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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.05.2019

Mitreißend, amüsant, bewegend und nachdenklich stimmend

Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat
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Obwohl das Cover vielleicht an eine „federleichte“ Geschichte denken lässt, ist der Roman „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“ von Demian Lienhard nicht schwerelos. Er ist zwar von Beginn ...

Obwohl das Cover vielleicht an eine „federleichte“ Geschichte denken lässt, ist der Roman „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“ von Demian Lienhard nicht schwerelos. Er ist zwar von Beginn an aufgrund der schnodderigen Erzählweise der Protagonistin amüsant, aber auch tiefgründig und berührend.

Alba ist Protagonistin und Ich-Erzählerin des Romans. Sie erzählt im Rückblick auf ihr wichtige Ereignisse in ihrem Leben. Zu Beginn der Geschichte ist sie noch Schülerin und Patientin im Krankenhaus. Sie schildert ihre erste Begegnung mit ihrem späteren Freund Jack, der eigentlich gar nicht so heißt. Schon durch die ersten Zeilen erfuhr ich aufgrund einer von erwähnten Schwindelei von ihrem Gewohnheit, die Wiedergabe von Erlebtem so zusammenzubauen, wie es ihr nach ihrer Vorstellung gefällt.

Es ist Anfang der 1980er Jahre und Alba lebt in einem kleinen Ort in der Nähe von Zürich, dessen größte Attraktion eine Hochbrücke ist, von der sich viele hinunterstürzen, um ihrem Leben ein Ende zu setzen, darunter auch mehrere Mitschüler. Überhaupt ist Albas noch junges Leben von vielen Verlusten geprägt, was sie auch immer wieder in ihrer Erzählung thematisiert. Auf diese Weise lässt sich auch ihre Trauer und Wut auf das Leben nachvollziehen und ihr Wunsch danach, es zumindest für Außenstehende so zu verändern, dass Mitleid ausbleibt und sie einer Auseinandersetzung aus dem Weg geht.

Bis in die 1990er Jahre hinein reicht der Erzählstrang. Alba erzählt von ihren Gefühlen, ihren Wahrnehmungen, dem Alltagsgeschehen und erstmaligen Erlebnissen bis hin zu einer Spirale der Abhängigkeit in dies sie sich verfängt. Durch Jack wird sie auf größere Probleme in der Gesellschaft aufmerksam, ein Grund für sie, sich selbst kurzfristig zu engagieren.

Alba greift viele Gesprächsfäden auf und spinnt sie auf eine unvergleichliche Art in die von ihr erdachte Richtung. Immer wieder korrigiert sie sich selbst. Für mich ergab sich aufgrund ihrer Schilderungen das Bild einer jungen Frau, die von ihrer Mutter gelernt hat, nach außen hin eine gesellschaftlich akzeptable Fassade aufrecht zu erhalten. Obwohl das genau ein häufiger Kritikpunkt ist über den sie mit ihrer Mutter streitet, hat sie die Haltung so verinnerlicht, dass sie selbst nicht merkt, dass sie selbst sich genauso verhält. Als Leser führte ihr Verhalten mich innerhalb der Geschichte zu zahlreichen unerwarteten Wendungen und überraschenden Offenlegungen, die dem Roman einen eigenen Ton gaben.

Demian Lienhard schreibt mit großem Einfühlungsvermögen in dem Roman „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“ über eine junge Frau, die mit viel Selbstironie den Schattenseiten des Lebens entgegentritt, ohne Netz und doppelten Boden. Die Geschiche ist durch den besonderen Erzählstil der Protagonistin mitreißend, bewegend und stimmt nachdenklich, gleichzeitig sorgt er aber auch für einen kurzweiligen Unterton. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Veröffentlicht am 06.05.2019

Gefühlvoll geschriebener, berührender Roman über zwei ganz verschiedene Frauen

Alte Sorten
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Alte Obstsorten sind robust und unempfindlicher im Vergleich zu neuen, so sagt man. Im Roman „Alte Sorten“ von Ewald Arenz spielen Birnen unterschiedlicher Sorten, die es schon viele Jahrzehnte gibt, ...



