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Veröffentlicht am 05.02.2025

Halbe Leben die tragischerweise kein ganzes mehr ergeben

Halbe Leben
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Zwei Frauen befinden sich auf einer Wanderung. An einer steilen Böschung stürzt eine von ihnen ab und verstirbt im Krankenwagen. So beginnt der Roman „Halbe Leben“ von Susanne Gregor. Der Anfang lässt ...

Zwei Frauen befinden sich auf einer Wanderung. An einer steilen Böschung stürzt eine von ihnen ab und verstirbt im Krankenwagen. So beginnt der Roman „Halbe Leben“ von Susanne Gregor. Der Anfang lässt eine hintergründige Spannung aufkommen. Als Leserin fragte ich mich, ob ein Motiv für ein Verbrechen vorliegt, ob es ein Unfall war oder die Tote den Schritt in den Abgrund bewusst gesetzt hat.

Eine der beiden Frauen auf der Wanderung ist die in Österreich im Kremstal lebende Klara. Sie ist von Beruf Architektin, verheiratet und hat eine elfjährige Tochter. Ihre Mutter Irene bewohnt nach einem Schlaganfall eine Einliegerwohnung im ersten Stock ihres Hauses. Weil Klara mit der Betreuung überfordert ist, beschließt sie sich an eine Agentur zu wenden, die ihr die Pflegerin Paulina und den Pfleger Radek vermittelt. Im ständigen Wechsel von vierzehn Tagen kümmern die beiden sich fortan um Irene.

Paulina war ebenfalls bei dem Wanderausflug dabei. Sie ist gelernte Krankenschwester, geschieden und lebt mit ihren zwei Söhnen in Slowenien. Mit ihrer Arbeit im Nachbarland kann sie mehr verdienen als auf einer Krankenstation in der Heimat. Ihre Schwiegermutter kümmert sich um die Jungen, während sie ihrem Beruf nachgeht. Im Laufe der Zeit merkt sie, dass ihre „halben Leben“ gemeinsam kein ganzes mehr ergeben.

Die Pflege von Irene durch Paulina erscheint zunächst als eine gute Lösung für beide Frauen. Die Slowenin ist bei Klaras Familie beliebter als Radek, weil sie in größerem Maße auf Irenes Wünsche eingeht. Nachdem Klara durch die Unterstützung deutlich entlastet wird, kann sie sich beruflich wieder mehr engagieren. Gelegentlich bitten sie und ihr Mann die Pflegerin um eine zusätzliche Gefälligkeit und entgelten sie dafür gut.

Paulina kommt der Bitte ihrer Arbeitgeberin um eine weitere Hilfeleistung scheinbar willig entgegen. Es kostet sie aber wertvolle Zeit, die sie nicht mit ihren Kindern verbringen kann. Um ihr Problem zu kommunizieren, fehlen ihr die Worte. Klara hingegen besitzt nicht genügend Einfühlungsvermögen, sich in die Gefühlswelt der Pflegekraft einzudenken. Sie erahnt nicht den Bedarf der Söhne Paulinas an Zuwendung durch ihre Mutter, obwohl sie doch selbst eine Tochter hat.

Weder Klaras Mann, der über genügend Freiräume verfügt, noch Paulinas geschiedener Mann bieten der Slowenin Unterstützung dabei, ihrer Tätigkeit als Pflegerin nachzukommen. Sowohl Klara wie auch Paulina können auf ihre je eigene Weise nicht die Anerkennung finden, die sie gerne hätten. Ungesagte Worte und der innere Zwiespalt beider Frauen führen zu einer zunehmend gereizten Stimmung in deren Umfeld. Bis in die Nebenfiguren hinein sind die handelnden Personen gut ausgearbeitet.

Im Roman „Halbe Leben“ thematisiert Susanne Gregor die Care-Arbeit. Sie nimmt sich speziell der Situation von ausländischen Pflegekräften an, die jeweils für einen gewissen Zeitraum beim Betreuungsbedürftigen wohnen. Ihre Geschichte überzeugt durch eine realitätsnahe Darstellung, stimmt nachdenklich und bleibt im Gedächtnis. Sehr gerne vergebe ich für diese bewegende Erzählung eine klare Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 05.02.2025

Spannende Detektivgeschichte bei der Freundschaft im Fokus steht

Baskerville Hall - Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente: Das Zeichen der Fünf
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Im Jugendbuch „Baskerville Halle – Das Zeichen der Fünf“ der US-Amerikanerin Ali Standish kehrt der schottische Protagonist Arthur Doyle nach den Weihnachtsferien zurück in das titelgebende Internat. Auf ...

