingsschwestern und ihre Lebenswege könnten kaum unterschiedlicher verlaufen. Marie entspricht dem Idealbild ihrer Mutter als braves, blondes Mädchen. Als sie erfährt, dass Johanna fortan in ihre Klasse gehen wird und sie sich um ihre Cousine kümmern soll, beginnt ein Konflikt, dessen Hintergründe lange im Verborgenen bleiben. Sie offenbaren sich mit der Zeit in Rückblicken. Mich fesselte die Geschichte dadurch, dass ich mehr über dieses Familiengeheimnis aus der Vergangenheit erfahren wollte. Der eigentliche Spannungsbogen entsteht jedoch in der Gegenwart, im Moment des Wiedersehens der beiden Frauen.

Am Anfang des Buchs begegnete ich Marie, die offenbar vor etwas flieht. Die Gründe dafür klären sich ebenfalls erst im Laufe der Erzählung, doch zunächst gibt die Autorin kleine Andeutungen. Marie hat sich als Designerin von Schuhen einen Namen gemacht, ist inzwischen aber seit langem arbeitslos. Mit ihrem in der Modebranche erfolgreichen Ehemann ist sie nach Wien zurückgekehrt. Jetzt aber klettert sie einen Berg in Tirol hinauf. Dort lebt Johanna seit ihrer Jugend als Einsiedlerin in einer Berghütte, die früher dem Großvater der beiden Frauen gehört hat. Jahrelang hatten die Cousinen keinen Kontakt, weil ihre Lebensentwürfe sehr verschieden sind.

Katharina Köller gelingt es eindrucksvoll, die beiden konträren Figuren aufeinandertreffen zu lassen. In Gesprächen und durch Handeln zeigt sich Maries Tatkraft und Entschlossenheit. Johanna hingegen, still und naturverbunden, hat im Einklang mit der Umgebung eine feine Sensibilität entwickelt, die nicht nur Tieren zugutekommt. Marie fällt es schwer, sich der wortkargen Johanna zu nähern und sich mit dem Geruch der Ziegen, der überall präsent ist, zu arrangieren. Gerade daraus wird deutlich, wie tief ihre seelische Erschütterung sein muss, um trotz aller Widerstände bei ihrer Cousine bleiben zu dürfen. Trotz des ernsten Hintergrunds verleiht die Autorin der Geschichte immer wieder Leichtigkeit durch amüsante Situationen und schafft dadurch ein Gleichgewicht, welches das Lesen bereichert und zugleicht bewegt.

Der Roman stimmt nachdenklich über die Art und Weise familiärer Prägungen und die Erwartungen, die uns von Kindesbeinen an begleiten. Katharina Köller wirft Fragen danach auf, wie es gelingen kann, dem „Wuchern“ in einem eng gesteckten Rahmen zu entkommen und wie man „wild“ wachsen und Selbstbewusstsein entwickeln kann, ohne dabei Schaden zu nehmen. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 06.07.2025

Authentische Protagonistin in der Lebensmitte auf der Suche nach Selbstverwirklichung

Glück ist ganz nach meinem Geschmack
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Entsprechend des Romantitels „Glück ist ganz nach meinem Geschmack“ wünscht sich Sarah-Marie Lautenschläger, von ihren FreundInnen liebevoll Sam genannt, sich ein gerne mit ihrem Leben zufrieden sein. ...

Entsprechend des Romantitels „Glück ist ganz nach meinem Geschmack“ wünscht sich Sarah-Marie Lautenschläger, von ihren FreundInnen liebevoll Sam genannt, sich ein gerne mit ihrem Leben zufrieden sein. Doch in der Geschichte der Autorin Claudia Schaumann kämpft die Protagonisten jeden Tag mit den Herausforderungen ihres Alltags als Grundschullehrerin. Erschwert wird der ohnehin anstrengende Schuldienst durch einen jungen, ehrgeizigen und attraktiven neuen Rektor, der den Unterricht grundlegend verändern will. Sams Eltern haben kein Verständnis dafür, dass sie ihren Beruf aufgeben und stattdessen mit Backen ihren Lebensunterhalt verdienen möchte, denn schließlich ist sie zwar Single, trägt aber auch die Verantwortung für ihre sechsjährige Tochter.

