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Veröffentlicht am 25.05.2019

Einfühlsam geschilderter Amoklauf an einer Grundschule in den USA aus Sicht eines 6-Jährigen

Alles still auf einmal
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Es ist „Alles still auf einmal“ während der erst sechs Jahre alte Zach im Wandschrank seines Klassenraums sitzt. Rhiannon Navin erzählt in ihrem nach dieser beunruhigenden Wahrnehmung betitelten Buch von ...

Es ist „Alles still auf einmal“ während der erst sechs Jahre alte Zach im Wandschrank seines Klassenraums sitzt. Rhiannon Navin erzählt in ihrem nach dieser beunruhigenden Wahrnehmung betitelten Buch von einem Amoklauf in einer sechsstufigen Grundschule in den USA. Dabei bleibt sie an der Seite ihres Ich-Erzählers Zach. Der Beginn des Romans führte mich als Leserin mitten hinein in das Geschehen. Zachs Lehrerin hat geistesgegenwärtig reagiert, als der Amoklauf begann, und ihre Schüler aufgefordert, sich im Schrank zu verstecken. Ihre Schüler der ersten Klasse überleben, doch Andy, der vier Jahre ältere Bruder von Zach, ist eines der Todesopfer. Der Verlust treibt einen Riss in die Beziehung der Eltern, nicht nur durch den Tod des Sohns, sondern auch durch einen schon bestehenden Konflikt und das Ansinnen von Zachs Mutter auf Vergeltung.

Sehr detailliert schildert die Autorin die Situation mit allen Sinneswahrnehmungen des Jungen. Glaubte ich vorher noch, so wie Zach, die Schüsse zu hören, war die eintretende Stille erschreckend. Doch noch intensiver zu spüren ist die Empfindung der angespannten Atmosphäre der folgenden Zeit bis das Ausmaß des Verbrechens bekanntgegeben wird. Obwohl für seine Eltern der Verlust sofort erfahrbar ist, wird Zach das Fehlen des Familienmitglieds noch nicht bewusst. Lange hält er am Präsens in seiner Erzählung fest, wenn er sich an gemeinsame Erlebnisse mit seinem Bruder erinnert. Die zunehmenden Auseinandersetzungen der Eltern führen zu einer veränderten Stimmung in Zachs Zuhause, die seine Gefühlswelt noch weiter aufwühlt. Sein daraus resultierendes Verhalten kann er sich selbst nicht erklären, mein Mitgefühl wurde dadurch noch verstärkt.

Rhiannon Navin schildert in „Alles still auf einmal“ einfühlsam ein Ereignis, dass niemand selbst erleben möchte. Eindringlich, realistisch und nachvollziehbar schreibt sie aus der Sicht eines Jungen, der zunächst nur am Rande die Situation erlebt, es sich später aber zeigt, wie tief seine Familie dadurch betroffen ist. Trotz des kindlichen Alters des Ich-Erzählers ist die Geschichte nicht kindisch. Es ist emotional berührend und bewegend wie die junge und noch heile Welt des Sechsjährigen zerbricht. Der Roman macht betroffen und bleibt in Erinnerung, darum empfehle ich ihn gerne weiter.

Veröffentlicht am 20.05.2019

Schöne Liebesgeschichte mit Witz

Bleib doch, wo ich bin
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Der Roman „Bleib doch, wo ich bin“ ist das Debüt von Lisa Keil. Das Cover ließ mich von seiner Gestaltung her ahnen, dass die Geschichte auf dem Land spielt und meine Vermutung wurde bereits auf den ersten ...

Der Roman „Bleib doch, wo ich bin“ ist das Debüt von Lisa Keil. Das Cover ließ mich von seiner Gestaltung her ahnen, dass die Geschichte auf dem Land spielt und meine Vermutung wurde bereits auf den ersten Seiten beim Lesen bestätigt. Kaya lebt sehr gerne in ihrer Heimat, dem kleinen Ort Neuberg, ungefähr zwei Stunden von Köln entfernt. Die 26-jährige betreibt hier eine kleine Buchhandlung mit Antiquariat. In kurzer Zeit ist der Stall für sie zu erreichen, in dem ihr geliebtes Shetlandpony untergestellt ist. Hier fühlt sie sich wohl. In ihrer Nähe leben ihre beste Freundin, ein Jugendfreund, der ihr bei Bedarf zur Seite steht, und weitere liebe Menschen. Außerdem kümmert sie sich gerne um ihre 13-jährige Nichte Milena.