Im Jugendbuch „Baskerville Halle – Das Zeichen der Fünf“ der US-Amerikanerin Ali Standish kehrt der schottische Protagonist Arthur Doyle nach den Weihnachtsferien zurück in das titelgebende Internat. Auf seiner Hinreise wird er beschattet, denn sein Lehrer und Vorbild Sherlock Holmes sorgt sich um seine Sicherheit. Anlass dazu gibt die Einmischung von Arthur in die Machenschaften des Grünen Ritters über die man im ersten Band der Reihe „Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente“ lesen konnte.

Durch ein belauschtes Gespräch erfährt Arthur, dass der legendäre „Club des Kleeblatts“ wieder aufleben soll, deren Mitglieder ihm nicht wohlgesinnt sind. Aufgrund bestimmter Anzeichen beginnt er, seinem Freund und Zimmergenossen Jimmy zu misstrauen. Die folgende Zeit wird daher schwierig für ihn, denn er überlegt einmal mehr, mit wem er seine scharfsinnigen Beobachtungen teilen kann, die er mit detektivischem Spürsinn anstellt. Im Laufe der Geschichte erkennt er, wie wichtig Freundschaften für ihn sind. Sein eigenes Verhalten hinterfragt er, woraufhin er sich vornimmt, seinen Gefährten mehr Verantwortung zuzutrauen.

Für die Erstklässler, zu denen Arthur gehört, steht der Ideenwettbewerb der Schule an. Innerhalb weniger Wochen soll jede und jeder ein einzigartiges Projekt fertigstellen, das die Chance bietet, frühzeitig in einen der fünf Schulzirkel aufgenommen zu werden. Doch bevor Arthur dazu kommt, einen eigenen Beitrag zu entwickeln, geschieht etwas Unvorstellbares: Sherlock Holmes fällt aufgrund einer Vergiftung ins Koma. Bei der Suche nach dem Täter erweisen er und seine Freunde sich als tatkräftige Ermittler. Jedoch bleibt Sherlock Holmes nicht das einzige Opfer.

Bereits nach wenigen Seiten fühlte ich mich wieder in der Geschichte angekommen. Der Einstieg fiel mir leicht, auch weil mir die Hauptfiguren und die Örtlichkeiten des Internats durch den ersten Teil bekannt waren. Ali Standish versteht es, von Anfang an Spannung aufzubauen. Dadurch, dass Arthur observiert wird, wurde mir als Leserin deutlich, dass die Bedrohung, der Arthur vor den Ferien ausgesetzt war, längst nicht überwunden ist.

Auf dem Protagonisten lastet ein gewisser Druck, denn durch ein herausragendes Projekt und der vorzeitigen Einladung in einen der Schulzirkel könnte er seine Familie stolz machen. Aber zunehmend fühlt er sich einsam, denn seine Freundinnen und Freunde sind mit ihren eigenen Konzepten beschäftigt. Währenddessen versucht er die Identität des Grünen Ritters aufzudecken und hat bald eine Vermutung. Um an wichtige Informationen zu gelangen, handelt er nicht immer nach den Regeln der Schule.

Ali Standish lässt ganz im Stil der klassischen Sherlock-Holmes- Romane von Arthur Doyle, die für ihre Geschichte gestaltete junge Figur des Autors mehrfach durch logisches Denken Schlussfolgerungen ziehen, die entscheidende Hinweise zur Aufklärung von Verbrechen beitragen. Wie im ersten Band der Reihe wird es teilweise magisch und mysteriös. Einige der Figuren beschäftigen sich fasziniert mit dem Thema Unsterblichkeit, von denen eine schließlich in einer faszinierend geschilderten Szene das Leben verliert. Am Ende des Buchs findet sich ein Abriss über die eher unbekannten Seiten des Schriftstellers Arthur Conan Doyle, ergänzt um Fotos aus seinem Leben.

„Das Zeichen der Fünf“ ist der zweite Band der „Baskerville Hall“-Reihe von Ali Standish, der mir noch besser gefallen hat als der erste Teil. Neben einer spannenden Detektivgeschichte steht die Freundschaft des Protagonisten und seiner Gefährten im Vordergrund. Als Leserin war ich beeindruckt von den vorgestellten technischen Errungenschaften, die bereits im Jahr 1869 möglich waren. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung und freue mich auf die Fortsetzung, die im Frühjahr 2026 erscheinen soll. Vom Verlag wird das Buch für ein Lesealter ab 10 Jahren empfohlen.