Alte Obstsorten sind robust und unempfindlicher im Vergleich zu neuen, so sagt man. Im Roman „Alte Sorten“ von Ewald Arenz spielen Birnen unterschiedlicher Sorten, die es schon viele Jahrzehnte gibt, eine Rolle. Die Protagonistinnen der Geschichte sind die 17-jährige Sally und die etwa 45-jährige Liss, die sich durch Zufall kennen lernen. Von Beginn an war ich gespannt, ob sich im Laufe der Erzählung herausstellen wird, dass die nachgesagte erwähnte Eigenschaft der alten Sorten sich auf die beiden Frauen übertragen lässt. Ohne Frage macht das schlichte Cover auf das Buch aufmerksam und ließ mich daran denken, dass die Geschichte im ländlichen Bereich angesiedelt sein wird.

Dementsprechend fand die erste Begegnung zwischen Sally und Liss im Weinberg statt, dort lernen sie sich kennen. Sally ist wütend auf ihr Leben. Sie hat von irgendwo Reißaus genommen und freut sich, dass ihr niemand gefolgt ist. Liss ist mit ihrem Traktor unterwegs. Bei einem Wendemanöver benötigt sie Hilfe und fragt kurzerhand Sally. An der Art wie Liss ihre Frage stellt und sich im Folgenden verhält, unterscheidet sie sich von denjenigen, die ständig in Sallys Leben eingreifen. Sie folgt Liss auf deren Hof und hilft ihr gegen Kost und Logis bei einigen Arbeiten. Sally versucht ihre Herkunft vor Liss zu verbergen und diese schweigt im Gegenzug über ihre bewegte Vergangenheit. Im Laufe mehrerer Tage lernen sich beide nicht nur besser kennen, sondern auch einander zu schätzen. Doch Worte wiegen schwer und falsch gesetzte zerstören die fragile Oberschicht des Vertrauens zueinander und führen zu ungewollten Einblicken.

Sally sucht nach einer Möglichkeit frei zu leben nach ihrem eigenen Willen. Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass sie auf verschiedene Weise in den letzten Jahren durch Regeln und Normen geprägt wurde, gegen die sie sich aufgelehnt. Dadurch ist auch ihre abwehrende Haltung entstanden, die sie mit sich trägt wie einen Schutzschild. Alles und jedes wird von ihr in Frage gestellt. Doch der ruhige Ton von Liss, die sie um ihre Hilfe bittet, die tatsächlich benötigt wird, und ihr dann einfach die zur Hilfestellung notwendigen Abläufe erklärt, setzen ihre Misstrauen vorläufig außer Kraft. Liss zeigt ihr eine Seite des Lebens mit der Sally bisher wenig in Berührung gekommen ist. Die Feldarbeit und der Weinanbau, die Hühnerzucht und der Obstgarten mit den alten Birnensorten berühren auf ganz besondere Weise die Sinne der jungen Frau. Während der Umstand des Essens in Sallys Vergangenheit für sie krankhaft unbedeutend wurde, genießt sie nun die Frische der Speisen und den Geschmack.

Es dauert eine Weile bis Sally Vertrauen zu Liss aufgebaut hat und umgekehrt. Die grundsätzliche Einstellung zum Leben von Liss ist zu bewundern und auch die Energie die sie aufbringt um den Hof ganz allein zu bewirtschaften. Doch aus den ersten Reaktionen in ihrem Umfeld lässt sich herauslesen, dass sie trotz ihres einfühlsamen Charakters nicht besonders beliebt im Ort ist. Dahinter habe ich ganz richtig ein Geheimnis vermutet, dass Liss mir als Leser und auch Sally gegenüber erst zum Ende hin offenlegt und auch ihre seelische Verwundbarkeit zeigt. Bis dahin erzeugte die Heimlichkeit eine gewisse hintergründige Spannung. Trotz der Konflikte im Umgang der beiden Protagonistinnen miteinander beschreibt der Autor in ruhigen Worten die täglichen, manchmal kräftezehrenden Verrichtungen und erzeugt auf diese Weise einen friedlichen Gegenpol.

„Alte Sorten“ von Ewald Arenz ist ein gefühlvoll geschriebener Roman, der zeigt wie zwei unterschiedliche Persönlichkeiten von ihrer Umwelt so geprägt wurden, dass sie diese zwar letztlich akzeptieren, aber dennoch auf ihre Weise für die Durchsetzung ihrer eigenen Vorstellungen kämpfen. Sehr gerne empfehle ich das Buch uneingeschränkt weiter.

