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Veröffentlicht am 26.04.2018

Offene und ehrliche Antworten auf die Frage, warum ein Brautkleid ungetragen verkauft wird

Verkaufe Brautkleid, ungetragen
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Im Buch „Verkaufe Brautkleid, ungetragen“ versammelt Hannah Winkler wahre Geschichten über den Traum vieler Frauen, sich in einem opulenten Brautkleid trauen zu lassen. Auf der Suche nach einem Kleid für ...

Im Buch „Verkaufe Brautkleid, ungetragen“ versammelt Hannah Winkler wahre Geschichten über den Traum vieler Frauen, sich in einem opulenten Brautkleid trauen zu lassen. Auf der Suche nach einem Kleid für ihren eigenen Hochzeitstag ist sie im Internet auf viele Verkaufsanzeigen gestoßen, in denen ein Brautkleid inseriert wird, das noch nicht für den vorgesehenen Anlass getragen wurde. Sie hat etwa 2.000 Verkäuferinnen kontaktiert, etwa hundert Frauen haben ihr daraufhin erzählt, warum sie ihr oftmals schon lange vor dem Termin der Hochzeit gekauftes Kleid nicht am Trautag angezogen haben. Doch damit verbunden sind nicht nur Enttäuschungen, sondern auch überraschende Gründe.

Neben den sehr bewegenden Erzählungen der Frauen schildert Hannah Winkler in ihrem Buch aber auch einen kurzen Abriss der Geschichte des Brautkleids und die Phasen der Planung bis hin zum Kauf. Außerdem beschäftigt sie sich ausführlich damit, warum so viele Frauen davon träumen am Tag ihrer Trauung ein berauschenden, wunderschönes Kleid anzuziehen, das sie nur einmal im Leben tragen werden.

Ihre Schilderung ist chronologisch aufgebaut entlang der Suche nach einem Kleid für ihren eigenen Hochzeitstag. In einigen Kapiteln verwebt sie mehrere ähnliche Geschichten miteinander. Sie nennt nicht nur die Gründe für den Verkauf ungetragenen Kleider, sondern setzt sich auch mit den Anlässen auseinander. Begleitet werden die Erzählungen der Frauen mit Skizzierungen von Frauke Thiemig des zu verkaufenden Kleids, so konnte ich mir neben der Beschreibung noch besser eine Vorstellung davon machen.

„Verkaufe Brautkleid, ungetragen“ ist mehr als eine Sammlung von Geschichten, deren Gemeinsamkeit ist, dass sie in ihrer Offenheit und Ehrlichkeit betroffen machen. Aber Hannah Winkler lässt auch Platz für die Hoffnung, dass die Verkäuferinnen der ungetragenen Brautkleider sich ihren Traum doch noch erfüllen können, wenn vielleicht auch auf andere Weise. Gerne gebe ich diesem bewegenden und berührenden Buch eine Empfehlung vor allem an weibliche Leser.

Veröffentlicht am 25.04.2018

Mit viel Gespür für zwischenmenschliche Töne geschrieben

Die Lichter unter uns
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Zwar strahlt das Cover des Romans „Die Lichter unter uns“ von Verena Carl durch den sonnengelben Grundton des Schutzumschlags eine gewisse sommerliche Leichtigkeit aus, doch die Autorin schlägt nachdenkliche ...

Zwar strahlt das Cover des Romans „Die Lichter unter uns“ von Verena Carl durch den sonnengelben Grundton des Schutzumschlags eine gewisse sommerliche Leichtigkeit aus, doch die Autorin schlägt nachdenkliche Klänge in ihrer Geschichte an. Vom Balkon schaut eine Frau auf dem Cover des Buchs auf die Weite des Meeres und hängt ihren Gedanken nach. „Die Lichter unter uns“ sind für sie die Lichter zwischen ihrer jetzigen Ferienwohnung und dem Strandhotel ihrer Hochzeitsreise. Sie sind leuchtende Punkte, die die Anwesenheit von Menschen repräsentieren und damit eine Vielzahl von Lebenswegen auf die man neidisch oder bedauernd blicken kann.