Einen ganz anderen Charakter hat Lasse. Er ist Lehrer und aufgewachsen in Köln. Nach der Trennung von seiner Freundin hat er um Versetzung gebeten und eine Vertretungsstelle in Neuberg erhalten. Auch nach vier Monaten lebt er noch weitgehend aus den Umzugskartons, weil er sich mit seiner neuen Umgebung bisher nicht anfreunden konnte. Als Kaya und Lasse sich auf dem jährlichen Scheunenfest privat näherkommen, ahnt Kaya nicht, dass sie vorher schonmal in einer heiklen Situation Kontakt mit Lasse hatte.

Lisa Keil schafft mit Kaya und Lasse zwei Figuren, die ganz unterschiedliche Vorstellungen von ihrem zukünftigen Leben haben. Lasse ist das Stadtleben gewohnt, die Anonymität die damit verbunden ist und die vielen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Demgegenüber genießt Kaya die Nähe zur Natur und die Aufmerksamkeit der Menschen untereinander, die auch gerne ihre Hilfe anbieten. Genauso wie sie ihre Figuren lebendig gestaltet, sind auch die Lebenseinstellungen der Protagonisten nachvollziehbar. Die Entwicklungen der handelnden Personen führen zu vielen amüsanten Situationen, die den Unterhaltungswert des Romans noch steigern. Es gelingt der Autorin neben der Ausgestaltung alltäglicher Begegnungen auch intime Szenerien gefühlvoll und sinnlich zu beschreiben. Erst ganz zum Schluss erfährt der Leser, ob Lasse sich getreu des Titels von Kaya davon überzeugen lässt dort zu bleiben, wo sie ist.

Der Roman „Bleib doch, wo ich bin“ ist eine schöne Liebesgeschichte mit Witz, der sich oft aus der Situationskomik heraus ergibt. Die Figuren und ihre Handlungen sind wirklichkeitsnah, beide Protagonisten erzählen in der Ich-Form, so dass ich mich als Leser gut einfühlen konnte. Der Roman sorgt für einige entspannende Stunden und bietet besten Zeitvertreib, zu der es im nächsten Jahr eine Fortsetzung geben wird auf die ich mich schon freue.

Veröffentlicht am 13.05.2019

Denkwürdiges Geburtstagsfest, das lange in Erinnerung bleibt

Das Geburtstagsfest
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Bereits als ich das erste Mal den Roman „Das Geburtstagsfest“ von Judith W. Taschler in der Hand hielt erschienen mir das Cover zum Titel widersprüchlich. Zwar passt nach meiner Vorstellung die festlich ...

Bereits als ich das erste Mal den Roman „Das Geburtstagsfest“ von Judith W. Taschler in der Hand hielt erschienen mir das Cover zum Titel widersprüchlich. Zwar passt nach meiner Vorstellung die festlich gekleidete Frau in den von mir angenommenen feierlichen Rahmen zum Ereignis, aber der Raum erschien mir mit seinen Buntglasscheiben, den verwitterten Holzrahmen und der abblätternden Wandfarbe rückständig und heruntergekommen. Beim Lesen erfuhr ich, dass hier bereits auf den Inhalt der Geschichte angespielt wird.

Die Erinnerungen des Protagonisten Kim Mey an seine Jahre als Heranwachsender führen ihn in eine Zeit zurück, in denen er nur das Nötigste zum Leben hatte, gepflegtes Eigentum war ihm unbekannt. Vielleicht und gerade deshalb ist er seit Jahren ein erfolgreicher Architekt, verheiratet und hat drei Kinder, auf die er stolz ist. Eigentlich möchte er seinen 50. Geburtstag im engeren Familienkreis feiern. Doch sein jüngster Sohn Jonas hat sich eine besondere Überraschung für ihn überlegt, denn als Gast lädt er eine alte Bekannte seines Vaters zum Fest ein.