Veröffentlicht am 04.05.2019

Detailreich erzählte, verschlungene High-Fantasy mit vielen unvorhersehbaren Wendungen

Die Töchter von Ilian
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„Die Töchter von Ilian“ ist eine High-Fantasy von Jenny-Mai Nuyen. Die Geschichte ist in einem mittelalterlichen Setting angesiedelt. Nur das „Kleine Volk“ (Zwerge) und das „Alte Volk“ (Elfen) haben ihre ...

„Die Töchter von Ilian“ ist eine High-Fantasy von Jenny-Mai Nuyen. Die Geschichte ist in einem mittelalterlichen Setting angesiedelt. Nur das „Kleine Volk“ (Zwerge) und das „Alte Volk“ (Elfen) haben ihre festen Siedlungsplätze, die Stämme der Urier (Menschen) sind ständig unterwegs, wohl auch durch harte Gebietskämpfe bedingt. Eine Karte, die sich sowohl vorne wie auch hinten unter der Klappe der Broschur verbirgt, gab mir als Leser einen Überblick über die Welt von Ilian, dem Land der Quellen. Die Welt war früher ein Reich ohne Krieg.

Die junge Welgreta vom Kleinen Volk hat sieben Jahre als Schülerin bei ebenso vielen Wyken, den Weisen Frauen der Welt, zugebracht. Nach ihrer Lehrzeit kehrt sie ohne Stelle wieder in ihre Heimat zurück und verliebt sich dort beim Erntefest in den wandernden Erzähler Fayanu vom Volk der Elfen. Die ihm anvertraute Aufgabe besteht darin, die verschollenen Iliaden zu finden, das sind vier magische Artefakte, die einst in den Händen der Wyken waren. Ihre spezielle Wirkkraft verstärkt sich durch Verschenken. Doch ihre Kraft ist geschwunden weil die Weisen Frauen sich schwer taten, sie herzugeben. Ein Artefakt besitzen zur Zeit die Elfen, ein weiteres führt Fayanu mit sich, das er später Welgreta schenkt. Die Zwergin erkennt die Zaubermacht des Artefakts und setzt sich zum Ziel, die Welt wieder im Frieden zu einen. Doch das Schicksal hat für die beiden Liebenden einen ganz anderen Weg wie den gewünschten vorgesehen.

Jenny-Mai Nuyen hat für ihre Fantasy eine eigene Welt geschaffen. Ihr Erzählstil enthält viele Details, so dass ich mir die handelnden Personen wie auch die Gegend sehr gut vorstellen konnte. Die Anzahl ihrer Figuren erfordert ein gewisses Maß an Konzentration, um sie dem richtigen Volk zuzuordnen. Dabei hilft eine Aufzählung der wichtigsten handelnden Personen zu Beginn des Buchs. Schwungvoll flechtet die Autorin immer wieder Geschichten ein, die von ihren Völkern über Generationen weitergegeben wurden. Jedes Volk hat seine eigenen rituellen Handlungen, seine Sprache, seine Essgewohnheiten und vieles mehr.

Die Charaktere gehen ihren Zielen nach, die meist beeinflusst sind von Macht und Einfluss. Es wird integriert und Versprechen gegeben, die nicht eingehalten werden, teilweise auch ohne Verschulden der Person. Um zu Ansehen und Ruhm zu gelangen wird immer wieder auf grausame Art mit viel Blutvergießen Krieg geführt. Die Führung bleibt dabei in den Händen der Männer. Die Autorin schafft nicht nur starke Frauenfiguren, sondern setzt einzelne oder auch Frauengruppen in ihrer Verletzlichkeit als taktische Ware zwischen den Völkern und Stämmen ein. Welgreta wird sich deren Rolle bewusst und durch sie setzt Jenny-Mai Nuyen sich mit den Rechten der Frauen und auch denen des einfachen Volks in ihrer Fantasywelt auseinander. Sie gestaltet überhaupt im ganzen Roman die Handlungen der einzelnen Personen für den Leser nachvollziehbar.