Anna ist 43 Jahre alt und verbringt Ende Oktober ihren 14-tägigen Urlaub mit ihrem Mann Jo und den beiden Kindern in Taormina auf Sizilien. Dort haben sie ihre Hochzeitsreise in einem Hotel am Strand verbracht, aber inzwischen kann die Familie sich nur noch eine Ferienwohnung am Steilhang des Ortes leisten. Die 10-jährige Tochter ist Farb-Synästhetikerin, in der Entwicklung vom Kind zur Frau, sensibel und fordert daher die besondere Aufmerksamkeit ihrer Eltern, die aber den sechsjährigen Bruder nicht zu kurz kommen lassen wollen. Am Ende der ersten Ferienwoche benötigt Anna eine kurze Auszeit und setzt sich abends allein in ein Café auf einen Drink. Dabei beobachtet sie eine Gruppe von drei Personen am Nebentisch. Das Bild des älteren der beiden Männer, den sie später als Alexander kennenlernt, etwa 50 Jahre alt, brennt sich in ihr Gedächtnis ein und bringt sie zum Grübeln über ihr Leben und die von ihr verpasste Chance, so vermeintlich glücklich zu leben wie er.

Die Autorin führt dem Leser Schein und Sein einer Person vor Augen. Sie wechselt in der Form der allwissenden Erzählerin die Perspektiven, so dass ich neben Anna auch mehr von und über Jo und der Gruppe im Café erfahren konnte. Während Anna sich ein mondänes Leben an der Seite des weltgewandt erscheinenden Alexanders ausmalt, erfuhr ich in den Kapiteln, die ihn in den Fokus setzen, mehr über sein tatsächliches Wirken zwischen Arbeit, Erwartungen an den erwachsenen Sohn, neuer Ehefrau und einer verdrängten Diagnose.

Anna hadert mit sich und ihrer Welt. Ihre Rolle als Ehefrau, Mutter und Hausfrau erfüllt sie nicht mehr, ihrem Job als freier Journalistin hat sie sich immer weniger gewidmet. Statt in Taormina Entspannung zu finden, wandern ihre Gedanken zu ihrer Hochzeitsreise und ihrer damaligen Vorfreude auf die Zukunft an der Seite Jos. Ihr Mann, die Kinder und der Haushalt stellen Anforderungen, die sie auf gewisse Weise binden und spontane Handlungen einschränken. In ihrer Ehe sind die kleinen Geheimnisse voreinander mit der Zeit gewachsen und täglich buhlen beide um die Gunst der Kinder während sie sich mit konträren Antworten zu Fragen der Erziehung auseinandersetzen. Die Entfernung zum Alltag, die Wärme auf der Haut und die Reize der Urlaubslandschaft lassen jeden träumen, auch Anna. Der attraktive, gut gekleidete Alexander, dessen erwachsener Sohn zur Gruppe im Café gehört, verführt sie dazu, sich an seiner Seite vorzustellen, an der sie keine Kinder mehr zu erziehen hat, es ihr nicht an Geld mangelt und sie selbst erfolgreich ist.

In einer teilweise poetisch anmutenden Sprache setzt Verena Carl sich mit tiefem Einfühlungsvermögen mit den verschiedenen Gefühlen ihrer Protagonisten auseinander. Sie ist eine gute Beobachterin, die ihre Sicht in Worte zu verpacken weiß. Gerne legt sie ihre Finger in Wunden, jedoch ohne zu moralisieren. Aktuelle Themen untermalen die reale Situation und lassen die Erzählung noch authentischer wirken. Die Bilder in den Medien suggerieren uns eine Scheinwelt, aus der wir nicht erkennen können, was gut und richtig für unser eigenes Leben ist. Die Autorin ließ mich darüber nachdenken, welche Kriterien gelten sollen, um Glück und innere Befriedigung zu messen.

Mit viel Gespür für die zwischenmenschlichen Töne hat Verena Carl einen Roman geschrieben über die Anforderungen des Alltags, denen man gerecht werden muss, unerfüllten Lebensträumen und der Suche nach neuen passenderen Zielen, die die Hoffnung aufrechterhalten, das am Ende doch noch Wünsche in Erfüllung gehen. Gerne gebe ich hierzu eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 23.04.2018

Eine junge Irakerin in Deutschland zwischen Erwartungen an sie und den eigenen Wünschen

Beschreibung einer Krabbenwanderung
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„Beschreibung einer Krabbenwanderung“ ist der Debütroman von Karosh Taha. Die Autorin wurde im Nordirak geboren und hat dort etwa zehn Jahre lang gelebt bevor sie und ihre Familie in den Westen Deutschlands ...