Die von Jonas eingeladene Tevi Gardiner wohnt inzwischen in Amerika, ist aber als Jugendliche gemeinsam mit Kim aus Kambodscha nach Österreich geflohen. Einige Zeit hat sie so wie er in Wien studiert, aber seit 23 Jahren hat Kim sie nicht mehr gesehen. Die geringe Freude, die er beim Wiedersehen zeigt, verwundert seine Kinder. Schließlich kommt es sogar zum Streit zwischen Kim und Tevi. Im Laufe der Erzählung führte die Autorin mich schrittweise an die Geschehnisse in der Vergangenheit heran, verknüpft sie aber ebenfalls mit der Gegenwart und den daraus resultierenden Folgen, die tief betroffen machen.

Mit einer Suche nach Tevi durch Jonas und der Bitte um ihren Besuch zum Geburtstag seines Vaters beginnt ganz unaufgeregt der Roman. Was Judith W. Taschler dann aber im Laufe der Geschichte erzählt überrollte mich mit großer Wucht, so unbegreiflich sind die geschilderten Erlebnisse und doch sind sie realistisch und glaubhaft. Als Leser führte sie mit nach Kambodscha in die 1970er Jahre, dort lebt Kim als ältester Sohn eines Fischers in einem kleinen Ort am Meer. Tevi die jüngste Tochter eines Hoteliers in der nächsten Stadt. Es herrscht Bürgerkrieg im Land und die Veränderung der politischen Lage dringt irgendwann auch bis in die kleinsten Dörfer.

Mit großer Behutsamkeit beschreibt die Autorin den Alltag der beiden Familien und die Möglichkeiten, die sich für die beiden Kinder Kim und Tevi in ihrem Umfeld zur Entwicklung bieten. Doch gleichzeitig entfaltet sie immer mehr die Grausamkeiten des Kriegs bis hin zur Flucht nach Europa. Interessanterweise blicken Kim und Tevi aus der Gegenwart sehr unterschiedlich auf die gemeinsamen Jahre zurück. Die Protagonisten wirken letztlich innerlich verwundet und zerrissen, die Erinnerungen bruchstückhaft zusammengesetzt, der Wahrheitsgehalt des Beschriebenen steht in Frage. Ist es Tevi, die ihre Erlebnisse verdrängt oder Kim, der das Geschehene idealisiert? Judith W. Taschler lässt die Frage bewusst offen und unterstützt so noch die Unzulänglichkeit ihrer Figuren, die mir durchaus sympathisch waren. Dennoch riefen deren Handlungen eine Art Unwohlsein bei mir beim Lesen hervor, allerdings gekoppelt konnte ich ihr Verhalten aufgrund der Umstände akzeptieren, jedoch nicht für gut befinden.

„Das Geburtstagsfest“ von Judith W. Taschler überraschte mich mit seiner Geschichte, die sich in seiner ganzen Tragik langsam über die Seiten hinweg mit zunehmender Kraft zeigt. Es ist ein denkwürdiges Geburtstagsfest zu dem die Autorin mich hier in Romanform eingeladen hat, das noch lange in Erinnerung bleiben wird. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Veröffentlicht am 10.05.2019

Mitreißend, amüsant, bewegend und nachdenklich stimmend

Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat
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Obwohl das Cover vielleicht an eine „federleichte“ Geschichte denken lässt, ist der Roman „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“ von Demian Lienhard nicht schwerelos. Er ist zwar von Beginn ...

Obwohl das Cover vielleicht an eine „federleichte“ Geschichte denken lässt, ist der Roman „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“ von Demian Lienhard nicht schwerelos. Er ist zwar von Beginn an aufgrund der schnodderigen Erzählweise der Protagonistin amüsant, aber auch tiefgründig und berührend.