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Veröffentlicht am 23.01.2025

Authentische Geschichte mit schicksalhaften Höhen uns Tiefen

Die Familienangelegenheiten der Johanne Johansen
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Der Titel des Romans von Dora Heldt „Die Familienangelegenheiten der Johanne Johannsen“ ist genauso eigenwillig wie seine Titelfigur. Johanne ist 65 Jahre alt und gerade in den Ruhestand getreten. Bisher ...

Der Titel des Romans von Dora Heldt „Die Familienangelegenheiten der Johanne Johannsen“ ist genauso eigenwillig wie seine Titelfigur. Johanne ist 65 Jahre alt und gerade in den Ruhestand getreten. Bisher war sie in ihrem Job diszipliniert und pflichtbewusst. Ihre beruflichen Kenntnisse boten dem Chef und den Kollegen Sicherheit. Fragen beantwortet sie kurz und präzise und in hektischen Situationen bleibt sie ruhig. Mit 17 Jahren hat sie ihre Eltern verloren und lebt seither im Haus der Großeltern.

Ihre Cousine Luise ist zehn Jahre jünger. Sie hat einen Blick für alles Schöne und kümmert sich hauptsächlich darum, dass sie selbst gut aussieht und das Eigenheim der Familie stets repräsentativ ist. Der Großvater von Johanne und Luise hat eine Elbreederei gegründet, in der die Mitarbeit der beiden nicht gern gesehen wurden. Allerdings wurden beiden Beteiligungen am Unternehmen zugesprochen. Luises Mann ist derzeit Geschäftsführer. Doch als die Reederei kurz vor der Zahlungsunfähigkeit steht, müssen die beiden neue Wege gehen.

Dora Heldt kreiert in ihrer Geschichte mit Johanne und Luise zwei sehr unterschiedliche liebenswerte Charaktere. Anfangs schätzen sie es nicht, einander zu begegnen, aber sie behandeln einander mit Respekt. Durch die Gegebenheiten können sie es nicht umgehen, miteinander zu handeln. Dabei lernen sie sich besser kennen und ihre Marotten zu akzeptieren. Ich mag es, dass sie sich der Situation anpassen, ohne ihre Eigenarten abzulegen. Ihr Selbstbewusstsein wächst zunehmend mit den von ihnen übernommenen und erledigten Aufgaben. Das gleiche gilt für Luises Tochter Emma und Frida, der Enkeltochter von Johannes Mitbewohnerin, die beide studieren. In der Krise ist ihre Hilfe willkommen.

Die Geschichte ist authentisch, mit schicksalhaften Höhen und Tiefen. Die Themen sind vielfältig und reichen vom Seitensprung über Mitarbeiterzufriedenheit bis hin zu Familienzusammenhalt. Einige Konflikte spitzen sich zu, wodurch eine gewisse Spannung entsteht. Glückliche Umstände wechseln sich mit neuen Desastern ab. Nachdenklich stimmende Szenen stehen amüsanten Situationen gegenüber. Auch Liebe ist mit eingebunden sowie familiäre Geheimnisse. Auf diese Weise ist Dora Heldt ein abwechslungsreich gestalteter Roman gelungen, der für unterhaltsame Lesestunden sorgt. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 14.01.2025

Ein Spiel mit erzählerischen Perspektiven

Wackelkontakt
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Der Trauerredner Franz Escher wartet in seiner Wiener Wohnung auf den Elektriker, denn eine Steckdose in der Küche hat einen Wackelkontakt. In der Jetztzeit greift er zu seinem bereits begonnenen Buch, ...

Der Trauerredner Franz Escher wartet in seiner Wiener Wohnung auf den Elektriker, denn eine Steckdose in der Küche hat einen Wackelkontakt. In der Jetztzeit greift er zu seinem bereits begonnenen Buch, um das Warten mit Lesen zu überbrücken. Seit längerer Zeit nimmt er nur noch Geschichten zur Hand, in denen das organisierte Verbrechen agiert. Im aktuellen Roman sitzt der 22-jährige Protagonist Elio Russo im Jahr 2002 in Südkalabrien in einer Hochsicherheitszelle. Er wird bald ein neues Leben in einem Zeugenschutzprogramm beginnen. Es wird ihn über die Schweiz nach Duisburg und zu weiteren Städten führen. Von seinem Zellengenossen hat er ein Buch geschenkt bekommen, mit dem er sich die Zeit vertreibt. Es handelt von einer Person, die Escher heißt und auf den Elektriker wartet.