Bei einem Klassentreffen, 25 Jahre nach ihrem Abitur, begegnet Sam ihrem früheren Schwarm Max wieder, der ihre Gefühle nun zu erwidern scheint. In Rückblenden ruft Sam sich die Zeit rund um ihren Schulabschluss ins Gedächtnis, die auch bei mir Erinnerungen weckte. Sams erste Verliebtheit und ihre Unsicherheit im Umgang mit Gleichaltrigen werden dabei sehr einfühlsam geschildert.

Sam ist 43 Jahre alt und befindet sich an einem Wendepunkt, der geprägt ist von Selbstzweifeln. Sie spürt, dass sie noch jung genug ist, etwas in ihrem Leben zu verändern, statt weiter einem Beruf nachzugehen, den sie nicht mit Überzeugung ausübt. Die Autorin schafft Figuren wie die von Sam, mit denen sich die Lesenden gut identifizieren können. Gemeinsam mit ihren Freundinnen Ava und Charlotte sucht sie nach einer Lösung für ihr Problem, sich zwischen sicherer Verbeamtung und risikobehafteter, aber erfüllender Selbständigkeit zu entscheiden. In ihrem Privatleben lebt sie bisher ihre Unabhängigkeit von einer Beziehung aus. Dennoch kommt immer wieder zum Ausdruck, dass sie sich eine feste Partnerschaft wünscht, obwohl sie bisher häufig auf verschiedene Weise enttäuscht wurde. Claudia Schaumann führt den Lesenden über einige emotionale Höhen und Tiefen von Sam. In die Beschreibung des schulischen Alltags der Grundschullehrerin fließen eigene Erfahrungen der Autorin ein und verdeutlichen sowohl die Belastungen des Berufs als auch die erfüllenden Seiten.

Der Roman überzeugt mit unterhaltsamen Situationen und amüsanten Dialogen sowie authentischen Protagonisten, deren Handeln nachvollziehbar ist. Claudia Schaumann gelingt es zu zeigen, dass man die Lebensmitte einiges an Chancen bietet, sein Leben neu auszurichten. Das Ende ruft nach einer Fortsetzung mit Charlotte als Protagonistin. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 01.06.2025

Eine Geschichte vom Verlust, aber voller Wärme und Zuneigung

Perlen
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Vater, Mutter, kleine Hand, dunkle Tage, helle Tage – wie Perlen auf einer Schnur reihen sich die Erinnerungen der Ich-Erzählerin Marianne im Debütroman „Perlen“ der Engländerin Sian Hughes, der für den ...

Vater, Mutter, kleine Hand, dunkle Tage, helle Tage – wie Perlen auf einer Schnur reihen sich die Erinnerungen der Ich-Erzählerin Marianne im Debütroman „Perlen“ der Engländerin Sian Hughes, der für den Bookerpreis 2023 nominiert war. Die Autorin erzählt in feinfühliger Sprache die Geschichte eines Verlusts, der ein Leben lang nachhallt.

Niemals hat die etwa vierzigjährige Protagonistin den Tag vergessen, an dem ihre Mutter die Familie verließ und spurlos verschwand. Lediglich verwischte Spuren am nahen Fluss deuten auf ihren Freitod hin. Seither zieht sich die Frage nach dem ‚Warum‘ durch ihr ganzes Leben. Damals war Marianne acht Jahre alt, ihr kleiner Bruder noch ein Baby. Inzwischen ist sie selbst Mutter einer Tochter. Jährlich kehrt sie zum Totengedenken in ihrem Heimatort zurück.

Die ersten Jahre nach dem Verschwinden der Mutter waren keine einfache Zeit für Marianne. Trotz der Mühe ihres Vaters hat sie ständig die Schule geschwänzt. In England scheint es andere Regeln für den Schulbesuch zu geben, denn folgenschwere Konsequenzen ergeben sich nicht aus ihrem Fehltagen. In der Pubertät rebelliert sie auf ihre Weise durch eine vom Vater nicht gern gesehene Freundschaft. Je älter sie wird, desto mehr beginnt sie zu verstehen, welche ihre Beweggründe ihre Mutter eventuell hatte. Ihre Eindrücke manifestieren sich, als sie ein Geheimnis ihrer Eltern aufdeckt.