„Beschreibung einer Krabbenwanderung“ ist der Debütroman von Karosh Taha. Die Autorin wurde im Nordirak geboren und hat dort etwa zehn Jahre lang gelebt bevor sie und ihre Familie in den Westen Deutschlands zogen. Für ihre fiktive Hauptfigur Sanaa hat sie einen ähnlichen Hintergrund geschaffen. Eine der nachhaltigsten Erinnerungen ihrer Protagonistin an ihre Kinderjahre im Irak ist der Biss einer Krabbe in ihre Wade und der anschließende Trost ihres Vaters, der ihr dazu eine Fabel erzählt. Der Titel des Buchs ist eine Anspielung darauf. Auf dem Körper der stilisierten Krabbe ist ein Hochhaus, ein Plattenbau zu erkennen. In einem solchen Gebäude lebt Sanaa mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester Helin in einer Großstadt Nordrhein-Westfalens.

Sanaa ist 22 Jahre und Studentin. Doch statt sich ganz dem Studium zu widmen, fühlt sie sich ihrer Familie verpflichtet. Ihre Mutter ist depressiv, hängt ihren Gedanken an die irakische Heimat nach und ist dadurch nicht mehr in der Lage ihren Haushalt zu führen. Sie akzeptiert es, dass ihre Schwägerin, die im gleichen Haus wohnt, gemeinsam mit einer weiteren Nachbarin täglich stundenlang in ihrer Wohnung hockt und raucht, angeblich um nach dem Rechten zu sehen. Sanaas Vater geht wechselnden Jobs nach und verbringt seine Freizeit außerhalb der Familie. Sich auf eine feste Beziehung einzulassen fällt der Studentin schwer, stattdessen hat sie neben ihrem Freund einen weiteren Liebhaber. Zwischen der Erinnerung an ihre Kindheit, den gegenwärtigen Problemen mit ihren Eltern und dem teils mythisch untermalten Erwartungen der ganzen Familie basierend auf kurdischen Verhaltensnormen, versucht Sanaa zu sich zu finden und an einer eigenen Zukunft zu bauen.

Als Leser benötigte ich einige Seite um mich im Leben von Sanaa einzufinden, jedoch breitete es sich dann mehr und mehr vor mir aus. Wirkte Sanaa zunächst eher wie jemand, der süchtig nach körperlicher Liebe ist, so begriff ich im Laufe der Zeit, dass die junge Kurdin sich nach einem Halt im Leben sehnt, jedoch ohne sich selbst an jemanden zu binden. Denn in dieser Pflicht sieht sie sich bereits gegenüber ihrer Mutter Asija. Niemand hat sie dazu aufgefordert, doch sie ist diejenige, die die Sehnsucht Asijas nach der Heimat im Irak versteht, weil sie Erinnerungen teilen. Während sie täglich die Gegenwart mit all ihren Problemen meistert, gräbt sie in der Vergangenheit ihrer Eltern um den Wunsch nachzuvollziehen, warum sie nach Europa ausgewandert sind. Sie finet keinen eindeutigen Grund, denn ihr werden dazu mehrere Versionen erzählt. Ihr Studium bietet ihr die Gelegenheit aus der vertrauten Umgebung auszubrechen und einige Stunden für sich zu verbringen, einfach eine junge Frau unter Freunden zu sein, ganz bewusst ohne weitere Verpflichtungen.

Karosh Taha beschreibt in „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ das Leben einer jungen Frau zwischen Tradition und Moderne in einer Sprache, die teils träumen lässt, teils bewegend ist und in einigen Szenen auch amüsiert. Es entwickelte sich mit der Zeit ein Sog, der mich dazu brachte, immer mehr von den Sitten und Gebräuchen der mir fremden Kultur erfahren zu wollen. Der Roman gab mir die Hoffnung mit auf den Weg, dass auch Sanaa ihren Platz in der Familie und Gesellschaft finden wird. Gerne vergebe ich dem Buch eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 17.04.2018

Mit den Widerlingen kommt eine Spannung bringende neue Komponente in die Geschichte

Scythe – Der Zorn der Gerechten
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„Scythe – Der Zorn der Gerechten“ ist der zweite Band einer dystopischen Trilogie von Neal Shusterman. Im Mittelpunkt stehen wie auch im ersten Teil die Scythe (engl. für Sense) deren Aufgabe darin besteht, ...