Alba ist Protagonistin und Ich-Erzählerin des Romans. Sie erzählt im Rückblick auf ihr wichtige Ereignisse in ihrem Leben. Zu Beginn der Geschichte ist sie noch Schülerin und Patientin im Krankenhaus. Sie schildert ihre erste Begegnung mit ihrem späteren Freund Jack, der eigentlich gar nicht so heißt. Schon durch die ersten Zeilen erfuhr ich aufgrund einer von erwähnten Schwindelei von ihrem Gewohnheit, die Wiedergabe von Erlebtem so zusammenzubauen, wie es ihr nach ihrer Vorstellung gefällt.

Es ist Anfang der 1980er Jahre und Alba lebt in einem kleinen Ort in der Nähe von Zürich, dessen größte Attraktion eine Hochbrücke ist, von der sich viele hinunterstürzen, um ihrem Leben ein Ende zu setzen, darunter auch mehrere Mitschüler. Überhaupt ist Albas noch junges Leben von vielen Verlusten geprägt, was sie auch immer wieder in ihrer Erzählung thematisiert. Auf diese Weise lässt sich auch ihre Trauer und Wut auf das Leben nachvollziehen und ihr Wunsch danach, es zumindest für Außenstehende so zu verändern, dass Mitleid ausbleibt und sie einer Auseinandersetzung aus dem Weg geht.

Bis in die 1990er Jahre hinein reicht der Erzählstrang. Alba erzählt von ihren Gefühlen, ihren Wahrnehmungen, dem Alltagsgeschehen und erstmaligen Erlebnissen bis hin zu einer Spirale der Abhängigkeit in dies sie sich verfängt. Durch Jack wird sie auf größere Probleme in der Gesellschaft aufmerksam, ein Grund für sie, sich selbst kurzfristig zu engagieren.

Alba greift viele Gesprächsfäden auf und spinnt sie auf eine unvergleichliche Art in die von ihr erdachte Richtung. Immer wieder korrigiert sie sich selbst. Für mich ergab sich aufgrund ihrer Schilderungen das Bild einer jungen Frau, die von ihrer Mutter gelernt hat, nach außen hin eine gesellschaftlich akzeptable Fassade aufrecht zu erhalten. Obwohl das genau ein häufiger Kritikpunkt ist über den sie mit ihrer Mutter streitet, hat sie die Haltung so verinnerlicht, dass sie selbst nicht merkt, dass sie selbst sich genauso verhält. Als Leser führte ihr Verhalten mich innerhalb der Geschichte zu zahlreichen unerwarteten Wendungen und überraschenden Offenlegungen, die dem Roman einen eigenen Ton gaben.

Demian Lienhard schreibt mit großem Einfühlungsvermögen in dem Roman „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“ über eine junge Frau, die mit viel Selbstironie den Schattenseiten des Lebens entgegentritt, ohne Netz und doppelten Boden. Die Geschiche ist durch den besonderen Erzählstil der Protagonistin mitreißend, bewegend und stimmt nachdenklich, gleichzeitig sorgt er aber auch für einen kurzweiligen Unterton. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Veröffentlicht am 06.05.2019

Gefühlvoll geschriebener, berührender Roman über zwei ganz verschiedene Frauen

Alte Sorten
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Alte Obstsorten sind robust und unempfindlicher im Vergleich zu neuen, so sagt man. Im Roman „Alte Sorten“ von Ewald Arenz spielen Birnen unterschiedlicher Sorten, die es schon viele Jahrzehnte gibt, ...



Alte Obstsorten sind robust und unempfindlicher im Vergleich zu neuen, so sagt man. Im Roman „Alte Sorten“ von Ewald Arenz spielen Birnen unterschiedlicher Sorten, die es schon viele Jahrzehnte gibt, eine Rolle. Die Protagonistinnen der Geschichte sind die 17-jährige Sally und die etwa 45-jährige Liss, die sich durch Zufall kennen lernen. Von Beginn an war ich gespannt, ob sich im Laufe der Erzählung herausstellen wird, dass die nachgesagte erwähnte Eigenschaft der alten Sorten sich auf die beiden Frauen übertragen lässt. Ohne Frage macht das schlichte Cover auf das Buch aufmerksam und ließ mich daran denken, dass die Geschichte im ländlichen Bereich angesiedelt sein wird.