„Die Töchter von Ilian“ von Jenny-Mai Nuyen ist eine detailreich erzählte, verschlungene Geschichte mit vielen Ausschmückungen, die durch etliche unvorhersehbare Wendungen ihre Spannung bis zum Schluss aufrechterhält. Aufgrund der teilweise brutalen Kriegskämpfe empfehle ich das Buch erst ab 16 Jahren. Wer kein Problem mit blutigen Machtkämpfen hat und Liebe in vielen Facetten, Magie, Hinterlist mag und die Sehnsucht nach Frieden teilt, dem empfehle ich gerne diese High-Fantasy mit düsterer Grundstimmung.

Veröffentlicht am 27.04.2019

Zwei Frauenschicksale der Kronkolonie Goldküste um 1890

Die Frauen von Salaga
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Der Roman „Die Frauen von Salaga“ ist der Debütroman der in Ghana geborenen Ayesha Harruna Attah, die heute im Sengal lebt. Ihre Schilderungen basieren auf den wahren Erlebnissen ihrer Ururgroßmutter, ...

Der Roman „Die Frauen von Salaga“ ist der Debütroman der in Ghana geborenen Ayesha Harruna Attah, die heute im Sengal lebt. Ihre Schilderungen basieren auf den wahren Erlebnissen ihrer Ururgroßmutter, die den Hintergrund für die Geschehnisse rund um Aminah, eine der Protagonistinnen, bilden. Das Cover des Buchs schwelgt in intensiven Farben die auch bei der Gestaltung afrikanischer Waxprints Anwendung finden. Der Titel führte mich direkt nach Afrika in eine Region, in der noch keine Erzählung der von mir gelesenen Bücher spielte. Ich freute mich daher nicht nur auf gute Unterhaltung sondern auch auf eine kulturelle Reise. Die Geschichte spielt um das Jahr 1890 in der britischen Kronkolonie Goldküste, dem heutigen Ghana.

Aminah ist 15 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Oasendorf. Am liebsten möchte sie Schumacher werden wie ihr Vater, der immer wieder zum Verkauf seiner Ware mit Karawanen auf Reisen geht. Doch während einer seiner Abwesenheiten wird das Dorf überfallen und verbrannt, Menschen und Vieh werden verschleppt. Nach einer Zeit als Sklavin auf einem Gehöft wird sie auf dem Markt von Salaga erneut zum Kauf angeboten. Hier begegnet sie der kaum älteren Wurche, der Tochter eines Stammesführers, die wie Aminah davon träumt, eines Tages in die Fußstapfen ihres Vaters treten zu können. Taktik ist ein wichtiges Instrument zur Stärkung der Führungsmacht. Daher wird für Wurche gegen ihren Willen eine Ehe arrangiert. Bei gelegentlichen Ausflügen nach Salaga verliebt sie sich in Moro, einen jungen Sklavenhändler, mit dem sie sich fortan heimlich im Hinterzimmer eines Landlords trifft. Hier begegnet sie bei einem ihrer Ausflüge Aminah und beschließt spontan, sie zu kaufen.

Ayesha Haruna Attah hat mir mit ihrer Geschichte eine mir unbekannte Kultur näher gebracht. Zunächst benötigte ich einige Zeit, ehe mir die fremden Bezeichnungen und Eigennamen geläufig wurden. Die Beschreibung von Kleidung, Mahlzeiten, Geräuschen, Gerüchen und auch verschiedene Ansichten der Stammesmitglieder brachten mir das Leben an der Goldküste kurz vor dem 20. Jahrhundert näher. Der Roman ist in einer für die Gegend wechselhaften Epoche angesiedelt, während der die Stämme, die führende Ethnie der Aschanti, die Briten, Deutsche und Franzosen um die Vormacht kämpften. Daraus ergibt sich ein buntes Sprachengemisch.

Obwohl die Autorin Handlungen schildert, die für uns verwerflich sind, versucht sie nicht zu werten und ihre eigenen Emotionen nicht einfließen zu lassen. Doch vor allem ihren beiden Protagonistinnen gesteht sie tiefgreifende Gefühle zu. So konnte ich an manchem inneren Konflikt von Aminah und Wurche teilhaben wie beispielsweise bei der Klärung der Frage, ob man einen Sklavenhändler trotz seiner anstößigen Tätigkeit lieben kann und darf. Sowohl Aminah wie auch Wurche haben keine Chance sich gegen ihr Los aufzulehnen. Es wird deutlich, dass vielfach das Leben des Einzelnen fremdgelenkt und -geleitet wird und in der Bevölkerung eine gewisse Schicksalsergebenheit vorherrscht. Gezeigt wird auch, dass der wachsende Einfluss der Europäer die Einheimischen zu neuen Lebensweisen zwingt.