„Scythe – Der Zorn der Gerechten“ ist der zweite Band einer dystopischen Trilogie von Neal Shusterman. Im Mittelpunkt stehen wie auch im ersten Teil die Scythe (engl. für Sense) deren Aufgabe darin besteht, den inzwischen nicht mehr existenten natürlichen Tod zu ersetzen, indem sie die von ihnen ausgewählten Personen mit einer von ihnen ausgesuchten Tötungsmethode „nachzulesen“. Sie haben dabei eine festgesetzte Quote zu erfüllen. Im ersten Band habe ich darüber gelesen, wie die inzwischen 18-jährige Citra zur Scythe ausgebildet wurde und sich fortan Scythe Anastasia nennen durfte. So gekleidet wie die junge Frau auf dem Cover könnte sie in der Öffentlichkeit ihrer Aufgabe nachgehen. Bereits die dunkle Gestaltung des Buchs weist auf einen entsprechend gestalteten Inhalt hin. Zwar geht der Autor nochmals auf einige grundlegende Ereignisse aus dem ersten Teil ein, jedoch ist dessen Kenntnis für den zweiten Band von Vorteil.

Auf Citra wird wenige Monate nachdem sie ihr Amt angetreten hat ein Anschlag verübt. Rowan, der gemeinsam mit ihr ausgebildete Scythe, hat keine Berechtigung zur Ausübung des Nachlesens erhalten. Schnell kommt der Verdacht auf, dass er aus Rache verantwortlich für das Attentat ist. Er hält sich versteckt und recherchiert über Scythe, die bei ihrer Aufgabe besonders brutal oder unfair vorgehen. Einige davon hat er bereits getötet. Die Künstliche Intelligenz „Thunderhead“, die sich aus der heutigen Cloud entwickelte und seit über zweihundert Jahren im Dienst ist, hält alle je im System abgelegten Daten bereit und entwickelt sich aus deren Auswertung ständig weiter. Scythe und Thunderhead akzeptieren die Gesetze der je anderen Existenz, ein gemeinsames Wirken oder sogar eingreifen ist aber ausdrücklich nicht erwünscht. Zur physischen Umsetzung von Taten, die der Thunderhead für nötig hält, bedient er sich ausgewählter Menschen. Greyson scheint einer davon zu sein, bis er als sogenannter „Widerling“ gekennzeichnet wird mit denen der Thunderhead sich jeden Kontakt verbietet.

Auch im zweiten Band geht es um die Vor- und Nachteil in einer Welt zu leben die den natürlichen Tod nicht mehr kennt, was zwangsweise zur Überbevölkerung der Erde führt. Standen im ersten Teil der Serie noch die Scythe im Fokus, einhergehend mit den Fragen, ob andere Menschen zum Töten ausgewählt werden dürfen und den Maßstäben nach denen getötet werden soll, so stellt Neal Shusterman diesmal die Künstliche Intelligenz in den Mittelpunkt. Vor jedem Kapitel fügt der Autor ein Protokoll des Thunderheads ein, mit dessen Überlegungen zur Menschheit, den Sycthe und sich selbst und seiner Unfehlbarkeit. Das brachte mich zum Nachdenken über folgende Probleme: Dürfen wir einem System aufgrund der Basis von Daten weitreichende Entscheidungen zum Erhalt des bewohnbaren Planeten Erde anvertrauen? Inwieweit ist dazu das Erheben persönlicher Daten ohne der Einwilligung der jeweiligen Person nötig und erlaubt? Wenn es Orte in der Welt gibt, die von der Datenerhebung ausgenommen sind, wie reliabel sind dann die Auswertungen?

Nachdem der Autor bereits im ersten Band die Scythe und den Thunderhead und deren Arbeitsweise vorgestellt hat, bringt er mit den Widerlingen eine neue interessante Komponente in die Geschichte ein, die die Spannung nochmals erhöht. Neben Rowan und Citra wird Greyson schnell zu einer weiteren Hauptfigur mit eigenem Handlungsstrang. Neal Shusterman führt die Erzählung schließlich zu einem furiosen, ungeahnten Finale zusammen, das in einem Cliffhanger endet und auf den abschließenden dritten Teil der Dystopie ungeduldig warten lässt.

Veröffentlicht am 14.04.2018

Ergreifend, aufwühlend und in Erinnerung bleibend

Von dieser Welt
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„Von dieser Welt“ ist der erste Roman des vor etwa 30 Jahren verstorbenen US-Amerikaners James Baldwin. Die Erzählung wurde 1953 zum ersten Mal veröffentlicht und ist inzwischen ein Klassiker der Weltliteratur. ...