Dementsprechend fand die erste Begegnung zwischen Sally und Liss im Weinberg statt, dort lernen sie sich kennen. Sally ist wütend auf ihr Leben. Sie hat von irgendwo Reißaus genommen und freut sich, dass ihr niemand gefolgt ist. Liss ist mit ihrem Traktor unterwegs. Bei einem Wendemanöver benötigt sie Hilfe und fragt kurzerhand Sally. An der Art wie Liss ihre Frage stellt und sich im Folgenden verhält, unterscheidet sie sich von denjenigen, die ständig in Sallys Leben eingreifen. Sie folgt Liss auf deren Hof und hilft ihr gegen Kost und Logis bei einigen Arbeiten. Sally versucht ihre Herkunft vor Liss zu verbergen und diese schweigt im Gegenzug über ihre bewegte Vergangenheit. Im Laufe mehrerer Tage lernen sich beide nicht nur besser kennen, sondern auch einander zu schätzen. Doch Worte wiegen schwer und falsch gesetzte zerstören die fragile Oberschicht des Vertrauens zueinander und führen zu ungewollten Einblicken.

Sally sucht nach einer Möglichkeit frei zu leben nach ihrem eigenen Willen. Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass sie auf verschiedene Weise in den letzten Jahren durch Regeln und Normen geprägt wurde, gegen die sie sich aufgelehnt. Dadurch ist auch ihre abwehrende Haltung entstanden, die sie mit sich trägt wie einen Schutzschild. Alles und jedes wird von ihr in Frage gestellt. Doch der ruhige Ton von Liss, die sie um ihre Hilfe bittet, die tatsächlich benötigt wird, und ihr dann einfach die zur Hilfestellung notwendigen Abläufe erklärt, setzen ihre Misstrauen vorläufig außer Kraft. Liss zeigt ihr eine Seite des Lebens mit der Sally bisher wenig in Berührung gekommen ist. Die Feldarbeit und der Weinanbau, die Hühnerzucht und der Obstgarten mit den alten Birnensorten berühren auf ganz besondere Weise die Sinne der jungen Frau. Während der Umstand des Essens in Sallys Vergangenheit für sie krankhaft unbedeutend wurde, genießt sie nun die Frische der Speisen und den Geschmack.

Es dauert eine Weile bis Sally Vertrauen zu Liss aufgebaut hat und umgekehrt. Die grundsätzliche Einstellung zum Leben von Liss ist zu bewundern und auch die Energie die sie aufbringt um den Hof ganz allein zu bewirtschaften. Doch aus den ersten Reaktionen in ihrem Umfeld lässt sich herauslesen, dass sie trotz ihres einfühlsamen Charakters nicht besonders beliebt im Ort ist. Dahinter habe ich ganz richtig ein Geheimnis vermutet, dass Liss mir als Leser und auch Sally gegenüber erst zum Ende hin offenlegt und auch ihre seelische Verwundbarkeit zeigt. Bis dahin erzeugte die Heimlichkeit eine gewisse hintergründige Spannung. Trotz der Konflikte im Umgang der beiden Protagonistinnen miteinander beschreibt der Autor in ruhigen Worten die täglichen, manchmal kräftezehrenden Verrichtungen und erzeugt auf diese Weise einen friedlichen Gegenpol.

„Alte Sorten“ von Ewald Arenz ist ein gefühlvoll geschriebener Roman, der zeigt wie zwei unterschiedliche Persönlichkeiten von ihrer Umwelt so geprägt wurden, dass sie diese zwar letztlich akzeptieren, aber dennoch auf ihre Weise für die Durchsetzung ihrer eigenen Vorstellungen kämpfen. Sehr gerne empfehle ich das Buch uneingeschränkt weiter.