Gleich zu Beginn des Romans beobachtet Marianne beim Spielen ihrer Tochter eine auffällige realitätsferne Wahrnehmung, woraufhin sie umgehend professionelle Abklärung einholt. Die psychischen Probleme ihrer Mutter sind rückblickend meist nur zu vermuten, denn die Protagonistin schildert sie als liebevoll, fürsorglich und fröhlich. Jedem Kapitel ist ein englischer Kinderreim vorangestellt, oft düster im Inhalt. Sie sind gleich oder ähnlich denen, die Marianne von ihrer Mutter gelernt hat. Als Kind weiß sie nicht, dass ihre Mutter eine Fassade aufrechthält. Ich hätte mir einen Triggerwarnung und einen Hinweis auf Hilfsmöglichkeiten bei psychischen Störungen im Buch gewünscht.

Einfühlsam beschreibt Sian Hughes in ihrem Debüt „Perlen“ den als Kind erlittenen Verlust der Mutter der inzwischen erwachsenen Protagonistin Marianne. Trotz der immer noch lebendigen Erinnerungen hat sie über Schwierigkeiten und Trauer hinweg es geschafft, sich selbst einige Wünsche im Leben zu erfüllen. Durch die Geschichte zieht sich quer ein Band der Wärme und Zuneigung. Gerne empfehle das Buch weiter.

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Veröffentlicht am 31.05.2025

Wie weit würdest du gehen, um finanzielle Sicherheit im Leben zu erhalten?

Wut und Liebe
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Camilla da Silva ist 31 Jahre alt und gleichzeitig von Wut und Liebe im Bauch erfüllt: Sie liebt Noah Bach, der sich als Künstler jedoch bis jetzt keinen Namen machen konnte. Gleichzeitig ist sie wütend ...

Camilla da Silva ist 31 Jahre alt und gleichzeitig von Wut und Liebe im Bauch erfüllt: Sie liebt Noah Bach, der sich als Künstler jedoch bis jetzt keinen Namen machen konnte. Gleichzeitig ist sie wütend auf ihn, weil er so gut wie nichts zum gemeinsamen Auskommen beiträgt. Ihr Gehalt als Buchhalterin reicht jeden Monat gerade so aus, um den Lebensunterhalt für sie beide zu meistern. Allmählich wird sie von dem Gefühl beschlichen, dass ihr kaum Zeit bleibt, um ihr Leben so zu verändern, dass sie für den Rest ihrer Jahre keine finanziellen Sorgen mehr haben muss. Die naheliegendste Lösung schein ihr daher, sich einen wohlhabenden Ehemann zu suchen.

Darum trennt sie sich schweren Herzens von ihrem Freund, der ein hervorragender Schütze ist, was kaum jemand weiß. Noah möchte jedoch seine Liebe zu Camilla nicht so leicht aufgeben. Er lernt eine ältere Witwe kennen, die ihm ein zweifelhaftes Angebot macht.

Camilla und Noah sind die beiden Hauptfiguren im Roman „Wut und Liebe“ von Martin Suter. Der Autor vermittelte mir fortwährend das Gefühl, dass seine Protagonistin und sein Protagonist nicht voneinander lassen können. Camillas Beweggrund, die Beziehung zu beenden, ist wohlüberlegt. Ich wusste nicht, ob ich Camilla für den Mut, ihr Leben auf diese radikale Art mit weitreichenden Konsequenzen zu verändern, verachten oder bewundern sollte. Gleichzeitig hatte ich Mitgefühl für Noah. Aufgrund der Trennung steht sein Ziel, Anerkennung in der Kunstszene zu finden und damit Verkäufe zu generieren, auf dem Spiel. Aber ist er wirklich nur ein Bauernopfer in Camillas Plänen? Er weiß: „Wenn er wieder in seinen gelernten Beruf als Grafiker zurückkehrt, wird er nicht genügend Arbeitszeit aufbringen können, um seine angestrebte Karriere voranzutreiben. Bei mir verlor er Sympathiepunkte, weil er ernsthaft darüber nachdenkt, das unmoralische Angebot anzunehmen.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie sowohl Camilla wie auch Noah nach Selbstverwirklichung streben und dabei ausgerechnet jenen vertrauen, die ein angenehmes Leben führen und sich durch selbstsicheres Auftreten und große Worte auszeichnen. Der Roman ist nicht nur eine gefühlvoll erzählte Liebesgeschichte, sondern enthält auch kriminalistische Elemente. Martin Suter gewährt einen Einblick in den Handel mit Kunstgegenständen und den Abhängigkeiten im Netzwerk aus GaleristInnen, Kunstvermittelnden und KünstlerInnen. Dabei streut er nebenbei Kritik am gesellschaftlichen System ein.