„Von dieser Welt“ ist der erste Roman des vor etwa 30 Jahren verstorbenen US-Amerikaners James Baldwin. Die Erzählung wurde 1953 zum ersten Mal veröffentlicht und ist inzwischen ein Klassiker der Weltliteratur. Jetzt wurde sie neu ins Deutsche übersetzt von Miriam Mandelkow mit einem Vorwort von Verena Lueken.

Die Geschichte trägt deutliche autobiographische Züge. James Baldwin verarbeitet darin, ungefähr fünfzehn Jahre später, die Ereignisse an dem Tag und der folgenden Nacht als er 14 Jahre alt wurde. Seinen Protagonisten nennt er John Grimes, der so wie er in Harlem/New York der 1930er heranwächst. Dessen Vater Gabriel verdient als Arbeiter gerade so viel um die Familie zu ernähren, doch er ist ein streng gläubiger Laienprediger der Baptistengemeinde. Sein Verhältnis zu den Weißen ist wie bei den meisten Schwarzen in Harlem von Hass genährt. Elizabeth, die Mutter von John, ist verantwortlich für Haushalt und Familie. Am Tag seines Geburtstags wird Johns jüngerer Bruder Roy auf der West Side bei einem Streit mit weißen Jugendlichen von einem Messer schwer verletzt.

Zunächst fragt sich John warum Roy in der Gunst des Vaters höher steht als er selbst und wieso Gabriel seine Frau wegen der angeblichen Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflicht so drohend zur Rechenschaft zieht. Der folgende Teil des Romans lässt den Leser auf die Vergangenheit von Gabriels älterer Schwester Florence, von Gabriel und von Elisabeth zurück blicken, deckt Geheimnisse in der Familie auf und klärt dadurch viele Zusammenhänge.

Dieser eine Tag hat das Leben von John grundlegend geändert. Er ist wohlbehütet aufgewachsen und zum Glauben und zur Gottesfurcht angehalten worden. Sein Vater ist ein glühender Anhänger seiner Religion. Bei jedem Verhalten gegen die von den Eltern gesetzten Regeln und Grenzen bleibt es meist nicht beim Tadel, sondern Gabriel prügelt seine Kinder. Der pubertierende John setzt sich unweigerlich mit Recht und Unrecht auseinander. John sieht seinen Vater als Prediger im Auftrag der Kirche und deren Grundwerte vertretend. Seine Auflehnung gegen ihn bringt gleichzeitig eine in Fragestellung seines Glaubens mit sich. Währenddessen erlebt er täglich, dass sich die meisten Weißen überlegen geben in vielen Dingen. Die Schwarzen suchen Trost in ihrer Religion, die sie in der Gemeinschaft stark macht. Ohne die gebrochenen Lebenswegen seiner Eltern und seiner Tante zu kennen hat die bedeutende Nacht seines Geburtstags, die er in der Kirche im Kreis der Gemeinde verbringt, nachhaltigen Einfluss auf seine Gedankenwelt und seine Zukunft.

Unter der Voraussetzung, dass das Leben von James Baldwin dem von John sehr ähnlich ist, lässt sich feststellen, dass der Autor nicht zögert, die ihn bewegenden Gedanken durch seinen Protagonisten auszusprechen. Aus der Distanz vieler Jahre blickt er zurück auf seine Jugend und sucht sein Verhalten in dieser Zeit und sein Verhältnis zu seinen Eltern, vor allem zu seinem Vater, vor dem Hintergrund der Rassismus und der Glaubenstreue zu erklären. Es ist eine Auseinandersetzung mit an den ihn gestellten Erwartungen, die mit der Einnahme gewisser Rollen verbunden ist. Baldwins Roman bleibt jedoch nicht nur auf den Protagonisten bezogen, sondern erzählt gleichzeitig so viel mehr mit der exemplarischen Geschichte einer schwarzen Familie in den USA beginnend mit der Abschaffung der Sklaverei.

„Von dieser Welt“ ist mit so viel Ausdruck geschrieben, dass man die eigenen Gefühle des Autors zwischen den Zeilen zu spüren glaubt, seine Ohnmacht sich gegen die gegebene Ordnung zu stellen und seine Hoffnung, einen anderen Weg im Leben zu finden wie sein von ihm gehasster Vater und dabei authentisch zu bleiben. Der Roman ist intensiv, ergreifend, aufwühlend und bleibt in Erinnerung.