Wolf Haas hat mit „Wackelkontakt“ einen Roman geschrieben, der dem Titel alle Ehre macht. Die Geschichte bewegt sich auf zwei Erzählebenen ohne sichtbare Abgrenzungen hin und her. Sobald eine der Figuren zum Buch greift, wechselt das Szenario. Die Übergänge sind fließend, jedoch mit Cliffhangern. Mitunter erfolgen sie unerwartet und rasch. Die Benennung des Protagonisten Escher erfolgte mit Bezug auf den gleichnamigen niederländischen Künstler, der in seinen Bildern mit Perspektiven spielt. Bekannt wurde er beispielsweise für die Darstellung einer endlosen Treppe. Ähnlich kann sich der Lesende die Fiktion des Autors vorstellen.

Von Beginn an wird eine hintergründige Spannung in beiden Handlungssträngen aufgebaut. Einerseits durch ein Fehlverhalten, andererseits durch Familiengeheimnisse. Als Leserin hat mich die Erzählung fasziniert, sodass es mir schwerfiel, das Buch aus der Hand zu legen. Es untergliedert sich in die beiden Teile „Off“ und „On“. Der zweite Part beginnt, als eine Heimlichkeit aufgedeckt wird. Der Autor bedient sich einiger amüsanter Sprachspielereien. Escher ist einfühlsam, lebt aber recht zurückgezogen. Überlegungen beider Protagonisten zu ihrem früheren oder aktuellen Verhalten zu Familienangehörigen und ArbeitskollegInnen stimmen nachdenklich. Schuldgefühle wollen bewältigt werden. Es wirft sich die Frage auf, ob Fehlverhalten wieder gutzumachen ist.

In seinem Roman „Wackelkontakt“ spielt Wolf Haas mit erzählerischen Perspektiven und schafft dadurch ein einmaliges Werk. Er verwebt das Geschehen rund um zwei interessant gestalteten Protagonisten durch die Sollbruchstelle des Lesens. Einige unerwartete Wendungen sorgen für einen Lesesog, der zu einem Ende führt, das Fragen klärt und für einen überraschenden Abschluss sorgt. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 13.01.2025

Ein fröhliches, farbenfrohes Bilderbuch zum Mitmachen

Mein Schiebe-Mitmachbuch - Lieblingstiere
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„Mein Schiebe-Mitmachbuch“ Lieblingstiere hat dem Titel entsprechend Aufforderungscharakter. Der Verlag gibt vor, dass Kinder ab etwa 18 Monaten selbständig die Schiebeelemente im Buch bedienen können. ...

„Mein Schiebe-Mitmachbuch“ Lieblingstiere hat dem Titel entsprechend Aufforderungscharakter. Der Verlag gibt vor, dass Kinder ab etwa 18 Monaten selbständig die Schiebeelemente im Buch bedienen können. Nach eigener Einschätzung kann es aber auch jüngeren Kindern mit ein wenig Hilfe eines Erwachsenen gelingen. Auf zehn stabilen Pappseiten können Tiere auf dem Bauernhof, auf der Wiese, in den Bergen, am See und im Wald entdeckt werden. Pro Doppelseite gibt es einen passenden vierzeiligen Reim zum Vorlesen, den Bernd Penners getextet hat. Er hat einfache Worte gewählt, die Kleinkinder gut nachvollziehen können, aber eventuell auch ihren Wortschatz bereichern.
Die Seiten sind von Federica Iossa farbenfroh und liebevoll illustriert. Die Tiere verteilen sich über die gesamte Szene, mal sind es kleinere wie beispielsweise Schmetterlinge, Vögel und Bienen, mal größere wie Gämsen, Kühe oder ein Reh. Mit den Schiebern lassen sich auf jeder in jedem Bild jeweils zwei Tierarten gemeinsam verschieben. Bei den größeren Elementen hat die Pappe einen runden Ausschnitt, damit auch ein kleiner Finger es schafft, das Teil zu bewegen. Alles wirkt robust und langlebig. Insgesamt ein schön gestaltetes Papp-Bilderbuch, das ich empfehlen kann!

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