In seinem Roman „Wut und Liebe“ wirft Martin Suter die Frage danach auf, wie wichtig uns finanzielle Sicherheit im Leben ist und wie weit wir gehen würden, um sie zu erreichen. Die Geschichte ist leicht zu lesen, überrascht mit einigen Wendungen und ist zugleich tiefgründig. Sehr gerne empfehle ich das Buch uneingeschränkt weiter.

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Veröffentlicht am 30.05.2025

Bewegender Roman über das Drama der Überflutungen von Siedlungen des samischen Volks

Das Echo der Sommer
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Die schwedische Autorin Elin Anna Labba widmet sich in ihrem Debütroman „Das Echo der Sommer“ der Geschichte der Samen, dem indigenen Volk des Nordens, dem sie selbst entstammt. Früher folgten sie stets ...

Die schwedische Autorin Elin Anna Labba widmet sich in ihrem Debütroman „Das Echo der Sommer“ der Geschichte der Samen, dem indigenen Volk des Nordens, dem sie selbst entstammt. Früher folgten sie stets ihren Rentierherden. Sie nutzten im Sommer Weiden oberhalb der Baumgrenze im Fjäll, also dem Gebirge. Im Winter fanden sie Weideland in geschützten Wäldern.

Die Handlung beginnt im Jahr 1941 als Ravdna, ihre Schwester Anne und ihre dreizehnjährige Tochter Inga im Norden von Schweden am Ufer eines Sees zusehen, wie das Wasser zunehmend ihre im Sommer genutzte kuppelförmige Torfkote und weitere Koten von anderen Dorfbewohnern flutet. Der schwedische Staat betrachtet die Samen als nicht sesshaft und verweigert ihnen damit das Recht auf eigenes Land. In unregelmäßigen Abständen wird der Staudamm am See erhöht, um mit Wasserkraft mehr Strom zu gewinnen. Zunächst wird auf das Hab und Gut der samischen Bevölkerung keine Rücksicht genommen. Während Anne zunehmend resigniert, beginnt Ravdna auf ihre Weise für die Rechte ihres Volks und den Erhalt ihrer kulturellen Identität zu kämpfen. Es wird ein langer und steiniger Weg.

Elin Anna Labba erzählt realistisch von dem entbehrungsreichen Alltag der Samen: von ihren Lebensgewohnheiten und Ritualen, von ihrer Kleidung und ihrer Ernährung. Im Laufe der Erzählung lernte ich mehr über die Historie des Volks. Durch die Perspektive der drei Protagonistinnen mit Mutter, Tochter und Schwester erfuhr ich auch vom familiären Miteinander und der gegenseitigen Unterstützung im Alltag. Samische Männer sind in der Regel im Sommer mit den Rentieren unterwegs. Die Frauen in den dörflichen Ansammlungen sind geschickt und fertigen diverse Artikel, die sie, wann immer möglich zum Verkauf anbieten, vor allem an Touristen. Themen wie Liebe oder Partnerschaft spielen hingegen eine eher untergeordnete Rolle.

Immer wieder wird samisch gesprochen, was den Lesefluss unterbricht, jedoch zur authentischen Atmosphäre beiträgt. In freien Versen lässt die Autorin zu Beginn, zwischen den Kapiteln und am Ende eindrucksvoll den See selbst zu Wort kommen. So verstärkt sie die poetische und zugleich beklemmende Stimmung ihres Romans

„Das Echo der Sommer“ erzählt anhand dreier Protagonistinnen einen bewegenden Ausschnitt aus der schicksalhaften Geschichte der Samen. Abseits des Dramas um die wiederholten Überflutungen ihrer Siedlung entwickelt sich der Roman in ruhigem Ton und vermittelt ein tiefes Gefühl für das Leben im Einklang mit der Natur. Ich habe beim Lesen viel über ein mir bisher unbekanntes Stück Zeitgeschichte erfahren, ebenso wie über samische Kultur und Lebensart. Der Umgang des schwedischen Staats mit diesem indigenen Volk lässt mich nach dem Beenden der Lektüre nachdenklich zurück. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

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