„Die Frauen von Salaga“ beschreibt eine bewegten Zeit in der Kronkolonie der Goldküste. Gekonnt verknüpft Ayesha Harruna Attah das Leben zweier junger Frauen mit unterschiedlichem Rang. Beide besitzen Träume, die durch das vorherrschende Patriarchat bedroht werden. Einige unvorhersehbare Wendungen gestalten den Roman abwechslungsreich und lesenswert. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Veröffentlicht am 22.04.2019

Grundsolide konstruierter, geradliniger Krimi

Ein Espresso für den Commissario
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Im Kriminalroman „Ein Espresso für den Commissario“ löst Marco Pellegrini von der Polizia di Stato von Como in Italien seinen ersten Fall. Hinter dem Pseudonym des Autors Dino Minardi verbirgt sich ein ...

Im Kriminalroman „Ein Espresso für den Commissario“ löst Marco Pellegrini von der Polizia di Stato von Como in Italien seinen ersten Fall. Hinter dem Pseudonym des Autors Dino Minardi verbirgt sich ein Psychologe aus dem Rheinland, der vor über zehn Jahren die Lombardei für sich entdeckt hat. Seine Liebe für die Gegend, speziell den Comer See und der an seinen Ufern gelegenen Stadt Como, lässt er in den Roman einfließen. Die Landschaft bindet er in seine Handlungen vielfach ein, so dass ich sie mir als Leser sehr gut vorstellen konnte. Vor einigen Jahren war ich auch selbst einmal kurz dort. Das Cover zeigt einen typischen Blick über den See bis zu den Bergen im Hintergrund.

Pellegrini lebt in einem Apartment in Brunate, einer Gemeinde in der Nähe von Como, die auf über 700 m Höhe liegt. Von hier blickt man weit über den Comer See. Nach einem Streit mit seinem Vater hat er sich gegen die Mitarbeit und spätere Übernahme der Restauration der Familie entschieden, allerdings steht er gerne mal als Barista hinter der Theke der Bar. Eines Tages wird ein Student in seiner Comer Wohnung in seinem Bett tot aufgefunden. Bald wird bekannt, dass er sich gerade erst eine schicke neue Vespa gekauft hat. Durch die Untervermietung eines Zimmers hat er Kontakt zu vielen Menschen. Einen kleinen Nebenverdienst hat er durch einen Aushilfsjob. Bei den Ermittlungen steht für Pellegrini die Frage im Vordergrund, ob die Einnahmen des Studenten dafür ausreichen, sich ein solch teures Gefährt kaufen zu können.

Dino Minardi legt von Beginn an mehrere Fährten, die möglicherweise zur Auflösung des Falls führen könnten. In Nebenhandlungen verbirgt der Autor weitere kleine Geheimnisse wie beispielsweise, dass Pellegrini einen sehr guten Freund vermisst. Bis auf das Rätsel, welches das Privatleben den Commissario betrifft und das er gerne ebenfalls von seiner Verwandtschaft erklärt bekäme, werden alle anderen zum Ende hin gelöst. Bis dahin tragen sie dazu bei, neben den Fallermittlungen, eine unterschwellige Spannung aufrecht zu erhalten.

Im Laufe der Geschichte lernte ich Pellegrini immer besser kennen. Er hadert immer noch über das Zerwürfnis mit seinem Vater, den Verlust seines Freunds und über seine Beziehung zu einer Frau. Er ist ein beliebter Chef. Die beiden ihm unterstellten Kollegen wetteifern um Anerkennung und den dadurch verbundenen beruflichen Aufstieg. Die Krimihandlung wird mit vielen italienischen Wörtern begleitet, was insgesamt eine treffende örtliche Atmosphäre schafft, für mich zu Beginn allerdings ein wenig gewöhnungsbedürftig war.

„Ein Espresso für den Commissario“ von Dino Minardi ist ein grundsolide konstruierter, geradliniger Krimi, der in diesem Genre viele Freunde finden wird. Nicht nur die unaufgeklärte private Heimlichkeit macht Lust auf eine Fortsetzung. Gerne empfehle ich das Buch weiter.